Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der achten Runde (September '02 - Oktober '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Milan Kundera eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Fischer Taschenbuch 5992. ISBN 3-596-25992-4. 9,90 EUR: Cover: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?

Ein kleines Rädchen?
von Faenwulf, 66115 Saarbrücken (Deutschland)

"Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?"
Irritiert drehte ich mich herum um zu erfahren, wer mich gerade angesprochen hatte. "Wer ich?" antwortete ich sichtlich benommen und versuchte meine Aufmerksamkeit auf den neuen Besucher zu lenken. Wissen sie, in meinem Job ist es nicht ratsam sich von irgendetwas ablenken zu lassen, man muß jeden Nerv seines Körpers auf die eine Sache konzentrieren, die ordentliche Ausführung der aufgetragenen Arbeit. "Selbstverständlich sie, vor so einer schweren Arbeit, sollten sie sich gut stärken, es könnte sonst schief gehen." "Wie kommen sie darauf?" "Nun ja, wir wissen doch beide, dass von diesem Job nicht nur ihre Zukunft, sondern auch meine, und darüber hinaus die des ganzen Planeten abhängt!" "Ach was", lachte ich auf: "Letzten Endes bin ich auch nur ein kleines Rädchen im großen Weltengetriebe, nach dem kein Hahn mehr krät wenn meine Arbeit getan ist, mein Leben zu Ende gebracht wurde." "Und trotzdem, oder gerade deswegen ist ihre Arbeit so wichtig", lächelte der junge Mann und bot mir etwas zu trinken an. Die nächste halbe Stunde war ich abgelenkt, unterhielt mich nett mit ihm, vergaß die Arbeit, die Mühen die auf mich warteten und die Bedeutung. Wir redeten über Gott und die Welt, schämten uns nicht blöde Floskeln über das Leben zu dichten: Aber wer lebt schon - Leben für die Saat? - Sähen für das Leben? und schließlich verabschiedete ich mich mit den Worten: "Danke für die Stärkung!" Als sich der neue Freund in Luft aufgelöst hatte, betrachtete ich neugierig meine Hände. "Eine wichtige Arbeit", sagte ich zu mir und mußte innerlich lachen. "Aber wer wird das Ergebnis sehen, wer wird bewundern können, was hier erschaffen wurde. Kopfschüttelnd setzte ich mich hin und begann mit der Arbeit, die mir soviel Freude und so viel Leid bereitete (und noch heute bereitet), künstleriches Schaffen, ein Produkt der Kreativität, ein Werk für die Ewigkeit?
Mit zitternden Fingern tippte ich den ersten Satz meiner Geschichte in die Schreibmaschine:
' "Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?" ', und fuhr frohgenmutes fort: ' Irritiert drehte ich mich herum um zu erfahren, wer mich gerade...', um dann schließlich beim letzten Satz anzukommen, den ich schließlich mit dem Wort "ENDE" untermauerte und abschloß: 'um dann schließlich beim letzten Satz anzukommen, den ich schließlich mit dem Wort "ENDE" untermauerte und abschloß'
ENDE

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Schwertransport
von Robin Kenius, 50859 Köln (Deutschland)

"Wo steht ihr Tresor?"

Das war alles was die Männer sagten, ihre Figuren und Gesichter drückten nichts anderes aus als diese Frage. "Hier nebenan", meinte Elsa und ging mit einer
geschmeidigen Drehung voran. Da stand das 350-Kilo-Ding. Die beiden Prachkerle lockerten ihre Muskeln.

Elsa öffnete ein Regalfach mit Getränken. "Wollen Sie sich
nicht ewas stärken vor diese schweren Arbeit?" Der eine Mann griemelte, der andere nahm die Flasche, schob sie zwischen seine Schenkel, nahm den Korkenzieher und beugte sich vor. Elsa legte ihm ungeniert den Arm um den Hals. "Wollen Sie sich nicht ewas stärken vor diese schweren Arbeit?" säuselte sie wieder und ließ sich in seinen freien Arm sinken.

Es gelang ihr, ihn ins Nebezimmer zu bugsieren, während der Kollege leicht nervös eine Zigarette rauchte. Dann nahm er die Flasche, öffnete sie, trank ein Glas und folgte den beiden ins Separée.

Elsa erschrak und hätte sich beinahe verkrampft, doch der Kollege sagte sanft: "Wollen Sie sich nicht ewas stärken vor dieser schweren Arbeit?"

"Nein danke", stöhnte Elsa erleichtert, "wir kommen klar."

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Arnold´s body
von Heidi Hoppe, 21635 Estebrügge (Deutschland)

Wie gut, dass sie sich auf Peter verlassen konnte. Er verstand etwas von Computern. Sie mochte ihn. Immer wenn er ihren Computer wieder in Ordnung brachte, schaute sie insgeheim auf seinen Körperbau. Ihre Blicke wanderten von seinen Oberarmen über den Bauch bis hin zu seinem Po. Da fehlte etwas. Nämlich Muskeln. Wie ein Schlaffi wirkte er dort an dem Computertisch. Und blass war er auch. Doch was tun? Ihr kam die rettende Idee. Marie schaltete ihren Computer ein, fummelte hier und da herum, löschte hier und da ein paar Daten und beendete die Programme unsachgemäß. Dann rief sie zuerst die Baustofffirma und dann Peter an. Peter kam gleich am nächsten Tag. Er wollte wie gewohnt zum Computerzimmer durchstarten, Doch Marie fing ihn gleich an der Tür ab. Sie wies auf den überdimensionalen Sandhaufen, die Schaufel und die Schubkarre. Als Peter sie fragend ansah, bat sie ihn flötend:
"Wollen sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?"

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Der Teich
von Beate Laufer, 40599 Düsseldorf (Deutschland)

"Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?"
Der Hausmeister, der Markus diese Frage stellte, schien ehrlich besorgt zu sein. Er dachte wohl, die Arbeit würde Markus das Letzte abverlangen. Aber dem war nicht so. Die moderne Technik hatte auch bei Markus Einzug gehalten. Aber er wollte den Mann nicht vor dem Kopf schlagen. Außerdem hatte er seinen Proviant zu Hause vergessen, und so sagte er zu. Der Mann war zufrieden, und sofort verbreitete er Geschäftigkeit. In null Komma nichts tischte er Markus ein deftiges Mahl auf: Bratkartoffeln mit Spiegelei und einen großen Becher schwarzen Kaffe. Markus aß mit Genuss.
"Vielen Dank. Aber jetzt muss ich mich an die Arbeit machen." Markus nahm seine Sachen und ging. Der Haumeister schaute ihm wortlos nach.
Markus ging zum Teich und begann mit seiner Arbeit. Er hatte den Auftrag, den Grund des Teiches zu entschlammen. Mit Hilfe seines Spezialstaubsaugers eine leichte Übung. Nach drei Stunden hatte er gut zwei Drittel des Teiches entschlammt. Plötzlich begann sein Staubsauger zu stottern. Er kannte dieses Geräusch nur zu gut. Etwas hatte sich am Ansaugstutzen verfangen. Er hob das Rohr aus dem Wasser und erstarrte. In der Ansaugöffnung steckte eine durchsichtige Tüte, die mit einem langen Faden an einer Plastikente befestigt war. Und die Tüte war voll mit Rohdiamanten. Ihm wurde es heiß und kalt. Dieser Diebstahl vor gut zwei Wochen hatte großes Aufsehen erregt. Verstohlen schaute er sich um. Aber der Hausmeister war nicht zu sehen. Markus wollte damit nichts zu tun haben und schmiss die Tüte wieder in den Teich. Er beeilte sich fertig zu werden und dann nichts wie weg. Auf dem Weg nach Hause kam ihm eine Idee. Er wollte ein Stück vom Kuchen haben. Eine kleine Erpressung. Doch auf einmal wurde ihm schwindelig. Die Erde drehte sich, und dann wusste er nichts mehr.
Der Hausmeister frohlockte. Die Lokalnachrichten in der Zeitung ließen keinen Zweifel aufkommen. Der Mann war tödlich verunglückt. Mit seiner Hilfe, aber das würde nie herauskommen. Er hatte einen großen Schreck bekommen, als sein Arbeitgeber beschlossen hatte, den Teich säubern zu lassen. Gerade jetzt, und ein anderes Versteck fiel ihm nicht ein. Aber der Mann war in seine Falle getappt. Er aß ohne Argwohn die vergifteten Bratkartoffeln.
Der Hausmeister grinste zufrieden. Rio, ich komme.

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Glück
von Andrea Wagner, 1020 Wien (Österreich)

„Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?“ „Arbeit?“ Sie blinzelte. „Wieso Arbeit?“ Sie war doch auf der MS Sunlight, dem mittlerweile bekanntesten, extravagantesten Luxusliner. Kaum ein Star, der nicht schon versucht hätte, ein Ticket für diese moderne Titanic zu ergattern. Und sie, ausgerechnet sie, hatte diese Kreuzfahrt gewonnen. „Ja, was haben Sie denn gedacht, was Sie hier machen werden? Etwa den ganzen Tag faul herumliegen und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen?“ Ja, genau darauf hatte sie sich gefreut. Wochen vorher schon hatte sie allen ihren Freunden und Bekannten erzählt, was für ein Glückskind sie doch war und ausgiebige Einkaufsbummel gemacht, um unter all den Reichen und Schönen eine gute Figur zu machen. Alle hatten sie sie beneidet, alle hatten sie sich gefragt: „Warum nicht ich?“ „Los, stehen Sie schon auf! Hier haben Sie Brot, Butter und Käse. Greifen Sie tüchtig zu, Mittagessen gibt es erst um 15 Uhr!“ Sie sah auf die Uhr. Halb sieben! Deshalb konnte sie die Augen kaum offen halten.

Eine halbe Stunde später fand sie sich wieder in einer prachtvollen Kajüte. In einer Kajüte, in der sie aber nicht reisen durfte, nein, hier durfte sie nur putzen. Sie betrachtete sich vor dem großen Spiegel. Ihre Füße steckten in weißen Pantoffeln, und dazu trug sie einen weißen, sackartigen Kittel. Kochfest natürlich. Voll Sehnsucht und unterdrückter Wut dachte sie an ihre sündteuren Sandalen, die im Koffer darauf warteten, ausgepackt und getragen zu werden. Nein, weinen würde sie nicht. Dazu war sie zu stolz. Und zu stark. Aber wie hatte das bloß passieren können? Sie hatte den Brief vom Reiseunternehmen in ihrer Tasche. „Liebe Gewinnerin! Wir gratulieren Ihnen herzlich! Sie wurden ausgewählt, eine Woche auf der MS Sunlight zu verbringen! Dieser außergewöhnliche Luxusliner bietet komfortabelste Kabinen, besten Service und rauschende Partys.“ Da bestand doch wohl kein Zweifel.

Doch nun saß sie fest. Da die Kreuzfahrt nur eine Woche dauerte, würden sie keinen Hafen anlaufen, sondern die berühmten Städte und Sehenswürdigkeiten nur vom Schiff aus betrachten können. Eine Woche putzen! Wie sollte sie das nur ihren Bekannten zu Hause erzählen? Sie konnte sich schon die neugierigen Gesichter mit den neidvollen Blicken vorstellen: „Los, erzähl schon! Hast du jemanden kennen gelernt?“ „Ja“, würde sie dann sagen können, „ich war in den Kabinen der reichsten, schönsten und interessantesten Männer an Bord!“

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