Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Auseingesperrt
von calm, 1120 WIEN (Österreich)

Ausgesperrt hat sie sich.
Eingesperrt ihn.
Aufgesperrt zuerst.
Zugesperrt zuletzt.
Was kommt jetzt?

ent setzt ?
ver setzt ?

völlig aus ge setzt !

zugeknallt!
durchgeknallt!
ausgesperrt von innen!
eingesperrt, liegt drinnen!

ununkehrbar.
unwiederaufschließbar.

Nachdenkpause


Kratzen an der Halskrause

Idee
Gute Fee !

Notruf

wie im Leben
eben:

zuerst
Blödsinn
Unsinn
Stumpfsinn

Gedanken verloren
Hohlraumzwischendenohren

dann:

Hilfe Hilfe Schreien

Hilfe kommt
Hilfe geht

Dankeschön
Wiedersehn
Qittungnehm

Dann
wieder
Gedankeneinschienenbahn

Wahn?
Nichtschonwiederohmann!

Ausgesperrt hat sie sich.
Eingesperrt ihn.
Aufgesperrt zuerst.
Zugesperrt zuletzt.
Was kommt jetzt?

Besetzt

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Tote schlafen nicht
von Ursula Christine Wernick, 78052 VS-Tannheim (Deutschand)

Finstere Gestalten umlagerten ihr Haus. Was wollten sie nur von ihr? Waren sie ein Vermächtnis ihres erst vor kurzen verstorbenen Mannes oder Spione des Teufels? Diana P. wollte der Sache auf den Grund gehen. Sie war es nicht gewohnt, dass man ihr nicht den nötigen Respekt zollte. Hatte sie doch schon ihren neunten Ehemann überlebt. Da sollten ihr so ein paar düstere Figuren, die nur in der Abenddämmerung zum Vorschein kamen, keine Angst machen. Aber wie sollte sie es erreichen, diesen Wesen eine Lektion zu erteilen, wenn sie sich immer verdrückten, sobald sie ihnen Aufmerksamkeit schenkte? Just in diesem Moment, in welchen sie aus dem Fenster schaute, um vielleicht einen flüchtigen Eindruck über deren Herkunft oder Aussehen zu erhaschen, huschten sie in den Schatten der Bäume und verschwanden im Dickicht. Durch den Hinterausgang schlich sie zu ihrem schwarzen Mercedeskombi Marke Bestattungslimosine, schloss die Autotür auf, warf die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug die Tür zu. Plötzlich tippte ihr von hinten ein wohlbekannter Finger auf die Schulter. Sie hätte es wissen müssen ..... Edward der Neunte gab nicht so schnell auf, vor allem weil er noch nicht einmal unter der Erde lag, sondern in einem Nussbaumsarg mit samtrot überzogener Liegefläche, der sich im Laderaum des besagten Leichenwagens befand. Dieses Mal war sie vielleicht etwas zuweit gegangen, war zu sparsam gewesen mit der verabreichten Dosis ihres teuflischen Schlafe - wohl - Trunks. Ihr Edward war ein gut proportionierter und robuster Kerl gewesen. Kurzum der ideale Mann und Leichenträger. Der Einfall ein Bestattungsunternehmen zu eröffnen kam Diana P., nachdem ihr erster Mann Hugo, ein Schreiner mit einer Vorliebe für Säge, unerwartet aus ihrem Leben schied. Er hinterließ ihr eine große Werkstatt, eine pompöse Ausstellungshalle mit etlichen unbestellten Särgen und einen riesigen Schuldenberg. Da Diana P. geschäftstüchtig und intelligent war, machte sie aus der Not eine Tugend und eröffnete mit der finanzellen Unterstützung ihres damaligen Geliebten und Ehemann Nummer zwei das Bestattungsinstitut. Leider war er nicht gerade, die treuste Seele so das Diana sich gezwungen sah, Eigenwerbung zu betrieben. Rache ist bekanntlich süß, wie auch ihr Schlaf - wohl - Trunk einen bittersüßen Nachgeschmack hatte. Als sie nun Edward erblickte, brach es ihr das Herz und fiel tot in den Sitz ihres Wagens.

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Unzerfließbar
von Franz Reischl, A-4600 Wels (Österreich)

Meine Freundin

Wie das Wasser des frühen Tages zart auf jedem Blatte taut
Die Blume am Abgrund ihre Wurzeln vertaut
Wie leise Tränen perlen auf deiner zerbrechlichen Haut
Die Bande der Sehnsucht fern unsere Liebe traut

So kann ich sie fühlen die Wahrheit am grellen Tag
Den Raub meines Schlafes im Schatten meiner ewigen Nacht
So umfließt mich die Neugier in der die Bestimmung lag
Den Zwang der Wirklichkeit bereits in der Seele vollbracht

Im offenen Leben in dem ihr euch alle gleichet
In dem keiner sagt was er fühlt
Im Schleier die kläglichen Kunst euch gereichet
In der keiner den andern berührt

Bin ich froh dich noch manchmal zu spüren
Mein Herz ist erfüllt von dir
Ich möchte dich ewig verführen
In der Tiefe meiner eigenen Gier
Ich würde die gerne umarmen
Doch die Distanz ist zu groß
Dir meine Liebe zu offenbaren

Warte

Die Angst etwas Falsches zu machen lässt mich
Nicht los

Denn Ich kann mich jeden Tag von Neuem besaufen
Um vor dir meilenweit weg zu laufen
Du kannst die Reifen meines Autos zerstechen
Unsere Zärtlichkeit aufs Neue zerbrechen
Den Schlüssel unwiederbringbar verschließen
Aber unsere Liebe wird niemals zerfließen

In Liebe Dein Freund

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Symbiose
von Michéle, 80538 München (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf warf die Schlüssel auf den Sitz, schlug sie zu und verriegelte die Tür von innen. Da saß Sie nun. So hatte Sie es noch nie gespürt. Die Wahrheit. Sich selber erkannt. Leer ihr Blick. Was nun? War das der Wahnsinn. Der Weg in den Irrsinn? Sie schüttelte den Kopf. Unfaßbar. Dass war nicht sie. Nein. Wie konnte das geschehen. Wie ist sie da hinein gerutscht. Das war sie. Ihr Leben. Ihre Beziehung. Krank! Seit mehr als einem Jahr machten sie beide nun schon daran herum. Trennung ja. Trennung nein. Warum ging er nicht einfach. Was war da ihre Rolle? Eine Ahnung hatte sie schon länger. Jetzt war es auf einmal spürbar. Geschockt starte sie mit leeren Augen aus dem Fenster. Was lebte sie da? Wenn er ging dann stirbt sie. Bleibt er, stirbt sie auch. So fühlte sie. Wieder schüttelte sie den Kopf. Ungläubig. Unfaßbar. Alles fühlte sich leer an. Die Aussicht auf das Alleinsein. Und die, zusammen zu bleiben. Sie rauchte. Seit mehr als einem Jahr die erste Zigarette... Sie schmeckte nicht besonders gut. Sie half auch nicht wirklich. Sie war gut dazu geeignet die aufkommenden Gefühle zu dämpfen. Sie umklammerte das Lenkrad. Er wollte, dass sie aufhört Nein zu ihnen beiden zu sagen. Sie wollte, dass er aufhört ihre Liebe haben zu wollen. Sie Forderte. Er Forderte. Keiner von beiden konnte die Forderung des anderen Erfüllen. Nur einfach aus dem logischen Grund, dass Liebe keine Forderung erfüllen kann. Dann war sie, die Liebe, tot.
Ein Bild stieg in ihr auf. Weiß gekleidet. Weißer Mundschutz. Ein scharfes Skalpell. Ein Bluttropfen. Ein Arzt. Ein Spezialist auf seinem Gebiet. Ein Meister seinen Fachs. Er sollte sie beide trennen. Er hatte sich darauf spezialisiert siamesische, symbiotische ineinander verwachsene Paare mit raschen, klar angesetzten Schnitten voneinander zu trennen... Ob es gelingen würde stand nicht fest. Vielleicht würde nur einer von beiden überleben. Eventuell sogar beide ihr Leben dabei lassen. Vielleicht aber - und dies war wohl das Wahrscheinlichste - würden beide endlich ihr Leben zurück kriegen...

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Abgeschlossen
von Uwe Zimmer, 10965 Berlin (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Aus. Das Auto war ein Hochzeitsgeschenk, und jetzt begann neues Leben mit einem anderen Mann. Sie sah ihn stehen, er ahnte noch nichts. Er sah umwerfend aus: Diese Locken, dieses Lachen. Endlich hatte sie das Gefühl, dass ein Mann sie wirklich verstand, viel besser als ihr Mann. Ihr Ex-Mann. Befreit schüttelte sie ihr offenes Haar und ging zu ihm. »Und?« sagte er und packte sie sanft, sie strich über seine breite Brust. »Was hat er gesagt?« fragte er. Sie schwieg und blickte ihm in die Augen. »Hast du's ihm gesagt ja oder nein?« fragte er. Für einen Moment fühlte sie eine kalte Hand an ihrem Herz. »Lass uns von was Anderem reden, ja?« sagte sie. »Hör mal ich will unter keinen Umständen«, setzte er an. Wie schön sein Haar auf seine Stirn fiel, wenn er so ernst wurde. »Dein Mann muss Bescheid wissen, er hat eine Pistole, ich...« »Keine Angst« sagte sie. Er fiel ihr ins Wort: »Keine Komplikationen, ich vertrage das nicht, tut mir leid«. Die Sonne tauchte beide kurz in helles Licht. »Was tut dir leid?« Sie schaute ihn an, ihr Blick wanderte über sein Gesicht. Langsam schwand der Boden unter ihren Füßen. Er ließ sie los. »Es wird mir zu gefährlich: Keiner kann das von mir verlangen. So ist das Leben, c'est la guerre...« Er hob die Hände, sie fühlte wie ihre Augenlider heiß wurden. »Außerdem will ich keine Kinder«. Sie verstand. »Ich, ich kann sowas nicht, man muss dafür geboren sein«. Sie presste die Lippen zusammen und senkte den Blick. »Ich meine wir können ja auch weiterhin ab und zu...« »Besser nicht«, sagte sie und sah weg um sich abzulenken, erblickte das Auto. »Ich dumme Gans habe den Schlüssel stecken lassen, nun ist die Tür zu«, lachte sie zu laut. Sie wischte sich eine Fliege aus dem Auge.»Oh«, erwiderte er froh, zum Glück nahm sie's mit Humor. »Ich rufe den ADAC«. »Nein geh!« sagte sie beherrscht, aber ihre Stimme klang feucht. »Gut wie du willst. Aber nicht dass mir Klagen kommen«, lachte er, in Gedanken schon woanders, »Ich will nicht Schuld sein wenn...« Sie hörte nicht mehr zu, Gott dieses Lächeln. Im Gehen drehte er sich um und deutete mit dem Finger auf sie: »Wirklich nicht?« Da war erneut eine Fliege im Auge, sie zitterte mit dem Kopf, er ging weg. Leer nahm sie ihr Handy, tippte die vertraute Nummer. »Peter? Ich bin's. Mir ist was Dummes passiert - mit dem Auto...« Sie wischte über's Gesicht, band sich einen Zopf und wartete.

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