Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

SÜßES GIFT
von Jutta Federkeil, 54518 Bergweiler (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Diese samtweichen Lippen, die an seinen Ohren geknabbert und ihn liebkost hatten. Immer noch ließ ihn die Erinnerung daran erschauern, immer wieder erwischte er sich dabei, wie er mit den Fingerspitzen seine eigenen Lippen berührte. Als könnte er dieses Gefühl damit noch näher bringen und er hatte Angst, dass es vergehen würde.
Wie hatte er diese Wahnsinnsfrau nur wieder laufen lassen können?
Das hatte er nun davon, dass er sich auf einen one - night stand eingelassen hatte.
Und nun ging ihm dieses bezaubernde Geschöpf mit dem schwarz glänzenden Lockenhaar nicht mehr aus dem Sinn. Sie hatte ihn regelrecht verhext und er wusste noch nicht einmal ihren Namen. So
trottelig konnte auch nur er sein, zum Teufel mit seiner Schüchternheit.
Wieder einmal hatte er seine Chance verpasst. Ihm war das Glück begegnet, er hatte es gesehen und er hatte es nicht festgehalten.
Er lag auf seinem Bett, fühlte sich krank und elend vor Sehnsucht.
Er hatte sich rettungslos verliebt, in eine Namenlose. Dabei wusste er überhaupt nichts von ihr, sie hatte sich in sein Leben eingeschlichen und ihr süßes Gift breitete sich in seinem Körper aus.
Irgendetwas musste er dagegen tun. Von innerer Unruhe gepackt stand er auf, nahm seine Autoschlüssel und setzte sich in seinen Wagen.
Er fuhr zu dem kleinen Lokal, wo er sie getroffen hatte. Dort angekommen verließ ihn der Mut und er wagte nicht, hinein zu gehen.
Stundenlang starrte er auf die Eingangstür und wartete. Er malte sich in den schillerndsten Farben aus, wie es sein würde, wenn sie ihn wieder sah. Er war sich sicher, dass es ihr genauso ergangen war, wie ihm. Gewiss würde sie ihm in die Arme fallen und ihm ihre Liebe gestehen.
Ihn mit ihren sinnlichen Lippen küssen, ihm offenbaren, dass sie nur darauf gewartet hatte, ihn, nur ihn glücklich zu machen.
Auf einmal öffnete sich die Tür und sie trat heraus.
Der Schein der Straßenlampe ließ sie wunderschön aussehen. Genauso schön wie er sie in Erinnerung hatte. Er hätte sie überall auf der Welt wieder erkannt, denn sie waren für einander bestimmt.
Sein Herz raste vor Glückseligkeit, er gab sich einen Ruck, stieg aus seinem Auto, ging zu ihr.
Und als er dann erwartungsvoll vor ihr stand, schaute sie, ohne jegliche Regung eines Erkennens, durch ihn hindurch und sagte gelassen:
„Mein Herr, Sie versperren mir den Weg!“

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Yvonne
von Magdalena Heckmann-Storzum, 41469 Neuss (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Endlich begann er zu begreifen, was an diesem Lippen auf Lippen drücken so besonderes war. Er schloß die Augen und genoß noch einmal den winzigen Augenblick, als Yvonne ihn im Dunkeln mit seinem Freund verwechselt hatte und spürte ein warmes, kribbelndes Gefühl in den Lenden. Er seufzte, setzte den Schulranzen auf und marschierte los.

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Der Kuss
von Sylvia Smuda, 71083 Herrenberg (Deutschland)

Der Tod seiner Frau führte ihn beinahe in den Wahnsinn. Kurz darauf verlor er seinen Bruder. Doch der Tod seines über allem geliebten Töchterchens veränderte ihn. Er war seither nicht mehr derselbe wie früher.
Die Kleine hatte noch gelebt, als man sie fand. Das ganze Dorf hatte geholfen, mit bloßen Händen in den Trümmern gegraben, den eigenen Schmerz ignoriert. Ein leises, kaum hörbares Wimmern trieb sie zu Akkordarbeit an. Dann ein Aufschrei, als sie das Kind fanden. Doch welch ein Anblick! Ihre wunderschönen tiefbraunen Augen starrten weit aufgerissen vor Schmerz durch ihn hindurch, ihr Mund war zum stummen Schrei geöffnet. Als man sie ihm in die Arme legte, hustete sie Blut. Nie würde er das Gefühl der entsetzlichen Ohnmacht vergessen, gepaart mit grenzenloser Wut.
Er küsste sie zärtlich zum Abschied. Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.
Er lag im Freien und starrte in den nächtlichen Sternenhimmel. Er wartete. In der Früh würde er endlich die Bombe bei den anderen zünden. Frieden kehrte in seine Seele ein. Es war Zeit für die Rache.

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Welle der Sinne
von Andrea Beser, 41749 Viersen (Deutschland)

Ihre Stimme,
wie vor Sekunden,
klang sie in seinen Ohren,
machte ihn musisch und glücklich,
auch wenn er sich wahnsinnig beeilen musste,
und beschwingt machte er sich auf den Weg zur Arbeit.

Er stand an seiner Maschine und dachte an sie,
nun war er zwar sehr stark beschäftigt,
doch ein zarter Duft umhüllte ihn,
er konnte sie noch riechen,
nach so langer Zeit,
ihr Parfüm.

Ihre Haut,
vor mindestens einem Monat
wie ein Pfirsich, gefühlt, gespürt,
streichelte noch immer zärtlich seine Wangen,
als er mit der vollen Bahn zwischen Menschenmassen
heim fuhr, um nachdenken, sich sehnen, hoffen zu können.

In seinen eigenen vier Wänden lief es wie ein Film ab,
er hätte aufräumen und dann essen kochen können,
doch der erlebte Augenblick erhellte sein Gemüt,
ihr wunderschöner Anblick vor seinen Augen
als wenn es Gegenwart wäre,
ihr Gesicht.

Ein Kuss,
vor vielen Wochen,
aber sein Geschmack
durchfuhr ihn immer noch,
wenn er nichts zu tun hatte,
als dazuliegen und sich zu erinnern.

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Viele Wochen?
von Peter Reuter, 76889 Kapellen-Drusweiler (Deutschland)

Hab ich Dich -
hast Du mich?
Geküsst
vor vielen Wochen....

Liegst Du bei mir -
lieg ich bei dir?
Geküsste Seele
wie vor vielen Wochen...

Denkst du an mich -
denk ich an dich?
Müde Gedanken
an vor viele Wochen....

Gibt es mich -
hat ed dich gegeben?
Und den Kuß
vor vielen Wochen....

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