| Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: |  | Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. der immerwährende kuss von Lady Deliah, 50809 Köln (Deutschland) ein kuss aus vergangenen tagen fast schon vergessen sein geschmack durchfährt mich noch immer wenn ich gedankenverloren daliege mich an dich erinnere dann spüre ich wieder deinen heissen körper auf meinem deinen atem auf meiner haut erinnere mich an alles was wir je zusammen hatten gedanken gefühle momente ungezügelte leidenschaft gepaarte seelen berührten einander wie der zarte flügelschlag eines schmetterlings kaum spürbar und doch überwältigend wir waren seelenverwandt und sind es noch immer durch diesen einen kuss Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Und wonach schmeckt sie? von Reyah Aseret, A - 3424 Wolfpassing (Österreich) Erdbeeren. In den Filmen sagen sie immer "Du schmeckst nach Erdbeeren". Was sie damit wohl meinen? Mir ist noch keine begegnet die so schmeckte. Nicht, dass ich schon genug geküsst hätte um eine wissenschaftliche Studie anzufertigen. Also vielleicht gibt es sie ja irgendwo da draußen, die Erdbeerfrau. Aber ein paar hab' ich geküsst und von denen schmeckte keine so. Wonach die schmeckten? Hm, nach Essen, kaltem Rauch oder Zahnpasta. Ich bin unromantisch? Na gut, sie schmeckten nach Zärtlichkeit, zu Beginn nach Unsicherheit, später nach Lust, nach Gier. Ob sie nach Liebe schmeckten? Gegenfrage: Was ist Liebe eigentlich? Und wonach schmeckt sie? Vielleicht ist es ja die Liebe, die den Erdbeergeschmack erzeugt? Vielleicht hat mich ganz einfach noch keine, die mich geküsst hat, geliebt? Nein, das ist zu pessimistisch. Ein oder zwei werden mich schon geliebt haben. Am Kuss erkennt man, ob sie einen wirklich liebt. Noch so eine Weisheit die Liedtexter und Drehbuchautoren unermüdlich wiederholen. Ob ich das etwa nicht glaube? Sicher nicht. Küsse lügen. Küsse lügen? Ja, Menschen lügen, Menschen küssen, Küsse lügen. Zu einfach? Schon möglich. Aber ist die Liebe nicht kompliziert genug? Eines weiß ich sicher. Über die Liebe. Sie schmeckt nicht nach Erdbeeren. Viel zu süß. Eher Rotwein. Herb, gewöhnungsbedürftig, berauschend, süchtigmachend. Der Geschmack durchfährt einen, wenn man nichts zu tun hat als dazuliegen und sich zu erinnern. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Erinnerung an die Stille von Thomas Ritter, 06618 Naumburg/Saale (Deutschland) Und die Regentropfen das Dachfenster mit einem Teppich nächtlicher Atmosphäre hoch über dem Moloch überzogen. In jene Gedanken versunken, die er immer hatte, wenn Regen kam und er sich unter die warme Decke verzog, in Gedanken hängend, den Duft ihrer Haut erfühlend, jene Stille auskostend, die nach ihrer Explosion eintrat, diese laute Stille, ausgefüllt von ihrem Herzschlag und seinen Gedanken...bis zu jenem Tag, an dem sie wieder in der Tür stand und er in anderen Armen liegen würde.Begehrt zu werden, ja, das ist schön, dachte er bevor die Nacht in das Zimmer kroch und den vergangenen Tag zudeckte... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Begegnung im Zug von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath (Deutschland) Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Schade, dachte Ralf, dass er von dieser Frau nur diesen einen Kuss bekommen hatte.
Wenn er die Augen schloss, dann sah er sich im Zug nach Mannheim nach einem Sitzplatz suchen. Im letzten Abteil war neben einer jungen Afrikanerin noch ein Platz frei. Als er sich setzte, schaute sie kurz auf und las dann weiter in einem Buch. Ralf bemerkte, dass sie irgendwie nervös wirkte und dauernd an ihrem schwarzen Haar zupfte. Ihr gegenüber saß ein Mann mittleren Alters, der sie ununterbrochen mit einem hämischen Grinsen anstarrte. Schließlich begann er nach einer Weile über die Neger zu schimpfen. Sie würden auf unsere Kosten hier leben und nicht arbeiten wollen. Die junge Frau drehte sich zu Ralf um und in ihren dunklen Augen sah er Angst und Hilflosigkeit. Und da wusste er plötzlich, was er zu tun hatte. "Halten Sie doch Ihren Mund!" schrie Ralf den Mann an. "Sie sollten mal überlegen, was für einen Unsinn Sie da reden." Der Mann bekam einen hochroten Kopf. Ralf befürchtete, dass er jetzt erst richtig loslegen würde. Doch als seine neben ihm sitzende Frau ihn unsanft in die Seite stieß, schwieg er. Kurz darauf packte er seine zwei Reisetaschen und beide verließen das Abteil.
Ralf sah, dass die Afrikanerin erleichtert aufatmete. Nach einer Weile drückte sie seine Hand und sagte im gebrochenen Deutsch : "Danke ... für Hilfe." "Das war doch selbstverständlich", meinte Ralf und er war ein wenig stolz, dass er den Mut gehabt hatte, den Mann zurechtzuweisen. Sie unterhielten sich dann angeregt über das, was der Mann so alles gesagt hatte. Ralf war von der Art, wie sie mit ihrer warmen Stimme erzählte, richtig angetan. Da sie nicht sagte, wann sie aussteigen würde, hoffte er, dass er ihr noch lange zuhören konnte. Doch als kurze Zeit später der Bahnhof Mainz angesagt wurde, stand sie auf. Etwas enttäuscht holte Ralf ihr den kleinen Koffer aus dem Gepäcknetz. Als sie sich gegenüber standen, flüsterte sie ihm ein "good bye" ins Ohr. Er wollte etwas sagen, aber da spürte er auch schon einen scheuen Kuss auf seinen Lippen. Mit einem Lächeln huschte sie aus dem Abteil.
Vergeblich versuchte er, sie auf dem Bahnsteig unter den vielen Menschen noch zu entdecken. Als er sich dann in einen Sitz fallen ließ, merkte er den feinen, für ihn fremden, aber doch angenehmen Geschmack, den der Kuss hinterlassen hatte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Regengedanken von Tino Steinbrück, 99867 Gotha (Deutschland) Das Tageslicht brannte in seinen Augen und die Trauer, die dieser Geschmack hinter seine Augen spülte, vermochte seinen Schmerz nicht zu lindern. Wie zart ihre Lippen, die seinen berührten. "Ob sie es ahnte?" fragte er Hilda, die das Spiel der golden schimmernden Regentropfen an der Fensterscheibe verfolgte. "Ich weiß es nicht, vielleicht." sagte er leise. "Die Beerdigung beginnt Morgen um elf. Kannst du mich abholen, ich möchte nicht allein fahren?" "Ja, natürlich." säuselte Hilde und nahm ihre Jacke. "Ich muss jetzt gehen, ich bin halb elf da." Als die Tür ins Schloss fiel, atmete er schwer und öffnete ein Fenster, der Regen schlug ihm ins Gesicht und seine Tränen schimmerten golden auf seinen Wangen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |