Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Man hat's nicht leicht
von Heike Rau, 07318 Saalfeld (Deutschand)

Da stand ich nun und vor mir türmte sich das Essen auf dem Büfett. Ich konnte mir nicht wagen, etwas von den kalorienreichen Köstlichkeiten zu nehmen. Ich bin nämlich dick, sehr dick, unsagbar dick. Und wenn ich mich jetzt hier mit all den leckeren Sachen an einen Tisch setzen würde, dann würden die Leute ganz entrüstet gucken und tuscheln. Die hat es nötig, würden sie sagen. Der müsste man das Essen verbieten. Merkt die eigentlich nicht, wie fett die ist. Ich weiß es genau. Das ist immer dasselbe. Dabei müssen Dicke auch mal was essen. Echt! Ich kann auch gar nichts dafür. Ich war schon als Kind so und ich habe kräftige Knochen. Ich mache ständig Diät, aber es hilft einfach nicht. Und jetzt bin ich im Urlaub und muss mich zurückhalten. Das geht doch nicht. All die feinen Sachen, kann man doch nicht verkommen lassen. Ich will doch kein Magermodel werden.
Vorsichtig machte ich ein paar kleine Schritte zum Kellner hin. "Darf ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte ich leise.
Er schaute interessiert an mir herunter. "Was? Das ganze Büfett?", fragte er laut.
Die Leute drehten sich herum; ich konnte es nicht sehen, aber im Rücken spüren.
"Nun, nein, natürlich nicht. Vielleicht nur einen kleinen Teller voll?", presste ich zwischen meinen Zähnen hervor.
Der Kellner hob die Augenbrauen und hinter mir begann das Tuscheln.
"Einen klitzekleinen Teller vielleicht?", machte ich noch einen Versuch.
Er nahm einen Teller. "Hähnchenkeulen vielleicht?"
Hinter mir wurde es lauter. Was sollte das eigentlich? Ich wollte doch nur, dass der Kellner mir heimlich einen Teller füllt und ihn mir ebenso heimlich aufs Zimmer bringt.
Ich nahm dem Kellner den Teller aus der Hand, was blieb mir übrig, füllte ihn mit Salat, spazierte hinaus und präsentierte den schmatzenden Gästen dabei meinen dicken Hintern, über dem ein bunter Rock nur so wogte, wenn ich beim Laufen anmutig mit den Hüften schaukelte.
Dieser Salat wollte auch auf meinem Zimmer einfach nicht schmecken. Ich bin eben kein Hase.

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Das erste Ma(h)l
von Volker Ruwwe, 40822 Mettmann (Deutschand)

Als toleranter Vater weiß ich natürlich , was bei mir Zuhause Sonntags zu laufen hat und was nicht. Das ich oft genug der einzige von sechs Menschen war, der dies wußte, teile ich wahrscheinlich mit den anderen Fünfen.
Erinnerungen an die eigene Kindheit, hängen nun mal richtig fest im Kopf. Mit der naiven Vorstellung, eines, nun sei es noch mal erwähnt, toleranten Haushaltsvorstandes, Vaters und treu sorgenden Ehemannes, sollten die Erinnerungen der Nachkommenden nicht von sonntäglichen Zwängen geprägt sein.
Sie sollten sich freudig erinnern, an gemeinsame Frühstücke, Gespräche über Schule, Vorhaben die den Tag ausfüllen, wie Themen die natürlich auch das Ziel eines Spazierganges erörterten und wer denn gleich den Tisch abräumen möchte.
Gnadenlos freiwillig.
Auch die Zeit des Frühstückes war nicht festgesetzt, es ist nur schön wenn alle da sind. Es gab hier wirklich Toleranzen, in Maßen, versteht sich, wie soll es denn auch sonst gehen ?
Ein bißchen Absprache mußte eben sein.
Nehmen wir mal an, jedes der Kinder wollte einen Hund, geht nicht, oder jeder kommt mit einer Katze unterm Arm an und fragt, ob es die mit in sein Zimmer nehmen könne.
Von Mofas oder kleinen Ratten wollen wir mal gar nicht reden.
An Sonntage soll man gute Erinnerungen haben.
Auch ich habe Sonntage in Erinnerung, an denen meine Toleranz sich etwas mehr an den vorangegangenen Abend orientierte, möglicherweise an eines von den letzten Bieren, wovon ja bekanntermaßen, eines schlecht war.
Die Toleranz hatte keine Grenzen.
Gestern ? Ach ja, natürlich weiß ich doch, hab ich mich doch gefreut, daß heimliche Dinge ins Zimmer genommen wurden, z.B. daß der Fernseher umsortiert wurde. Ich soll es wohl gestattet haben.
Manche Sonntage gingen dahin, Überraschungen waren schon mal möglich.
Wer verdammt, hat das Mofa in deinem Zimmer stehen lassen? Hä ?
Aber richtig klasse ist, wenn du dann Sonntags frühstücken möchtest und nachdenken mußt, wer ist das denn eigentlich da ? War der gestern schon hier? Der auf den ersten Blick etwas unsortierte und genauso rasierte Jüngling fragt nach Zucker.
Was hätte ich wohl geantwortet, wenn die Frage : Darf ich das auf mein Zimmer nehmen, mich in der Nacht erreicht hätte ?
Gelegentlich wäre ein Meerschweinchen mir dann lieber gewesen.
Es soll aber keiner ungefrühstückt aus meinem Hause gehen.

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Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?
von Beate Nowack, 68 259 Mannheim (Deutschand)

Kann ich das Verbrechen mit aufs Zimmer nehmen?
Auch die Kriege, die sinnlosen - die Mörder und Lügner?
Wissen Sie, mein Zimmer ist groß genug, darin ist Platz, das bißchen Leben im Koffer nimmt nicht viel.
Kann ich die Armut, den Hunger mit aufs Zimmer nehmen?
Nein – es macht mir keine Umstände, mein Frühstück teile ich gern, den Machthunger würde ich einschließen,
im Bad oder im Schrank.
Ach, das kostet einen Aufpreis?
Den zahle ich – keine Frage.
Kann ich die Teilnahmslosigkeit mit aufs Zimmer nehmen?
Umstände? Keineswegs!
Schicken sie ein Fläschchen Rotwein nach oben, vielleicht läßt sie sich im Gespräch erweichen.
Ein Zusatzbett? Ja, sicher,
für das Spiel – das abgekartete!
Kann ich den Fanatismus mit aufs Zimmer nehmen? Und die Toleranz, die sitzt so allein an der Hotelbar.
Wie, die mögen sich nicht?
Kennen sie sich denn, hat man sie einander schon vorgestellt? Nein?
Na, dann schicken sie doch bitte noch Champus und Kaviar.
Kann ich die Geschichte mit aufs Zimmer nehmen?
Aber nein, nicht die Leichte, die Schwere – sie wissen schon!
Nur zum Blättern, darin blättern – der Krieg oder die Mörder,
auch die Diktatur könnten darin lesen,
sie wissen doch genau so gut wie ich: Die reden so ungern.
Kann ich die Zivil-Courage
mit aufs Zimmer nehmen? Weshalb?
Die muß ich dabei haben, bei allem,
was dann in meinem Zimmer wohnt.
Ohne die, also wirklich, ohne die –
Niemals! Die zahlt doch die Hälfte
vom Aufpreis!
Kann ich die Vergeltung mit aufs Zimmer nehmen?
Doch, doch – ich hätte sie gerne in meiner Nähe. Auf meinem Zimmer kann sie keinen Unsinn treiben.
Ja, ich weiß – nur für ein paar Tage,
sagen wir drei? Drei Tage? Nur Halbpension; aber reichhaltiges Frühstück – das muß sein:
Ihr Tag darf auf keinen Fall mit Hunger beginnen.
Kann ich den Sinn mit aufs Zimmer nehmen?
Also wirklich, der macht den
den Bock jetzt nicht mehr fett. Was meinen Sie? Zuviel?
Ihr Chef könnte dagegen sein? Sie verlieren ihren Job?
Das möchte ich sicherlich nicht, aber, -
Ich soll ihre Situation ver..., aber natürlich, das tue ich doch ..., wollen sie nicht auch zu mir aufs Zimmer ...
Kann ich, verzeihen sie, daß ich nochmals frage,
auch den Sinn mit aufs Zimmer nehmen?
Bitte, nur noch den Sinn, nur noch diesen einen Gast!
Aber bitte, für den Sinn schicken sie ’ne Flasche, nein –
besser zwei Flaschen Vodka mit nach oben, hören sie, denn der Sinn,
der Sinn kann nüchtern nichts mehr ertragen.

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Wie der Mond im Wasser
von Abendstern912069, 94250 Achslach (Deutschand)

Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?
Frag nicht, nimm einfach.
"Nimm einfach" hatte er gesagt, als ob es gar nichts bedeuten würde, und jeder der hier vorüberkommt es einfach so mit aufs Zimmer, mit ins Bett nehmen dürfte. Es vorm einschlafen ansehen und womöglich noch davon träumen. Nein, so einfach sollte es nicht sein, etwas mit solcher Kraft mit aufs ordinäre Zimmer eines Vertreters oder gar Touristen zu nehmen. Jetzt hab ich es, und werde es auch nicht mehr so schnell hergeben. Das ist sicher, sonst nicht viel. Sicher ist auch noch, dass ich einer der Einzigen hier bin, der es richtig zu schätzen weiß, und der weiß wie man damit umgeht ohne es seines Zaubers zu berauben.
Erst mal gehe ich auf die Veranda des Hauses, und sehe mir noch ein wenig die vorüberziehenden Wolken an, die sich im grünen Wasser des hell erläuchteten Pools spiegeln. Wenn zwischen den teilnahmslos in der noch immer heißen Luft dahinwabernden Wolken mal der schmale Halbmond durchscheint, dann spiegelt er sich im grünen Wasser.
Genauso ist ES auch, oder zumindest so ähnlich. Ich habe es jetzt in meiner rechten Tasche, und befühle es ständig mit der Hand. Ich lasse es in meiner leicht schwitzigen Hand ruhen, als mir auffällt, dass es ganz ähnlich dem Mond im grünen Wasser ist. Zwischen den Wolken.
Der Wind weht ein Sandkorn in mein Auge, und ich bin dazu gezwungen, unter Tränen die traurig einsame Szenerie zu verlassen. Den Mond? Den schluckt das vergessen.
Erst jetzt gehe ich auf mein Zimmer, und schließe als erstes die Fenster, denn ohne das grüne Wasser ist der Mond und die Wolken nicht auszuhalten. Und da denke ich, dass es eigentlich doch wieder ganz anders ist, lege es aus der Hand auf das Tischchen neben meinem Bett und stecke mir eine Ziehgarette an. Lege mich zurück auf das Bett, in dem schon zahllose und namenslose, namenlos gewordene Hotelboys gelegen haben, und von einem besseren Leben träumten. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, nehme einen tiefen Zug, um anschließend den Hustenreiz zu unterdrücken.
Es liegt noch immer neben mir, unberührt als ob es sich selbst schafend wähnte. Das Nikotin beflügelt mich ein wenig, und macht mich schwindelnd. Ich nehme es, schlage es auf, und beginne zu lesen.

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Das Menschenbündel
von Rosemarie C. Barth, 39120 Magdeburg (Deutschand)

"Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" Diese Frage stellte die vierjährige Annalena ihrem Vater. Sie meinte damit ein kleines Menschenbündel, das auf der Gartenwiese des Ferienhotels lag.
"Das hat der Klapperstorch für mich abgegeben! Das ist mein Brüderchen!"
Inzwischen gab es einen Menschenandrang auf der Wiese. Die Hotelgäste schauten neugierig auf das Baby, das wie ein Bündel geschnürt auf einer rosafarbenen Babydecke mitten im grünen Gras lag, mit seinen winzigen Ärmchen ruderte und glucksende Töne von sich gab. Daneben hockte ein quirliges Mädchen, tätschelte das Menschlein und rief immer wieder: "Das ist mein Brüderchen vom Klapperstorch! Ich nehm‘ es jetzt mit!"
Annalenas Vaters versuchte seine Tochter von der Babydecke wegzuziehen. Doch es gelang ihm nicht. Annalena schrie aus Leibeskräften: "Ich hab’s bestellt beim Storch. Jawohl. Nun hat er’s gebracht. Ich nehm’s mit aufs Zimmer."
Annalenas Mutter, die gerade aus der Hoteltür trat, hörte schon von weitem ihre Tochter lärmen. Als sie wahrnahm, was Annalena da so laut schrie, war es ihr ein bißchen peinlich, daß irgendwer ihrer Annalena das Ammenmärchen vom Klapperstorch erzählt haben muß. Ich hätte Annalena längst schon aufklären müssen, gestand sie sich ein. Zu solchem Hokuspokus hätte es gar nicht kommen dürfen. Sie nahm Annalena zärtlich in ihre Arme und beruhigte das Mädchen.
"Das ist nicht dein Brüderchen, Annalena, es kann dir auch kein Storch gebracht haben. Wie soll er es denn getragen haben und wo soll er es her geholt haben?" Die Mutter redete liebevoll mit Annalena und versprach ihr, bestimmt würde sie ihr schon bald ein Brüderchen schenken, ganz bestimmt. Und zwar sie selbst – nicht etwa ein Storch.
Da kam die Mutter des kleinen Babybündels eiligst mit einem Fläschchen Tee angerannt, drängte sich durch die schaulustige Menschenmenge und hob das Kindchen sanft in ihre Arme. Als
sie den Nuckel in den drolligen Babymund gesteckt hatte, setzte rundherum eine himmlische Stille ein. Alle schauten versonnen auf den nuckelnden Säugling. Annalena schmiegte sich ganz dicht an die Frau, die dem Baby die Nuckelflasche reichte und fragte laut: "Darf ich das Baby mal mit spazieren fahren? Nur solange, bis mir meine Mama ein kleines Brüderchen schenkt..."

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