Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Darf ich es mit auf mein Zimmer nehmen?
von Felicia, 86161 Augsburg (Deutschand)

Menschen sind von Natur aus Sammler und noch dazu faule Gammler... Alles möchten sie haben, an allem möchten sie sich erlaben. Und ständig ist bei Kindern dieser eine Satz zu vernehmen: Darf ich es mit nach Hause nehmen? Nun ja, die Frauen hört man fragen: Darf ich die Perlenkette tragen? Und die Männer hört man erwähnen: Soll ich das Fräulein mit auf mein Zimmer nehmen? Ein jeder erwartet sich ständig ein Glück, doch alles kehrt wieder an seinem Platze zurück: Die Dinge werden mal verloren, die Fräuleins sich auch einen anderen auserkohren, die Villa mit all den Samtsitzen mit Lehnen, hallt wider den Wunsch verborgen in: Darf ich es mit auf mein Zimmer nehmen? Und irgendwann, wenn längst die kalten Stürme über unser Grabe wehen, wenn schon längst die kleinen Kinder nicht mehr in die Schule gehen, dann findet ein Kind auf dem Friedhof einen schmucken Stein, der liegt da so, verlassen und allein, und es bückend dannach greift, und die Freude daran reift, hört man das Kind lustig erwähnen: Darf ich ihn nach Hause nehmen?

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„Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?“
von Maraidon, 80636 München (Deutschand)

kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?
kann ich das Zimmer mitnehmen?
nimmt das Zimmer? – etwas von mir – an?
- auch wenn ich schon gegangen bin?

- wenn schon andere etwas auf das Zimmer mitnehmen.
was kann ich auf das Zimmer mitnehmen?

- um zu erkennen, - wenn ich wieder komme,
- dass dies mein Zimmer ist?

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regeln für den barbesuch
von Mela Kocher, 8005 Zürich (Schweiz)

»kann ich es mit auf das zimmer nehmen?« frage ich, in der hoffnung, meine zwei belästiger abzuschütteln, die es sich links und rechts neben mir auf einem barhocker gemütlich machen in der annahme, mich durch plumpheiten für sich zu gewinnen.
schweigen.
»ist das überhaupt möglich, hier, an so einem ort, etwas mit aufs zimmer zu nehmen?«, frage ich, schon etwas verzweifelt, denn wie würde es mir gelingen, diese zwei typen abzuschütteln, wenn mich nicht mal der barkeeper für voll nimmt. denn wie ich das anstellen sollte, es ins zimmer zu transportieren – keine ahnung. vielleicht ist das hier ja ungewöhnlich, darum das schweigen; muss ich es vielleicht von meinem zimmer aus per kreditkarte aus dem katalog bestellen oder wie? ach warum hilft mir denn niemand? die zwei unermüdlichen probieren weiter, was ich natürlich sehr absurd finde, da allzu stereotyp.
zum glück ja nur verbal, darum halte ich, zwischen enervierung und neugierde schwankend, noch ein weilchen aus und gebe dem gespräch mit dem barkeeper noch eine chance: »normalerweise gehe ich nie alleine an eine bar, weißt du, aber heute hatte ich so lust, mit fremden zu reden.« seine antwort »what do you want?« ist vielleicht nicht sehr ermutigend, aber ich fasse es dennoch als zeichen von kommunikationsbereitschaft auf und erzähle ihm, dass ich auf der suche bin nach einem gewissen künstler, der sich ab und zu in diesem hotel aufhalte. das darauffolgende schweigen des barkeepers deute ich als ermunterung und erzähle, wie wir uns kennengelernt haben, ja dass ich sogar schon auf seinem zimmer gewesen sei etc. die typen neben mir sind schon lange verstummt, harren abwartend aus, bis sie wieder eine chance kriegen, nach meinem alter zu fragen.
der barkeeper, nach einer weile beredsamen schweigens: »i do everything to keep this bar going«. etwas seltsam, diese überleitung, ich kriege plötzlich ein schlechtes gewissen, habe sätzeweise von mir geredet, ohne auf meinen kommunikationspartner rücksicht zu nehmen. ausserdem ist mir nicht ganz klar, wieso er zwar deutsch versteht, aber englisch spricht. es sprechen ja alle deutsch hier. vorsichtshalber gratuliere ich ihm zu seiner positiven arbeitseinstellung; er fällt mir jedoch ins wort und meint unvermittelt: »what do you want? «
da geht mir auf, dass ich mich seit 20 minuten mit einem bot herumbemühe, einer barkeeper-software, und klicke verschämt, aber hastig auf das kleine fensterkreuz rechts oben bei www.habbohotel.ch. :-)

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Eine Dame
von Christine Volm, 71063 Sindelfingen (Deutschand)

Der Nachtportier musterte die Dame von oben bis unten. Die zierliche Person blickte ihn mit fragenden Augen an. Was wollte sie nur mit einem Kaninchen auf dem Hotelzimmer? Gestern schon hatte sie eines mit nach oben genommen.
Sein Blick haftete an der Dame, die sich wieder zu den Tieren begeben hatte, und verträumt das Fell eines Angora-Kaninchens kraulte.
Kurz vor Ostern gab es immer eine Attraktion in der Eingangshalle des Hotels, letztes Jahr waren es Küken in einem kleinen Gehege. Man hatte versucht, es ihnen dort nett zu machen, der Rasen wurde täglich erneuert, das Futter von einem Tierarzt ausgewählt. Die Gäste waren erfreut. Manches Kind strapazierte die Küken sehr mit seinem Spieltrieb aber meist waren die Eltern früh genug zur Stelle um Schlimmes zu verhindern.
Nur eines musste mit dem Leben bezahlen. Ein Rockmusiker hatte ihm nachts, nach dem zwölften Whisky, von seiner Verflossenen erzählt. Er nahm es mit in die Bar und ließ es vor sich auf der Theke herum spazieren. Als er mit seiner Erzählung an der Stelle angelangt war, an der seine Freundin ihn verlassen hatte, erstarrten seine Gesichtszüge. Er griff nach dem Küken und biss ihm den Kopf ab. Der Barkeeper, der den Kadaver zu beseitigen hatte, konnte am nächsten Tag nichts essen, es gab Hühnerfrikassee für die Angestellten. Er wurde zur Hotelleitung zitiert und darauf hingewiesen, dass kein Wort an die Presse gelangen dürfe.
Die Dame kraulte immer noch das Kaninchen, sie sah nicht aus, als würde sie es beißen wollen. Der Portier gab sich einen Ruck. "Einverstanden", sagte er "sie können das Tier bis morgen mit aufs Zimmer nehmen, ich werde dafür sorgen, dass das Futter zu Ihnen gebracht wird. Morgen sollten sie dann aber bitte beide Tiere wieder herunter bringen." Sie hauchte ein "Dankeschön" und warf ihm im Vorübergehen, mit dem Kaninchen auf dem Arm, noch eine Kusshand zu. Sie wirkte seltsam geistesabwesend.
Dem Zimmermädchen fiel beim Aufräumen am nächsten Morgen die Rasierklinge am Badewannenrand auf. Der Mülleimer im Bad war außergewöhnlich schwer und über der Heizung lagen zwei nasse Fellstücke, weiße, wie für einen Mantelkragen.
Der Nachtportier, als er nachmittags seinen Dienst antrat, stellte entsetzt fest, dass die Dame abgereist war und die zwei weißen Kaninchen fehlten. Er versuchte sich das Bild der Dame ins Gedächtnis zu rufen. Dunkel erinnerte er sich an ihren Rock aus kleinen Fellstücken, die aussahen wie von Hamstern. Er hatte nicht gedacht, dass sie echt sein könnten.

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Eine Stunde Wartezeit
von Gitta Kohlmann, 27442 Gnarrenburg (Deutschand)

19.05 Uhr:
Ich liebe meinen Sohn Dennis. Er gehört zu den cleveren kleinen Burschen, die immer von anderen bewundert werden. Er kann lesen, rechnen, schreiben und ist mit dem Internet vertraut. Er hat nur einen Fehler: Er lässt immer alles liegen, womit er sich gerade beschäftigt hat, z.B. Spielzeugtrecker im Wohnzimmer, Spielkarten auf dem Küchentisch und die Rennautos landen immer unter seinem Bett.
Da man ihm nicht beibringen kann die Sachen selber wegzuräumen, ist es meine Aufgabe, die Unordnung zu beseitigen. Und so lege ich abends mechanisch alles wieder an seinen Platz zurück, bringe Dennis zu Bett und erledige alle häuslichen Pflichten, wie es sich für eine gute Mutter gehört.
Wenn endlich Ordnung herrscht, schalte ich zwei Stunden vor dem Fernseher ab.
Danach kann ich völlig entspannt zu Bett gehen, um über Nacht neue Energie zu laden. So bin ich auch am nächsten Tag wieder voll einsatzfähig.
Bis heute nachmittag lief alles wie immer, doch dann verlangte Dennis unbedingt Milch, obwohl ich ihm oft genug gesagt habe, dass ihm diese Flüssigkeit schaden könnte.
Er kam also vor zwei Stunden mit einem Glas Milch in der Hand zu mir und fragte: "Mama, kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?". Natürlich habe ich ihm das sofort verboten! Ich habe doch nicht ahnen können, dass er seine Ohren in dem Moment bewusst auf taub gestellt hatte.
Vor fünf Minuten startete ich wie jeden Abend mein Aufräumprogramm und war gerade dabei, die Autos unter dem Bett zusammen zu sammeln. Dabei stieß ich mit dem Ellbogen das noch volle Glas Milch um, welches mein Kind dort versteckt hatte.
Die Steckdosenleiste, die immer griffbereit auf dem Teppich unter dem Bett liegt, bekam die volle Ladung Milch ab.
Da ich den Energiespar-Modus gewählt hatte und während der Aufräumphase mit der Stromzufuhr verbunden war, führte dies zu einer der seltenen Schockreaktionen meiner Modellreihe: Mein Speicherchip wurde beschädigt. Soweit ich weiß, kann der Schaden aber ohne weiteres behoben werden.

20.05 Uhr:
Jetzt warte ich schon eine Stunde auf den Reparaturservice. Zum Glück haben sie mir für die lange Wartezeit ein automatisiertes Ersatzprogramm eingebaut und das ist jetzt endlich vollständig aufgeladen. Es funktioniert zwar nur ohne Gefühlmodul, aber wozu braucht ein Roboter Gefühle? Ich soll doch hier nur für Ordnung sorgen. Ich gehe jetzt an die Arbeit, und wenn dieser kleine Bengel neben mir nicht gleich seine Sachen vernünftig wegräumt, dann kann er was erleben.

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