Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Der neue Wagen
von Werner Hardam, 38667 Bad Harzburg (Deutschand)

Sie starrte ihn an: "Was ist das für ein Wagen? Wo hast du ihn her?"
Er grinste: "Ich habe ihn gekauft."
"Was?"
"Heute morgen. Das Angebot war günstig: PS, Ausstattung, Benzinverbrauch..., alles prima."
"Aber so ein Wagen kostet doch viel Geld!"
"Ja, er ist nicht ganz billig. Aber es lohnt sich."
"Wovon hast du ihn bezahlt?"
"Vom Kredit, den uns die Bank bewilligt hat."
Sie riss die Augen auf: "Von unserem Kredit?"
"Ja, wir hatten das doch abgesprochen."
"Aber doch nicht für einen solchen Wagen! Wir waren uns einig, dass es ein kleiner Gebrauchtwagen sein sollte."
"Einig? Du wolltest das, ich nicht. Die Gebrauchtwagen, die mir gezeigt wurden, gefielen mir übrigens nicht, sind zu alt und reparaturanfällig. Da ist doch so ein Auto, wie das da, etwas ganz anderes. Der Wagen wird uns Spaß machen."
"Spaß? Dir vielleicht! - Wir haben das Geld nicht dafür! Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Kredit reicht."
"Tut er auch nicht."
"Und wovon willst du den Rest, der noch fehlt, bezahlen?"
"Wir werden den Rest in monatlichen Raten abbezahlen. Ich habe das schon mit dem Händler, der mir den Wagen verkauft hat, durchgerechnet. Wir schaffen das - gerade so."
"Was?" Ihr Gesicht lief rot an. "Unsere letzten Ersparnisse für ein zu großes Auto hergeben? Du spinnst wohl. Du bringst sofort den Wagen zurück! Ich will das nicht." Sie stampfte mit dem Fuß auf. "Was du gemacht hast, haben wir nicht abgesprochen."
Er zögerte, überlegte, dann schüttelte er den Kopf. "Zu spät", sagte er. "Es ist alles erledigt! Ich habe den Wagen bereits bei der Zulassungsstelle angemeldet."
"Wie konntest du nur? Was hast du dir dabei gedacht?"
"Dass du dich freust! Es sollte eine Überraschung sein! - Weißt du was? Setz dich doch mal rein und fahre. Der Wagen wird dir gefallen." Er drückte ihr die Wagenschlüssel in die Hand.
Sie ging tatsächlich zum Wagen. Aber was machte sie da? Er verstand es nicht. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Dann drehte sie sich zu ihm um: "Nun?"
Tja, was sollte er tun? Er wusste nicht weiter. Unschlüssig ging er um den Wagen herum. Weiber, dachte er. Warum sind sie so ganz anders als wir Männer?

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nach haus
von Thomas Neu, 69115 Heidelberg (Deutschand)

ich schlag die autotuer zu
und keiner kommt mehr rein
von nun an lasst mich in ruh
ich will für mich alleine sein

du hast mich im innersten getroffen
das ist ganz sicher das aus
da gibt es nichts mehr zu hoffen
den motor an und auf nach haus

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Naheliegendes
von Sebastian Barteleit, 12175 Berlin (Deutschland)

Mit stoischem Gesicht sah sie zu wie er sich zum Gehen bereit machte, seine Jacke überzog, die Tasche nahm und sich der Tür zuwandte.
Aber so konnte es doch nicht jedes Mal enden, empfand er denn gar nichts dabei, war es für ihn nur ein Job wie jeder andere, mal schnell ein paar Euro und fertig. Und sie? Dachte er denn jemals an sie, wie sie hier saß und an seine kurzen Besuche zurückdachte, ihre langen Abende mit seinem Bild vor Augen, wie er sich vorbeugte, seine Arbeit tat? Vermutlich nicht, nein, Männer sind so gefühllos – so, so grob. Und dennoch hatte er schöne und gefühlvolle Finger, die er immer wieder virtuos, zärtlich und mit großem Gewinn bei seiner Arbeit einsetzte. Aber jetzt – war das alles, ein kurzer Händedruck, ein "auf Wiedersehen" und die fünfzig Euro auf die Hand? Es ist doch so erniedrigend!
Die Tür schloss sich hinter ihm und sie machte ihren Gefühlen Luft, zitternd sackte sie zusammen. Das Haus schien zu groß, zu leer. Doch sie würde ihn wiedersehen. Sie ging aus dem Haus zur Garage. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Ein Griff zum Telefon und sie würde ihn wiedersehen.

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Der Fortbewegungsapparat
von Vera Schumacher, 41569 Rommerskirchen (Deutschland)

Nie wieder wollte sie mit diesem Auto fahren. Es war ihr auch egal, ob der Wagen nun ewig dort stehen blieb. Sollte er doch vergammeln! Vielleicht dauerte es ein paar Wochen oder Monate, bis auffiel, dass er schon sehr lange dort stand und er wohl keinem gehörte. Das Gefährt hatte noch nicht mal eine auffällige Farbe, ein schlichtes beige und keine besonderen Merkmale. Vermissen wird sie die Bequemlichkeit durch ihren Wagen bestimmt nicht, denn sie muss doch ein Opfer bringen, um ihr Ziel zu erreichen.
"Gut gemacht!" sagte ihre Freundin Mira, die das ganze Treiben beobachtet hatte. "Das ist schon ein guter Anfang!"
"Du hast Recht! Dann kann´s ja losgehen!" Janette schüttelte überzeugt ihre schwarzen Haare aus dem Gesicht, stemmte ihre Hände auf die Speckrollen ihrer Hüften und zwinkerte Mira freundlich zu. Janette hatte sich vorgenommen, ab sofort jede Strecke, die zurückzulegen war, mit ihrem neu erworbenen City-Bike zu unternehmen: sie wollte damit zur Arbeit fahren, zum Einkaufen, überall hin, egal wie weit es entfernt war. Nur so können die Kilos purzeln, hoffte Janette. Sie schwang voller Elan ihre Wackelpudding-Stempel auf die Pedale ihres neuen Fortbewegungsapparates und winkte zum Abschied ihrer besten Freundin.

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... was soll denn das für ein Satz sein?
von Klaus Brandt, 47506 Neukirchen (Deutschand)

"Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu."
Der Lektor warf das Typoskript auf den gerade eingedeckten Tisch und kramte in seiner Sakkotasche nach dem Feuerzeug.
"Was soll denn das für ein Satz sein?" fragte er den jungen Autor, der aber auf eine solch schlichte Frage keine Antwort wusste und einen gespielt flüchtigen Blick auf sein eigenes Typoskript warf, so als gelte es sicherzustellen, dass es sich auch um einen seiner Sätze handelte. "Na ja," sagte er verlegen, "ein Satz eben."
Der Lektor nahm das Typoskript wieder zu Hand, las es den Satz noch einmal, und blies einen verächtlichen Lungenzug darüber. "Schauen Sie", versuchte er es väterlich, "so kann man doch nicht anfangen. Früher, da hat man so geschrieben. Da musste alles verschlüsselt sein. Kryptisch. Nur ja keinen Sinn. Oder eben endlos episch. Es gab Zeiten, da hörte sich jede Kurzgeschichte an wie ein Abiturvorschlag. Was sind Sie? Schriftsteller oder Buchhalter des Banalen?"
Für den Augenblick wusste der Schriftsteller auch darauf keine Antwort.
"Mit so einem Satz", der Lektor hatte das Typoskript wieder auf den Tisch geworfen, "mit so einem Satz, da können Sie bei Heyne unterkommen. Oder Bastei. Selbst die Rowolthleute nehmen heute so was. Aber bei Fischer, mein Lieber, bei Fischer können Sie damit nichts werden."
Während der ganzen Zeit stand eine junge Bedienung mit aufgeschlagenem Bestellblock neben dem Lektor. Dieser hatte die Hand, die den Block hielt, gegriffen, und so die junge Frau am Weggehen gehindert. Wollte der Lektor, dass sie zuhörte? Oder wollte er durch das Halten der Hand verhindern, dass die Bedienung den Satz auf ihrem Bestellblock notierte? War er denn so schlimm, dieser Satz? Auch darauf wusste der Autor keine Antwort.
Der Lektor las den Satz noch einmal. Danach blickte er zu der Bedienung auf, und damit diese in Ruhe nachdenken konnte, ließ er ihre Hand frei. "Wie kommt die Frau eigentlich wieder in ihr Auto, wenn sie die Tür aufgeschlossen und die Schlüssel auf den Sitz geworfen und die Tür von innen verriegelt und sie dann zugeschlagen hat?", wollte das Mädchen wissen.
Dem Lektor froren die Gesichtszüge ein. Er hatte nichts Intelligentes erwartet, aber insgeheim doch gehofft, die Kleine würde dem Satz nicht so weit entgegenkommen.
"Ja", sagte er, den Blick von der Bedienung lösend, an den Autor gewandt. "Genau. Wie eigentlich?"
Aber auch darauf wusste der Autor keine Antwort.

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