Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Fahrverbot
von Elke Kuehnel, 91460 Baudenbach (Deutschand)

Mein Onkel Johannes aus Brüssel
fuhr besoffen den Benz in die Düssel.
Das Auto zog man wieder 'raus,
doch mit dem Fahren ist es aus,
denn Tante Lou schloß ihn weg, den Zündschlüssel!

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Großmutters Tränen
von Clara Bruning, 46325 Borken (Deutschland)

Das saß! Worte können so verletzend seín. Auf beiden Seiten. Wir ließen nichts aus und schleuderten uns Dinge an den Kopf, die wir später zutiefst bedauern werden.
Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Der Zündschlüssel passte irgendwie nicht mehr ins Schloß und ich versuchte mit zitternden Händen zum wiederholten Mal, den Motor zu starten. Endlich gelang es! Das Auto bockte kurz und fuhr dann stockend los. Ich wollte nur weg - irgendwo hin, wo ich meine Gedanken sortieren konnte.

Christina, meine kleine liebe Christina! Tränen kamen hoch und machten das Fahren fast unmöglich. Vielleicht sollte ich doch besser irgendwo anhalten und erst mal zur Ruhe kommen...
Ich wollte meine Kleine in die Arme nehmen, sie trösten, ihr meine Hilfe anbieten. Sie wehrte abrupt alles ab, ließ mich nicht an sich heran. Ihre Augen sahen mir feindselig und verzweifelt entgegen. Mitleid war das letzte, was sie wollte. Dabei sah sie so verletzlich und hilflos aus. Warum hatte sie kein Vertrauen mehr zu mir? Warum diese bittere Entscheidung? Es hätte sich doch ein Ausweg finden lassen - es gibt immer eine Lösung!
Nun ist die Sache entschieden und nicht mehr rückgängig zu machen. Alles ist so endgültig. Ich kämpfe gegen die Tränen an. Aussichtslos!
Ein Kind. Mein Enkelkind! Das gibt es nun nicht mehr. Warum hat sie das getan?
Früher kam sie mit jeder Kleinigkeit zu mir, wir berieten gemeinsam und fanden immer einen Ausweg. Jetzt ist sie erwachsen und sucht alleine nach Lösungen. Das war keine gute Lösung.

Ich könnte verzweifeln und bringe ihr mein ganzes Mitgefühl entgegen. Wie einsam muß sie gewesen sein, als sie diese Entscheidung traf. Niemand, der ihr beistand, der andere Möglichkeiten ins Gespräch brachte. Der Vater des Kindes lehnte entschieden jede Verantwortung ab. Er ist verheiratet. So einfach ist das.
Ich schaffte es nicht mehr, weiterzufahren. Tränenströme nahmen mir die Sicht. Auf dem nächsten Parkstreifen brachte ich das Auto zum Stehen. Mein Kopf sank auf das Lenkrad und ich weinte hemmungslos meinen Kummer heraus. Nicht um mich, auch nicht so sehr um meine Tochter - um das Enkelkind, dem man keine Chance gab.

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Anna liebte diesen Zweitwagen nicht
von Ewald König, 82515 Wolfratshausen (Deutschand)

Anna liebte diesen Zweitwagen nicht. Aber Anton nahm ihr manchmal das Cabrio weg. Sie gab es ihm nur widerwillig, da er es ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.
Er nahm es, wenn er einen wichtigen geschäftlichen Termin hatte. Diese Termine kamen aber in der letzten Zeit immer häufiger vor. So mußte sie dann den Zweitwagen nehmen, den sie so haßte. Sie trauerte dann um ihr Cabrio, auf das sie für diesen Tag verzichten mußte. Aber auch diesmal ließ sie es geschehen. Sie blieb traurig zurück und fragte sich, wie sie nun bloß ihre Einkäufe machen sollte. Denn dieser Kleinwagen entsprach nicht ihrem Stil, nachdem sie nun einen attraktiven Job in einer renommierten Werbeagentur hatte.
Als sie vom Friseur kam, fuhr sie geradewegs zum Delikatessengeschäft. Sie stellte ihren Wagen, den sie so haßte, vor dem Geschäft ab und eilte hinein. Sie genoß den Einkauf. Doch mitten im Einkauf sah sie plötzlich eine Politesse ihren Wagen notieren. Sie ließ alles stehen und rannte hinaus. Sie stellte diese zur Rede. Doch diese wehrte sich:
- Sie stehen im Halteverbot und behindern den Verkehr!
- Ich behindere den Verkehr?, schrie Anna.
- Ja, Sie behindern den Verkehr!
- Ich behindere gar nichts, noch nicht mal irgendeinen Verkehr!
In ihrer Wut kramte sie in der Tasche. Sie schloss die Autotür auf, warf die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Die Politesse war überrascht, entsetzt. Beide Damen gerieten in einen heftigen Streit, Anna riß die Politesse an den Haaren. Inzwischen waren auch Annas Ehemann und eine Streife gekommen. Nun schrie Anna los:
- Ich behindere den Verkehr! Nichts behindere ich. Mit einer Scheißkarre muß ich fahren!
Anton versuchte sie zu beruhigen und mit der Polizei zu verhandeln. Schließlich einigte man sich, dass Anton mit Zweitschlüsseln das Auto wegfahren sollte. So könne man alles mit einer Verwarnung erledigen. Als aber Anna ihren Ehemann wegen der Zweitschlüssel fragend ansah, mußte sie Lippenstift in seinem Gesicht und einen eiligst gebundenen Schlips feststellen. Sie schrie:
- Wo warst du?
- Ich hatte mit Geschäftskunden zu tun, das weißt du doch, sagte er ruhig.
- Lüg’ mich nicht an, du Schwein! Ich wußte es doch!, schrie sie heulend.
Sie öffnete zitternd ihre Handtasche, grub in ihr und stach plötzlich mit der Nagelfeile auf ihn ein. Anton sank zu Boden. Kurz darauf stellte man seinen Tod fest und verhaftete Anna. So konnte wenigstens die Behinderung des Verkehrs endlich aufgelöst werden.

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Addio, Amore Mio
von Nicole Kroppen, 67227 Frankenthal (Deutschland)

Sie grinste zufrieden, als sie feststellte, dass er das Türschloss nicht ausgewechselt hatte. Wozu auch - sie hatte ihm die Schlüssel zur Wohnung ja zurückgegeben. Allerdings hatte sie sich vorher noch Kopien machen lassen.
Die Wohnung war penibel ordentlich, wie immer. Sie ging ins Wohnzimmer und lief mit ihren Straßenschuhen ein paar Mal genüsslich über seinen heißgeliebten Perserteppich. Ernst-Joachim würde einen Herzanfall kriegen, wenn er das sehen würde. Aber Ernst-Joachim war in Südfrankreich. Mit Janine, einer blonden Mischung aus Barbiepuppe und Granatenwerfer. Und wenn er in zehn Tagen zurückkam, würde er sich sehr, sehr freuen über seinen schönen teuren Teppich.

Sie füllte die Gießkanne und tränkte den Teppich mit Wasser, bis jeder Schritt kleine schmatzende Geräusche machte. Dann riss sie liebevoll-penibel alle dreißig Tütchen mit Kressesamen auf und verteilte die dunklen Kügelchen schön regelmäßig auf dem rotgemusterten dichten Flor. "Wachst schön, meine Kleinen", murmelte sie lächelnd.

Die Straße war still, als sie Ernst-Joachims Porsche aufschloss, hineinglitt und zum Reitstall hinausfuhr. Auch der Hof und die Ställe schienen verlassen und in der Mittagshitze zu dösen. Weit hinten hörte sie das eintönige Dröhnen der Jauchepumpe. Sie drückte einen Knopf und summend faltete sich das Verdeck auf. Im Schritttempo fuhr sie zur Scheune hinüber. Zwei Pferdeköpfe reckten sich aus einer Stalltür und blickten ihr in der Hoffnung auf etwas zu Naschen nach.

Hinter der Scheune beförderte die Pumpe rumpelnd Jauche in die Grube. Sie stellte das Auto neben der Grube ab, nahm ein Paar dicke Gummihandschuhe vom Rücksitz und zog sie an. Den Schlüssel zog sie ab und warf ihn auf den Boden vor dem Fahrersitz.

Der Gestank der Jauche war überwältigend, scharf und übelkeiterregend. Sie hielt die Luft an, als sie den Schlauch aus der Grube zog und ihn, weit von ihrem Körper weg haltend, über die Beifahrertür ins Auto hängte.

Befriedigt sah sie zu, wie die schwarzbraune stinkende Brühe langsam über den Teppichboden des Autos floss, durch die Türritzen quoll und sich den Ledersitzen näherte. Die liebe Janine würde in diesem Porsche nicht mehr sitzen wollen, das stand fest.

Sie lächelte, zog die Handschuhe aus und warf sie auf den Rücksitz. Dann drehte sie sich um und ging.

Die beiden Pferde schauten ihr aufmerksam nach.

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rotschwarz
von Thomas Ritter, 06618 Naumburg (Deutschand)

...und es war kalt, ihre Hände zitterten, kein klarer Gedanke, nur Flucht, diese verdammte Flucht, wieder und wieder hatte sie in ihren schlaflosen Nächten jene Variante durchgespielt, die dann am Morgen in diese eine Unbedeutsamkeit versanken, um die nächste Nacht wieder zu quälen. Es war als ziehe sie diese Gedanken an, magnetisch rot-schwarze Gedanken, Unheil vorausahnend, ohne den Faden, in den sie sich verstrickte, aufzutrennen. Geräusche? Kommt da jemand? Sie hörte ihr Herz schlagen, als schlüge eine Bande idiotischer Halbstarker auf die Motorhaube, sie konnte hier nicht bleiben, ...
Das spärliche gelbe Licht zerschlagener Garagenlampen tropft auf den Beton, sie kann sie hören, laut tropft das Licht herunter, sie will schreien, verkriecht sich wie ein Kleinkind vor sich selbst, wieder Geräusche, angstzitternd sucht sie den Autoschlüssel, er ist nicht zu finden, wo ist er ? verdammt, diese schreiende Stille, weg von hier schnell, weg einfach an nichts anderes denken und die dunkle Seite hinter sich lassen...
Der Wagen sprang nach kurzem Zögern an, als wolle er sie nicht fahren lassen, als Teil jener Verschwörung, derer sie sich verfolgt glaubte...Gleißendes Licht springt gegen ihre Augen, als der Wagen die Tiefgarage zum Nordausgang verlässt...taghell, geblendet, folgt mir keiner? Der gelbe Wagen fährt dicht auf, was will der? Gas geben, schneller, gerade noch bei Gelb über die Kreuzung...rechts, links, am Besten nur noch Gas geben...

... der Autoschlüssel fällt ihr aus der Hand, als die Haustür hinter ihr zuschlägt...aufatmen, zu Hause, sicher,....

....und allein.

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