Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Wiedersehen ?
von Adam vom Schlossberg, 2543 Lengnau

Wie sollte dies gehen ?
Dich wiedersehen ?
Selbst ganz aus der Nähe,
wenn ich dich wiedersähe,
vis-a-vis, Zeh’ an Zeh’,
ich dich nicht wirklich säh’.

Ich kann dich wieder sprechen hör’n,
mit Taten, Worten dich betör’n,
dich ertasten, wieder spüren,
die Seele an dein Herze führen;

doch wieder seh’n kann ich dich nicht,
dazu fehlt mir das Augenlicht.

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Fama
von Elvira Reck, 31028 Gronau / Leine

"´Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde`, atmete er auf und setzte sich." "Ja, da war er bestimmt platt! Das kann ich mir vorstellen." "Tatsächlich? Du bist noch so jung, und dieser Mann in der Geschichte hat sein halbes Leben damit zugebracht, die Frau seines Herzens zu vergessen." "Wieso tun sich die Leute eigentlich immer so schwer, sobald die Liebe ins Spiel kommt, Oma?" "Tja, allein das ist schon nicht leicht zu erklären. Jeder empfindet eben anders und dazu die verschiedenen Lebensumstände, die -" "Vielleicht liegt es einfach daran, dass es interessanter ist, wenn nicht alles wie geschmiert läuft. Ich meine, so wie du und Opa, das ist zwar sehr schön, wenn ihr vierzig Jahre verheiratet seid und so, aber na ja, richtig vom Hocker haut das keinen." "So, findest du? Also ich fand es in all den Jahren kein bisschen langweilig." "Klar, du warst immer schon zufrieden, wenn alle gesund waren, niemand hungern musste, jeder etwas zum Anziehen hatte - eben so ´n Zeug, worüber heute keiner mehr nachdenkt." "Und das findest du langweilig?!" "Nicht direkt langweilig, aber eben auch nicht abwechslungsreich. Keinerlei Risiko, keine Dramatik, verstehst du? Deshalb liest du wahrscheinlich auch diese Romane, um ein bisschen was Krasses in deine Fantasie zu bekommen." "Das nennt man ´Würze`, Judith. Diese Romane spiegeln immer etwas aus dem wahren Leben wider. Zumindest dann, wenn sie gut sind." "Willst du damit sagen, dass du dich in den Geschichten wiederfindest?" "Stimmt! Du brauchst gar nicht so ungläubig zu grinsen. Die schönsten Geschichten sind die, in die man sich mit Leib und Seele hineindenken kann. Hab ich dir noch nicht die Geschichte von der Frau erzählt, die alles Hab und Gut verließ, um vor den habgierigen -" "Doch, die kenne ich schon! Sie ist zwar wirklich krass, aber darin finde ich mich bestimmt nicht wieder. Also, wenn du mir schon unbedingt eine Geschichte erzählen willst, dann bitte etwas anderes." "Na schön. Hier haben wir ein Buch, das genau zu dir passt. `Heute will ich es regnen lassen, um die Menschen zu ärgern`, rief die kleine Hexe und -" "O Oma! So klein bin ich jawohl nicht mehr! Lies lieber weiter von dem Mann, der sein halbes Leben versucht hat, seine Geliebte zu vergessen." "Da schau her! Und darin findest du dich wieder?" "Nee. Das mit dem Wiederfinden war doch deine Variante. Ich mag die Geschichte nur deshalb, weil sie anders ist. Einfach krass, verstehst du?!"

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Drei Tage danach
von Virma Braunstein, 22179 Hamburg

Er hatte sich gleich nach dem Anschlag als freiwilliger Helfer gemeldet. Seitdem stocherte er wie in Gletscherspalten unter dem Geröll nach Überlebenden. Am Anfang der Suche feierte er noch jede stehen gebliebende Armbanduhr, jede verlassene Baseballmütze wie ein Lebenszeichen. Aber er fand niemanden zum Bergen.

Schichtende. Erschöpft schleppte er sich zur Absperrung, die das schwarze Loch, das seit drei Tagen mitten in New York klaffte, von dem langsam wieder funktionierenden Rest der Stadt abgrenzte. Er wischte sich das stetige Rinnsal aus Schweiß und Staub aus dem Gesicht, als er sie plötzlich an ihrem weinroten Käppi wieder erkannte. Sie schrie auf zwei monolithisch dastehenden Polizisten ein, die ihr den Zugang zu der dunklen Staubwelt jenseits der Abgrenzung verwehrten. Er lief auf sie zu und legte ihr beruhigend seine Hand auf die Schulter. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde", atmete er auf. "Ich kümmere mich um sie", wandte er sich dann an die Polizisten.

Verwirrt starrte sie ihn an und wiederholte: "Ich muss meinen Bruder finden!" Er hielt sie nun mit beiden Händen vorsichtig fest, um den einmal gefundenen Kontakt nicht wieder abreißen zu lassen. Fast flehend erinnerte er sie: "Dienstagmorgen. Du hast mir Frühstück ausgeliefert. Bagels mit Creamcheese und Lachs. Ich wollte dich noch zum Kaffee einladen." Der Schatten einer Erinnerung huschte über ihr Gesicht. "Hier, setz dich erst einmal!", bat er sie. Gegen ihren nachlassenden Widerstand drückte er sie behutsam in Richtung Bordstein und setzte sich neben sie.

Der Staub hatte die Grenzen zwischen den weinroten und den weißen Streifen ihrer Uniform unkenntlich gemacht. "Er war noch so jung.", murmelte sie und versuchte mit ihrem Zeigefinger die ursprüngliche Trennlinie zwischen den Streifen ihres Rockes wieder herzustellen.

"Möchtest du etwas trinken. Hier gibt´s nur Staub und Schatten.", unterbrach er das einsetzende Schweigen. Er schob seine linke Hand sanft unter ihren Oberarm. "Lass´ uns gehen." "Ok", erwiderte sie und zum ersten Mal bemerkte sie seine klaren Augen in seinem verschmierten Gesicht, "du hast bestimmt Hunger. In dem Coffeeshop dort drüben gibt es frische Bagels." Ein Lächeln flackerte in ihrem Gesicht auf als sie hinzufügte: "Sieht so aus, als ob das Licht an ist."

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Untergehen
von Monika Zieschang, 64289 Darmstadt

Ein grelles Scheinwerferlicht und das Kreischen der Bremsen rissen ihn aus dem Schlaf. Dann folgten ein lautes Krachen und ein grauenvoller Ruck. Jonas hatte das Gefühl in zwei Hälften gerissen zu werden.
Wie in Zeitlupe drehte er sich zu Katrin um, die am Steuer des Wagens saß und starrte in ihre weit aufgerissenen Augen.
Die Welt um sie herum begann sich zu drehen. Bäume, Büsche und der dunkle Himmel flogen an ihnen vorbei und vereinigten sich in einem Wirbel dunkler Farben. Ein dumpfer Aufprall ... und die Welt kam zum Stillstand. Um sie herum nichts als Wasser. Rasch drang es ins Wageninnere ein.
Jonas löste seinen Gurt und sah nach Katrin. Blut strömte über ihr Gesicht. Sie hatte die Augen fest geschlossen und rührte sich nicht einmal, als er sie verzweifelt schüttelte. Voller Angst legt er sein Ohr auf ihre Brust und hörte erleichtert, wie ihr Herz kräftig schlug.
Das Wasser reichte ihm nun bis zum Bauchnabel. Von Panik überwältigt, versuchte er die Beifahrertür zu öffnen, doch sie gab keinen Millimeter nach.
Er versuchte es auf der Fahrerseite. Fehlanzeige! Der Wasserspiegel stieg immer höher. Katrins Kopf drohte zu versinken. Behutsam hob er ihn an und streichelte ihr übers Haar. Er würde es nicht zulassen, dass sie ertrank. Nicht auf ihrer Hochzeitsreise.
Nur noch eine winzige Luftblase war ihnen zum Atmen geblieben, dann war auch sie verschwunden. Mit der Kraft der Verzweiflung stemmte er sich gegen die Frontscheibe und trat mit aller Wucht dagegen. Die Scheibe gab nach. Er war frei!
Seine Lungen schrien nach Sauerstoff! Er fasste Katrin um die Taille und versuchte sie mit sich zu ziehen, doch es gelang ihm nicht sie zu befreien.
Schwarze Schlieren tanzten vor seinen Augen. Als er sich abstieß, um nach oben zu schwimmen, warf er einen letzten Blick auf sie zurück. Sein Herz begann wie wild zu klopfen. Hatte sie sich nicht eben bewegt?
Alles um ihn wurde dunkel und er spürte einen stechenden Schmerz in seiner Lunge. Mit letzter Kraft stieß er durch die Wasseroberfläche und atmete gierig die kühle, klare Luft ein.
Sie befanden sich ganz in der Nähe des Ufers. Verzweifelt torkelte er an Land und lehnte sich an einen Baum. Er weinte, wie er noch nie geweint hatte.
Doch plötzlich wurde ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und er wirbelte herum. Es war Katrin. Im allerletzten Moment war es ihr gelungen, sich zu befreien.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich.

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Ein Sommerurlaubstraum
von Angela Mitschke, 59302 Oelde

Das Leben ist kurz. Welch große Weisheit. Verlorene Zeit ist verlorenes Glück. Noch so eine Weisheit. Aber leider ist an beiden etwas wahres dran.
Wie sehr hatte ich mich geärgert, hatte ich mich verflucht. Einmal im Leben läuft einen der Mensch über den Weg, der berühmte Deckel für den Topf, und man merkt es zu spät.
Ich war diesem Menschen, diesem Mann, im Sommerurlaub begegnet. Wir hatten Spaß zusammen. Zu viert wohlgemerkt, ich war liiert, er hatte auch eine Freundin.
Wie sehr ich ihn mochte, fiel mir leider erst auf als wir uns trennten. Das Ende eines Sommerurlaubstraums.
Außer seinem Vornamen wußte ich nicht viel von ihm. Außer einem unscharfen Foto hatte ich nichts in der Hand. Keine Chance ihn wiederzufinden auf dieser großen weiten Welt.
Was mir blieb war eine Erinnerung an laue Nächte. Und ein Song, den wir beide gleich gern mochten, den wir immer mitträllerten. Nur wir beide wohlgemerkt.
Jahrelang wurde ich melancholisch, wenn dieser Song im Radio lief. Und er lief oft. Mein kurzes Leben flog immer rascher dahin und ich hatte die Chance, den Prinzen auf dem weißen Pferd zu erobern, vertan.
Und dann begegnete ich ihm wieder. Nicht zu glauben. In einer Flughafenlounge der Lufthansa erhob sich ein Geschäftsmann in piekfeiner Kleidung schnaufend von seinem Sitz, kam auf mich zu und sagte:
„Ich hätte nicht gedacht, daß ich dich einmal wiedersehen würde."
Ich ahnte nicht im mindesten, wer da vor mir stand. Nie hätte ich ihn erkannt.
„Äh, sind wir uns schon mal begegnet...?"
„Ist ein paar Jahre her. Ein wunderbarer Sommerurlaub...", und dann pfiff er leise unser Lied.
„Mein Gott, du bist es..."
Ich weis nicht, was für ein dummes Gesicht ich gemacht haben muß. Auf jeden Fall war ich froh, als mein Flug aufgerufen wurde. Eine willkommene Ausrede schnell zu verschwinden.
Manchmal ist es besser, wenn ein Traum ein Traum bleibt. Mein Märchenprinz wog jetzt mindestens 150 kg. Ein biederer Koloß im Armanianzug.
Wenn ich jetzt „unseren" Song im Radio höre, tanze ich mit meinem Lebensabschnittsgefährten, der mit dem ich schon in jenem Sommer liiert war, durch die Wohnung. Die Realität, ein schlanker Kerl in Jeans mit all seinen Macken, ist besser als jede noch so schöne Illusion.

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