Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Kät(z)chen
von Helmut KOHLMANN, A-5020 SALZBURG (Österreich)

"Ein Kätzchen gar lieblich, das hab’ ich gefunden",
sprach denn gar listig der Junge aus Bremen,
"mit Anmut und herrlichen Augen ganz runden.
Kann ich es mit auf das Zimmer wohl nehmen?"

"Natürlich mein Junge", so meinte die Mutter.
"Weiß ich doch, dass dir die Kätzchen gefallen.
Vergiss aber auch nicht auf Wasser und Futter;
später dann zeigst du es uns aber allen!"

"Komm’ Kätchen", so lockte der Junge aus Bremen,
"Mädchen, folg’ nach mir mit hurtigen Schritten!
Ich darf dich jetzt gar auf das Zimmer mitnehmen –
konnte von Mutter ganz schlau es erbitten."

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Das Traumschloß
von Maria Berger, 4710 Grieskirchen (Österreich)

Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?
Das fragte er immer wieder.
Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?
Erst bittend mit der bekannten Gebärde eines Kleinkindes, dann mit zum Himmel flehentlich erhobenen Händen.
Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?
Und stampfte nun zornig mit den Füßen und schrie es:
Ich möchte es mit auf das Zimmer nehmen.
Unter anderen Umständen und in einer anderen Umgebung wie etwa auf der Theaterbühne wäre die Diskrepanz zwischen stattlichem körperlichem Erscheinungsbild und kindlichem Verhalten ein voller Lacherfolg gewesen.
Aber so –
Als er dann verzweifelt zu weinen begann, fühlte sich der Pfleger bemüßigt zu fragen, was es denn sei, das er unbedingt aufs Zimmer mitnehmen wollte.
"Mein Schloß, mein Traumschloß, mein endlich gefundenes Traumschloß", erfuhr der Pfleger, und es steht bereits auf dem Vorplatz der Psychiatrie.
Das geht nicht, so der Pfleger, die Zimmer in der Geschlossenen Abteilung sind zu klein für ein Schloß.
Und zauberte damit ein sanftes Lächeln auf das Gesicht seines Gegenübers.

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Integration
von Andrea Schulte, 68775 Ketsch (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" Die Fremde sprach die Frage mit absoluter Selbstverständlichkeit aus. Nicht genug, dass sie einen eigenen Raum besaß, sie hatte auch das Selbstbewusstsein, diese Frage zu stellen. Julie starrte hinüber.
Sie waren im gleichen Alter, hätten Schwestern sein können und doch schienen Welten sie zu trennen. Hier Julie, ständig mit all' ihrem Innen- wie Außenleben zutiefst unzufrieden - dort die fremde Frau, eine Person voll femininer Ausstrahlung und Stärke. Nun wagte sie, den Portier zu fragen, ob sie das Licht mit auf ihr Zimmer nehmen dürfe.
Es lagen nur wenige Meter zwischen den Beobachteten und der Beobachterin, so dass es kein Problem war, dem Gespräch zu folgen. "Selbstverständlich, wenn Sie noch etwas brauchen...?" "Danke, das reicht vollkommen!" Beeindruckt sah Julie zu, wie die Frau die Lampe in Empfang nahm.
Plötzlich stand sie vor ihr, blickte ihr in die Augen, zu freundlich, um abgelehnt zu werden. "Hallo, ich bin neu hier! Kannst Du mir helfen?" J. wurde rot. Sie hielt es kaum für möglich, über Qualitäten zu verfügen, die der anderen dienlich sein könnten. Sie wollte schon umkehren als sie die ernstgemeinte Frage in ihren Augen sah und ihr bewusst wurde, dass sie tatsächlich über ein Wissen verfügte, das der Fremden helfen konnte. Sie kannte den Ort und die Menschen. So bejahte sie vorsichtig:"Ja, ich bin schon lange hier, aber ich hatte noch nie ein Zimmer, das mir allein gehört. Wie ist Dir das gelungen?"
"Es ist das Recht jedes Menschen! Jeder braucht einen eigenen Raum, einen Platz, den andere nur für bestimmte Zeiten und mit Deiner Einwilligung betreten. "Ihr Gesicht wurde ernst als sie antwortete, und sie fügte hinzu: "Ich wäre nicht gekommen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich ihn bekommen würde. Du musst darauf bestehen. Es ist für Dich genauso wichtig!"
Berührt folgte Julie ins Zentrum des Hauses, wo sich das Zimmer befand. Der Schein der Lampe beleuchtete jeden Winkel, und so war es unproblematisch, den Raum zu finden. J. glaubte, es sei nun an der Zeit, zu gehen, als im klaren Licht plötzlich alle Fremdheit verschwunden war. Sie spürte Verbundenheit und ein so starkes Gefühl der Zuneigung, dass sie sich spontan entschloss, die Frau zu umarmen.
Sie öffnete ihre Arme, öffnete ihr Herz und während das Licht unbeirrt leuchtete, drehte sie sich um, merkte, dass sie schon die ganze Zeit alleine war und sah sich selbst -, Fremde und Vertraute ,- vereint in einer Frau, im Spiegel!

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Gedankensprünge
von Barbara Siwik, 06242 Braunsbedra (Deutschand)

"Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?" fragt eine Kinderstimme. Über den Bildschirm flimmert das Bild eines fiependen Hundebabys.
"Alma, der Hund muss noch mal ’raus!" befielt Karl schläfrig.
"Der Hund ist draußen," sagt Alma ohne die Stimme zu heben.
"Du hast ihn allein auf die Straße geschickt?" Karl drückt auf die Aus-Taste, das Fiepen bricht jäh ab.
"Er wird doch ohne mich pinkeln können," antwortet Alma ruhig.
"Das sagst du, um mich zu ärgern! Du bist wie deine Mutter!" empört sich Karl.
"Lass meine Mutter aus dem Spiel!" Ein leichter Unterton schwingt in Almas Stimme mit.
Ich weiß, dass sie mich nicht leiden kann!" nörgelt Karl.
Alma hüllt sich in Schweigen.
"Immer dasselbe! Ich komme nach Hause und du hast schlechte Laune!" Karl greift nach dem Anorak ... Die Haustür fällt ins Schloss.
Alma schaltet den Fernseher wieder ein und klickt sich zum Film zurück: Ein fiependes Hundebaby sitzt im strömenden Regen.
Alma lächelt.

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Begegnung der gefährlichen Art
von Wolfgang Sternbeck, 55237 Flonheim (Deutschand)

"Ach, ist das süß! Schau mal, Mama, so ein liebes Kätzchen, das habe ich mir schon immer gewünscht. Kann ich es heute abend mit auf das Zimmer nehmen?"
Sabine winkte aufgeregt in Richtung der Mutter, ohne den Blick von dem kleinen, lehmgelben Fellbündel zu nehmen. Der Winzling duckte sich verängstigt hinter die Bodenwelle und versuchte, der Hand des Kindes auszuweichen, die sich unaufhaltsam näherte.
"Komm schon, Kätzchen. Ich will dir doch nichts tun. Ich will dich nur mal streicheln, komm schon."
Sabine packte das Tier beherzt im Genick. Es maunzte erschreckt, streckte dann alle Viere von sich und rührte sich nicht mehr.
"Na siehst du, das war doch gar nicht so schlimm", sagte das Mädchen zufrieden. Sie setzte das Kleine in die Armbeuge und streichelte es behutsam.
Stolz blickte Sabine zur Mutter hinüber, die inmitten der Reisegruppe stand und den Ausführungen des Safarileiters folgte, der an diesem Wasserloch eine Pause vorgeschlagen hatte. Sabine war das Gerede der Erwachsenen langweilig geworden. Sie hatte sich von der Gruppe abgesetzt und war einige Schritte zur Seite gelaufen.
"Mama hat wieder keine Zeit, Kätzchen", schmollte die Kleine.
"Ich werde dich mitnehmen, dann brauchst du nicht mehr so alleine sein. Wir werden gute Freunde werden."
Plötzlich wurde das Tier auf ihrem Arm unruhig. Die Erwachsenen fuchtelten wild mit den Armen in ihre Richtung, einige stießen angstvolle Schreie aus.
"Was ist denn jetzt?" rief Sabine ärgerlich.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein bedrohliches Fauchen und Knurren, das schnell näher kam. Sie fuhr herum – erschrocken starrte sie in die gelben Raubtieraugen und den drohend aufgerissenen Rachen der Löwenmutter. Der riesige Kopf befand sich genau auf der Höhe ihres Gesichts.
"Ich … ich wollte ihm nichts tun", stammelte Sabine. Sie bückte sich und ließ ihren Fund los.
Wie der Blitz war das Löwenbaby bei der Mutter und verschwand zwischen ihren Vorderläufen.
Die Löwin ließ Sabine nicht aus den Augen. Jetzt kam dumpfes Grollen aus ihrem Rachen. Nach einigen endlos scheinenden Sekunden packte sie ihr Junges, warf sich herum und war mit wenigen Sätzen im Gestrüpp verschwunden.
"Sabine!"
Das war ihre Mutter, die jetzt auf die Tochter zustürzte und sie an sich riss.
"Wie kannst du nur so leichtsinnig sein! Du hättest tot sein können. Wie kannst du mir so einen Schrecken einjagen?"
Sabine hörte der Mutter gar nicht zu. Schmollend sagte sie: "Jetzt hab’ ich immer noch kein Kätzchen."

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