Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Der Kuss
von Jula Fliegener, 12279 Berlin (Deutschland)

Die Nacht umarmte ihn, mit ihrer weichen Dunkelheit. Hinter seinen geschlossenen Augen formten sich erlebte Bilder. Er spürte erneut die Weichheit ihrer Lippen, die feuchte Wärme ihres Mundes und ihren Körper. Es gab weder Zeit noch Raum, weder Sorgen noch Unsicherheiten. Es gab nur sie, nur diesen Kuss! Einen Kuss, wie er ihn noch nie zuvor erlebt hatte, der vom Kopf bis zu den Zehenspitzen spürbar war, der so elektrisierte, dass man sich mit unglaublich starker Intensität leben fühlte! Ein Ganzkörperkus! Er unterschied sich von allen bisherigen Küssen. Sonst konnte er nie den Kopf ausschalten oder ihn mit dem Gefühl in Einklang bringen. Bei Monika, hatte er fast einen Lachanfall bekommen. Am meisten ernüchterte es ihn jedoch, als er bei Renate sah, dass Speichel aus ihrem Mundwinkel rann. Letzten Sommer, als er vor der Uni diese Soziologiestudentin küsste, dachte er nur besorgt darüber nach, dass man seine Erregung durch die dünne Sommerhose sehen könnte. Also zwang er sich, an seine Mutter zu denken. Egal, welche Frau er küsste, nie schaffte er es, ganz bei der Sache zu sein. Und nun dieser Kuss! Vor Benommenheit sprachlos, ließ sie hinterher wortlos gehen. Unruhig warf er sich auf dem Bett hin und her. Endlich gab er auf, erhob sich und machte Licht. Am Schreibtisch, griff er schließlich nach seinem Schreibzeug und schrieb alles auf, was ihn bewegte. Er faltete das Blatt und steckte es in einen Umschlag. Hastig zog er sich an, packte den Brief in seine Jackentasche, griff nach einer Farbsprühdose und machte sich auf den Weg. Alles war still. Vor ihrem Haus überkam ihn große Sehnsucht. Liebevoll warf er den Umschlag in ihren Briefkasten und wäre am liebsten selbst mit hineingehüpft. Der Mond lächelte leicht spöttisch vom Himmel herab. Wer weiß, was der alte Knabe schon alles gesehen hat. Sie blinzelten sich zu. Nun nahm er die Farbdose aus seiner Jackentasche und sprühte ihren Namen mit großen Buchstaben, mitten auf die Straße. Nach kurzem Zögern setzte er noch etwas kleiner darunter: "Ich warte auf Dich!" Das musste genügen. Die berühmten drei Worte mochte er nicht auf den Fahrdamm schreiben, denn sie waren zu intim um auf der dreckigen Straße von jedermann und jederfrau gelesen zu werden. Zufrieden machte er sich nun auf den Heimweg. Sie würde kommen, dessen war er sich völlig sicher.
Kurz darauf lag er wieder in seinem Bett und schlief ruhig ein. Dann hatte den schönsten Traum seines Lebens...

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Johannes
von Birgit Baasner, 26757 Borkum (Deutschland)

Johannes lag auf dem Bett und versuchte, seinen Ekel zu unterdrücken. Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.
Er würde es seinem Vater nie verzeihen, dass er diese Frau geheiratet hatte. Ruth war gemein und hinterhältig.
Johannes war fünf gewesen, als sie in das alte Haus am Stadtrand einzog. Sie gab sich gar keine Mühe, nett zu sein. Noch nicht mal die Anwesenheit des Vaters veranlasste sie, wenigstens eine Spur von Freundlichkeit für ihren Stiefsohn übrig zu haben.
Johannes vermied es, alleine mit ihr im Haus zu sein. Nach der Schule verbrachte er die meiste Zeit auf dem Fußballplatz. Ruth schien das ganz recht zu sein. Sie fragte ihn niemals, wo er seine Nachmittage verbrachte.
Kurz nach seinem zwölften Geburtstag vor zwei Monaten passierte die Sache mit dem Fön. Johannes hatte versucht, seine nassen Hosen im Bad mit dem Fön zu trocknen. Ruth war zum Glück nicht zu Hause. Er stellte den Fön auf die stärkste Stufe ein und wedelte mit dem Gerät vor seiner Hose hin und her. Dies tat er wohl ein bisschen zu hektisch. Jedenfalls rutsche ihm der Fön aus der Hand und in die Badewanne. Das war deswegen tragisch, weil sich in der Badewanne eine Plastikwanne mit eingeweichter Wäsche befand. Kaum war der Fön in der Lauge verschwunden, gingen sämtliche Lichter im Haus aus.
Nach ein paar Minuten der Ratlosigkeit hielt es Johannes für das Beste, zu verschwinden.
Leider hatte er nicht gemerkt, dass es, bedingt durch die alten Kabel, angefangen hatte zu brennen. Erst als er nach zwei Stunden zurückkam, sah er die Bescherung. Sein Elternhaus glich einem schwarzen Gerippe.
Es war ein Leichtes für die Feuerwehr die Brandursache zu ermitteln. Johannes gab es sofort zu. Sein Vater war sprachlos. Ruth fing an zu schreien. Sie schrie wochenlang. Eines Tages teilte ihm sein Vater mit, dass er ihn in einem Internat angemeldet hatte. Ruth war nicht mehr gewillt, mit so ein Ungeheuer, wie sie ihren Stiefsohn nannte, unter einem Dach zu leben.
Nach den Ferien brachte ihn sein Vater und Ruth zum Bahnhof. Mit einem scheinheiligen Lächeln drückte ihm Ruth einen schmierigen, nassen Kuss auf den Mund. Johannes brauchte nur daran zu denken und schon hatte er das Gefühl, er müsste sich übergeben.
Seit Wochen sammelte er heimlich kleine Käfer in einem Holzkästchen.. In drei Tagen würde er das erste Mal wieder nach Hause fahren. Ruth hasste Ungeziefer. Johannes lächelte.

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Der Kuss
von Jens Erdmann, 1731 - Asse (Zellik) (Belgien)

Ein Kuss vor vielen Wochen,
Monaten, nein Jahren.
Der erste, nie wieder erreichte,
Heiße, wilde, innige, doch leichte.
Sein Geschmack ist nicht mehr zu bestimmen,
Geblieben ist einzig ein Glimmen,
Aus Traum, Erinnerung, Sehnsucht,
Nach der Liebe herrlicher Frucht.
Liege ich schlafend unterm Schlangenbaume,
So erscheint er mir im Traume,
Wie ein leuchtender Apfel und so süß,
ein Apfel aus dem Paradies.

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Der Geschmack des Kusses
von Martina Mitterer, 39018 Terlan (BZ) (Italien)

Seine Erinnerungskraft strauchelt; immer wieder tanzen die Gedanken um diesen Kuss, diesen einen Kuss.
Was ist schon ein Kuss? Wie viele Leute küssen sich auf dieser Welt an einem Tag, in einer Stunde, in einer Minute? Wie viele Menschen genießen gerade in diesem Augenblick den Geschmack der Lippen einer geliebten Person auf den eigenen. Ein Kuss – nichts besonders. Rational betrachtet nur die Berührung zweier Körperteile. Er lächelt leise vor sich hin. Eine beliebige Berührung eigentlich.
Was ist schon ein Kuss? Kuss ist immer Kuss, egal wann und wo und von wem geschenkt. Ein Kuss ist eben nur die bloße Berührung zweier Körperteile.
Und doch kann Kuss doch so viel mehr bedeuten. Schon das Bewusstsein einen Kuss zu bekommen und ihn andererseits zu verschenken kann ströme von wärme in einem Körper auslösen.
Ein Kuss, ein kurze Sache.
Wieder lächelt er; diesen wunderbaren Augenblick mit der Bezeichnung "eine kurze Sache" abzutun ist eine Sünde.
Sobald sich zwei Lippen berühren steht die Welt still; alle Körperteile passen sich diesem Moment an: das Ohr vernimmt keine Laute mehr, sogar an einem Sommertag voll mit Vogelgesang dämpft das Ohr, lässt Schnee fallen und erlebt die Welt im Nebel.
Die Gedanken verschleiern, lassen sich einhüllen von der Taubheit der Ohren. und füllen die küssenden Menschen mit Wattebäuschen und Wolkengefühl.
Augen sehen nichts, empfinden bloß die Vollkommenheit des Kusses.
Blitze durchstreifen regenbogengleich die Körper, die dem Wunder des Moments erliegen.
der bloße Gedanke an den Kuss durchfährt ihn, lässt ihn erschaudern. Einen gleichen wird sein Körper nicht ertragen.

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Für die Momente davor
von Inca Höfermann, 38524 Sassenburg (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Nun zog sich durch das Land der Herbst und sein Denken war ziellos. Verloren hatte er sie, schon vor allzu langer Zeit. Trotzdem lag er nun auf dem kalten Bettgestell in dem winzigen Dachzimmer in einer ihm fremden Stadt. Sie- nie hatte er sie bei ihrem Namen genannt, da sie für ihn selbst namenlos erschien- ließ ihn fallen und fing ihn wieder auf. Schon bei ihrer ersten Begegnung-nasses Kopfsteinpflaster, enge pariser Gassen - war sie ihm schon so vertraut. Er schaute sich um und spürte ihre Gegenwart. Er sah in ihre Augen und erkannte ihre Seele. Sie war es, die ihm dieses allzu kleine Zimmer besorgte. Sie war es, mit der er in allen folgenden Nächten beisammen saß und sich selbst auf einmal zu verstehen begann. . Sie trafen sich, wie zufällig und redeten. Besser gesagt, redete nur er. Er wusste nicht, ob sie stumm war oder sie einfach nicht reden wollte, doch es hatte keine Bedeutung für ihn, da sie ihn verstand. Sie war einfach nur da und hörte ihm zu. Es waren goldene Momente, in denen alles Sinn zu haben schien, wenigstens für eine Nacht. In diesen Momenten lebten sie für die Momente davor, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bildeten eine Einheit durch die reflektionierende Wirklichkeit, die sie sich selbst erschufen. Liebte er sie?-Er konnte es nicht sagen. Nicht, wo sie noch bei ihm war. Doch nun schien es ihm, als ob er erst durch den Verlust einer längst vergangenen Liebe sich dieser Liebe bewusst wurde. Ihr Verschwinden erweckte in ihm den Schmerz, der ihm mitteilte etwas verpasst zu haben. Und dieser Schmerz war ihm unerträglich. Am Ende des letzten Abends, den sie miteinander verbrachten, geschah etwas, das ihn völlig aus der Bahn warf. Er wollte sich gerade von ihr verabschieden und erhob sich aus dem tiefen Ohrensessel, seine rechte Hand ergriff schon ein Stück rauhen Stoff seines Mantels, da näherte sie sich ihm. Sie hielt sein Gesicht in ihren kleinen zierlichen Händen und drückte ihm mit ihren weichen, ewig stummen Lippen einen Kuss auf seinen Mund. Dieser Kuss fühlte sich fast kindlich, geradezu naiv an. Er war so verwirrt, dass er auf der Stelle ihre Wohnung verließ. Am nächsten Abend war sie verschwunden. Ihre Wohnung war leer und nichts deutete darauf hin, wohin sie gegangen war. Viele Wochen war es nun schon her und noch immer lag er oft auf dem kalten Bett und dachte an sie und ihren Kuss.

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