Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Ein Kuss
von Sim Schiess, 50677 Köln (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Albern, dachte er, stand auf, zog die dichten Vorhänge sorgfältig zu und setzte sich an den Schreibtisch. Er schlug das erste Heft auf, stieß es aber gleich mit unwirscher Bewegung zur Seite fegte, so dass es auf den Boden fiel und dort offen und verwundet liegen blieb.

In dem Raum war es schummrig gewesen, aber nicht ganz so dunkel, wie sein Name vermuten ließ. Er hatte einige der Cocktails getrunken, von denen er wusste, das er sie nicht vertrug, dann noch einen Whisky und vermutlich noch einen, die Karte war jedenfalls sehr oft von der kleinen Lochzange durchschlagen worden, bevor er endlich hineingegangen war. Die laute Musik drang jetzt gedämpfter an sein Ohr, sie ist sicher immer noch gehörschädigend, dachte er kurz, aber dann war die Verbindung zu seinem Alltagsleben endgültig abgebrochen. Eine warme Hand zog ihn nah an einen Körper heran, der warm und heiß war und keinen Widerspruch zu ließ. Sein Herz schlug wild und unbeholfen. Die Hand glitt über sein schweißnasses Shirt, hielt kurz inne, als sie das Leder erreichte und blieb dann bestimmt zwischen seinen Beinen liegen. Die andere Hand umfasste fest seinen Nacken, löste sich aber, als eine weitere kam, ihn an der Schulter griff und ihn mit einer harten Bewegung umdrehte. Er stand nun zwischen den beiden Männern, plötzlich fühlte er sich beschützt, ja: in Sicherheit. Fast zärtlich erwiderte er den Kuss, der kam und seinen Körper in ungeheure Aufregung versetzte. Es war richtig so. Der Bart kratzte auf seiner Haut und er nahm den Anisgeruch des anderen wahr, der überall zu sein schien, sogar in seinem Mund. Er hatte den anderen Mann ganz vergessen, der ihm nun wie einer gefangenen Maus in den Nacken biss. Er schrie laut auf, riss sich los und stürmte hinaus. Die harte Musik umschloss ihn sofort, folgte ihm zum WC und schlug ihm ins Gesicht, als er sich schließlich zitternd im Spiegel betrachtete. Immer wieder spürte er die Erregung des Kusses und jedes Mal zerbrach sie am folgenden Schmerz. Schließlich ging er wieder hinaus, zwang sich, ein gleichgültiges, seine Schüler würden sagen:“cooles“ Gesicht aufzusetzen, und postierte sich gegenüber der Tür. Die Blicke der Männer, die in größeren Abständen heraus kamen, wirkten leer, sie suchten ihn nicht.
Nach kurzer Zeit war er gegangen. Draußen nieselte es. Klassisch, dachte er. Das erste Mal.

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Die Gesuchte
von Kathrin Rohwedder, 70192 Stuttgart (Deutschland)

Seit jenem Abend sah er sich die jungen Mädchen noch genauer an als ohnehin. Er wusste nichts von ihr und irgendwie doch alles. Er wusste, dass sie es war, aber davon hatte er nichts, denn was sie kurz davor zu ihm gesagt und damit um ein eigenartiges Einverständnis gebeten hatte, war: "Ich bin, die du gesucht hast, aber nachher umschauen darfst du dich nicht." – "Ja."
Was wollte sie ihm damit denn sagen? Geschenkt, auf was sie anspielte. Aber: kannte sie ihn etwa? Denn er kannte sie nicht, aber was heißt schon kennen –‚Wortklauber’, warf er sich vor – also, woher wusste sie von seinem Vorhaben, Orpheus und Eurydike aufzuführen? Er hatte mit niemandem darüber gesprochen.
Am Theater angekommen, machte er sich seinen Kaffee. Cap Colombie musste es schon sein. Er liebte das: sein morgendliches Ritual, mit einer Tasse heißem Kaffee als erster den Probenraum zu betreten, diese so besondere Luft einzuatmen und dann den ersten Schluck des Tages so heiß, wie er es aushielt, die Kehle hinunterrinnen zu lassen. Heute aber merkte er, dass es nicht ging. Das Durchatmen gelang ihm nicht. Er stockte und presste die Lippen aufeinander. Die Augen hielt er geschlossen, er versuchte, nicht zu denken, nur nicht zu denken. Als eine Träne auf seine Lippen tropfte, öffnete er die Augen, stellte die Tasse weg und klopfte sich leicht auf die Oberschenkel.
Abends war er wieder allein. Wieder umkreiste ihn die Frage, was das Mädchen ihm hatte sagen wollen. Ausgerechnet an jenem Ort der unerfüllten Sehnsüchte hatte ihn eine Unbekannte geküsst. Er hatte sich nicht umgeschaut, nachdem er das Kino verlassen hatte, er hatte sie ja nicht einmal richtig gesehen. Ihre Worte hatten so eindringlich geklungen, dass er sich an sie hielt. Er, der Regeln gerne umformulierte oder ihnen elegant auswich, um zu bekommen, was er wollte.
Aus einem bizarren Traum wachte er auf. Wieder und wieder der Kuss dieses Mädchens, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Er fuhr hoch und wusste es mit einem Mal: natürlich hatte er sich umgeschaut. Ebenso, wie sie sich gesehen hatten und auch kannten. Unendlich müde sank er wieder auf sein Kissen. Er fragte sich, warum einem die Sprache der Bibel heutzutage nicht mehr geläufig war.

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Nie mehr
von Irmgard Gravemann, 26810 Westoverledingen (Deutschland)

Dein Lächeln,
Deine strahlenden Augen,

Dein Geruch und
Dein Geschmack,

wenn Du mich küßtest,
wenn Du mich liebtest.

Was schmerzt mich mehr,
das Vergessen
oder das Erinnern

an eine Liebe,
die verloren ging,

seit Du mich
für immer verlassen hast.

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Cluebird, das Knobischweinchen
von riojamona, 27753 Delmenhorst (Deutschland)

Heute hatte er wieder gekocht. Mit viel Knoblauch, versteht sich. Beim anschließenden Nickerchen mit vollem Bauch und weit wehender Fahne träumte Cluebird vor sich hin. Ja, er träumte von ihr. Zart und unschuldig saß sie damals auf dem Sofa und wartete auf seine "Spaghetti Surprise". Als er endlich zu Tisch bat und sie den Knoblauch roch, wollte sie eigentlich nichts essen. Doch er sah so glücklich aus und war so stolz, dass er sie verwöhnen konnte. Was blieb ihr also übrig, wollte sie ihn nicht verletzen. Und das lag ihr fern. Zaghaft rollte sie die ersten Spaghetti kunstvoll auf die Gabel und schob sich den ersten Bissen todesmutig in den Mund. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass Sie bisher niemals irgend etwas mit Knoblauch zu sich genommen hatte, aus Angst, andere mit dem anschließenden Geruch zu belästigen. Doch nun gab es kein Halten. Solch ein Genuss. Sie begann, all ihre guten Manieren zu vergessen und schaufelte sich eine Portion nach der anderen ein. Cluebird saß ihr verzückt gegenüber und war glücklich. Eine Frau mit solchem Appetit hatte er noch nie kennengelernt. Diese Freude überwältigte ihn so sehr, dass er, kaum dass sie die ganze Schüssel alleine vertilgt hatte, zu ihr stürmte und sie stürmisch küsste. Knoblauchbeflügelt küßte sie ihn zurück und so entspann sich eine heftig duftende Leidenschaft. Ob sie geschmackvoll war, sollte an dieser Stelle unerwähnt bleiben. Wie sollte man derartiges jemals vergessen? Cluebird zehrt noch heute davon.

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Honigtage
von Christian Raffer, 94250 Achslach (Deutschland)

Ein Kuss schmeckt nicht. Vielmehr ist er das Bild, die Gesamtheit , die sich aus dem zarten Zusammentreffen, dem sublimen Tanz Zweier ergiebt, die sich - für wenige Momente nur - vollkommen aufeinander Einlassen, ohne Furcht vor all den schlechten Dingen. Es ist ein kurzes klares Treffen, dass alle Aufmerksamkeit verlangt, und alle Aufmerksamkeit schenkt.

Hin und wieder, eigentlich recht selten bloß erinnerte er sich noch an den Geschmack dieses Kusses vor vielen Wochen. Wenn er die Sonne hervorkommen sah zwischen finsteren Wolken, oder wenn ihm vom Herbstwind ein selten wertvoller Duft in die Nase gelegt wurde, der ihn an graue Vorzeit erinnerte und melancholisch machte. Dann hatte er ihn wieder im Kopf, diesen Geschmack. An sonst so trüben Herbsttagen stand er so manches mal in diesem Jahr im Park, von Blättern umwirbelt und dacht daran, dachte an SIE.

Er kannte Sie und kannte Sie nicht. Ihr Haar hatte die Farbe von Herbstlaub, dass seelig leicht im Wind dahinglitt. Ihr Blick war klarer als der klarste aller Tage. Sie war das Ende des Sommers, warm und golden. Kaum fassbar, doch eindeutig da. Der Kuss der Beiden war eine Erlösung, taumelnd veronnen die Tage, waren von kurzer Dauer nur. So schnell wie diese Honigtage verstreichen, verstrich auch sie und machte der nächtlichen Kühle erster Oktoberfröste Platz. Gab der Gefährtin Einsamkeit ihren Platz zurück, den sie eine kurze Ewigkeit nur eingenommen hatte, und verschwand so, wie sie gekommen war - lautlos in ein Irgendwo-Nirgendwo des sich nach ihr Sehnenden.

Die Erinnerung vermochte ihm Freude zu bereiten, und ein abwesendes Lächeln zeichnete sein faltiges Gesicht. Ein Lächeln, dass er nur dann zu zeigen in der Lage war, wenn ein Gedanke, eine Erinnerung wie eben diese oder eine Melodie den Genius allen Seins in der tiefen Umnachtung der Existenz einem Kometen gleich erstrahlen ließ. In diesen Momenten war Zeit einerlei.

Doch das Lächeln erlöschte, er zog seinen Hut tief ins Gesicht, und ging weiter seinen Geschäften nach in stiller Hoffnung, bald wieder an sie denken zu dürfen.

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