Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Bevor man stirbt, hat man bereits abgeschlossen
von Jean-Paul de Maire, 50765 Köln (Deutschland)

Immer hatte sie diesen Nachhall im Kopf, alles was sie erlebt hatte, verrammelte sie augenblicklich, wahrscheinlich war sie deshalb auch Türsteherin geworden, ausgestattet mit diesem Doppelschlag der Zunge, irgendwann hatte sie dichtgemacht, absolut zugemacht, dann war sie ausgestiegen, und hatte alle Türen hinter sich zugeschlagen..unendlich langsam, so kam es ihr jedenfalls vor, fuhr sie jetzt auf die spärlich erleuchtet Straßensperre, die die Gegenrichtung zur Peripherie absichern sollte, zu, um definitiv abzuschließen.

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Draußen, Merya
von Lutz Leukhardt, 04229 Leipzig (Deutschland)

Draußen war es dunkel.
Merya rannte und rannte und hörte nichts hinter sich außer das panische Echo ihrer eigenen Schritte. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
Draußen war es dunkel.
Ihr Atem ging schnell. Ihre Hände zitterten. Sie legte sie auf das Lenkrad, um sie ruhig zu halten. Um das eigene Zittern nicht mehr zu merken.
Draußen war es dunkel.
Die Scheiben begannen von innen zu beschlagen. Merya tastete im Seitenfach der Fahrertür nach dem gelben Kunstlederschwamm und wischte das kondensierte Wasser weg. Dahinter erschien in zehn Metern Entfernung wieder die Straßenlaterne.
Draußen war es dunkel.
Merya tastete nach dem Schlüssel, den sie auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Sie fand ihn nicht. Nicht auf dem Sitz, nicht im Fußraum davor, nicht in der Spalte zwischen Sitz und Handbremse. Nicht unter dem Sitz, nicht im Seitenfach der Beifahrertür.
Draußen war es dunkel.
Sie riss das Handschuhfach auf und suchte die kleine Taschenlampe, die sie vor Jahren einmal hineingelegt hatte. Zwischen Lippenstift, Kassetten, leeren Red-Bull-Dosen und leerem Deoroller fand sie. Nichts.
Draußen.
War es dunkel, als sie das Büro verließ? Wie konnte dieser lächerliche Gang zur Post und zum Obst-Vietnamesen so lange gedauert haben, dass plötzlich die Dunkelheit eingebrochen war, dass plötzlich der Fidschi nach ihr seinen Laden schloss, dass plötzlich Herbert wieder neben ihr stand. Wir müssen reden, sagte er.
War.
Jemand machte sich an der Beifahrertür zu schaffen. Sie öffnete sich und Bruchteile später saß Herbert neben ihr. Das Deckenlicht im Wagen hatte sich angeschaltet. Im gelben Schein hielt er ausdruckslos den Ersatzschlüssel in die Höhe. „Den hatte ich noch“, sagte er.
Es.
Merya schaute vorne. Zur Straßenlaterne. Das Licht zog sich in Schlieren an der Windschutzscheibe entlang. Wir müssen reden, sagte er noch.
Dunkel.

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Tanken mit Schrecken
von Karina Kohn, 45699 Herten (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Oh nein, in ihrer Eile hatte sie den Schlüssel im Auto vergessen. Wie sollte sie nun nach dem Tanken weiterfahren? Sie geriet in Panik, da sie unbedingt die Stadt verlassen musste, oder sogar das ganze Land. An alles hatte sie gedacht: Die Kinder lagen gefesselt im Keller und den Mann hatte sie schmerzlos beseitigt. Nur die Reserveschlüssel hatte sie in ihrer Aufregung vergessen. An der Tankstelle stand noch ein zweiter Wagen, dessen Besitzer gerade bezahlen war. Sie zögerte nicht lange und fuhr mit einem roten Golf davon. Immer wieder musste sie an ihren Mann und seinen Satanismus denken und an die verfressenen Kinder, die ihr nie etwas übrig ließen. Je weiter sie sich von ihrem Haus entfernte, umso wohler fühlte sie sich. Hinter ihr erschien ein blinkendes Blaulicht. Sie wurde aufgefordert rechts am Straßenrand zu halten. Dort musste sie dann Führerschein und Papiere vorzeigen. Sie konnte die Papiere nicht vorzeigen da sie keine hatte und wurde nervös. Sie dachte über eine Ausrede nach. Natürlich fiel ihr keine Ausrede ein. Kurz entschlossen drehte sie mit ihrer zitternden Hand den Zündschlüssel rum und fuhr mit Vollgas los. Die Polizei nahm die Verfolgung auf und war schon bald dicht hinter ihr. Die Polizei forderte eine extra Truppe an und umzingelte sie. Nun war sie gezwungen anzuhalten. Ein großer Polizist kam auf sie zu und riss die Autotür auf. Mit einer tiefen Stimme fragte er sie, was los sei und warum sie davon fuhr. Sie antwortete, dass sie es eilig habe, da sie ihren kleinen Sohn dringend bei einer Bekannten abholen müsse. Er sei von zu Hause davon gelaufen und sie mache sich Sorgen. Der Polizist schaute verständnisvoll und bat sie darum das Licht richtig einzuschalten, da sie nur mit Standlicht fuhr. Dies könnte Abends gefährlich sein.

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Harpagon
von Francis R. Gallagher, 14057 Berlin (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Die Hintertür wurde geöffnet. Sie erstarrte. ‚Warum habe ich nur an dieser verdammten Zentralverriegelung gespart?‘, dachte sie entsetzt. ‚Und wieso war die verdammte Hintertür noch offen?‘

Mit einem Stöhnen ließ er sich aufs Polster plumpsen. Jetzt war es zu spät sich über nicht gekaufte Zentralverriegelungen oder unverschlossene Hintertüten Gedanken zu machen. Er war hier drin. Sie saß da und starrte aus der Windschutzscheibe, den Blick in den Rückspiegel vermeidend. Die Welt da draußen hatte sich nicht verändert. Nur hier drinnen. Sie stöhnte lautlos und hielt sich am Lenkrad fest.

Niemand sprach. Niemand regte sich. Die Stille im Auto wurde dröhnend laut. Sie hätte sich gern die Ohren zugehalten, doch dann hätte sie das Lenkrad los lassen müssen.

"Ich wollte dich nicht erschrecken.", begann er nach endloser Zeit. Seine Stimme schmeichelte dem Ohr. ‚Eine Oboe‘, dachte sie entzückt. Sie liebte es Stimmen Musikinstrumenten zuzuordnen. Oboen waren warmherzige Instrumente.

"Das hast du aber.", antwortete sie trotzig. Sie ließ das Lenkrad los. Die Hände schmerzten leicht nach der festen Umklammerung.

"Ich wollte dich um etwas bitten.", sagte er sanft. Sie blickte überrascht in den Rückspiegel. Sie versank in zwei tiefen blauen Bergseen.

"Aber wir kennen uns doch gar nicht."

"Mein Name ist Sven." Er reichte ihr die Hand. Sie drehte sich verwundert um und ergriff sie zaghaft. ‚Was mache ich denn da?‘, dachte sie kopfschüttelnd.

"Nun kennen wir uns.", strahlte er sie an. "Wärst du so nett und nimmst mich mit? Ich komme sonst zu spät."

"Wieso? Wohin?", stotterte sie verdattert.
Er lächelte immer noch. "Du fährst doch sicher in die Innenstadt."

Sie nickte.

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. "Na da will ich doch auch hin. Es macht doch keine Umstände, wenn du mich mitnimmst. Ich bin auch ganz brav."

Sie seufzte laut. Er sah wirklich nicht gefährlich aus in seinem dunkelblauen Anzug. Und die Innenstadt war belebt. Was sollte schon passieren. Er hatte solche tolle blauen Augen. Und seine Stimme! "Na gut.", willigte sie ein. Sie sah sich nach ihrem Schlüssel um. Er lag auf dem Nebensitz. Sie nahm ihn und startete das Auto. "Machst du das öfter?", fragte sie ihn bevor sie losfuhr.

"Klar. Weißt du überhaupt, was ein Taxi kostet?"

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Co-Alkoholikerin
von Marie-Luise Wendland, 44805 Bochum (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu
Dieses Mal wollte sie auf jeden Fall verhindern, dass ihr Mann sich betrunken ans Steuer setzte.
Was hatte sie schon alles erlebt mit ihm! Im Augenblick stand er an der Theke, hielt große Reden und trank und trank. Sie hielt das einfach nicht mehr aus, fühlte sich aber trotzdem verantwortlich für ihn. Man hatte ihm schon zum zweiten Mal den Führerschein abgenommen. Er würde ihn erst wiederbekommen, wenn er nachweisen kann, dass er eine Entziehungskur erfolgreich abgeschlossen hat. Wenn er betrunken war, vergaß er, dass er im Moment keinen Führerschein hat und setzte sich sturzbetrunken ans Steuer. Tausend Eide schwor er nach dem Verlust des Führerscheins, dass er nie wieder trinken würde. Nach der zweiten erfolglosen Entziehungskur hatte sie aufgegeben, daran zu glauben. Sie wusste genau, dass er halbverrückt werden würde, wenn er nachher die Autoschlüssel nicht fand. Auch wusste sie, dass er ihre Handtasche umstülpen und wie irre den Inhalt durchwühlen würde. Er würde ihren ganzen Körper abtasten und immer aggressiver werden, wenn er ihn nicht finden würde. Schlagen würde er sie vor allen Leuten, würde sie furchtbar demütigen.
Plötzlich stieg in ihr eine ohnmächtige Wut auf. Warum ertrug sie das eigentlich noch immer. Was hielt sie bei diesem Mann. Er ist doch erwachsen. Muss für sich selber Verantwortung tragen.
Sie hätte ihn doch einfach fahren lassen sollen. Sollte er doch verunglücken, dann hätte sie Ruhe vor ihm. Doch sofort meldete sich bei diesen düsteren Gedanken das schlechte Gewissen. Erstens gefährdet er sich ja nicht nur selbst, sondern auch andere. Zweitens ist er ja ein netter Mensch, wenn er nüchtern ist.
Liebte sie ihn eigentlich noch? Sie konnte es nicht sagen. Mitleid, tiefstes Mitleid empfand sie zeitweise für ihn. Durch den Verlust der Arbeitsstelle war er so tief gesunken.
Neuerdings besuchte sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige Alkoholkranker. Dort erfuhr sie, dass sie total falsch handelt. Sie wurde nur getadelt. Sie sei eine Co-Alkoholikerin. Sie dürfe keine Verantwortung mehr für ihren alkoholkranken Mann übernehmen, sie solle ihn verlassen.
Heute reifte in ihr der Gedanke, die Ratschläge der Gruppe zu befolgen.
Sie wird jetzt nach Hause fahren, ihre Koffer packen und zu ihrer Schwester fahren.
Ein Taxi stoppte vor ihr, sie stieg ein. Vielleicht fuhr sie einem besseren Leben entgegen.

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