Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Leere Tage
von Birgit Kröger, 21376 Salzhausen (Deutschland)

Gitta wußte nicht, wie sie diesen Tag herumbringen sollte. Seit Frank sie verlassen hatte, zogen sich ihre Tage lang und öde dahin. Minuten wurden zu Stunden. Stunden, die keinen Sinn machten; nur dazu da, den Tag auszufüllen.
An diesem Morgen hatte es geregnet, doch jetzt schien die Sonne. Eigentlich könnte es ein schöner Tag werden, ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch. Gitta seufzte. Früher hatte sie sich auf die Wochenenden mit Frank gefreut. Aus, vorbei! Viele Tage, die nicht vergehen wollten.
Später fand sie dann den alten Staubsaugerschlauch. Sie bemerkte ihn im Keller hinter dem ausrangierten Sofa, als sie sich eine Flasche Mineralwasser heraufholen wollte. Warum er hier lag und wieso sie ihn erst jetzt bemerkte, wußte sie nicht. Doch plötzlich erkannte Gitta, wie sie den grauen Tagen ein Ende bereiten würde.
Das Auto stand wie gewöhnlich am Wochenende in der Garage. Nachdem sie das Garagentor hinter sich zugezogen hatte, befestigte sie das eine Schlauchende am Auspuffrohr des Fahrzeugs und führte das andere Ende durch das Fenster in das Wageninnere; verriegelte die Tür und ließ den Motor an.

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Die Todesanzeige
von Kerstin Langer, 77948 Friesenheim (Deutschland)

Sie trank ihren Kaffee wie jeden Morgen allein in der Küche. Vor ihr über den ganzen Tisch ausgebreitet lag die Tageszeitung. So und nicht anders wollte sie es, sie musste allein sein, der Kaffee nicht mehr so heiß und die Zeitung vor ihr auf dem Tisch. Auf Seite vierzehn las sie ihren Namen und blätterte weiter. Für eine Sekunde dachte sie nichts. Ganz langsam las sie die Todesanzeige mit ihrem Namen und als sie die anderen Daten aufnahm war ihr klar sie ist gemeint.
Eine Todesanzeige als bösen Scherz aufzugeben fand sie geschmacklos. Sie wusste das Spiel geht weiter und sie war bereit. Seit zwölf Jahren ging es nun schon so, die drei besten Freundinnen und ihre Scherze, da waren sie wieder.
Ihre Beerdigung war auf dreizehn Uhr festgelegt. Sie schlich sich an die Mauer. Die Mauer war so hoch, sie konnte nicht darüber schauen, also musste sie zu einem der Eingänge.
Was sie dann sah erschrak sie doch gewaltig. Alle ihre Freunde waren gekommen und standen an ihrem Grab, dann sah sie ihre Eltern. Das kann nicht sein, sie haben meinen Eltern meine Todesnachricht überbracht. Sie wollte hinrennen und den üblen Scherz auflösen, aber etwas hielt sie fest. Sie konnte die Füße nicht bewegen. Wie versteinert stand sie da. Ihre Trauergäste sahen sich langsam um. Alle hatten so ein seltsames Grinsen im Gesicht. Sie konnte nicht einmal schreien, kein Laut kam aus der Kehle. Mit weit aufgerissenem Mund stand sie da und die Trauernden kamen langsam auf sie zu mit diesem höllischen Grinsen im Gesicht. Sie riss sich mit aller Gewalt vom Boden los, rannte zu ihrem Wagen. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Als sie wieder aufblickte war die schwarze Masse schon auf dem Weg zu ihrem Wagen. Sie versuchte den Wagen zu starten, nichts außer einem heiseren Kratzen war zu hören, der Wagen sprang nicht an. Im Rückspiegel sah sie schon das Grinsen, ihr Herz überschlug sich und sie konnte keine Luft mehr holen.

Schweißnass saß sie im Bett, ihre Nackenhaare klebten am Hals. So einen fiesen Traum hatte sie schon lange nicht mehr. Sie stand auf und schaltete die Kaffeemaschine ein, warf sich den Morgenmantel über und holte die Zeitung ins Haus. Es war ein schöner Tag, warm und trocken. Genüsslich zog sie an der ersten Zigarette und goss sich den frischen Kaffee ein. Sie setzte sich und fing an die Zeitung zu lesen bis zur Seite vierzehn.

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Du bist ein Teil meines Lebens..
von voix, 26135 Oldenburg (Deutschland)

Unsägliche Kopfschmerzen. Mit zitternder Hand versuchte sie, sich anzuschnallen. Endlich gelang es ihr.Sie hatte das Gefühl, jeden Moment umzukippen und dann nicht mehr aufzuwachen.Warum auch? Was hatte ihr Leben für einen Sinn? Von morgens bis abends schuftete sie in der Fabrik.
Seit 2 Monaten. Ihre Glieder waren schwer und steif, ihre Arme und Hände taten weh. Sie fühlte sich wie eine alte, geschundene Frau. Hatte das Gefühl, sich nicht mehr um alles kümmern zu können, Beruf, Familie und..sich selbst. Betont langsam drehte sie den Zündschlüssel, betätigte die Gangschaltung und trat aufs Gaspedal. Sie konnte nicht mehr klar sehen. Das einzige, woran sie jetzt dachte, war ein dickes Minus, das sich wie ein Brandzeichen schmerzhaft in ihr Gedächtnis einbrannte und unmöglich zu vertreiben war.
Lag da etwas auf der Straße? So genau konnte sie es nicht beurteilen, ihre Gedanken schwebten in weiter Ferne. Heute war Robert, ihr Jüngster, zum ersten Mal dran, einzukaufen. Der Kleine hatte sich riesig gefreut.Außerdem hatte er gestern eine neue, blaue Jacke bekommen, was auch nicht gerade sehr häufig war. Nein, sie würde nicht aufgeben, schon für ihn und Marvin lohnte es sich, zu leben.
Würde Dieter wohl irgendwann zu ihr zurückkommen? Der verantwortungslose Kerl hatte sie allein sitzen lassen, mit 2 kleinen Kindern. Nein, sie würde ihn um nichts bitten, nie im Leben, nicht nach dem, was er ihr angetan hatte!Es machte sich ein leichtes Gefühl der Übelkeit in der linken Magengegend breit. Sie spürte urplötzlich, wie das Auto über etwas hartes fuhr.. Was konnte das sein?Mit großer Antrengung gelang es ihr, anzuhalten.
Es war bestimmt nichts gewesen, schon gar kein Tier oder so, sie wollte einfach nur sichergehen. Jetzt warf sie einen Blick in den Rückspiegel, kniff die Augen zusammen. Lag da etwas?
Sie stieg aus, der Wind wehte ihr ins Gesicht. Zwei oder drei Passanten standen etwa 20 Meter weiter, offensichtlich sehr aufgeregt. Versuchen, normal zu gehen, bloß nicht auffallen! Als sie näherkam, zwang sie sich ein hilfloses Lächeln ab. Aber da lag doch etwas! Ihr stockte der Atem. Ein Kind lag auf dem Boden, Arme und beine leblos von sich gestreckt, Blut lief ihm über die Wange. Es schien nicht mehr zu atmen. Der Junge trug eine blaue Jacke, und um ihn verstreut lagen eine zerrissene Einkaufstüte, Obst, Brot und anderes. Ihr wurde schwarz vor Augen, sie kippte um.

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Papas Tochter
von Annette Paul, 21614 Buxtehude (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Einen Augenblick blieb sie stehen und schaute auf den Mercedes. Sie würde sich kein eigenes Auto leisten können, aber wenn sie endlich erwachsen werden wollte, musste sie auf Luxus verzichten.
Sie betrachtete die große Beule im Kotflügel. Papa würde toben. Zum Glück war dem großen Findling, den sie übersehen hatte, nichts geschehen. Sie verzog das Gesicht. Zuerst hatte sie es Papa gestehen wollen. Er hätte herumgeschrien, sich dann aber schnell beruhigt, denn Caprice wusste genau, wie sie ihren Vater um den Finger wickeln konnte. Doch das wollte sie nicht mehr. Sie wollte nicht länger sein kleines Mädchen sein, in seiner Villa wohnen, Jura studieren und später in seiner Kanzlei arbeiten.
Die Delle hatte ihren Entschluss reifen lassen. Sie würde endlich das tun, was sie sich immer gewünscht hatte. Sie würde eine Ausbildung bei einem Fotografen machen. Nicht hier, sondern in der Großstadt. Hoffentlich nahm Sina sie für eine Weile auf. Sonst musste sie bei der Bahnhofsmission unterkommen. Sie verzog ihr Gesicht. Hatten die überhaupt Betten? Egal. Notfalls musste sie auf einer Parkbank schlafen. Sie zog ihr Portemonnaie. Ja, für die Fahrkarte reichte es. Noch heute würde sie sich einen Job suchen. Vielleicht konnte sie kellnern.
Sie wollte nicht länger Papas Tochter sein. Sie wollte ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Endlich leben. Sie hatte nur dies eine Leben.

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Blümchentapetenwechsel
von Natalie Schäfer, 56472 Nisterberg (Deutschland)

Der Wald ist blaugrün
Wie die Veilchen blühn’
Die ihre Augen verzieren
Welche diesen fixieren.

Blaugrün sind alle ihre Farben,
Blaugrün ist alles, was sie hat.
Weil ihr Schatz ein Schläger ist.

Jenseits des Ortes im Wald ist sie bald,
Durch den Keller zum Carport noch schneller.
Im Koffer nur Raum für Hoffnung und Traum,
Den sie -schockgefrostet aufgesonnentaut-
Im Kofferraum verstaut.

Grün werden ab jetzt ihre Farben sein,
Grün ist alles, was sie haben will,
Weil ihre Zukunft neuer Frühling wird.

Entschlossen schließt sie seinen Stolz auf,
Mit ihrem Pflichtgewohnheitsdasein ab,
Vor dem Vergangenheitsversiegeln
Folgt zunächst ein Türverriegeln.

Nur ein Moment der Ruhe. Zum Erinnern.
Gegen verdrängendes Verschlimmern
Imaginiert sie hinter der Findschutzscheibe.
Leporello seiner Sünden vor dem Zünden
Ehe sie aus der „Mimosen“haft bricht.
Gegen eine Veilchenmetamorphose
Zum traumatisierenden Vergissmeinicht.

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