Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

raumtreiber
von Ingo Karwath, 50969 Köln

raumtreiber

im festzelt verlieren konturen gehalt und stimme im aufgeblasenen ballon voll qualm musik quält in fetzen meine ohren in der bar ist das suchen so schwer zu verstehen nach gelben blüten unter sternen alle jahre lang das vergebliche finden hastige worte eines mädchens streifen meinen rotwein im billigen plastikbecher

geblendet vom schrei
des inneren lichts
bin ich taub
zugleich
blinde seele
verführt
von
den sinnen
zum kosmischen tanz

biergläser spiegeln gesichter wir reden stunden nur für uns selbst mein hirn brennt die augen schon lange soll doch die zunge geschmack verlieren genuss ist mir hier was ein tänzerin wo keine musik mehr ertönt der letzte schluck sekt sei euch geschenkt aber haut endlich ab wir sitzen im zelt und die leute sind fort langsam erlischt die zeit und das dunkel entzündet sein schwarzes licht

sie flüstert
ich fühle mich schlecht
mein hauch nur
warum
ganz sanft
bebende lippen
weiß nicht so recht

ich flüstre
sei nicht wütend auf dich
sing von
den blumen
verwandle die tränen
in tau
und
benetz mich

lächelnd lauscht sie könnte ich doch das leuchten der augen sehen laut hallen die worte wider von nietzsche wir entern die bühne und hoffen auf licht hinter der tür trinken dort schales bier ein stuhl und kein tisch auf der bühne ich setze mich auf den boden und umschlinge deine beine in nassen hosen hast du dich voll gepisst vorhin he tief in der nacht werden die wiesen feucht sie steht auf und singt mir ein lied leise wie tau ich gehe meine schmerzen sind grausam

stunden
über die zeit
die
keine spanne
vor einem
weiten weg
ohne länge

im zittern
des dämmerns
wo
alles gesagt
und doch
keiner
vom anderen weiß

vollziehen
trennlinien
den
schluss

wortlos ungelenk
schritte
vorm verschlossenen
mund
fort von hier
hinüber
zu ihr
den abschied
selber
bestimmt
nicht
vom mond
meiner
sonne

der wankende gang unterm himmelszelt betäubt flatschen gelber blüten hängen im blauen haar über mir und es ist kalt im endlosen staunen wankst du auch schon nach hause mädchen ist dir ebenso kalt an blutleeren fingern zähle ich mein glück vom erhabenen augenblick meine bebenden lippen sind trocken doch die augen sind feucht seltsame regionen in meinem hirn begrüßen den erwachenden tag der horizont raunt mir zu ich schau in die spiegel und sage zum fragenden blick ich sah dich ewig nicht glück hätte nicht gedacht dich jemals wiederzusehen ich atme auf und setz mich aufs bett

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Der Bumerang
von Christine Gradl, 92242 Hirschau

»›Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde‹
atmete er auf und setzte sich.«
Lässig schlug sie die Beine übereinander, musterte ihn und meinte:
"Du hättest mir die Begegnung mit der Anderen ersparen können.“ Seine Antwort fiel hilflos aus – eine wegwerfende Handbewegung, der Ausdruck, dass seine Affäre längst keinen Stellenwert mehr habe. Stockend kamen die Worte: "Sie hat mir nie etwas bedeutet. Ab heute gibt es nur noch Dich!“
Spöttisch weidete sie sich an seiner Nervosität. Nach einer Kunstpause, in der sie ihn herablassend, fast mitleidig betrachtete, holte sie zum späten vernichtenden Gegenschlag aus:„Du siehst mich wieder, natürlich – doch Du existierst nicht mehr für mich. So einfach ist das, mein Lieber!“
Ohne auf seine Antwort zu warten, schritt sie zur Tür, sah noch einmal zurück; ihr vernichtender Blick durchbohrte ihn förmlich, sie atmete tief durch und verschwand aus seinem Leben.

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Alte Freunde
von Ilona Schmidt, 22397 Hamburg

»›Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde‹
atmete er auf und setzte sich. « Mein Gott wie lange ist es schon her? 30, 40 Jahre? Was haben wir alles zusammen erlebt.

Weißt du noch: 1973 unser erster Urlaub in Italien, ich war völlig verzweifelt, weil ich nie genug von dir bekam. Oder meine erste Studentenbude, in der du dich besonders rar machtest!? So das ich wochenlang kaum etwas essen konnte, aber das war zu dem Zeitpunkt auch o.k. so, ich kannte es eben nicht anders.
Bis ich dann endlich mein Studium in der Tasche hatte, von da ab wollte und konnte ich nicht mehr ohne dich leben!

All mein Tun und Handeln war nur noch auf dich ganz allein ausgerichtet.
Wenn du nicht da warst konnte ich nicht schlafen, aber ebenso wenig wenn du warst , aus Angst dich wieder zu verlieren.
Ich wurde schon ganz krank bei dem Gedanken, nur einen Monat ohne dich leben zu müssen.

Sehr gern erinnere ich mich noch an das Jahr, als ich mir durch dich meinen Traum von einem BMW-Cabrio erfüllen konnte. Oh, Mann was haben wir für Spritztouren unternommen. Kein Restaurant war zu teuer, kein Ort zu weit entfernt. Wir haben das Leben in vollen Zügen genossen. Die Krönung unserer Verbindung war dann das Haus am Starnberger See mit Bootsanleger. Unser Glück war perfekt, nichts konnte unser Bilderbuchdasein erschüttern. Dachte ich.......
Bis zu dem Tage, als sich nicht nur dein Aussehen total veränderte, sondern auch noch dein Name. Du warst mir plötzlich so fremd geworden, am wenigsten begriff ich, das ich mich von da ab nur noch mit einer Hälfte von dir zufrieden geben sollte.
Das war schon schlimm, ich kam damit einfach nicht klar. Ich hatte so fest mit dir gerechnet, das ich gar keine Veränderungen in meinem Leben zu ließ. Natürlich war alles meine Schuld, denn hätte ich rechtzeitig deine Verwandlung toleriert, so wäre ich nicht auf der Strecke geblieben. Genauso wie mein geliebter BMW, der damals als erster dran glauben musste. Ein wenig später folgte dann das Haus, tja und zu guter Letzt auch noch mein Job.

So endete dann mein Höhenflug der so vielversprechend begonnen hatte unter dieser Brücke ! Hier lebe ich nun schon seit einer Ewigkeit. Hättest du mich doch nur nie verlassen. Mit Tränen in den Augen nahm er das Mark Stück in seine alten faltigen Hände und ließ es in seiner Tasche verschwinden.

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Die Jacke
von Maria, 91413 Neustadt

In seiner Not hatte er sogar schon an Selbstmord gedacht. Sein Leben lang müsste er die Schulden abzahlen. Sein Haus würde versteigert werden- wohin sollte er dann mit seiner Frau und den Kindern?
Seit Schuhmann, sein Teilhaber, mit dem Kredit und dem kompletten Firmenkapital verschwunden war, wusste Heller weder ein noch aus. Er hatte Strafanzeige gestellt, die Fahndung lief. Aber Heller machte sich wenig Illusionen: Schuhmann sass bestimmt in einer eleganten Villa in Brasilien oder irgandwo- der ließ sich nicht fangen. Und hatte ihm hier all die Schulden hinterlassen! Heller knirschte mit den Zähnen. Er war fast dankbar, wenn einmal seine Wut die Verzweiflung in den Hintergrund drängte.
In der Straßenbahn, auf dem Weg zum Konkursverwalter, überließ er sich wieder den trüben Gedanken. Er grübelte über seine Zukunft nach, die wie ausgelöscht schien. Bis er bemerkte, dass er schon eine ganze Weile auf den Rücken eines Fahrgastes starrte. Der dunkelhaarige Mann trug eine Wildlederjacke, die Schuhmanns Jacke glich. Auch Schuhmann war dunkelhaarig. Heller schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Aber immer wieder stierte er auf die Jacke, er konnte seinen Blick nicht davon abwenden. Es war derselbe Schnitt wie bei Schuhmanns Jacke, dieselbe Farbe- ja, sie hatte sogar den Flicken am linken Ellbogen. Das war Schuhmann!
Hellers Herz raste, ihm war schwindlig vor Aufregung und Verwirrung. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den nochmal wiedersehe- schoss es ihm durch den Kopf. Vielleicht ist das Geld gar nicht verloren? Vielleicht ist noch alles zu retten! Schwankend arbeitete er sich in der Straßenbahn nach vorne. Entschlossen tippte er dem anderen auf die Schulter. Der drehte sich um- und Heller starrte in ein völlig fremdes Gesicht. „Entschuldigung“, brachte er mühsam hervor, „ich dachte ...Ihre Jacke, woher haben Sie diese Jacke?“ Der Mann war irritiert: „Wieso, was geht Sie das an!“ Heller ließ sich auf den nächsten Sitz fallen, nach kurzem Zögern erzählte er seine Geschichte. Nun rückte auch der andere mit der Antwort heraus: „Die Jacke hat mir einer geschenkt. Das war in der Bar am Flughafen. Der Typ hat mir einen ausgegeben, er war ganz aufgekratzt. Er sagte, er fängt jetzt ein neues Leben an- da braucht er die Jacke nicht mehr!“

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Alles was ich will
von Miralem Muhovic, 44137 Dortmund

Du, mein Begleiter, der erfüllt mein Gebet.
Unser Begehren in deinem gesichte unverkennbar,
deine Gnade unmissverständlich erdenkbar.
Teilbare Wissenschaft der Liebe,
kann ich ohne?
Wer wagt die Antwort darauf zu beschwören?
Mein Leid erfährt die ihm zustehende Milderung,
eine Zersprengung in Dimensionen.
Wo bin ich und wer war ich?
Nur ein sein der letzten Instanz?
Ich erwäge meinen eigenen Zustand.
Ich verbiete mir dein Dogma,
mein Wille geschehe unter deiner Gnade.

Mein Herz spricht für mich,
doch meine Seele für uns Zwei!

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