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Politik und Geld: Ein Beitrag in der ZEIT enthüllt scheinbar, wie Literaturjurys arbeiten [Nachträge]

Auch online: Beitrag über Literaturjurys in der gedruckten Ausgabe der ZEIT 22/2024 (Bild: Screenshot)
Auch online: Beitrag über Literaturjurys in der gedruckten Ausgabe der ZEIT 22/2024 (Bild: Screenshot)

Ein »Insider-Bericht« in der ZEIT scheint die Vorurteile gegenüber Literaturpreisjurys zu bestätigen. Es geht »um Politik, um Geld, um Weltanschauung, auch um Macht«, aber nicht um literarische Qualität. Ein in mehrfacher Hinsicht skandalöser Beitrag. [Mit zwei Nachträgen vom 21. und 23.05.2024]

Ausschließlich die literarische Qualität

Die beiden Schriftstellerinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann waren im vergangenen Jahr Jurymitglieder beim Internationalen Literaturpreises, der jährlich vom Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin vergeben wird. Prämiert werden übersetzte Werke der Gegenwartsliteratur. Der Preis ist mit 35.000 Euro dotiert, den sich Autor (20.000 Euro) und Übersetzer (15.000 Euro) teilen.

In einem Beitrag in der ZEIT vom 16. Mai 2024 berichten die beiden Jury-Mitglieder scheinbar detailliert und genau, wie die interne Organisation und die Jurysitzung ablief. Der Beitrag ist auch online abrufbar, allerdings hinter einer Paywall.

Gemäß den Statuten des Wettbewerbs soll durch die Jury ausschließlich die literarische Qualität der zu bewertenden Werke beurteilt werden. Das Ansehen von Autor oder Übersetzer soll keine Rolle spielen. Ist ja logisch, möchte man da sofort sagen, um vielleicht gleich darauf die Frage zu stellen: Ist das überhaupt möglich? Rund 140 Titel musste die Jury sichten, bevor daraus eine Shortlist mit sechs Büchern entstand, am Ende waren es acht.

Wie bei vielen Literaturpreisen üblich, wird zunächst per Punktevergabe eine Liste erstellt, die dann bei einer Jurysitzung final diskutiert wird.

»Ich liebe Literatur, aber Politik ist wichtiger«

Juliane Liebert und Ronya Othmann berichten, dass es bei dieser Sitzung zu einem großen Schlagabtausch gekommen sei, bei dem literarische Kriterien keine Rolle mehr gespielt hätten. »Sorry, ich liebe Literatur, aber Politik ist wichtiger«, soll ein Jury-Mitglied offen zugegeben haben. Die Namen der übrigen fünf Jury-Mitglieder werden im Beitrag nicht genannt, sie können jedoch im Netz nachgelesen werden. Die beiden Autorinnen lassen sich selbst in ihrem Bericht als »Juliane L.« und »Ronya O.« auftreten.

Nach der Punktevergabe standen laut den beiden Autorinnen auf der Shortlist: »Ein senegalesischer Autor, der auf Französisch schreibt und in Paris lebt, eine südkoreanische Autorin, die in den USA lebt, eine russische Autorin, die mittlerweile im Berliner Exil lebt, eine belarussische Autorin, eine mexikanische und eine französische. Es wären ein Mann und fünf Frauen nominiert gewesen.«

Laut Liebert und Othmann beschwerte sich eine Jurorin (sic!) darüber, dass aufgrund der Punkteliste die weiße französische Autorin Mariette Navarro auf der Shortlist stehe, während es drei schwarze Autorinnen nicht auf die Liste geschafft hätten. Navarro solle von der Shortlist verschwinden, weil sie »eine weiße Französin« sei. Auch der renommierte Autor Péter Nádas, dessen Buch viele Jury-Mitglieder mit Abstand die höchste literarische Qualität bescheinigten, käme nicht auf die Shortlist, weil er ein »vom Feuilleton geliebter, privilegierter weißer Autor« sei.

»Kein Grund, persönlich zu werden«

Haarklein berichten Juliane Liebert und Ronya Othmann nun vom Hin und Her der Diskussion und Abstimmung. »Kein Grund, persönlich zu werden: Du als weiße Frau hast hier eh nichts zu sagen!«, soll eine Mitjurorin zu »Juliane L.« gesagt haben.

Durch ihre nachträgliche Intervention hätten die Veranstalter schließlich acht Namen auf die Shortlist gesetzt, gewonnen hat den Preis 2023 dann Mohamed Mbougar Sarr. Doch auch hier habe es bis zuletzt die Diskussion gegeben, ob ein schwarzer Autor von weißen Menschen übersetzt werden dürfe und ob man in der Übersetzung das N-Wort verwenden dürfe, obwohl es vom Autor im Original bewusst eingesetzt wurde, um die Diskriminierung der Hauptfigur zu zeigen.

Genau so, möchte man an dieser Stelle sagen, stellt man sich aktuell die Diskussion in Literaturjurys vor. Längst entscheidet bei Literaturpreisen nicht mehr die literarische Qualität, sondern Hautfarbe und Herkunft. Endlich sagt bzw. schreibt es mal einer bzw. schreiben es zwei. Natürlich schlägt der Bericht hohe Wellen im Netz und im Feuilleton.

In mehrfacher Hinsicht ein Skandal

Dabei ist der Beitrag in der ZEIT aus ganz anderen Gründen mehrfach ein Desaster und als skandalös zu bezeichnen, wie es auch Andreas Platthaus in der FAZ tut.

Der Veranstalter, das Haus der Kulturen (HKW), schreibt in einer Stellungnahme: »Weder das HKW noch die anderen Jurymitglieder wurden im Vorfeld des Beitrages um eine Stellungnahme und Prüfung der Fakten sowie der wörtlichen Aussagen gebeten, damit wurde die journalistische Sorgfaltspflicht nicht eingehalten. Die gebotene Diskretion, die notwendige Grundlage unabhängiger Juryarbeit ist, wurde nicht gewahrt.«

Das erste Problem ist, dass viele den Beitrag von Liebert und Othmann als Tatsachenbericht lesen. Jurys sind nicht selten eine Ansammlung problematischer Egos, deren Blick auf die Bücher und die Umstände nicht immer objektiv ist. Man sieht, was man gerne sehen will. Davon darf man auch Liebert und Othmann nicht ausnehmen.

Allein der Zeitpunkt der ZEIT-Veröffentlichung ist seltsam. Juliane Liebert und Ronya Othmann beschreiben erst jetzt etwas, was ziemlich genau vor einem Jahr passiert sein soll, weil gerade in diesen Tagen die Shortlist für 2024 veröffentlicht wurde. Es leidet nicht nur der Ruf und die Glaubwürdigkeit des Preises, der Juroren und nominierten Autoren vom Vorjahr, sondern auch von denen in diesem Jahr. Ist das ohne Anführung einer Gegenmeinung journalistisch seriös? Wie lange war der Bericht schon fertig? Wann hat ihn die ZEIT bekommen? Was ist davon zu halten, wenn man sich vorstellt, dass in der Kulturredaktion der ZEIT jemand entschieden hat: »Wir warten bis die Shortlist 2024 veröffentlicht wird, dann bringen wir den ›Insider-Bericht‹ von 2023, das wird uns maximale Aufmerksamkeit und Klicks sichern. Danach können wir immer noch eine Gegenmeinung bringen.«

Nichts Besonderes bei Literaturpreisen

Denn das Prozedere an sich, dass Juliane Liebert und Ronya Othmann beschreiben, ist nichts Besonderes bei Literaturpreisen. Es wird in Jurys nicht selten hart diskutiert und manchmal auch gestritten. Würden allein Punktelisten zum Preisträger führen, ist dies nicht immer sinnvoll, denn erst eine abschließende Diskussion kann Dinge aufzeigen, die Punkte nicht abbilden können. Vielleicht erkennt man durch die Diskussion Qualitäten an einem Text, die einem zuvor nicht aufgefallen waren. Oder umgekehrt. Das persönliche Ausdiskutieren einer Long- oder Shortlist ist wichtig, darauf weise ich auch in meinem Online-Kurs zum Thema Schreibwettbewerbe hin.

Denn so hehr und scheinbar naiv Liebert und Othmann die Wettbewerbsstatuten zitieren und die im Grunde ebenfalls hehre und naive Aussagen, dass allein literarische Qualität zu bewerten und auszuzeichnen sei, so unmöglich ist dies. Wäre literarische Qualität messbar, so würde man keine Jury benötigen. Das Ergebnis einer Jury-Diskussion ist immer das Ergebnis vieler Aspekte. Nicht alle davon sind literarisch, aber alles mittelt sich im Allgemeinen selbst nach der hitzigsten Diskussion gut aus. Literatur und Literaturpreise sind immer das Ergebnis ihrer Zeit.

Preisträger Mohamed Mbougar Sarr ist durch den Bericht ebenfalls beschädigt, und er könnte jetzt zu Unrecht als zweite Wahl gesehen werden, dabei hat der Autor in der Vergangenheit bereits den Prix Stéphane Hessel, den Prix Goncourt und den Grand Prix du Roman Métis gewonnen.

Es gibt keine Wahrheit, nur ein Jury-Urteil

Aber egal, was und wie und auf welchem Niveau dort wirklich diskutiert wurde, ist eines der obersten Gebote bei der Teilnahme in einer Jury die Diskretion. Denn es gibt dort keine Wahrheit, es gibt häufig Unzufriedene, man mag als Mitglied nicht immer mit dem Ergebnis zufrieden sein. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe das selbst schon erlebt. Wer sich für eine Jury entscheidet, muss sich auch dem abschließenden Urteil beugen, auch wenn es scheinbar falsch ist. Vielleicht kann man sich im schlimmsten Fall vom Ergebnis distanzieren, was Skandal genug wäre, aber man sollte die Gründe verschweigen. Alles andere ist unlauter, unseriös und unkollegial. Niemand mehr würde dort offen seine Meinung sagen und diskutieren.

So schaden Juliane Liebert und Ronya Othmann am meisten sich selbst mit diesem unsouveränen, nachtretenden Beitrag, dessen Wahrheitsgehalt niemand überprüfen kann.

Wolfgang Tischer

P. S.: Bevor es dazu Bemerkungen in den Kommentaren gibt: Ja, überall, wo im Text »scheinbar« vorkommt, ist nicht »anscheinend« gemeint.

P. P. S.: Ein weiterer Lesetipp zum Thema

Leider auch hinter der Paywall: Autorin Nele Pollatschek ärgert sich in einem Beitrag für die Süddeutsche, dass sie als Jurymitglied primär angefragt werde, weil sie eine Frau sei. Sie gibt zu Bedenken, dass bei einem Literaturpreis, deren Jury so divers besetzt ist, die beiden Autorinnen des ZEIT-Artikels vielleicht auch nicht primär aufgrund ihrer literarischen Kompetenz ausgewählt wurden, sondern wegen ihres Geschlechts, Alters und ihrer Herkunft. Dennoch findet Pollatschek die Kritik der beiden Autorinnen legitim.

Nachtrag vom 21. Mai 2024:
Haus der Kulturen: »Zerrbild des Jury-Prozesses« und Ex-Jurorin Liebert legt nach

Das Haus der Kulturen der Welt sah sich gezwungen, nach einer ersten kurzen Reaktion eine zweite, ausführliche Stellungnahme zu verfassen, die am 21.05.2024 an die Medien verschickt wurde. Darin werden erneut alle Vorwürfe zurückgewiesen. Etwas manipulativ lautet die Überschrift der Pressemitteilung »Richtigstellung«.

So seien die in der ZEIT zitierten Bewertungskriterien grob unvollständig wiedergegeben worden. Das HKW schreibt:

[Die Bewertungskriterien] beinhalten außer den genannten zudem Kriterien wie Einzigartigkeit der Stimme der Autor*innen und Übersetzer*innen, Originalität der Übersetzung, Einzigartigkeit des Themas und der Darstellungsweisen, Wirkungsweise und andere mehr. Die der Jury vom HKW als erste Grundlage gegebenen Kriterien wurden von der Jury zusätzlich um das Kriterium der „Dringlichkeit“ ergänzt.

Der Satz »Du als weiße Frau hast hier eh nichts zu sagen!« sei so nicht gefallen. Dies hätten fünf der sieben Jury-Mitglieder und zahlreiche in der Sitzung anwesende HKW-Mitarbeiter unabhängig voneinander bezeugt.

Weiter schreibt man beim HKW:

Die Darstellung, die Abstimmungen über Shortlist und Gewinner seien das Ergebnis einer identitätspolitischen Entscheidungsfindung, in der Schwarze Autor*innen gegenüber ,weißen’ bevorzugt würden, ist falsch. Richtig ist, dass es auch zu politischen Diskussionen kam; aber ausschlaggebend war die literarische Qualität der Texte. Shortlist und Gewinnertitel sind das Ergebnis einer Abstimmung über literarische Werke.

Zur vollständigen Pressemitteilung des HKW vom 21.05.2024

Allerdings legt auch Ex-Jurorin Juliane Liebert in einem Interview mit der Berliner Zeitung nochmals nach, und sie bleibt bei ihren Vorwürfen, adressiert sie noch stärker ans HKW und die Verantwortlichen dort. Liebert sagt u. a., die anderen Jury-Mitglieder seien von den Verantwortlichen beim HKW belogen worden und man habe ihnen Dinge verschwiegen, beispielsweise warum die Shortlist nachträglich von sechs auf acht Titel erweitert wurde. Die geschah laut ZEIT-Beitrag von Juliane Liebert und Ronya Othmann aufgrund ihrer internen Beschwerde über die Diskussionskultur in der Jury.

Zum Interview mit Juliane Liebert in der Berliner Zeitung (nicht hinter einer Paywall)

Nachtrag vom 23. Mai 2024:
Auch Ronya Othman äußert sich nochmals in einem Interview: »Das HKW hat sich selbst beschädigt«

Ex-Jurorin Ronya Othman hat dem Tagesspiegel ein Interview zur Sache gegeben. Redakteur Gerrit Bartels will als erstes wissen, warum die Kritik erst ein Jahr später erscheint. Zum einen musste man rechtlichen Rat einholen, zum anderen habe man das HKW unmittelbar mit den den Vorwürfen konfrontiert. Außer der Erweiterung der Shortlist sei aber nichts weiter geschehen. Juliane Liebert und Ronya Othmann hatten daraufhin Bedenken, dass intern weiterhin nach politischen Kriterien entschieden werde. Als die beiden für die Jury 2024 einfach nicht mehr angefragt wurden – wohl wissend, dass darauf kein Anspruch besteht – hätten sich die beiden gedacht: »Okay, so lösen sie also das Problem. Die halten die Kriterien nicht ein – Kriterien, die unter anderem besagen, nicht nach Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit zu bewerten, politische und religiöse Ansichten außen vor zu lassen. Wir sprechen das an, wollen darüber diskutieren – und sind dann einfach draußen. … Aber der Umgang mit unserer Kritik war einfach problematisch, das konnten wir schwer so stehen lassen. Das war für uns eine Täuschung.«

Dass es vom Feuilleton Gegenwind geben würde, war den beiden bewusst: »Aber ich hatte auch gehofft – wir beide haben gehofft – dass es eine produktive Debatte geben wird: Über eine Tendenz im Kulturbetrieb, dass über Werke weniger nach künstlerischen als nach identitätspolitischen Kriterien geurteilt wird.« Othmann hofft, dass diese Debatte jedoch noch geführt werde.

Zum Interview mit Ronya Othman im Tagesspiegel (leider hinter einer Paywall)

Siehe auch im literaturcafe.de den Kommentar zu Literaturpreisen: Wir brauchen mehr Transparenz

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13 Kommentare

  1. Für mich ist dieser Beitrag von Herrn Tischer ganz typisch dafür, wie mittlerweile cancelculture und kulturelle
    Aneignungsphrasen die deutsche Kultur und Politik bestimmen. Ein Artikel, der mich wütend macht.

    • Der Skandal liegt darin, dass nach außen literaische Qualität als Kriterium postuliert wird, aber hinter den Mauern ganz andere Kriterien eine Rolle spielen. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass man sich einem Urteil beugt, von dem man persönlich nicht überzeugt ist. Sie bauen eine Pappfigur auf!

  2. Wenn das alles bei Literaturpreisen nichts Besonderes gewesen sein soll, warum werden dann überhaupt Bewertungskriterien formuliert? Das schonmal hart diskutiert wird ist nicht verwerflich aber die Dinge über die damals wohl Diskutiert wurde, hätten laut den Kriterien des HKW gar nicht erst zur Diskussion stehen dürfen.

  3. Im Grunde sprechen die Kommentare zu dem kritischen Zeittext für die Berechtigung der Kritik. Mir sind- ausgenommen der Kommentrar von Nele Pollatschek- nur empörte Abwehr anstatt sachliche Argumente bekannt. Schade.

  4. Ich zitiere den Satz im Vorspann: “… Es geht »um Politik, um Geld, um Weltanschauung, auch um Macht«, aber nicht um literarische Qualität. ”
    Das sagt alles … Denn in nahezu allen Lebensräumen der Menschen geht es um Geld, Macht – und Sex. Kann man täglich den Medien entnehmen.
    Traurig, aber wahr.

  5. PS: Was zu schreiben ich noch vergessen habe: Bücher, die Jury-Preise gewinnen, interessieren mich in der Regel nicht. Genauso wenig wie Bücher, die auf Spiegel-Bestsellerlisten stehen und/oder von sogenannten Literaturkritikern empfohlen werden. Wolfgang Tischer spielt dabei eine Ausnahmerolle. Mit dem bin ich – fast immer – einer Meinung.

  6. Ich begrüße die Offenlegung der Vorgehensweise der beiden Damen, auch wenn es ein G’schmäckle haben sollte.
    Literaturdiskussion – ja, gern! Aber was hat das mit Diversität zu tun? Entweder man ringt gemeinsam um die Qualität von Texten – oder man macht Politik. Ich habe es satt, ständig von erzieherischen Maßnahmen in welchen Kontexten auch immer belästigt zu werden. Dann gebt dem Wettbewerb eben einen anderen Namen und passt die Bedingungen an: nur ausländische Titel, es wird für jede Hautfarbe 1 Platz vergeben, Punkt. Es ist Euer Wettbewerb, also macht, was ihr wollt. Aber tut um gotteswillen nicht so, als ob.

  7. Interessanter Beitrag, allerdings mit einigen fragwürdigen Statements.

    Zum Beispiel:
    »Wäre literarische Qualität messbar, so würde man keine Jury benötigen.«

    Nun haben Othmann und Liebert gar nicht gefordert, dass man die literarische Qualität »messen« müsse! Ihnen schien es eher darum zu gehen, dass die Jury sich bei ihrer Entscheidungsfindung auf die literarischen Aspekte konzentrieren sollte. Und das wäre zweifellos sehr wünschenswert, nicht zuletzt auch aus Respekt gegenüber den Autoren, die nun einmal nichts an ihrer Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht ändern können, sondern einfach nur einen litararischen Text vorgelegt haben.

    Anderes Beispiel:
    »Allein der Zeitpunkt der ZEIT-Veröffentlichung ist seltsam. Juliane Liebert und Ronya Othmann beschreiben erst jetzt etwas, was ziemlich genau vor einem Jahr passiert sein soll, weil gerade in diesen Tagen die Shortlist für 2024 veröffentlicht wurde.«

    Ja…, vielleicht ein wenig unsportlich dieses Timing, allerdings macht es aus Sicht der beiden kritischen Jury-Mitglieder nach ihren frustrierenden Erfahrungen absolut Sinn! Durch dieses Timing erreichen sie die stärkste Wirkung mit ihrer Kritik, die zuvor ganz offenbar nicht ernst genommen wurde, worauf nicht zuletzt der faule Kompromiss, die Shortlist von sechs auf acht aufzublasen hindeutet.

  8. Anscheinend muss in diesem Lande alles politisiert werden – einschl. Literaturpreise. Es geht nur noch darum, wie gender, wie bunt, wie multikulti ein Autor oder eine Autorin ist, nicht mehr um literarische Qualität. Und wehe, irgendein Schwarzer, eine Gelbe, ein sonstwas steht nicht auf der Liste! Ich kann nur sagen: Solange der grün-woke Müll über dieses Land hinwegschwappt, schafft alle Literaturpreise ab! Ohnehin regelt der Markt der Leser das Ganze – da braucht es keine Preise.

  9. Herr Tischer behauptet, dass es nicht möglich sei, allein die literarische Qualität zu bewerten und auszuzeichnen. Wäre das Urteil der Jury genau so ausgefallen, wenn ihr nur die Texte ohne jeden Hintergrund zur Verfügung gestanden hätten? Gibt es Gründe, die dagegen sprechen, einen solchen Versuch zu starten?

  10. Ich finde es gut, dass sich Whistleblower getraut haben, zu offenbaren, wie es in Jurys läuft. Die Vermutung hatte ich schon lange, es ist nahezu offensichtlich, dass es nicht um den Inhalt eines Buches geht, sondern viel mehr um den Autor oder den Verlag und evtl. noch ob das Thema des Buches gerade gesellschaftlich relevant ist. Das Argument, dass die Diskretion gebrochen wurde, ist ein lächerlicher Versuch, die Schuld von sich zu weisen. Wer selbst Etikettenschwindel betreibt, indem er behauptet, er bewerte die literarische Qualität, während in Wahrheit ganz andere Faktoren in die Waagschale geworfen werden, braucht mit so einem Argument nicht daherkommen.

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