Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Hinterlassenschaft
von Gagamello, 24147 Kiel (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" fragte er, während er das Bündel vergilbter Listen und Zettel betrachtete. "Ja sicher.. ich bitte sogar darum" erwiederte die Frau. "Bis wann werden Sie mir sagen können, was es mit den Listen auf sich hat?". Er überlegte einen Augenblick. "Ich rufe Sie an, sobald ich was herausgefunden habe." "Schön, vielleicht haben Sie ja mehr Glück als ich". Sie verlies die Pension und er ging auf sein Zimmer. Dort angekommen legte er das Bündel auf den Tisch und holte seinen Koffer aus dem Schrank. Auf eine Annonce in einer überregionalen Zeitung hin, in der er nach alten Schriftstücken suchte, hatte sich eine Frau Parlau gemeldet. Sie lebte im Süden, in der Nähe von Ulm. Wie sie ihm am Telefon berichtete, wurde bei Renovierungsarbeiten auf dem Speicher ihres alten Bauernhofes ein Hohlraum unter dem alten Holzboden gefunden. Darin hatte sich eine rostige Blechschatulle mit alten Schriftstücken und einem kleinen Kompaß befunden. Leider waren die Blätter teilweise angeschimmelt. Sie hatten sich dann für das nächste Wochenende verabredet. Er lebte in Hamburg. Als er die Straßenkarte bertrachtete war ihm klar, das der Weg für eine Stippvisite zu weit war. Also nahm er sich ein Pensionszimmer in der Nähe von Ulm. Er hatte sie angerufen und sie war kurze Zeit später mit der Schatulle in seine Pension gekommen. Nun saß er in seinem Zimmer und versuchte die Schreiben zu entziffern. Zunächst entnahm er seinem Koffer ein kleines braunes Fläschchen und eine Pinzette. Mit der Pinzette entfaltete er das zuoberst liegende Schreiben. Aus dem Fläschchen tropfte er mit einer Pipette etwas von der Flüßigkeit auf die ersten Zeilen des angeschimmelten Schriftstück´s. Wie durch Zauberhand verschwand der dunkle Schmierfilm und die Schrift wurde deutlich besser lesbar. Nach dem Lesen der ersten Sätze ergriff ihn eine fiebrige Erregung. Er nahm seinen Schreibblock und kopierte die restaurierten Zeilen Wort für Wort. Nun verstand er auch, warum in der Schatulle ein Kompaß gelegen hatte. Als er nach fast drei Stunden fertig war, rief er sofort bei dieser Frau an. Aufgeregt fragte er sie, ob auf ihrem Grundstück ein alter Walnußbaum stünde? Erstaunt bejahte sie die Frage. Er drängte sie dazu, ihn unverzüglich abzuholen. Erklärungen erhalte sie später.
Es gab einen dumpfen hohlen Ton, als der Spaten auf die alte Holzkiste traf. Tage später stand in der Zeitung: "Bäuerin in Ulm findet Goldschmuck im Wert von 1 Mio. ihr Helfer bekommt die Hälfte ab."

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Interesse geweckt
von Tino Steinbrück, 99867 Gotha (Deutschand)

"Nein, auf gar keinen Fall!" Es ist alles was mir geblieben ist. Geben Sie es her, es hat ja nicht den geringsten Sinn mit Ihnen darüber zu sprechen. Allein ihre Frage ist ein Witz. Gehen sie jetzt, wir sehen uns ja morgen."
Ich ging wortlos aus dem Zimmer. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein, wer war er denn, mich so zu behandeln, sollte er doch sein Manuskript in seinen Gedärmen vergraben. Was ging es mich überhaupt an. Ich ging auf mein Zimmer, legte mich auf das Bett und starrte an die Decke. Dieser Idiot! Plötzlich riß mich ein Klopfen an der Tür aus meinen wütenden Gedanken. Ich öffnete, er stand da,
"Hier, mein Manuskript, entschuldigen sie, ich wollte sie nur etwas neugierig machen."

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Unge(tr)übtes Wochenende
von Ursula Escherlor, 26386 Wilhelmshaven (Deutschand)

"Viel Spaß zusammen!" Frauke winkte noch aus dem Auto und Sekunden später stand ich da mit dem Hausschlüssel und vielen Telefonnummern. "Nur für den Notfall", hatte sie gesagt. Dann war ich mit den sommersprossigen Zwillingen allein. In der Diele stieß ich vor einen Karnickelstall. "Das ist Hannibal", rief Okka und streichelte ihn durchs Gitter. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: ‚Fütteranleitung für Gretchen und Moritz’. Schnell erfuhr ich, wer die beiden sind, denn Okka zeigte mir ihr Zimmer. Die Meerschweinchen erstarrten vor Schreck, als sie mich sahen. "Habt ihr noch mehr Tiere?" fragte ich und sah mich um. Voller Stolz meinte sie, alle anderen seien draußen und zählte das Federvieh auf, das ich bisher noch nicht gesehen hatte. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf: Hatte mir meine Schwester verschwiegen, dass sie hier in der Heide eine Farm betrieb, oder war es eher ein Kinderzoo? Ich begoss den Wochenendjob auf der Terrasse mit einem Glas Wasser. Mein Gesicht brannte von der Sonne. Später im Halbschlaf nahm ich Flüstern und Geräusche wahr, blinzelte und erkannte beide Kinder, die versuchten, an mir eilig vorbeizuschleichen. Irgendetwas hatten sie in einer Decke verhüllt, es sah aus wie ein Paket. Sie schleppten es mühsam, waren sich aber einig, dass es vorsichtig geschehen musste. Und immer wieder griff Onna nach. Das Paket war schwer festzuhalten, das konnte ich sehen. Jetzt war ich hellwach: "He ihr, wohin so schnell?" Fast waren sie an der Haustür, als ich ihren Schleichgang mit dieser Frage unterbrach. "Wir wollen nach oben", riefen die Mädchen fast gleichzeitig. In diesem Moment bewegte sich das längliche "Paket", das sie trugen, es war plötzlich so lebendig, quiekte, zappelte und entglitt seinen Eroberern. Es fiel aus der Decke und landete unter einem Strauch. Fragend sahen mich die beiden Kinder an, ich war verblüfft. Okka rief: "Wir haben es ausgeliehen!" Ich sah genauer hin, denn das kleine wohlgenährte Ferkel räkelte sich erst und erledigte dann – endlich frei - ganz wichtige Dinge direkt vor der Haustür. Um meinem Widerspruch für weitere Aktionen vorzubeugen, fragte Okka sogleich: "Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?" Ich schluckte, dann aber ritt mich der Teufel: "O ja, nimm es ruhig mit, trag es hinauf, gute Idee, wirklich großartig. Fühlt sich auch schon wohl hier, kann man ja sehen. Und das Füttern nicht vergessen!" Ich sah mich um und bemerkte zwei schnatternde Gänse direkt auf mich zukommen ...

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Doppelte Botschaft
von Volker Ruwwe, 40822 Mettmann (Deutschand)

mein Zimmer,
nie gehabt,
doch oft gewünscht
als junger Mensch
Junge
Jüngling, na ja.

Für jeden ein Zimmer
mindestens 35 Quadratmeter groß
damit auch noch der Hamster reinpasst
und später auch das Auto.
Gegen Frühstück am Bett
hättest du auch nichts einzuwenden.
Den Müll sortiert Dir schon jemand raus.

Aber nicht mit mir
mein lieber
Sohn.

Vatter

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Wagnis
von Rosemarie Hahn, 48432 Rheine (Deutschand)

Ich ahne
Ich fürchte
Ich begreife

Du bist nicht frei

Du weißt
Du schreist
Du kämpfst

Ich bin nicht frei

Wir klagen
Wir sagen
Wir wagen

N i c h t s

Wir sind nicht frei

Dein Lachen
Dein Strahlen

Du schenkst es mir

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"

höre ich mich fragen

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