| Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: |  | Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Süße Erinnerung von Ada Drewsen, 10437 Berlin (Deutschland) Ein Kuss vor langer Zeit geschmeckt durchfuhr ihn Ein Kuss so tief so rein so hingebungsvoll so süß Ihn hatte nach Wiederholungen dieser Süße verlangt Allein sie hatte ihm nur diesen einen Kuss zu schenken Verabschiedend hatten ihre Lippen seinen Mund umkreist Ihr Mund hatte sich sanft-bestimmend von seinem gelöst Er lag da tat nichts Erinnerte den Geschmack dieses einen unwiederholbaren Kusses Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Für Geld! von Katrin Baier, 76646 Bruchsal (Deutschland) Wie konnte er nur in diese erniedrigende Situation geraten. Ausgerechnet er! Für Geld! Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Der Geschmack von alter Frau, der sich schon beim Eintritt in die großzügige Vier-Zimmer-Altbauwohnung als Geruch angekündigt hatte. Scham und Ekel erfassten ihn. Nicht Ekel vor der alten Dame, nein, vor sich selbst. Er, der immer moralisch korrekt war. Menschen verachtete, die sich und ihre Überzeugungen in irgendeiner Art und Weise verkauften. Gerechtigkeit und Ehrlichkeit bilden die Stützpfeiler seines Daseins. Aktiv für Umweltschutz, aktiv in der Friedensbewegung und aktiv gegen Ausländerfeindlichkeit. Lena hatte einmal spöttisch bemerkt: "All dies tust du nur, um weiterhin begeistert von dir selbst sein zu können." Was würde sie dazu sagen, wenn sie wüßte, dass er seine Seele und seinen Körper verkauft hatte. Aber Lena sagt nichts mehr zu ihm. Schließlich sind sie schon fast drei Jahre geschieden. Vor ungefähr drei Jahren bahnte sich das eigentliche Unglück auch an, dass ihn bis heute verfolgt. Sein Schwager hatte viel Geld an der Börse gemacht. Er mußte ihn nicht lange überzeugen. Die Zahlen sprachen für sich. Mit Lena kam es darüber zum Streit: "Gebrauche deinen angeblich so ausgeprägten mathematischen Verstand!" Er ist Mathematiklehrer an einem Gymnasium. "Überlege doch einmal! Wenn mit diesen doofen Aktien wirklich alle gewinnen würden, wo bitte soll das Geld herkommen? Es muß auch Verlierer geben, die die Sieger bezahlen." Schnippisch fügte sie noch hinzu: "Aber mir kann das ja eigentlich auch egal sein. Den Unterhalt für mich und die Kinder regelt das Gericht." Wie immer hatte sie natürlich recht. Mit allem. Er verlor Geld, viel Geld. Und der Unterhalt wurde geregelt und er bezahlte, ein letzter Rest von Ehre sollte ihm erhalten bleiben. Er verschwieg seine finanzielle Misere. Die Lage wurde immer ernster. Nächte lang grübelte er. Dann kam ihm dieser letzte mögliche Ausweg in den Sinn. Er haderte mit sich. Dieser Rettungsanker setzte voraus, dass er seine obersten Grundsätze verleugnen müßte. Die Mahnungen wurden immer bedrohlicher unter seiner Matratze. Dann war er so weit: Er fuhr zu Tante Klara. Mit einem Kuß, den er noch heute auf seinen Lippen schmeckt besiegelten sie ihre Versöhnung. Er ist sich sicher, noch einige wenige Besuche und sie wird ihn von seiner Schuldenlast befreien, zumindest von der materiellen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Veränderung von Andrea Beser, 41749 Viersen (Deutschland) Er kam von der Arbeit. Es war ein Tag wie jeder andere auch. Erst als er gegessen hatte, bemerkte er, dass sein Leben sich aber doch grundlegend geändert hatte. Er lag eigentlich wie immer auf seinem blauen Sofa und dann fühlte er es wieder mal wie einen heißen Blitz. Sehnsucht, ungestillte Sehnsucht machte sich in seinem Körper breit. Er dachte an sie und es war als wenn eine Schlange sich um sein Herz gelegt hätte und sich langsam, aber unerbittlich zusammenzog. Es war doch nur ein Kuss. Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte, als dazuliegen und sich zu erinnern. Doch heute war er bereit, dieser Veränderung zu erliegen. Er stand auf, zog sich an und verließ die Wohnung. Er machte sich auf den Weg, auf den Weg zu ihr. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Vergessen von Andrea Himmelstoß, 90768 Fürth (Deutschland) Ein Kuss, geküßt um des Vergessens Willen. Um des langsamen Vergessens Willen. Viel mehr blieb ihm nicht. Sollte ihm nicht bleiben. Sie ging nach diesem Kuss ihren Weg. Nicht seinen Weg. Nie wieder seinen Weg. Während er auf das Vergessen wartete, ging sie ihrer Wege. So wollte sie es.
Und er vergaß unaufhaltsam. Ihre herbe Stimme, die er gehört hatte, wenn sie morgens aufstand und wenn sie abends schlafen ging. Ihre kleinen rauen Füße, die so oft unter seine Decke geschlüpft waren. Die kleinen Fältchen in ihrem Nacken, die jahrelang seine Hände lockten. Ihre runden Hüften, die sie so wütend machen konnten.
Was blieb, das war das Tiramisu im Kühlschrank. Das Kind im Zimmer nebenan. Und all die Tage, die vor ihm lagen, bis auch das Kind mit eigenen Füßen eigene Wege ausschreiten würde.
Nie wieder würde er küssen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ein Kuss- nicht nach jedermann Geschmack von deGinder, 63179 Obertshausen (Deutschland) Es war ein Salzwasserkuss gewesen, jene Art Kuss, der einen bitteren Geschmack hinterläßt. Und dieser Fischgeruch erst - seit jenem Kuss hatte er immer einen großen Bogen um das Fischgeschäft am Marktplatz gemacht, bei dem er Freitags gewohnt war einzukehren, zu sehr erinnerte es ihn an an diesen Salzwasserfischgeruch. Und nass war er gewesen dieser Kuss, so ein nasser Schmatzer voll auf die Lippen, einfach ekelhaft. Aber er war ja selber schuld. Wie konnte er auch zu dieser Verabredung ja sagen? Und so lag er da und sinnierte, ob er denn Hanne einen Korb hätte geben sollen. Hätte er ihr einen gegeben, wäre ihm dieser nasse Salzwasserfischgeruchskuss erspart geblieben. Andererseits war da doch mehr für Hanna, als nur ein Hallo - er liebte sie wirklich. Wie hätte er ihr da diesen Wunsch abschlagen können - Ein Besuch im Zirkus? Aber die Nummer mit dem "Ein Freiwilliger vor" , den verbundenen Augen und diesem fischstinkenden, nassen, nach Meerwasser schmeckenden Seelöwenkuss, die bereute er schon, auch wenn die Leute was zu lachen gehabt hatten. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |