Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Der schöne Ede
von Rosemarie C. Barth, 39120 Magdeburg (Deutschand)

Ina bummelte gut gelaunt durch die Stadt. Plötzlich glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Da ist doch Ede? Ihr Ede in einer deutlichen Situation. Er küßte eine Frau! Ina starrte versteinert auf Ede. Kein Zweifel, er war es. Inas gute Laune verflog im Nu. Betrübt lief sie nach Hause.
Später saß sie verstört im Sessel und grübelte. Warum tut Ede das? Stets beteuert er, sie sei seine große Liebe. Geknickt rief Ina ihre Freundin an. "Uta, mir geht’s dreckig!"
"Was ist Ina, ist es wegen Ede?"
"Ja, Uta, ich hab‘ ihn gesehen mit einer Frau."
"Ina, red nicht weiter, ich hab‘ dir gesagt, Ede hat an jeder Hand elf Weiber. Ich habe ihn auch oft so gesehen, das weißt du! Aber du bist blind vor Liebe. Der Mistkerl hat dich nie verdient. Hübsch wie du bist und klug, du könntest ..."
"Hör‘ auf!" Ina legte auf. Als ob das half. Nein – es muß anders laufen. Einen Denkzettel würde sie ihm verpassen, dem Mann, der sie ja so liebte. Kennenlernen soll er sie! Plötzlich fühlte sich Ina stark. Eine geniale Idee reifte.

Am nächsten Tag lud Ina Ede zur Autotour ein. Er sagte sofort zu, als sei nichts passiert. Bursche, dich krieg ich, dachte Ina stolz, als sie Ede abholte.
"Oh Süße, du hast mir gefehlt!" Ede überschüttete Ina mit Liebesheucheleien. Du Schuft, schmunzelte Ina über ihren teuflischen Plan.
"Ede, wir suchen ein idyllisches Plätzchen im Wald, hm?"
Da war wieder sein ungeniertes Grienen, Draufgänger!
Ina mimte die heiße Geliebte und fuhr an den Waldrand.
"Ede, ich hab‘ ne Idee." Ina spürte genervt, wie sie errötete.
"Süße – was hast du?"
"Ede, ich trau's mir kaum - du, ich - ich würd's mal mit dir im Auto treiben."
"Olala, Süße, da sag‘ ich aber ja!" Ede schnalzte mit der Zunge. "Du gehst ran Kleine – hm!"
Trotz peinlicher Situation zog sich Ina aus. Genau das dachte sie - so war Ede. Mit Schwung riß er alle Klamotten vom Leibe.
"Ede, ich hab‘ noch ne Überraschung. Könntest du kurz aussteigen, sonst – äh, wenn du zuguckst, wäre es ja keine Überraschung, bitte."
Ede kletterte aus dem Auto, wie Gott ihn geschaffen hatte. Ina verriegelte blitzartig die Tür von innen, drehte den Zündschlüssel, trat hastig Kuppel und Gas und fuhr – wie vom Teufel verfolgt – davon.

Von Ede hörte sie nie mehr. Wie er splitternackt aus dem Wald gekommen war, hat sie nie erfahren – wozu auch? Ein solcher Ede kann ihr gestohlen bleiben!

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Autotür
von Bruni Sadler, 81247 München (Deutschland)

von innen und schlug sie zu.
Völlig daneben, dachte sie, sah auf ihr Fußspitzen die in Bärchenhausschuhen steckten, denen das Wasser bis zum grinsenden Maul stand, natürlich in der einzigen Pfütze weit und breit musste sie stehen und trotzdem, Rache ist Blutwurst, soll er doch mal sehen wie er hier mit seiner ganzen Hightec-Anlage ohne Auto weg kommt.
Verabredet hatten sie sich heute, um über ihre verfahrene oder abgefahrene Liebe zu sprechen.
Reden ist zwecklos, Taten müssen folgen, meinte er und machte sich daran seine Hifi-Geräte zu demontieren.
Der Eisbär an ihren Pantinen verwandelte sich inzwischen zu einem Braunbären der abtauchte.
He, was soll das, rief er aus dem Fenster, ist das deine Lösung?
Taten müssen folgen, deine Worte, gab sie zurück und versuchte ihre Füße mit den vollgesogenen Pantoffeln anzuheben. Höhnisches Gelächter aus dem Fenster begleiteten den Versuch. Sie zog die Hausschuhe aus, hängte einen über die Antenne, den anderen über den Rückspiegel. Barfüßig lief sie auf das gegenüber liegende Straßencafe zu, bestellte einen Campari Soda, zog am Strohhalm in der rubinroten Flüssigkeit, winkte ihm zu , klopfte auf den freuen Stuhl neben sich.
Er sah ihre Augen aufblitzen und zog seinen Kopf vom Fenster zurück.

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Später
von Claudia Hernandez, 81825 München (Deutschland)

Die von Schweiß benetzte Stirn auf das Lenkrad gestützt, presste sie die nach dem Metall des Autoschlüssels riechende Hand vor den Mund, um das Schluchzen zu dämpfen, das ihm stoßweise entkam. Sie vermochte die stumpf schmeckenden Gedankenfetzen, die wie durch einen Schleier in ihr Bewusstsein drangen, weder zu ordnen, noch gänzlich zu verdrängen. Der schwarze Schleier der Demütigung und der Hoffnungslosigkeit hüllte nicht nur ihr Denken, sondern ihre gesamte Existenz, die ihr selten so überflüssig und nur zu reiner Qual bestimmt vorkam, wie in diesem Moment, wie ein Grabtuch ein. Mühsam hob sie die schweren Augenlider, doch statt dem glatten Leder des Lenkrads sah sie nur wieder die zu Fratzen verzogenen Gesichter mit den starren Augen und den aufgerissenen Mündern, aus denen maschinenhaft blechernes Gelächter drang. „Wie wandelnde Tote,“ dachte sie rückblickend und nicht ohne ein bitteres Lächeln, bei dem sich ihr Herz spürbar zusammenzog. Entschlossen atmete sie aus und lehnte sich zurück. Der fiebrig heiße Nacken schien die Kühle der schwarzledernen Kopfstütze dankbar und erleichtert zu empfangen, doch kaum begann sie dieses Gefühl zu genießen, kroch ein unbezwingbarer, heftiger Ekel in ihr hoch. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich selbst hönisch auslachen und mit dem Finger auf sich deuten zu wollen! Dachte sie nicht genau wie sie? Fand sie sich nicht selbst unerhört und der gesellschaftlichen Ächtung würdig? Sie zwang sich den größten Teil ihres Selbsthassses hinunterzuschlucken, er war schwer wie ein Brocken unzerkautes Brot. Sie schaffte es schließlich mit überraschender Entschlossenheit nach dem Schlüssel zu greifen, der noch immer auf dem Beifahrersitz lag. Sie steckte ihn ins Zündschloss, doch bevor sie ihn umdrehnte, wollte sie zuerst die Hände zum Gesicht führen, um die Tränen zu trocknen, die sie heiß und zahlreich vergossen zu haben glaubte, die Gedanken von ihrem salzigen Ballast befreien. Aber als sie mit den nun ruhigen und nicht mehr zitternden Händen nach den Augen tastete, fand sie sie ganz trocken vor! Erstaunt und verwirrt drehte sie den Zündschlüssel.

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Das Manöver
von Karla Montasser, 10405 Berlin (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Sollten die anderen sehen, wie sie jetzt Mostar zerstören konnten. Rattatatatttaaat. Rattatatatttaaat. Dann knallte sie auch die Tür zu ihrem Zimmer zu, da gab es keinen Schlüssel, stellte den geretteten Großvaterstuhl unter die Klinke und ließ sich aufs Bett fallen, daß die Katze erschreckt aufsprang. Sie schrie und schlug mit Fäusten und Füßen auf die weiche Unterlage, als habe man sie, die Nichtschwimmerin, am Genick gepackt, um mit ihr zur Brücke zu fahren. Ersäufen wie das Kätzchen. Das Auto. Tabletten. Besser gleich.
Die Stimmen vor der Tür: oh man, diese irre Jugoschlampe. Das macht die doch nur, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Und die ihres Mannes: Sascha. Wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst mehr Verständnis haben. Deine Mutter hat viel gesehen.
Sie rütteln an der Tür. Rütteln. Wo sind die Tabletten. Die kann man auch rütteln. Der Truck mit dem Sprengstoff an der Brücke. Aber jetzt können Sie nicht die Brücke rütteln, ich hab ja den Schlüssel rausgezogen. Ha. Und Sarah muß gar nicht die Tabletten. Leergerüttelt. Alle in der Hand. Sascha, der an der Tür hämmert: Mama, laß sofort die Katze raus. Ich meine es ernst! Sonst werfe ich das Fenster ein. Hämmern. Rattatatatttaaat. Dann, leiser, ihr Mann: wo ist der verdammte Ersatzschlüssel? Und sag Sarah, daß wir kommen und ihr die Katze bringen. Gleich.
Und dann, und das ist schon wie ein Flehen und tut noch mehr weh: Ljuba, Liebes, Liebste, es ist alles gut. Sie machen nur ein Manöver im Wald. Hörst Du?
Das Fenster ist eine Brücke. Die Tabletten in den Mund gerüttelt. Diese zu weiche Unterlage in ihrem deutschen Bett. Das Schnurren der Katze. Sanft. Wie der Motor eines Trucks.

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Kraniche
von Lore, 12629 Berlin (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Später, viel später, als sie schon auf der Allee nach Neuruppin war, dachte sie darüber nach. Gewöhnlich schlug sie die Tür zu, ehe sie ans Verriegeln ging. Sie war zu aufgeregt, deshalb verlief der Vorgang heute umgekehrt. Und das war nicht gut. Jeder Verkehrspolizist, der sie stoppen könnte, würde sehen können, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie verabscheute Auseinandersetzungen.

Sie fuhr durch ein Waldstück, eine mannshohe Kiefernschonung. Ein Greifvogel kreiste darüber hinweg und schoss unverhofft herab. So hätte sie ihn packen müssen, dachte sie, genau so. Anders begriff der Kerl doch nicht.

Felder öffneten sich zu beiden Seiten. Kraniche grasten auf der abgeernteten Ebene, in der Ferne flogen einige Tiere auf. Sie lächelte. Gern hätte sie hier Rast gemacht, aber die Zeit drängte. Thomas war keiner, der gern wartete. Der Tachometer zeigte auf 140.

Ein Reh. Von links nach rechts näherte es sich der Allee. Ein Bamby, niedlich. Sichernd blieb es am Graben stehen.

Ihr Fuß trat von selbst auf die Bremse, ein Quietschen, der Himmel war unter ihr, sie hing im Gurt.

Warum hatte Bamby es so verdammt eilig gehabt, dachte sie noch.

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