| Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: |  | »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde« atmete er auf und setzte sich. Flohmarkt von Annette Haug, 70435 Stuttgart Die vorweihnachtliche Betriebsamkeit in der Stadt hätte sie normalerweise eingeschüchtert, aber heute war es anders. Sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht war es das Lied von Schubert, das ihr in den Ohren klang. Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen viele Ringe. Normalerweise wäre es ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da sie ihrer Meinung nach zu dicke Finger hatte. Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag. Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. Aber sicher doch Madame. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Dann sagte sie hastig zu dem Verkäufer: Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk. Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie weiter, sich fragend, warum sie diesen Ring gekauft hatte. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Seit ihre Mutter gestorben war, war sie allein. Die Schubert-Klänge drängten sich wieder in den Vordergrund. In einer Auslage blitzte das Silberbesteck in der Sonne. Es zog sie wie magisch an. Sie strich mit ihren Fingern über einen besonders schön verzierten Löffel. Ihr wurde richtig feierlich zumute. Was wohl ihre Mutter dazu sagen würde, wenn sie dieses ausnehmend schöne Besteck mit nach Hause brächte. Wie herrlich könnten sie am Weihnachtsabend zusammen speisen. Sie kaufte das Besteck. Im Weitergehen fiel es ihr wieder ein. Mutter war ja schon tot. Schubert schoß mittlerweile bombastische Klänge durch den Äther. Schnellen Schrittes überquerte sie nun den Platz in Richtung Markthalle. In ihrer Panik abgestochen zu werden, rannte sie dort in eine Kiste voller Granatäpfel. Das Blut der Früchte sammelte sich auf ihrem türkisfarbenen Kostüm. Sie rannte weiter. Aber plötzlich stockte sie. In dem Café saß..., aber das konnte doch nicht sein. Sie ging hinüber und sagte zu der alten Frau, die allein am Tisch saß: Mutter, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde. Sie atmete auf und setzte sich erleichtert. Sie war in Sicherheit. Während sie in ihrem Korb wühlte, sagte sie: Mutter, weißt du ich habe dir einen Ring gekauft. Ein echter Rubin. Und für uns ein wunderschönes Besteck. Wir werden an Weihnachten so richtig feiern. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Höllenmacht von Bettina Eichhorst, 13347 Berlin Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde, atmete Newton auf und setzte sich. Er zündete sich eine Zigarette an und betrachtete seinen gegenüber. Harry war Archöologe, Mitte vierzig und klein von Statur. Völlig erschöpft und noch außer Atem vergrub Harry sein Gesicht in seinen Händen. Es, es war grauenvoll, stotterte Harry. Newton reichte Harry ein Glas Whiskey. Hier trink! Als ich das Grab untersuchte packte mich etwas von hinten. Mit letzter Kraft konnte ich mich aus seinen Klauen befreien und rannte als wäre der Teufel hinter mir her. Ich habe dich gewarnt, zischte Newton. Du hast ihre Ruhe gestört. Newton beugte sich zu Harry und verharrte dicht vor seinem Gesicht. Archäologie kann tödlich sein. In Newtons Stimme lag Stahl. Auch ich habe den Tod in die Augen gesehen. Ungläubig starrte Harry den großen hageren Newton an. Aber, wie bist du entkommen? Newtons Augen verengten sich zu einem Schlitz. Ich habe mit ihnen einen Pakt geschlossen. Was! schrie Harry entsetzt. Plötzlich ging das Licht aus. Sie kommen, schrie Harry. Schweißüberströmt erhob er sich und klammerte sich an Newton. Rasch holte Newton ein Amulett aus der Schreibtischschublade. Vielleicht kann ich wenigstens dein Leben retten, seufzte Newton. Eine Windbö stieß die Fenster auf und ein eisiger Wind fegte durch den Raum. Blitzartig erschien eine Kreatur am Fenster. Blut tropfte aus seinem Mund, seine Augen glühten und der Gestank des Todes haftete wie Klebstoff an seinem Körper. Oh, mein Gott! stammelte Harry. Newton spannte seine Muskeln an. Seine Hände verkrampften sich um das Amulett. Die Kreatur stieß einen entsetzlichen Schrei aus und sprang ins Zimmer. Sein großer Kopf schwang unruhig hin und her. Die Kreatur stürzte sich auf Harry und hob ihn wie eine Stoffpuppe hoch. Newton hielt der Kreatur das Amulett entgegen. Ein Machtkampf entbrannte. Das Amulett fing an zu leuchten und wurde immer heißer. Newton biss die Zähne zusammen und umklammerte mit beiden Händen das Amulett. Das Geschöpf schrie laut auf. Es versuchte Newton das Amulett aus den Händen zu schlagen. Geschickt wich Newton den Schlägen aus. Plötzlich drehte sich die Kreatur um und sprang aus dem Fenster. Mit Harry im Schlepptau verschwand das Geschöpf in der Dunkelheit. Newton sackte erschöpft zusammen. Seine Hände schmerzten. Er konnte Harrys Leben nicht retten. Die dunklen Mächte der Hölle wollten die Weltmacht und er war ihr Diener. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Probe von Ruth Gabriel, 81379 München Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde, atmete er auf und setzte sich. Halt! Stopp! Zehn Augenpaare blickten gleichzeitig zum Regietisch. Nur Rüdiger, der diesen Satz eben gesprochen hatte, setzte dramatisch die Ellbogen auf den Tisch und ließ das Gesicht stöhnend in seine Handflächen sinken. Okay, Rüdiger. Noch mal von vorne. Wir haben ja Zeit. Der Regisseur erhob sich mit einem laut vernehmlichen Rücken seines Stuhls. Sein Assistent sah ihn bedeutsam an und tippte mehrmals hintereinander mit dem Finger auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Rüdigers Partnerin rollte mit den Augen, sah zur Decke und murmelte etwas wie: Ich kann so nicht arbeiten. Der Regisseur überquerte die Probebühne. Er ging betont langsam, als würde er Zeit gewinnen wollen, seine Ungeduld zu drosseln. Rüdiger, die Situation ist doch folgende: Du hast die Frau vor 20 Jahren mit einem neugeborenen Kind sitzengelassen. Seit 20 Jahren fürchtest du den Augenblick, sie wieder zu treffen. Also: atme nicht erleichtert auf, wenn dieser Moment kommt. Ich brauch hier Spannung. Und lass dich nicht gemütlich in den Stuhl fallen wie ein Familienvater nach Feierabend. Ich sehe das anders, entgegnete Rüdiger, zaghaft-trotzig. Ich glaube, dass er diesen gefürchteten Augenblick eigentlich herbeigesehnt hat. Meinetwegen, spiel es als Gedanken mit, aber bitte ohne zu schnauben. Und jetzt zu deinem Satz. Wenn du, wie eben, das Ich betonst, dann klingt das wie wenn du ihr sagen würdest, dass Onkel Otto und Tante Erna an ein Widersehen geglaubt haben, du aber nicht. Das ist wohl nicht der Punkt, oder? Und noch was: warum hör ich plötzlich so einen Akzent auf dem einmal? Willst du uns erzählen, dass du erwartet hast, sie fünf mal wiederzusehen? Kann ich stattdessen bitte jemals sagen? Himmel nochmal! Du bist Schauspieler und das ist dein Text. Machen wir hier Schultheater? So. Und jetzt: Wiedersehen, die dreiundzwanzigste. Rüdiger, mit hochrotem Kopf, verschwand im Proszenium. Und.... los! rief der Assistent. Nach einer längeren Pause alle dachten schon, er hätte die Probe beleidigt verlassen - trat Rüdiger auf. Er ging entschlossen auf den Stuhl zu, blieb davor stehen und sah dem Regisseur fest in die Augen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal Arschloch nennen würde, du Arschloch atmete er auf und setzte sich. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Zuhause von Marion Schughart, 56427 Siershahn „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. Meine Reisetasche und den Rucksack in die Ecke stellend, versuchte ich ihn anzulächeln, soweit das in meinem übermüdeten Zustand möglich war.
„Ehrlich gesagt, ich auch nicht“ antwortete ich und bemühte mich, meine dicke Winterjacke abzustreifen und mich von meinen schweren Schuhen zu befreien. „Warte, ich helfe dir“ sprang er auf und führte mich zum Stuhl. Sich vor mich knieend, löste er die Schnürsenkel. „Ein heißer Tee wäre jetzt schön“ flüsterte ich, den Kopf in meine Hände aufgestützt. Während er den Wasserkessel aufsetzte, schaute er immer wieder zu mir rüber, als müsse er sich versichern, dass ich auch wirklich dort sass.
Meine Augen waren schon zugefallen. Ich spürte noch, wie er mir die Teetasse in die Hand drückte und mich in kleinen Schlucken trinken hieß. Und irgendwie muss ich ins Bett gekommen sein.
Mehr weiß ich von diesem Abend nicht.Ein dunkles Loch in meiner Erinnerung. Nur seine fragenden großen Augen immer wieder in den nächsten Tagen. Wenn er glaubte, ich bemerke es nicht.
Ich konnte mit ihm nicht darüber sprechen. Seine liebevolle Fürsorge machte es nur noch schwerer. Wie gerne hätte ich mich in seinen Armen ausgeweint, hätte seine streichelnde Hand auf meinem Haar gespürt. Aber er wäre entsetzt und würde garantiert nicht lockerlassen, bis ich zur Polizei ginge.
Nein, nicht noch diese Demütigung. Die eine reichte. Lieber ließ ich ihn in dem Glauben, ich hätte die ganze Nacht im Schneechaos auf der Autobahn festgesessen.
Ach, Papa, wenn du wüsstest. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Anderntags von Uwe Nickel, 67433 Neustadt Die Sonne steht noch lange nicht fest geräuschlos taucht sie am Rande der Suhle auf zieht einen zweiten Kopf nach sich prüfend in den Wind
Der Alte der Hut ist mit seinem Schädel zur Krone verwachsen kratzt sich den Bart aus den Augen den Feuerkindern scheint der Schlamm aus den Nasenlöchern zu laufen
Wie den toten Tieren zu Ende der Sechziger] als er jenem Weibchen auf der Spur ihr im Gebirgsurwald die eigene Beute gleich mit entriß] den ersten Kontakt im Hosenbein spürte
Handgemachte Frösche bequakten tausende ihm den Wallboulevard durch einen schwarzen Schlitz auf der Brust] ihre Antennen wurden nach der Häutung nicht mehr ersetzt
Neunzehn Goldhaare sind ihm seither durch die Nase gezogen der Granit abgesplittert mit braunen Algen] überwachsen das brennende Grasland hinter der Menschenfabrik
Jetzt kommt er wieder der sonnige Schatten] im Embryonalgewand richtet er seinen Hinterleib gegen den Mittag] bleibt der Alte noch eine Weile in seinem] Schaukelstuhl sitzen Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |