| Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: |  | Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Ein himmlischer Kuss von Birgit Wagner, 50674 Köln (Deutschland) Einen Kuss, ich wünsche mir einen richtigen Kuss! Ich saß vor einem weißen Blatt Papier, auf das meine Mutter Wunschzettel in großen Buchstaben geschrieben hatte und malte in meiner schönsten Schrift ein K für Kuss, dann ein u und so weiter. Im Backofen ging gerade der Stollen auf und ein weihnachtlicher Duft zog durch die Küche. Wünscht du dir denn gar nichts anderes? Keine Barbie? Oder einen neue Kasperlepuppe? fragte meine Mutter ganz erstaunt. Nein, nur einen Kuss, erwiderte ich und zeichnete noch einen kleinen Engel neben das Wort. Das wird schwierig werden, denn ich glaube nicht, dass sie so etwas da oben haben. Egal, ich legte meinen Wunschzettel auf die Fensterbank meines Zimmers und wie jedes Jahr war er am nächsten Morgen verschwunden. In den folgenden Wochen betete ich vor dem Schlafengehen, dass das Christkind mir diesen Wunsch erfüllen möge, wie das wusste ich auch nicht. Ich dachte nur eins: Ich wollte nicht mehr das einzige ungeküsste Mädchen in der Klasse sein. Alle, ja wirklich alle waren schon geküsst worden, selbst meine beste Freundin Katja, das Pummelchen. Wann und wen sie küssten, erzählten sie nicht, nur dass. Oft saßen sie mit geröteten Wangen im Unterricht, tuschelten und kicherten, malten Herzchen auf die Heftseiten. Am Tag des Heiligen Abends hatte ich hohes Fieber. Die Aufregung, sagte meine Mutter und überließ mich dem Schlaf. Als ich am späten Nachmittag aufwachte, es war schon dämmrig draußen und nur der Schein der Straßenlaterne erhellte ein wenig das Zimmer, sah ich einen Schatten an der gegenüberliegenden Wand entlang fliegen. Er sah aus wie der Scherenschnitt eines Engels mit Flügeln und Trompete. Augenblicklich löste sich der Schatten von der Wand und verschwand. Noch im selben Moment spürte ich einen kühlen Luftzug, erst auf der linken dann auf der rechten Wange und dann auf dem Mund. Es war der Geschmack von Weihnacht und frischem Schnee, der sich auf meinen Lippen legte und dort liegen blieb. Der Himmel hatte mich erhört! Noch Jahre danach, egal zu welcher Jahreszeit, immer wenn ich im Bett lag und nichts zu tun hatte, als dazuliegen und mich zu erinnern, durchfuhr mich dieser himmlische Geschmack. Erst sehr viel später machte ich die Erfahrung, dass es auch irdische Küsse gibt, die nach Himmel schmecken. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Von Wachstum und Liebe von Carsten Jacob, 49170 Hagen a.T.W. (Deutschland) Er trug Sie in seinem Herzen. Auch wenn er sich nicht mehr bei Ihr melden durfte. Er hoffte aber, das er Sie eines Tages wiedersehen würde. Und dazwischen? Dazwischen ging das Leben weiter. Aber jeden morgen stand er mit Gedanken an Sie auf. Dachte an die Zeit in Paris und besonders an diesen bezaubernden Abend auf der Dachterrasse des Hotels am Montmartre. "Wenn man doch das Leben nur einmal wieder aufribbeln könnte – Und es dann richtig machen!" :dachte er bei sich als er mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit war. Man macht so viele Fehler und die Sache mit der Liebe ist so fragil. So wie eine zarte Pflanze und wenn man nicht aufpasst, dann zerstört man sie noch bevor ein starker Baum daraus wachsen kann. Der Schatten spendet und der Stürmen trotzt. Der einem die Luft zum Atmen gibt und durch dessen Blätter in einer lauen Sommernacht der Mond schimmert. Der einfach da ist und Stärke und diesen Frieden ausstrahlt und dessen Äste sich verschlingen wie Hände die einander loslassen und wieder festhalten. Er schaltete das Radio ein. Die 8 Uhr Nachrichten waren gerade zu Ende. Der Wetterbericht prophezeite einen ganz passablen Tag vorraus als dann plötzlich John Waits "The Briar and the Rose" sang. Als er das Lied hörte, breitete sich diese Wärme in Ihm aus, die er auch damals auf der Terrasse in Paris verspürt hatte und eine Träne kullerte seine Wange herunter. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ob sie wohl.... ob er wohl....? von Angela Göggel, 71701 Schwieberdingen (Deutschland) Sie fehlte so sehr... nur kurze Zeit hatten sie miteinander verbracht und es war, als wären sie sich schon Jahre vertraut gewesen. Sie strahlte eine Energie aus, die ihn ansteckte. Er, der nun schon so lange alleine war und nicht daran geglaubt hatte, dass es ihn wieder einmal erwischen könnte. Und dann sie... Leben! Endlich wieder Leben... endlich wieder leben.... Er musste immerzu an den Kuss denken, ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Ein einziger Kuss - die Sehnsucht schnürte sein Herz. Sie war so weit weg. Ob sie wohl manchmal an ihn dachte?
Er fehlte so sehr... die kurze Zeit mit ihm hatte ihr gezeigt, dass sie lebte, dass sie jung und voller positiver Energie war – und dass es Seelenverwandte gab, denen man ohne weiteres alles anvertrauen konnte, denn das Vertrauen war grenzenlos. Sich verstehen setzt nicht die gleiche Muttersprache voraus und sich verlieben geschieht ohne Rücksicht auf Distanz... Sie musste immerzu an den Kuss denken, ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr sie immer noch, wenn sie nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Ein einziger Kuss... Tränen liefen ihre Wange hinab – sie hatte solche Sehnsucht. Er war so weit weg. Ob er wohl manchmal an sie dachte? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Wer glaubt schon an ewiges Glück von Franz Eiermann, 55262 Heidesheim (Deutschland) Manfred? Nein, mit über vierzig war er raus aus diesen jugendlichen Träumen und als ihm Erna begegnete, wusste er um Klaus, ihren Mann, dem sie mehr Mutter als Geliebte war. Zuerst kreuzten sich ihre Wege zufällig, aber es schien, als zöge sie ein Gummiband immer enger zusammen und eines Tages war es gewiss, sie liebten sich. Dass sie ein Problem hatten, verdrängten sie, ihre gestohlenen Stunden der Glückseligkeit sollten nicht getrübt werden. Es traf ihn wie ein Donnerschlag. Sei nicht traurig, sagte Erna, es ist aus, wir können uns nicht wiedersehen. Entsetzt starrte er sie an, bis ihm die Sprache wieder kam: Aber Erna, Liebling, was ist passiert? Er erfuhr, dass Klaus schwer erkrankt sei, sie ihn morgen in eine entfernte Klinik bringe und dort bei ihm bliebe. Das Gewissen schluchzte Erna, drängt mich an die Seite meines Mannes. Manfred wollte es nicht glauben. Lange bestürmte er sie, nichts Endgültiges zu beschließen, jedoch sie ließ sich nicht umstimmen: Klaus braucht jetzt meine Hilfe, das ist wichtiger als unser Glück. Tags darauf nahm er Hals über Kopf Urlaub und fuhr ans Meer, der Wind sollte ihm die unglücklichen Gedanken aus dem Kopf blasen. Er dachte an diesen letzten Kuss vor vier Wochen, sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte, als dazuliegen und sich zu erinnern. Eine Idee setzte sich bei ihm fest, wenigstens einmal wollte er Erna noch sehen. Im Cafe hatte sich Manfred einen Fensterplatz gesucht. Ständig beobachtete er das Haus schräg gegenüber und hoffte auf Erna. Aber nach zwei Stunden Kaffee und Kuchen gab er es auf, länger konnte er hier nicht sitzen, das fiele auf. Es regnete, den Schirm hielt er vors Gesicht, damit man ihn nicht erkennen konnte. Schnell überschritt er die Straße und ging dicht an der Hauswand entlang. Zumindest ihren Namen wollte er im Vorbeigehen an der Klingel lesen, aber er fand ihn nicht, auf einem angeklebten Schildchen stand ein fremder Name. Verwirrt verhielt er seinen Schritt, wusste sich keine Erklärung. Da trat ein Herr aus der Tür, sah den überraschten Manfred und sprach ihn an: Suchen Sie jemanden, kann ich Ihnen helfen? Hier wohnten doch Folkerts, ich finde den Namen nicht mehr, stotterte Manfred. Ach Folkerts, das ist eine traurige Geschichte, sagte der Fremde, die sind vor vier Wochen während der Fahrt zu einer Klinik tödlich verunglückt. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Kuss, der auf seinen Lippen loderte von Margit Farwig, 48 465 Schüttorf (Deutschland) Wieder lag er da. Das Ziehen in der Brust wollte nicht aufhören. Er fing an, sich in das Reich der Düfte zu verirren, suchte nach dem Geschmack, der ihn durchfuhr, wenn er seine Augen schloss. Vorher legte er eine Kassette von Don Gibson ein: "Songbirds at Sunrise" (Singvögel beim Sonnenaufgang). Diese Musik würde ihn auffangen und mitnehmen in eine Welt, die nicht von dieser ist. Sie gibt es auf Erden nicht mehr. Er schritt zusammen mit dem Kuss, der auf seinen Lippen loderte, hinüber zur grünen Aue, zum Wasserfall, der sich spielerisch plätschernd in den Gesang der Vögel einflechten ließ. Dazu leuchtete das Wasser wie das Rückengefieder fliegender Eisvögel, auch fliegende Juwelen genannt. Aus Felsspalten rankten dunkelgrüne Blätter. An ihren Spitzen glänzten weiße Blüten, die der Phantasie entsprungen sein mussten, einer Hirnschale aus Lotosblüten, die nur zauberschöne Blüten hervorbringen wollten. Hier setzte die Magie der Reinheit und Schönheit Zeichen. Hier schimmerte die Luft wie von schillernden Seifenblasen gefüllt, die abgelöst wurden von Nebelschleiern. Hier sangen Elfen Lieder. Über Wiesen, Heckenraine zogen Elfen, leise tanzend ihren Reigen. Um die Leiber wanden sie Nebelschleier, fein gesponnen. Herbstzeitlose wispernd baten, bindet uns um eure Stirn, wenn ihr euch im Kreise dreht, dass der Atem uns vergeht. Elfenhände banden einen Blumenkranz, schwangen lautlos vor dem Wald über Wiesen, Heckenraine Nebelschleier fein gesponnen. So ein Schwingen hob an und er ließ seinen Sinnen freien Lauf. Er schloss sich dieser Gesellschaft an und fand Gefallen daran. Seine Brust wurde leicht, der Kuss auf seinen Lippen brannte nicht mehr. Seine Erinnerung wurde blass, er streckte sich und reckte sich, fasste nach der Hand der weißen Glockenblumenelfe mit dem entzückenden Glockenhut, führte sie an seinen Mund und blies den Kuss einfach auf ihre elfenzarte Hand. Und hast du nicht gesehen, flog diese kleine Elfe blitzschnell aus der Reihe hinüber zu den Schmetterlingen. Denn sie liebte ihn schon lange, ihren schwarzen Apollo, und drückte ihren Kuss auf seinen rechten Flügel. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |