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Zeichensetzung: Schreibt man Gedanken in Anführungszeichen?

»Denke ich mit Anführungszeichen?«
Denkt der Autor in Anführungszeichen?

Immer, wenn ich die korrekte Zeichensetzung bei wörtlicher Rede erläutere, kommt die Frage: »Schreibt man Gedanken auch in Anführungszeichen?« Ich bin irritiert, denn mir hat sich diese Frage nie gestellt. Dennoch soll sie hier beantwortet werden. Kann ja nicht schaden, denke ich.

Lernt man das so in der Schule?

Bevor ich in Seminaren die Frage »Schreibt man Gedanken auch in Anführungszeichen?« beantworten kann, grätscht meist ein anderer Teilnehmer sofort dazwischen: »Klar! So lernt man das ja auch in der Schule.«

In welcher Schule warst du denn?, denke ich dann, und jemand anderes sagt: »Nein, Gedanken werden nicht in Anführungszeichen gesetzt, sonst kann man sie ja von der wörtlichen Rede nicht unterscheiden.« Und dann wird munter das Für und Wider diskutiert. Irgendjemand höre ich dann noch sagen: »Natürlich Anführungszeichen, denn schließlich sind Gedanken eine Art Gespräch mit sich selbst!«

Tatsächlich haben mir viele Menschen versichert, sie hätten im Deutschunterricht gelernt, dass man Gedanken in Anführungszeichen setzt.

Doch nie habe ich in einem Roman etwas gelesen wie:

»Ich habe Hunger«, dachte er, »dort ist eine Bäckerei, in der ich mir etwas kaufen könnte.«
»Ganz schön warm hier«, dachte er, als er den Laden betrat.
»Ich hätte gerne ein belegtes Brötchen«, sagte er zum Bäckereifachverkäufer.

Anführungszeichen: Was sagt der DUDEN?

Doch fangen wir bei der Klärung der Frage bei der sprachlichen Instanz an: dem DUDEN.

Der DUDEN kennt zwei Anwendungsgebiete von Anführungszeichen:

  • Bei wörtlicher Rede und Gedanken (DUDEN-Regeln, Kennziffer 7)
  • Zur Hervorhebung (DUDEN-Regeln, Kennziffer 8)

Hervorhebungen können laut DUDEN Zitate, Film- oder Buchtitel, Werktitel oder ironische Hervorhebungen sein. Die weiteren Kennziffern 9 bis 11 der DUDEN-Regeln erklären dann die korrekte Setzung von Anführungszeichen, wie man sie auch hier im literaturcafe.de nachlesen kann. Laut DUDEN können somit auch »Gedanken (direkter Rede)« in Anführungszeichen gesetzt werden, doch zeigt das obige Beispiel anschaulich, dass dies für den Leser verwirrend werden kann und man stets hinzufügen müsste, ob etwas gedacht oder gesagt wird.

Perspektive statt Gedanken

Allerdings stellt sich die Frage mit den Gedanken und den Anführungszeichen in belletristischen Texten so gut wie nie, denn Gedanken sind fast immer in die Erzählperspektive eingebunden. Das entspricht dem natürlichen Gedankenfluss viel mehr. Ein »dachte sie« oder »dachte ich« ist überflüssig. Tatsächlich würde man die kleine Szene von oben in der Praxis wie folgt schreiben:

Er bekam Hunger und entdeckte auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bäckerei. Warme Luft schlug ihm beim Eintreten entgegen.
»Ich hätte gerne ein belegtes Brötchen«, sagte er zum Bäckereifachverkäufer.

Was eine Person denkt und empfindet, wird durch die Perspektive klar und muss nicht explizit als Gedanken erwähnt werden. Das Verb »denken« wird eher allgemein beschreibend eingesetzt wie: Er dachte darüber nach, was in den letzten Tagen geschehen war.

Beispiele aus Büchern

Gedanken als solche zu erwähnen, ist allerdings eine künstlerische Entscheidung. Seit ich diesen Artikel plane, achte ich in Romanen darauf, ob ein »dachte sie« oder »dachte ich« auftaucht. Die Fundstellen sind selten, doch immer sind sie korrekt vom Verlag ohne Anführungszeichen gesetzt.

Drei Beispiele aus »Der Morgenstern« von Karl Ove Knausgård (2022, Luchterhand Verlag):

Wenn er nicht reden will, habe ich damit kein Problem, dachte ich. Aber muss er so verdammt schnell gehen?

Ein bisschen zu nett, dachte ich jetzt. Aber ich mochte ihn.

Drei Fliegen krabbelten langsam in unterschiedlichen Richtungen. Was denkt eine Fliege eigentlich über eine andere Fliege, dachte ich. Wissen sie, dass es mehrere von ihnen gibt?

In dieser letzten Passage hat das »dachte ich« einen gekonnt eingesetzten doppelten Boden, wenn über das Denken der Fliegen nachgedacht wird.

Aus »Unsre verschwundenen Herzen« von Celeste Ng»Unsre verschwundenen Herzen« von Celeste Ng (2022, dtv Verlag):

Es war so riskant, denkt er, und wofür das Ganze? Wenn ein paar Stunden später jede Spur davon verschwunden war.

Bei Celeste Ng muss allerdings erwähnt werden, dass sie sich aus künstlerischen Gründen entschlossen hat, auch wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen zu setzen.

Sucht man hingegen in Theresia Enzensbergers Roman »Auf See« (2022, Hanser Verlag) nach dem Wort »dachte«, findet man es ausschließlich in Wendungen wie »Sie dachte an den Journalisten« oder »MacGregor dachte indes nicht daran, einen Rückzieher zu machen« oder »Viktor dachte über seine Worte nach«.

Fazit: Gedanken ohne Anführungszeichen

Anders als in Schulaufsätzen der Grundschule werden in belletristischen Werken Gedanken nicht in Anführungszeichen gesetzt. In den meisten Fällen müssen Gedanken ohnehin nicht ausgeführt werden, da sie besser und intensiver über die Erzählperspektive vermittelt werden.

Wolfgang Tischer

Nachtrag: Stattdessen Kursivschreibung?

Bisweilen wird behauptet, Gedanken setze man in kursiver Schrift. Auch das ist überflüssig.

Der Mythos von den kursiv gesetzten Gedanken rührt vielleicht auch daher, dass beispielsweise Stephen King dies oft als Stilmittel einsetzt. Bei ihm sind hin und wieder Gedankenblitze oder innere Stimmen von Dämonen kursiv gesetzt. Allerdings ist dies nichts weiter als eine Betonung und Hervorhebung, die man auch sonst in Texten kursiv setzt. Als künstlerisches Stilmittel sollte man die Kursivschreibung nur sehr dosiert einsetzen – egal ob Gedanken, Betonung oder anderes.

Beispiel:

Beschwingt ging sie durch den Park.
Die Herdplatte!, durchfuhr es sie. Ich habe vergessen, die Herdplatte auszumachen!

Hinweis: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, im DUDEN würden unter der Kennziffer 7 Gedanken nicht erwähnt. Das ist falsch und wurde im Artikel entsprechend berichtigt.

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12 Kommentare

  1. In meiner Schulzeit (1970er) wurden Gedanken in einfachen Anführungszeichen geschrieben, Dialoge in doppelten. Heute hat es sich in der Literatur weitgehend eingebürgert, Gedanken kursiv zu setzen. Offiziell ist das aber wohl nicht. Spätestens wenn man (wie in der guten alten Zeit) per Hand schreibt, ist kursiv ja auch gar nicht möglich.

    • Mir sind keine aktuellen Bücher bekannt, in den Gedanken »weitgehend kursiv« gesetzt sind. Man sollte Gedanken auf keinen Fall konsequent kursiv setzten! Typografisch ist kursive Schrift eine Hervorhebung. Man kann sie natürlich auch für Gedanken einsetzen (Stephen King arbeitet gerne mit diesem Mittel), sollte dies aber gut gewählt und mit Bedacht tun.

  2. Dieses Beispiel ist aber auch strange:

    Ein bisschen zu nett, dachte ich jetzt. Aber ich mochte ihn.

    Das erste ist gedacht, das zweite ist wieder erzählt, sonst müsste da ja stehen ‘Aber ich mag ihn.’ Gemeint ist ja nicht, dass er jetzt denkt, dass er ihn früher mochte und jetzt nicht mehr.
    Hier würden ” … ” das Holpern verhindern.

  3. Bei einem aktuellen kleinen Buchprojekt setzte ich die Gedanken auch kursiv, aus mehreren Gründen. Oder besser gesagt – nicht alle Gedanken. Ein Teil der Gedanken des Hauptprotagonisten spielt sich in dessen Vergangenheit ab, eine Beziehung die zu Ende ging. Allerdings eingebettet in einen aktuellen Urlaub, so dass ich es im Satz vernünftiger fand, eine kleine Trennung für den Leser einzubauen – Kursiv – Gedanken an die Vergangenheit, Normalschrift alles andere/Jetzt.

    Bei einem anderen Projekt haten wir auch einfache Anführungszeichen und Kursiv – da sehr viele Selbstgespräche stattfanden.
    Ich denke, es kommt auch immer etwas auf den Text an sich an, die Handlung. Für diese Objekte war das meiner Meinung nach die richtige Lösung, auch wenn es doch mit etwas Aufwand verbunden ist.

  4. Ich habe mal einen kleinen Schuber mit Hörbüchern vom Tandem-Verlag gekauft, mit guten Sprechern. In diesen Texten kamen sehr viele Gedanken wörtlich vor. Die waren ALLE mit Hall unterlegt. (Vielleicht hatte der Regisseur einen Hohlkopf, in dem jeder Gedanke hallt?)
    Das war noch lächerlicher als das obige Bäckereigedanken-Gänsefüßeln oder kursive Gedanken.
    Eine Ausnahme mache ich nur, wenn jemand mit sich selber spricht und unklar bleiben darf, ob es laut oder stumm erfolgt.
    Da sprach sie zu sich: “Erhebe dich, mein schwacher Geist. Du hast genug geschlafen.”

    Übrigens werden ja sehr viele Gedanken auch sozusagen in indirekter Rede wiedergegeben, erst recht, wenn es sich um Synonyme für Denken handelt: Er argwöhnte, er sei im falschen Film gelandet. Ich meinte, ich müsse mich an die Regel halten. Er vermutet, das Kind sei nicht von ihm. Ihre inneren Stimmen sagen ihr, dass alles schief gehen werde.

    Eigentlich sollten Künstler diese typisch deutsche Zeichenregelflut einfach handhaben, wie es ihnen im Sinne ihrer Vermittlung gutdünkt. Und das machen ja auch fast alle. In der Schule haben wir nicht das poetische Schreiben, sondern nur Regeln gelernt, die teilweise hindernisfreie Kommunikation ermöglichen, oft aber auch den Lesefluss hemmen und Unlust erzeugen.

  5. Oh je, das mit der Herdplatte hatte ich heute morgen auch, echt jetzt.
    Habe ich den Herd ausgeschaltet?, überlegte ich auf dem Weg zur Arbeit. Nicht, dass das Haus abbrennt! Wollte schon umdrehen. aber dann dachte ich: Quatsch, klar hast du ausgeschaltet.
    In einem Kurs bei Diana Hillebrand haben wir auch darüber gesprochen, die “Gänsefüßchen”, meine ich. Natürlich ohne, das habe ich mir gemerkt. Und einfache Anführungszeichen nur innerhalb einer wörtlichen Rede. Sie erzählte: “Im Märchen sagte die böse Lehrerin: ʹWenn du die doppelten Anführungszeichen in den Brunnen geworfen hast, dann spring hinein und hole sie wieder herauf!‛ Und Marie sprang!”

  6. ›Das kann doch nicht sein,‹ dachte ich. ›Hat meine Lektorin nicht gesagt, dass Gedanken immer in einfache französiche Anführungszeichen gesetzt werden?‹ Oder war es besser, sinnierte ich kurz, ganz darauf zu verzichten.
    Dan Brown setzt Gedanken kursiv. Da kenn sich einer aus.

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