| Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: |  | Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Ruhe in Frieden von Kirija Nagisa, 63069 Offenbach (Deutschland) Und das tat er nicht gerade selten. Zu oft hatte ihn die Einsamkeit dazu verführt, in der Vergangenheit zu schwelgen. Und doch wusste er nicht, ob er es hätte bereuen sollen. Ihr wehleidiger Blick, ihre Tränen, welche sich mit dem Blut vermischten, das aus den zwei Löchern an ihrem so zarten Hals hinaustrat. Ihre sonst so rosige Haut, welche plötzlich so blaß und leblos wirkte. Er hatte sogar geglaubt sehen zu können, wir aus ihrem engelsgleichen Körper langsam das Leben wich. Und dann hatte er in ihre Augen geblickt. Ihre Augen, welche ihn jedesmal freudig angeblickt hatten, schienen ihn einzusaugen, gefangenzunehmen und mitzunehmen in das Reich, in dem das Wort Leben nicht mehr als eine Illusion ist. In diesem Augenblich hatte er gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, sie zu beissen, sie dem Totenreich zu übergeben. Und doch hatte der Kuss gut geschmeckt und er erinnerte sich immernoch an das warme Blut dieser reinen Seele, welches ihr ein Leben, doch ihm nur eine bestimmte Zeitspanne des Glücks in seiner Ewigkeit beschert hatte. Und nun war er wieder alleine, alleine in diesem Schloss, in der die Dunkelheit regierte, alleine ohne die wärmende Liebe einer Person, die ihm vertraute. Wieder hatte er nachgegeben, der Sucht, die seine einzige Schwäche darstellte, die sein Dasein bestimmte... Er setzte sich auf, verließ seinen Sarg, ging in seiner blassen Schönheit die Treppenstufen des Turms hinauf. Sein Umhang wehte, als er am Rand stand, nur ein Schatten in der vom Vollmond beleuchteten Landschaft, die Arme ausbreitete und sich im freien Fall die schärfenden Sinne seiner Fledermaus-seele aneignete, um das Ende sienes Leids zu suchen, das Ende der Ewigkeit... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Im Liegen von Eva Kairies, 27711 Osterholz-Scharmbeck (Deutschland) Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.Von angenehmer Wärme, Geborgenheit versprechend, tiefe Sehnsüchte weckend. Der Abschied vom Alleinsein, vom Wunsch beseelt, eins zu sein und schmerzhaft an die Grenzen des Verschmelzens zu stoßen.Nach wenigen Augenblicken des Entzückens erwachte doch jedes Mal mit Getose sein Verstand. Es durchfuhr ihn nach dem süßen Erinnern jedes Mal ein Schlag, denn es durfte nicht sein. Ein Mann darf keinen Mann begehren. In Scherben vor ihm die eben empfundenen Gefühle, verschämt mit den Schuhspitzen aus dem Weg geschoben. So ging es jedes Mal. Ein verzerrtes Leben, ein ewiger Zwiespalt von Herz und Hirn - bis ans Ende der Welt würde er für die Antwort auf seine Fragen gehen. Doch er lag da, wenn er nichts zu tun hatte und erinnerte sich. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers bequemlichkeit von Mara Kolberth, 8010 Graz (Oesterreich) hast du mir vorgeworfen in einer diesen trägen stunden verbracht auf dir liegend manchmal sanft deinen mund suchend nur atmend einfach ruhig sein das leben lassen du willst nicht mehr? fragst du mich mit ungläubigen augen nur DA sein das ist alles es spüren das leben es schmecken verstehst du in der ruhe find ich es da hast du unter mir dich freigemacht mit verschlossenen zügen das reicht mir nicht und küßtest mich ein letztes mal. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Alltag von Mina Maran, 38110 Braunschweig (Deutschland) Als Franz die Wohnungstür aufschloss, kam gerade die Familie aus dem zweiten Stock die Treppe hinunter. "Guten Morgen", sagten Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Er gab den Gruß zurück. Einen Augenblick später hatte er seine Ruhe. Jetzt im Herbst war der Flur dunkel, wenn er von seinem Nachtdienst nach Hause kam. Franz schaltete das Licht nicht an. An den Schatten vorbei ging er ins Bad, das von der Morgendämmerung mit Graublau gefüllt wurde. Er drehte den Hahn an der Wanne auf. Einige Minuten später lag er in dem heißen Wasser. Er fühlte sich einsam, aber das war er gewohnt. Die früheren Beziehungen waren lange vorbei. Er vermisste niemanden. Es hatte so viele Vorteile, alleine zu leben. So musste er weder unnötige Gespräche führen, noch sich über die Unzulänglichkeiten eines anderen Menschen aufregen. Sein Alltag gefiel ihm. Es gab keinen Grund, etwas zu ändern. Und doch hatte er diese Frau kennengelernt, Inge. Sie arbeitete auch bei der Wach- und Schließgesellschaft. Dass sie ihn mochte, war leicht zu sehen. Aber er wollte nichts von ihr. Er wollte ihr nicht näher kommen. Er wollte nicht wissen, was ihr gefiel und was sie nach oder vor der Arbeit tat. Er wollte nicht an ihr interessiert sein oder Zeit mit ihr verbringen. Seine Tage und Nächte waren gut geplant. Änderungen waren unnötig. Nach dem Bad würde Franz schlafen gehen. Er würde am Nachmittag aufstehen und etwas essen. Wie jeden Tag würde er die Zeitung lesen und danach ein Buch. Am liebsten las er Kriminalgeschichten. Abends setzte er sich manchmal vor den Fernseher, bis er zur Arbeit gehen musste. Vielleicht war heute ein Großeinkauf nötig. Er musste nachsehen, was er noch im Kühlschrank hatte. Die Erinnerung störte ihn bei seinen Gedanken. Das Schwitzen des Wassers drang in ihre Kälte ein. Er hatte Paprika und Knoblauch geschmeckt oder gerochen, Pfefferminz und Kaffee. Dabei war der Kuss kaum mehr als ein Antippen gewesen. Seitdem waren mehrere Wochen vergangen. Inzwischen hatte Inge einen Freund. Franz tauchte für einen Moment ganz unter, um das Gefühl auf seinen Lippen loszuwerden. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Blaue vom Himmel von Ines Braun, 51067 Köln (Deutschland) (Überrascht) Da bist du ja wieder. Völlig unverändert. Wie ist es gelaufen? Zumindest hat sie Wort gehalten. (Empört) Also hat sie dich geküßt? Niemals! (Aufbrausend) Mußte sie doch. Hatte mir das Blaue vom Himmel versprochen, für die kleine Gefälligkeit und gedacht ich würds für lau machen. Nix da! Kannst du mir nicht erzählen, die würde dich noch nicht mal mit zwei spitzen Fingern anfassen ... (Grinsend) Okay, ganz so einfach wars nicht. Ihr Vater hats befohlen. Von wegen Wort halten. Direkt danach hat sie mich rausgeschmissen. Der Abend war trotzdem super. Und wie lief das mit dem Essen? Hätte nicht gedacht, daß du den Mumm hast tatsächlich bei denen anzutanzen! Die hat fast der Schlag getroffen, als ich abends vor der Tür war. Wollte mich erst gar nicht reinlassen, aber irgendwer von drinnen hat gerufen, wer denn noch gekommen sei ... Saßen alle um nen großen Tisch rum und ihr Vater hat ein bißchen nachgebohrt. Da hat sie dann die Story vom Nachmittag erzählt und mich vorgetellt. Hab kaum nen Bissen runtergekriegt und kam mir ganz komisch zwischen dieser pikfeinen Gesellschaft vor. (Eifrig) Und dann hat sie dich geküßt? Erst später. Vorher sind wir in ihr Zimmer rauf. Also, ehrlich glaub ich, daß die sich nach dem Essen absetzen wollte, aber ich bin hinterher und Vater hatte den ganzen Abend was von wegen Wort halten gesagt und so standen meine Chancen nicht schlecht: (Ungäubig) Warst also allein mit ihr im Zimmer? Da wurde die so richtig zickig, hat sich geziert und mich sogar beleidigt. Erst als ich mit ihrem Vater gedroht habe, hat sie ganz fest die Augen zusammengekniffen und die Lippen gespitzt. Bäng! (Gedankenverloren) Von dem Kuß träume ich immernoch. Wenn ich sonst nichts zu tun habe als am Wasser zu sitzen. Wenn Sonne oder Mond sich in der Oberfläche spiegeln, dann muß ich an die goldene Kugel denken, die ich für sie hochgeholt habe. Vom Grund des Brunnens. Hat sich gelohnt für den Kuß einer Prinzesin. Hat sich gelohnt ... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |