| Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: |  | Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Entscheidung von veronika, 85416 Langenbach (Deutschland) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Dann drehte sie sich um und ging auf den Aufzug zu, der sie wieder ans Tageslicht brachte. Als die Türen sich öffneten, fühlte sie die Sonne auf ihrem Gesicht brennen. Ihr schöner Wagen. Für ihren Mann das Statussymbol schlechthin. Nun gab es kein Zurück mehr. Alles war geregelt, den Zweitschlüssel und die restlichen Papiere hatte sie spontan an einen sympathischen Fremden verschenkt, da sein Wagen nicht mehr ansprang und ihm den Standort ihres Autos genannt. Sie ging los. Ein Gefühl der Freiheit umflog sie. Komisch, dass sie ab jetzt keine Verpflichtung mehr haben sollte. Einfach losleben, hineinleben, wirklich leben. Plötzlich schreckte sie auf aus ihren Gedanken. Sie spürte nasse Wassertropfen auf ihrer Haut und als sie an sich herab sah, bemerkte sie, dass ihr teueres schwarz-weißes Kleid unten an der Spitze einen Schokoladenfleck aufwies. Vor ihr stand ein kleiner Junge, in der einen Hand hielt er sein Schoko-Eis und in der anderen eine kleine Wasserpistole. Er sah ganz verzweifelt aus, und versuchte sich unbeholfen zu entschuldigen. Das macht doch nichts, winkte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Sie stand aus der Hocke auf, strich dem Kleinen über seinen Wuschelkopf und ging in den Teil des Parks, der etwas ruhiger schien. Es war noch keine Stunde her und schon bemerkte sie eine Veränderung an sich. Was hätte sie sich früher über diesen kleinen Schokofleck aufgeregt, dachte sie und schüttelte den Kopf. Die Vögel zwitscherten ihr Frühlingslied und die Blätter der Bäume raschelten. Alles enthielt die gleiche Botschaft: Es war die Zeit gekommen, zum Leben zu Erwachen. Genauso fühlte sie sich. In ihrem ganzen Körper spürte sie eine kribbelnde Wärme und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so zufrieden, gelassen und glücklich gefühlt hatte. Ihre Füße leiteten sie zu einer Bank mittlerweile lief sie barfuss, ihre schönen Guccischuhe hatte sie einer Frau mit drei Kindern geschenkt - ,auf der ein nachdenklicher Mann saß. Als sie sich neben ihn setzte, sah er sie an und sie sagte zu ihm: Ich habe es getan. Er schloss für einen Moment seine Augen. Das ist schön, lächelte er. Wer war das? Er deutete auf den Schokofleck. Ach das, antwortete sie und lächelte geheimnisvoll. Das hier, war das Leben. Dann legte sie ihren Kopf an seine Schultern, und er nahm ihre Hand in seine. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Regentropfen im Gesicht von Jessica Kasper, 31688 Nienstädt (Deutschland) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
Die Regentropfen liefen ihr in kleinen Bahnen immer schneller werdend das Gesicht hinunter. Mit einer energischen Handbewegung wurden sie jedoch daran gehindert von ihrer Oberlippe auf ihr Kinn und von da aus in den ewigen Tod auf die Fussmatte zufallen, wo sie von dem groben Filzstoff aufgesogen und zerstört worden wären. Doch das Schicksal der Regentropfen kümmerte sie nicht. Sie sah in den Rückspiegel, lachte gequält über ihr verschmiertes Gesicht, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und fuhr los. Sie fuhr erst langsam und vorsichtig. Doch begann sie nach einigen Minuten zu beschleunigen. Sie genoss ihre Schnelligkeit, die Freiheit auf den leeren, regennassen Straßen und das Gefühl voranzukommen, nie mehr stehen zu bleiben, sich ewig fortzubewegen und von nichts aufgehalten zu werden. Sie war frei. Und es war nicht leicht gewesen. Sie erreichte eine Kleine Stadt auf dem Land und verlangsamte das Tempo, sie fuhr und fuhr auch nicht, denn sie schaute aus dem Fenster und es schien als nähme sie jedes kleinste Detail in sich auf, um es nie mehr loszulassen. Dann hielt sie an. Als sie ausstieg ging sie mit weichen Knien auf ein rotes, altes Backsteinhaus zu. Plötzlich erinnerte sie sich an die Regentropfen in ihrem Gesicht. Viele waren schon weggetrocknet, doch die letzten Rinnsale, die aus ihren Haaren flossen nahm sie sachte mit den Fingern auf und setzte sie auf ein großes, grünes Blatt, wo sie sich in einer Pfütze aus vielen Tropfen tummeln konnten. Sie lächelte und schloss mit einem ungewissen aber glücklichen Gefühl zum ersten Mal die Haustür ihrer ersten eigenen Wohnung auf. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Streit von Marianne Wolerts, 50825 Köln (Deutschland) Sie trafen sich oben auf dem Berg "So, das ist also dein neues Auto?" Sie ging um das Auto herum und bewunderte die Form der Kotflügel. "Ja, es hat fünfundsiebzig PS und ist von Null auf Hundert..." "Auf Hundert bin ich auch - nein, eher auf Tausend, sag mal hast du 'nen Knall - Wir haben kein GELD mehr und die nächste Miete ist auch nicht sicher! Du bist wohl nicht ganz richtig im Kopf - weißt du denn nicht mehr wieviel Mühe uns die neue Wohnung gekostet hat?" Er murmelte was von Leasingvertrag und Schnäppchen und gab ihr den Schlüssel. "Fahr ihn doch erstmal es ist ein schönes Auto - ich hab auch extra deine Lieblingsfarbe gewählt." Sie war so wütend, daß ihr aber auch gar nix mehr einfiel "Ich weiß nicht was ich dazu noch sagen soll" - Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie von außen wieder zu." Jetzt kannst du dich mit deinem neuen Wagen beschäftigen, ich hoffe er ist unterhaltsamer als ich - sagte sie gehässig und wollte gehen. - Er hielt sie am Arm auf. "So kommst Du mir nicht davon" sagte er und warf sie auf die Motorhaube. "Du magst also mein neues blaues Auto nicht und Du meinst ich liebe Dich nicht, weil ich einen Augenblick nicht an unsere finanzielle Situation gedacht habe." - "Jaha und mit Recht" "Ach komm schon, lass uns nicht mehr streiten und überlegen, wie wir wieder in das vermaledeite Auto kommen" "hmmmmmmmmmmm" "Ich zeig dir dann auch die Innenausstattung" "hmmm hier auf der Motorhaube gefällt mir dein Auto auch ganz gut" "Ach ja?" "Sag mal hast du die Handbremse Angezogen ich glaube er rollt" "Ach Quatsch, der rollt nicht er schaukelt, nein du hast recht er rollt, schnell runter hier" Der Wagen rollte die abschüssige Strecke hinunter und endete mit einem Knall an der großen Erle. Sie schauten sich das Desaster Arm in Arm an.
Sie: "War er versichert?" Er: "Ich weiß nicht" Sie: "Die neue Wohnung war eh zu groß" Er: "Und blau ist sowieso nicht deine Lieblingsfarbe" Sie: "Hauptsache Du warst nicht drin" Er: "Ich liebe Dich" Sie: "hmmmm" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Helene von Barbara Kuhrau, 10551 Berlin (Deutschland) "Helene gefällt mir nicht. Wir sollten heute nachmittag mit ihr zu Doktor Müller fahren." Eigentlich hat Rita viel zu viel zu tun, heute nachmittag. Die Wäsche wartet und Pflaumen müssen eingekocht werden. Von Tina ist wie immer keine Hilfe zu erwarten. Sie sieht ihre Tochter prüfend an. "Du bist blaß!" An den grünen Irokesenschnitt wird sie sich nie gewöhnen. Wie ein Hahnenkamm. Und dieser Ring durch die Oberlippe, mußte das sein? Was ist aus ihrer niedlichen blondlockigen Tina geworden? "Ich mach mir wirklich Sorgen um Helene," sagt Tina, "sie hat den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen." Rita seufzt. "Also gut! Wenn du meinst! Fahren wir!" Sie nimmt die Autoschlüssel vom Schlüsselbrett im Flur. Tina trottet ihr nach, der Ärmel ihres alten Pullovers beult sich auf ihrem Unterarm. Sie steckt die Finger hinein, krault die Beule und murmelt "Wird ja alles gut Helenchen, wir fahren jetzt zum Doktor." Rita seufzt. Verdammt, jede Ampel rot! Die Pflaumen kann sie heute vergessen. Tina sitzt neben ihr auf dem Beifahrersitz. "Gib Gas Mama, sonst kommen wir zu spät und der Doktor hat zu." "Du bist gut, du siehst doch, es geht nicht schneller!" Die Schlange Autos vor ihr stockt, fährt an und stockt wieder. Und alles wegen dieser Helene, die sie sowieso auf den Tod nicht leiden kann. Vielleicht sollte sie den Doktor fragen, ohne daß es Tina hört, ob er sie nicht erlösen...?" Endlich das gelbe Haus mit der Praxis kommt in Sicht. Nun muß sie nur noch einen Parkplatz finden. Rita stellt sich in die Einfahrt und stellt den Motor aus. "Bleib sitzen, Tina, ich gehe schnell hinein und frage den Doktor, ob wir heute noch rankommen." Sie läßt den Schlüssel stecken und schlägt die Autotür zu. Tina wartet ein paar Minuten und krault die rosa Öhrchen in ihrem Ärmel. Dann steigt sie aus, zieht die Schlüssel ab, drückt die Fensterknöpfe nach unten und schließt die Türen des alten Golfs. Läuft unruhig auf und ab. Die Beule in ihrem Ärmel wandert zu ihrem Handgelenk. Ein Näschen schnuppert, rosa Pfötchen klammern sich an ihrem Pullover fest. Die weiße Ratte klettert ihr auf die Schulter und legt ihr den nackten Schwanz um den Hals. "Dir geht’s besser Helenchen?". Sie schließt die Autotür auf, wirft die Schlüssel auf den Sitz, verriegelt die Tür von innen und schlägt sie zu. Dreht sich um und geht. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Zwischenzeit von Rico Bangert, 70188 Stuttgart (Deutschland) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Sie drehte sich zur Straße um. Der Wind wehte von allen Seiten und ließ ihr Haar in Strähnen über ihre Augen schlagen. Sie hatte das Gefühl, jemand müsste sie so sehen, wie sie jetzt war, schön und lebendig, sie hatte einen Beobachter verdient. Ein Wagen brauste an ihr vorbei, in dem zwei Gestalten saßen, in bunte Daunenjacken vermummt und seltsam gesichtslos hinter den verdunkelten Scheiben, vermutlich Kurgäste, unmöglich, solche Leute anzuhalten und auch nur nach dem Weg zu fragen. Der Wagen schoss vorbei und hinterließ Dieselgeruch, ansonsten war die Straße leer. Gegenüber war ein Café, in dessen Schriftzug über dem Eingang der zweite Buchstabe fehlte, als herrschte in dieser Straße ein Mangel an Vokalen. Oder es bedeutete nur, dass die Inhaber ihren eigenen Namen vergessen hatten, Bandler, Bendler, Bundler, sie wussten ihn nicht mehr und es spielte auch keine Rolle.
Sie bestellte einen Espresso und stellte ihr Handy an und der Espresso kam schneller, als sie die Geheimzahl eintippen konnte, eine winzige Tasse, Kindergeschirr, dachte sie, während ihr Handy freundlich aufleuchtete, wahrscheinlich wurde der Kuchen hinter der Theke in mundgerechte Stücke geschnitten. Der Kellner, der ihr die Tasse wortlos brachte, trug ein blütenweißes Hemd, ein Italiener mit dunkler Haut, viril, mit breiten Handgelenken und schwarzen Härchen bis zu den Fingerknöcheln. Man hatte ihn hier eingesperrt, um die Kurgäste aufzumuntern, um ihnen ein Café im Süden vorzugaukeln, während draußen der Herbstregen gegen die Scheiben sprühte und den Park durchnässte und unbegehbar machte. Sie fragte nach Zigaretten. Der Kellner schüttelte den Kopf und sagte leise Haben wir nicht... und bat mit einem Lächeln um Verzeihung. Woher kommen Sie? fragte sie und hielt seinem Blick stand. Aus Murcia... antwortete er wie selbstverständlich. ...in Italien? Nein, nein... Murcia! wiederholte der Kellner und drehte ihr seinen breiten mit Segeltuch bespannten Rücken zu.
Robert war nicht zuhause oder nahm den Hörer nicht ab. Sie ließ es lange klingeln, bis die Ansage-Stimme ihres Handys erklang und behauptete, der angewählte Gesprächspartner sei nicht erreichbar. Sie wusste es besser. Notfalls würde sie vor seiner Wohnung warten und ihn abfangen und dann wäre er in der Pflicht, eine Lösung zu finden. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |