| Hier lesen Sie die besten Beiträge der vierten Runde (März '02 - April '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von J. M. Coetzee eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Warten auf die Barbaren«. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-010814-0. 19,90 EUR: |  | Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Der Lauf von Eva-Maria Lohausen, 80636 München (Deutschand) Die nächtliche Atmosphäre der Stadt ist überwältigend. Kein Laut dringt aus den Häusern. Nur das leise Nieseln des Regens ist zu hören, das wie ein Schlaflied das Bewußtsein der Menschen zum Träumen bringt. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Ein großer Platz umgibt mich. Das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich in kleinen Pfützen des Kopfsteinpflasters. Ich schließe die Augen und atme tief die frische Luft des Regens ein. Doch dann kommt mir alles unwirklich vor. Was passiert hier? Schon oft bin ich nachts an diesem Tor vorübergegangen. Es befindet sich in einer Stadt, in der ich bereits seit meiner Kindheit zu Hause bin. Aber ich kann mich nicht erinnern, wo sie liegt. Ich bin wieder da, in der Stadt und am Tor, dass ist alles, was ich weiß. Und immer ist auch er da, der Mann im Schatten vor dem Tor. Als wären magnetische Kräfte im Spiel, wird mein Blick eingefangen von dem Schatten und dem Tor. Was verbirgt sich hinter ihm? Ich weiß es nicht, spüre nur einen leichten, kaum wahrnehmbaren Sog, der von dem Portal ausgeht. Plötzlich gerät die dunkle Masse in Bewegung und richtet sich auf: Du hast gewusst, dass ich hier auf dich warte, Hilde, nicht wahr?" . Die Stimme durchdringt mich und plötzlich ist sie überall. Blut pulsiert in meinem Kopf. Der Magen krampft sich schmerzhaft zusammen, Angst und Widerwillen lassen mich aktiv werden. Was willst du?", zische ich leise und bemühe mich, mir meine Erregung nicht anmerken zu lassen. Dich fragen, warum du immer vor mir wegläufst". Warum ich das mache?", schreit es plötzlich aus mir heraus. Weil du mir dein Gesicht nicht zeigst! Weil du mir nicht sagst, was du von mir willst"! Ich laufe weg, immer weiter von diesem Tor weg, in die verwinkelten Gassen der Altstadt hinein. Mein Weg verliert sich im Labyrinth. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Spieler von Joachim Schulz, 48565 Steinfurt (Deutschand) Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Beim Näherkommen erkenne ich vor ihm eine halbvolle Schnapsflasche. Der Mann trägt einen dunkelblauen oder grauen Pullover aus Wolle und dazu Jeans. Die Hosenbeine sind zerissen, ganz gradlinig jeweils über der Kniescheibe. Die Haltung des Mannes wirkt wie eine Pose. Von seinem Kopf erkennt man nur die Frisur und die Ohren, denn das Gesicht ist auf die Beine gesenkt. Die Locken sind kurz, dicht und regelmäßig. Als ich merke, daß er den Kopf hebt, gehe ich wieder etwas schneller und sehe nur noch aus den Augenwinkeln hin. Sein Blick wirkt nüchtern, prüfend und schließlich leicht verärgert. Er zieht die Stirn in Falten und verbirgt sein Antlitz erneut. Darf er hier überhaupt so hocken? Direkt neben dem Tor zur Straße der Prostituierten? Warum sieht er trotz allem so gepflegt aus? Instinktiv sehe ich mich nach Kameras um. Ich gehe an ihm vorbei. Wenn er eine Rolle spielt, dann jedenfalls nicht für einen Film. Dann erinnere ich mich an einen Mathematik-Studentenund angeblichen Profi-Spieler, der damit prahlte, in zahlreichen Städten Zuhälter beim Pokern ausgenommen und deshalb in halb Deutschland "Stadtverbot" zu haben. Jemand, der auf die Frage nach "Black Jack" antwortete, hierzulande würde es durch zusätzliche Regeln so sehr erschwert, mit "Black Jack" Geld zu verdienen, daß man stattdessen sogar noch besser arbeiten gehen könne. Er hatte das Wort "arbeiten" mit absoluter Verächtlichkeit ausgesprochen. Als ich an ihm vorbei bin, sehe ich mein Auto. Ich werde jetzt auf direktem Wege nach Hause fahren und mich dann sofort schlafen legen. Ich sehe mich nicht mehr um, sondern fische meinen Autoschlüssel aus der Jackentasche und beschleunige meine Schritt. Ich bin müde, wirklich müde, denn ich bin heute früh aufgestanden und muß morgen wieder arbeiten. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Er hatte ein Zuhause von Stephanie Semisch, 59067 Hamm (Deutschand) Peter schläft seit Tagen unter der Brücke. Ihm ist kalt und er hat Hunger. Wie eine Ratte fühlt er sich - von allen verstoßen. Sein Vater hat ihn geschlagen, weil er Drogen bei ihm gefunden hat. Peter hat keine Lust mehr auf die Grausamkeiten seines Vaters. Wie gerne würde er wieder nach Hause gehen, aber jetzt ist zu spät, er ist zu stolz nach Hause zu gehen und um ein bisschen Brot zu betteln. Jeden Morgen zieht er erneut durch die Strassen. Er stinkt und dreckig ist er auch. Eben eine Ratte, die Mülleimer durchsucht und sich Essenreste besorgt. Am Bahnhof treffen sich die obdachlosen Jungen. Einer von ihnen ist Matze. Matze ein kleiner, blonder Junge, abgemagert und krank sieht er aus, doch seine Geschäfte laufen. Er ist der einzige, der Drogen verkauft, aber selber keine nimmt. Jedes Mal versucht er Peter zu überreden, doch mal einen Druck zu nehmen. Peter schüttelt sich. Er hat gerade die Wodkaflasche abgesetzt. Ich will mit dem Zeug nichts zu tun haben, dass weißt du.Matze geht weiter. Seit Stunden läuft Peter nun schon durch die Strassen und hat immer noch nichts zu essen gefunden. Die Wodkaflasche ist fast leer. Peter spürt seine Beine kaum. Ihm ist alles egal, wenn Matze jetzt vorbei kommt dann will er es ausprobieren. Was soll schon passieren, er hatte nichts zu verlieren. Peter geht in Richtung Stadtpark, da wird er ihn schon finden und wirklich, an der großen Eiche gelehnt, sieht er ihn. Peter versucht schneller zu gehen, doch seine Beine versagen. Langsam und im Schlangengang stößt er auf Matze. Nach einem kurzen Gespräch verschwinden die Beiden. In einer kleinen Sackgasse setzt sich Peter die Spritze. Er sackt gleich zusammen. Zusammen gekauert vernimmt er die Stimme von Matze. Doch es ist ihm egal. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ihm ist alles egal. Seine Sorgen sind vorbei und sein Hunger ist verschwunden. Er fühlt eine behagliche Zufriedenheit in sich aufsteigen. Ein Glücksgefühl und eine Bedürfnislosigkeit. Er fühlt sich zu Hause. Doch die Dosis ist zuviel für ihn. Matze erschreckt, als er Peters schmerzverzerrtes Gesicht wahrnimmt. Er nimmt die Beine ihn die Hand und lässt ihn liegen. Am anderen Morgen kommen zwei Straßenfeger an dem großen Tor vorbei und der eine sagt: Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Und weißt du wer dieser Mensch ist? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hunger von MZ, 51067 Köln (Deutschand) Da ist nur das Prasseln von Regen weit oben und hin und wieder ein Rascheln, wenn Waldmäuse – zu Tode erschrocken - vor mir fliehen, viel zu flink, um von mir erbeutet zu werden, und mein Hunger. Einziger Wegbegleiter. Ich ernähre mich von Würmern und Insekten. Einmal hatte ich sogar einen Kadaverrest, den ein gnädiger Waldgott wie ein Almosen für mich liegenließ. Erschöpft sacke ich unter einen tiefhängenden Tannenzweig, spüre den ersten Nachtfrost unbarmherzig in meine Knochen fahren und zwinge mich weiter, hinab ins Tal, dahin wo Menschen sind. Keine Chance, den herannahenden Winter alleine zu überleben und sowieso wird es mein letzter sein, denn ich bin zu alt. Plötzlich steigt ein wohlbekannter Geruch in meine Nase. Mein Gehirn übersetzt: Leben und sofort schlage ich eine schnellere Gangart ein, mein Speichel beginnt wieder zu fließen. Einzig mein Geruchssinn weist mir die Richtung in der Dunkelheit. Ich werde immer schneller, hetze durch das Unterholz, Zweige peitschen in meine weit geöffneten Augen, doch sehen kann ich kaum etwas. Plötzlich ist sie da: die Stadtmauer, umkreist ohne die Nase auch nur einmal vom Boden zu heben und wirklich: Da neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Doch ich weiß es besser, habe seine Blutspur gewittert. Ohne zu zögern setze ich an, zu meinem letzten tödlichen Sprung. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Tor von Tiger im Park, 47506 Neukirchen-Vluyn (Deutschand) Wenn ich mich anstrenge. Nein, ich brauche mich gar nicht anzustrengen. Wenn der Zweig mir wieder einmal ins Gesicht schlägt. Der Zweig der Erinnerung. Dann sehe ich sie dort kauern. Links neben dem Torbogen. Dunkel. Im Schatten. Ich habe sie verlassen. Ich wäre sonst doch nicht. Das Tor. Ich musste doch. Es glänzte. Es leuchtete. Musste ich denn nicht. Ihre Augen. Sahen mich an. Sie sank zusammen. Langsam. Im Schatten. Ihre Hand. Ihre Hand, die aus den Augen kam. Ich musste doch. Man konnte es ignorieren. Ich ging. Ich gehe noch immer. Stehe. Davor. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |