Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Einer der vielen Küsse
von Ilse Holzner, 94036 Passau (Deutschland)

Es war nur ein Zufallskuss gewesen, aus einer Laune gegeben und empfangen. Er hatte nach Wärme geschmeckt und nach Fröhlichkeit, aber da war noch etwas, eine vage Erinnerung, die weit zurücklag und sich nicht greifen ließ. Mit dem Kuss selbst hatte dieses nicht greifbare Gefühl wenig zu tun und das Gesicht der Frau löste sich in viele Gesichter auf, sobald er versuchte, sie zu sehen, aber das störte ihn nicht. Es war nur dieser bestimmte Geschmack, den er festhalten wollte. Er war weder traurig noch enttäuscht, während er aus seinem weichen Sofa kroch, nur nachdenklich. In dieser Stimmung ging er aus dem Haus. Vom nahen Flußufer hörte er die Stimmen spielender Kinder, und anstatt den direkten Weg zu seinem Geschäft zu nehmen, ging er in Richtung Fluß. Auf der Wiese spielte eine Horde Kinder Fussball ohne Regeln. Die Buben waren noch nicht im Schulalter, aber sie kämpften verbissen um den Ball, als ob sie ausgewachsene Profispieler wären. Die Mütter saßen am Rand des Spielfeldes und unterhielten sich angeregt. Nur ab und zu stand eine von ihnen auf und kickte einen Ball zu den Spielern zurück. Plötzlich entstand mitten auf der Wiese ein Knäuel von Kinderkörpern. Die Frauen sahen besorgt auf, blieben aber sitzen, bis sich ein humpelnder Junge von den anderen Spielern entfernte. Die Mutter stand auf und ging ihm entgegen, bis zu dem Weg, wo sie sich trafen, der Mann, die Frau und das Kind. Sie nahm ihren Sohn in die Arme, küsste ihn und lachte dabei. Nach einer Weile wischte sich der Junge die Tränen aus den Augen und lief zu seinen Spielkameraden zurück. Die Frau richtete sich auf und sah den Mann an. An dem Flackern ihres Blickes glaubte er ein Wiedererkennen zu bemerken, doch dann sah sie nur auf den Weg vor sich und ging zurück zu den anderen Frauen.

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Herbststimmung
von Ingrid, 22527 Hamburg (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Gschmack durchfuhr ihn noch immer, wenn er nichts anderes zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Warum habe ich sie nur fortgeschickt? Diese Frage stellte er sich nicht zum ersten Mal. Warum? Ein wehmütiger Schmerz durchfuhr ihn, als ihr Bild vor seinen Augen auftauchte. Er konnte immer noch ihre Stimme hören, ihr Lachen. Noch immer spürte er ihr weiches Haar, ihre weiche Haut auf seiner und noch immer konnte er ihren Duft riechen. Warum? Er hatte lange darüber nachgedacht, bevor er sich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte. Es war ihm nicht leicht gefallen, aber er beschloß, daß ein weiteres Zusammensein mit ihm nicht zuzumuten sei. Es ging nicht. Er war nicht mehr der, der er einmal war und er würde es auch nie wieder werden. Nie mehr! Verbittert schlug er mit den Fäusten gegen die Scheibe. Wieder und wieder, bis er nicht mehr konnte. Erschöpft und resigniert lies er die Hände fallen.
Draußen im Park spielte der Wind wütend mit allem, was ihm im Weg war. Er peitschte den Regen an das Fenster und lies die Blätter nach seiner Laune durch die Luft tanzen. Mal links herum, mal rechts herum, wie es ihm gerade gefiel; und sie konnten nichts anderes tun als zu gehorchen. Genauso geht es mir auch. Mit mir könnte der Wind genau das Gleiche machen und ich könnte mich nicht wehren.
Was habe ich nur falsch gemacht? Der Einsatz war doch bis aufs i-Tüpfelchen geplant!
Einer, ein junger Kollege, drehte durch, als zwei der Verdächtigen ihre Waffen zogen. Stimmen überschlugen sich, Schüsse fielen, eine Kugel traf ihn in der Nähe der Wirbelsäule; zwei Wirbel wurden verletzt und die Aussicht auf eine vollständige Heilung war denkbar schlecht.
Nie wieder werde ich meine Beine gebrauchen können! Ich mußte sie fortschicken! Es war besser so. Sie hatte geweint und ihn gebeten es nicht zu tun. Sie hatte sich an die Hoffnung geklammert, daß er es schaffen würde. Doch nach all den Monate hatte sich keine Besserung gezeigt.
Manchmal wünschte er sich sie wäre noch bei ihm. Wie in diesem Augenblick, wenn alles so trostlos war. Sie gab ihm Kraft und etwas von ihrer Hoffnung übertrug sich auf ihn. Alles war viel leichter zu ertragen in ihrer Nähe. Doch es wäre nicht fair gewesen sie noch länger an ihn zu binden. Zu lieben heißt auch loslassen zu können. Bei einem anderen würde sie das Glück finden, das ihr zusteht, bei mir wäre sie nur die Pflegerin, dachte er.
Schritte hinter ihm rissen ihn aus seinen Gedanken.

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Contretemps d'amour
von Matthias Grabow, 70469 Stuttgart (Deutschland)

Polonius Neugebauer, der Zeitreisende, nahm seinen Heimaturlaub im November. Ein paar Wochen ausspannen von der Geschichte, die für ihn immer nur Vergangenheit ist, nicht auch Zukunft, wie für die meisten anderen. Er geht durch die Straßen, auf der Suche nach einem Ort zum vergessen, er passiert ein Paar, das sich küsst und gar nicht wieder aufhören mag, Müllmänner, die Postsäcke auf ihre Wagen werfen, Architektur, die aussieht, als suche sie etwas und wisse nicht, was. Die freien Tage sind die schlimmsten, weil sie die leersten sind, weil sie Gegenwart sind. Für einen Zeitreisenden. Wenn auch das, was erst kommen wird, schon Erinnerung ist, wird der aktuelle Moment zum Nichts, das Dasein zum schalen Überdauern. Wie gerne hätte er einen Menschen, mit dem er die Gegenwart teilen kann, bei dem er geerdet ist, an den er im sechzehnten Jahrhundert genauso denkt wie im vierundzwanzigsten. November: Nachdem jemand das erste Requiem komponiert hatte, erfand Gott diese Jahreszeit. Nebel und dies ganze Zeugs; auf einer Verkehrsinsel steht einer, Rilke rezitierend, brüllt die Verse gegen den Lärm anfahrender Automobile. Was heißt es schon, ein Haus zu haben, oder kein Haus zu haben. Auf seinen Reisen fängt er selten Liebschaften an, die Satzung für Zeitreisende sieht das nicht vor, kein Fall bekannt zudem, bei dem es einmal gut ausgegangen wäre. Für beide Beteiligten. Die Menschen wollen doch immer etwas von einander wissen, bevor sie anfangen, Zuneigung für einander zu empfinden. Was hätte er diesem Mädchen erzählen sollen? Dasselbe, was Marlon Brando Maria Schneider in Paris einst sagte? Es ist verboten, Fragen zu stellen. So entsteht keine Liebe. Allenthalben: Contretemps d’amour. Er hat dieses Mädchen geküsst – im Jahre dreitausendvierhundertachtzehn. Hat seine Zungenspitze über den Speichel auf ihrer Zunge gleiten lassen und über ihre Lippen, dass es sie kitzelte. Was bleibt, ist eine Erinnerung, eine Erinnerung an eine Zukunft, die er nie erleben wird. Der Geschmack dieses Kusses durchfährt ihn von Zeit zu Zeit. In einem Café bestellt er Cognac. Um zu vergessen.

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Füreinander bestimmt
von Marie-Luise Wendland, 44805 Bochum (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.
Er wollte an dem See relaxen. Dann sah er sie. Sie steuerte direkt auf ihn zu.
Ein Mädchen wie von der Titelseite des Playboys. Er sah die langen braunen Beine, eine schmale Taille und den schönen Busen, garantiert siliconfrei.
Braune Locken umspielten ihr schmales Gesicht. Der knallrote Bikini passte wunderbar zu ihr.
Sie setzte sich nicht weit von ihm ins Gras und lächelte ihn an. Schüchtern und herausfordernd zugleich. Er sah ihre braunen Augen, nein golden waren sie, und ihren Mund mit den wunderschön geschwungenen Lippen. Seiner Aufforderung, sich doch zu ihm zu setzen, kam sie sofort nach. Ganz nah war sie ihm jetzt. Und wieder dieses undefinierbare Lächeln. Die Schmetterlinge in seinem Bauch hörten gar nicht auf zu flattern. Plötzlich lagen sie sich in den Armen und küssten sich. Ein Kuss, der nach Sommer, Sonne, Wind und Honig schmeckte. War das ein Traum? . Doch dann wurde er in die Wirklichkeit zurückgeschleudert.( Selbstironisch sagte er später zu sich, dass er seitdem an einem Schleudertrauma leide). Abrupt löste sie sich aus seinen Armen, stand auf und ging. Sie ging, ohne sich nur einmal umzudrehen. Wie gelähmt saß er da. Er wollte sprechen, ihr nachrufen, doch er blieb stumm.
Nun kam er jeden Samstag hierher und erwartete sie. Heute war es wohl das letzte Mal. Dann würde er aufgeben. Plötzlich war sie da, setzte sich zu ihm und erzählte eine fast unglaubliche Geschichte.
Sie war Krankenschwester und hatte sich in ihre Oberärztin verliebt. Dass sie selbst lesbisch ist, hätte sie nie geglaubt. Ein wenig erschrocken war sie schon. Sie wurde die Geliebte dieser Frau und war glücklich. Doch suchte sie immer noch nach ihrer Identität. Ihn hatte sie schon öfter am See gesehen und nahm sich vor, ihn zu küssen, um zu spüren, was bei dem Kuss eines Mannes in ihr vorging. Mit ihren 18 Jahren hatte sie noch keine Liebschaften gehabt. Die Ärztin war ihre erste Liebe. Nach dem Kuss ging sie zurück zu ihrer Geliebten und war fast sicher, dass sie nur Frauen lieben würde. Doch immer öfter musste sie an den Kuss am See denken. Die Küsse und Umarmungen ihrer Geliebten gefielen ihr immer weniger. Sie beendete diese Beziehung.
Eben noch rechtzeitig, an einem der letzten Sommertage, kam sie zurück zum See.
Nun lagen sie sich in den Armen und hatten das Gefühl, sich nie wieder loslassen zu wollen.

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Von den Freuden der Sehnsucht
von Andrea Geilen, 10999 Berlin (Deutschland)

Während er
Abend für Abend
nichts tut
und da liegt
und sich erinnert
voller Sehnsucht
nach dem Geschmack
ihres einzigen Kusses......

sitzt sie
Abend für Abend
zu hause
und wartet
und hofft
voller Sehnsucht
vergeblich
auf seinen Anruf......

So geht das seit Wochen.

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