Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der achten Runde (September '02 - Oktober '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Milan Kundera eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Fischer Taschenbuch 5992. ISBN 3-596-25992-4. 9,90 EUR: Cover: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?

Fernsehabend
von Jan Dudenhausen, 40591 Düsseldorf (Deutschland)

Er befand sich in einem Raum ,der nur aus Ferseh-Geräten bestand. Das Zimmer war fünfzig Quadratmeter groß und ungefähr drei Meter hoch. Die gesamte innere Fläche war mit dicken ,mächtigen Glasscheiben versehen ,so daß man kein Gerät berühren konnte. In den Ecken waren kleine Löcher im Glas ,hinter denen die Lautsprecher angebracht waren. Die Tür ,die auch aus Mattscheiben gefertigt wurde ,fiel zu ,und Herr Wendriner war allein. Er fühlte sich komisch. Es erklang eine Stimme. Es war die Stimme eines Nachrichtensprechers. Herr Wendriner schaute sich um und entdeckte an der Wand hinter sich das passende Bild dazu. Kurz darauf tauchte das Bild auch ,als wenn es sich gespiegelt hätte ,auf der gegenüberliegenden Wand auf ,dann ein drittes an der Decke und ein viertes am Boden. Langsam fingen die Programmbilder an ,die Fernseher zu wechseln ,aber es blieben vier. Auch das änderte sich ,als ein Sportprogramm einen Moment später an der Decke dazu geschaltet wurde. Man konnte die beiden Stimmen gut auseinanderhalten. Auch das Sportprogramm bekam vier Sendeplätze und jetzt zappten schon acht Bilder durch den Quader. Ein Sender ,der Musikvideos spielte ,verzehrte die akustische Wahrnehmung ,und es fiel ihm sehr schwer ,sich auf eine Sache zu konzentrieren. Immer mehr Sender ,immer mehr Stimmen ,immer mehr Flimmern. Herr Wendriner erkannte einen Pornosender und hörte auch schemenhaftes Stöhnen dazu. Homeshopping ,Regionales ,ausländische Programme ,mehr Musik ,mehr Ton ,mehr Bilder und schon bald wechselten die Flimmerkisten fünf mal pro Sekunde das Programm ,und die Boxen spuckten Geräusche aus ,die an einen Bienenstock erinnerten. Er fühlte sich komisch. Dann wurde es still ,und die Bildflächen wurden schwarz. Die Tür öffnete sich ,und ein Mann mit einem Teller in der Hand kam durch den Lichtkegel auf ihn zu ,kniete sich zu ihm hin und fragte ihn ,während er den Teller langsam in seine Richtung bewegte :" Wollen sie jetzt etwas essen?" Er verneinte.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Es ist noch Suppe da
von Mirre, 25832 Tönning (Deutschland)

Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit? Mit diesem Satz auf den Lippen und einem Tablett in den Händen ging sie auf ihn zu. Es war aber auch eine wirklich harte Arbeit gewesen, den Kirschlorbeer auszugraben. Er war bereits drei Meter hoch und die Äste armdick. Und als er die Wurzeln ausgraben wollte, da ist ihm der Spaten zerbrochen. Nun, er hatte einen zweiten mitgebracht.
Dankbar sah er sie an. Sie hatte eine Gulaschsuppe für ihn gekocht. „Warum gibt es eigentlich IMMER Gulaschsuppe?“ fragte er sich.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Fahrprüfung
von Rosemarie C. Barth, 39120 Magdeburg (Deutschland)

"Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor der schweren Arbeit?" fragt Mia die Chefin. "Ich hab Sandwichs." Sie reicht Frau Abt den Teller. Die Chefin wehrt bebend ab.
"Danke, bin stark genug." Mia wundert sich über ihr Zittern und forscht: "Kann ich was tun für Sie?"
"Nein, Mia." Frau Abt fühlt sich elend, ihr Magen rebelliert. In zehn Minuten muß sie los. Heut muß es klappen! Heute oder nie. Dreimal war sie durch die Fahrprüfung gesaust. Beide Augen hat der Prüfer zugedrückt und gesagt, die Chance sei vertan, nach dreimaligem Aus muß alles wiederholt werden. Tausende Euro hat Isa in ein - wie's scheint - verbautes Unterfangen gesteckt. Sie packt's nicht, Panik jagt sie, sobald sie hört: Prüfung! Stärken - Essen? Nett gemeint von Mia, aber jeder Bissen würde im Hals würgen. So wie sie den Motor abwürgt, wenn es heißt: Fahrprüfung! Wenn das Mia wüßte, sie glaubt, die Chefin wird heut erstmalig geprüft. Ja, stark! Mia kennt sie stark. Sie ist es! Setzt sich durch, schafft, wovon andere ein Leben lang träumen. Doch eins gelingt nicht, die Fahrprüfung. Letztmalig geh' ich hin, dann nie mehr. Isa windet sich aus dem Stuhl. Ihr Spiegelbild sagt, es geht schief!. Mutlos trabt sie zum Lift. Die Fahrt ins Foyer spürt sie kaum. Gedankenlos rammt sie den Fahrlehrer an.
"Hallo Frau Abt, heut müssen Sie's nicht eilig haben. Wir fahren noch mal Probe, danach legen wir den Prüftag fest. Ja?"
"Gern", ruft Isa froh und schwebt zum BMW. Als Herr Kof Platz genommen hat, fährt Isa flott an.
"So, wir fahr'n eine Stunde Stadt, dann die Orte Großa und Saal. Sie dürfen Ihren Stil machen, ich sag' nur was, falls Sie Fragen haben, okay?"
"Klar, Herr Kof!" Isa fährt in der ersten Stunde fehlerlos, erobert gekonnt beide Orte und steht neunzig Minuten später wieder vor der Firma.
"Und - wann ist - Prüfung?" fragt sie. Mit dem Teufelswort weicht Isas Sicherheit, die Hände beben erneut.
"Prüfung?" fragt Herr Kof. "Wie, noch mal? Sie haben die Fahrprüfung eben mit Bravour bestanden! Glückwunsch!"
"Echt?" Isa weint Freudentränen.
"Ja! Gratuliere!"
"Wieso? Ich denk, die - Prüf...?"
"Unter uns - ich hab's geplant. Ich weiß schon lange, wie gut Sie fahren - und kenn' Ihre grundlose Panik. Es konnte nur mit dem Trick klappen. So, ich muß weiter, in einer Stunde nehm' ich die nächste Prüfung ab."
"Wollen Sie sich etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?" fragt Isa. "Ich würde Sie gern zum Kaffee einladen."

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Lange und schwere Arbeit der Liebe
von Ewald König, 82515 Wolfratshausen (Deutschland)

Er nahm ihre Hände in die seinen. Er schaute in ihre Augen, sie schaute in die seinen. Allmählich zog er sie an sich heran, begegnete behutsam ihrem Mund und küsste sie sanft auf die weichen Lippen. Dann zog er ihren zarten Körper langsam zu sich her. Ihr Busen presste an seiner Brust. Der Kuß wurde tiefer und inniger, tief wie die Liebe derer, die sich seit langem nicht mehr begegnet waren, obgleich sie einander nicht kannten.

Er hatte das Weiß des Kristalls und das Grün des Smaragds ihrer Augen gesehen. Er hatte das Perlmutt ihres Leibes gespürt und schmeckte nun auch den Jasmin und die Rosenblüte der Lippen. Er spürte, in diesem Leib lag ein weites, fruchtbares Land.

So begann an diesem Tage die schwere Arbeit der Liebe. Und sie fragte noch: "Wollen Sie sich nicht ein wenig stärken?" Er sprach: "Gern, weil ich weiß, dass sich die Liebe aus dem ewigen Fluß des Lebens nährt und nur dann die Sehnsucht in Früchte gießt, wenn gute Arbeit in Frühling und Sommer früh schon die Herbstfrucht bestellt." Und sie sprach: "So lassen Sie uns beginnen, die Liebe zu stärken und sie gewinnen." Und so begann ihre Liebesbemühung fruchtwärts vom ersten Tag an, seit dem Tage des Edelgesteins und des Fruchtbodens.

Im siebten Monat sodann gebar sie ein Kind als Frucht ihrer gemeinsamen Liebe. Nach nochmals sieben Monaten war dieses tot, verbrannt und in einer Urne beerdigt. Die frische Träne benetzte die späte Erde. Der Kristall war getrübt, der Smaragd lichtblind, das Perlmutt stumpf und spröde, und alle Rosen zu früh schon verwelkt.

So spürte sie, dass der Lohn schwerer Arbeit im Hier oftmals vergeblich bleibt. Menschenarbeit versiegt, scheint umsonst – und was wirklich bleibt, stiften die Götter, oder es fällt in das Nichts verbergender Winter. Doch in der Träne der Wange schickte sie noch im letzten herbstlichen Aufblick ein liebendes Lächeln zum Himmel – und ging . . .

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Bestseller von morgen
von Johann Nakovitz, 1050 Wien (Österreich)

„Bitte finden Sie sich zwecks Überarbeitung Ihres Manuskriptes in meinem Büro ein!“ ... oder so. Was’n für ‘ne Überarbeitung? Es ist alles perfekt! Der weiß ja gar nicht, was er von mir verlangt. Sollte froh sein, dass er so einen entdeckt hat, wie mich. Mein ganzes Genie habe ich auf dieses Projekt gerichtet, tagelang recherchiert – nächtelang Steinchen für Steinchen aufeinandergelegt, bis das Werk mich doch tatsächlich gelobt hat. Da stehe ich endlich auf dem Olymp der Schreiberei, bereit die ganze Welt teilhaben zu lassen und dann dieses. Diese Banause versteht es, Bestseller-Autoren von morgen zu malträtieren. Dem werd‘ ich was erzählen!

„Herr N., ihr Manuskript ist unverkäuflicher Schrott! Kürzen sie es auf 2500 Zeichen, dann reden wir weiter.“ „Aber, ... ?!?“ „Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?“ „Ja, - doch, schon! ... Sie haben Kaffee für mich ...?“

Da sitz ich nun und soll also wirklich die 5000 mühsam, feinst fabulierten Zeichen auf die Hälfte kürzen? Also gut, ich versuch’s! Ich nehme mein Manuskript, ich setzte den Rotstift an ... Nein, verdammt! Der verlangt von mir, aus „Romeo und Julia“ einfach den Part des Romeo zu streichen! Das ist schlimmste literarische Vergewaltigung! Schweiß und Blut meiner Schöpfung.

„Sie sind also unnachgiebig?“ - - - Warum frage ich das? - Schinder! „Ist schon gut, habe verstanden: Sie sind der Boss, mein Verleger, und ich, ich bin der Held in meiner Story, der Märtyrer! Sie schweigen? - Ich leide!“ Sadist...! „Drei Zucker, bitte, und etwas Milch – danke!“

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.