Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Was du morgen kannst besorgen
von Liese Bast, 59872 Meschede (Deutschland)

Mike konnte das Risiko nicht eingehen den Auftrag zu verlieren, wenn er den Termin wieder nicht einhielt. Aber dieses Mal war er für alles gewappnet. Er parkte am Straßenrand und begutachtete sich im Rückspiegel. Die Bartstoppeln und das zerzauste klebrige Haar machten ihn so unattraktiv, wie er es selber gerade ertragen konnte. Er knöpfte den obersten Knopf seines zerrissenen Arbeitshemdes zu und krempelte die Ärmel runter. Einmal tief durchatmen, dann stieg er aus und ging zum Kofferraum. Er spürte schon ihre Blicke wie kleine Nadeln in seinem Rücken stechen und ihre langen Fingernägel, die sich in seinen Oberarm bohrten, wenn sie ihn begierig in den Flur zog. Ihm war, als könnte er ihr Parfüm riechen, sah bereits ihr perfekt geschminktes Gesicht vor sich, die Lockenmähne über die linke Schulter gebürstet, die Lippen feuerrot, und der Geschmack ihres Kusses würde ihn wohl nie mehr loslassen. Schnell schüttelte er die Gedanken von sich, nahm seine Malutensilien und schritt die Einfahrt hinauf. Er wollte gerade klingeln, als die Tür aufgerissen wurde.
"Na endlich. Das wird aber auch Zeit! Was glauben Sie eigentlich wie lange ich das Wohnzimmer in diesem Zustand belassen will? Na, jetzt schauen Sie nicht so, kommen Sie schon. Zeit ist Geld."
Es waren keine rot lackierten Krallen, die Mike in den Flur zerrten. Der untersetzte Mann schob ihn zielstrebig vor sich her in das Wohnzimmer, wo sich seit seinem ersten Besuch vor einigen Wochen nichts verändert hatte.
"Ich gehe mal davon aus, dass Sie heute fertig werden, oder?"
"Ich denke..."
"Gut, gut. Sie kennen sich ja hier aus. Ich muss jetzt ins Büro. Wenn Sie fertig sind, ziehen Sie einfach die Haustür hinter sich zu. Und dass Sie mir keine Flecken auf den Teppich machen, klar?"
"Ist ihre Frau denn heute auch nicht da?" Mike öffnete interessiert einen Farbeimer und hoffte, dass die Unsicherheit in seiner Stimme nicht auffiel.
"Heute nicht und überhaupt nicht mehr. Habe sie letzte Woche rausgeschmissen. Stellen Sie sich vor, habe ich sie doch glatt mit dem Installateur im Bett erwischt. Na, die konnte was erleben! Und der Installateur sitzt jetzt auch auf der Straße. Wo leben wir denn da? Auf meine Kosten ein schönes Leben machen, pah!"
Die Abdeckfolie flatterte bedrohlich, als sein Auftraggeber die Haustür ins Schloss warf. Mike öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und krempelte die Ärmel hoch. Dann begann er mit der Arbeit.

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Unschlagbar Cool
von Aliena Misther, 39167 Irxleben (Deutschland)

Sanft war diese Erinnerung, aufwühlend schön und das ihm.
Ihm, dem coolsten der Coolen, dem Abzocker, dem alle, aber auch alle nur so nachliefen. An jedem Finger 10, wenn er nur wollte. Doch er wollte nicht. Viel zu schade die Zeit, die er nicht mit sich und seinem Skateboard verbrachte, hatte er gedacht - bis dahin. Und jetzt?
Er saß nur so rum und sann diesem Wahnsinnsgefühl nach, das ihn wohl nie mehr loslassen würde. Diesem Gefühl, wie ein Rauschmittel zwingend Nachschub verlangend und doch auch dieser Entzug irgendwie schön. Sich einfach erinnern, diesem Irrsinn nachspüren und sich unbestimmt freuen auf ein nächstes Mal …
Würde es das geben? So unverhofft war ein Glück über ihn hereingebrochen. Ein Glück, von dem er in Märchen seiner frühesten Kindheit gehört zu haben glaubt; ewig weit weg.
Er wähnte sich mit 19 Lenzen uralt, so erfahren in allen Dingen des Lebens und nicht gewusst, dass es etwas wie aus diesen Märchen wirklich geben konnte.
Nur einen Augenblick hatte ihn seine Coolness verlassen und ihn in einen Strudel von Glück geworfen in dem er sich einsam und doch behütete fühlte und hoffte, es müsse ihn wieder finden.
Er konnte mit niemandem darüber sprechen. Keiner wusste, was mit ihm los war.
Sein Freund Tim meinte, er müsse krank sein, wenn er so herumsäße und auf keine noch so dummen Sprüche reagiere, oder auf Drogen. Die Quelle müsse er ihm nennen. Er sähe so happy und abgedreht aus, wie sonst bei keinem Stoff.
Die Furcht vor Spott ließ ihn schweigen und nur vage lächeln.
Nach drei Wochen, vier, war es vorbei. Er war wieder der Alte; cool, smart, anmaßend. Sein verträumtes Lächelt war schwärzestem Sarkasmus gewichen. Nur Hohn, kam die Rede auf Weiber: Zicken, Schicksen.
Ein Kuss, was ist das: zwei paar Lippen treffen wie zufällig aufeinander, zwei Zungen umschlängeln sich schlangengleich – Schlange, ja genau, steht ja schon in der Bibel.
Jetzt schlängelt sie eben woanders, eine Laune war es, das hat sie ihm gestern gesagt, lustig, wie er verdutzt geschaut habe. Sie hätte nur eine Wette gewinnen wollen. Ihn, den Coolen, zu beeindrucken. Hat geklappt, doch: üben würde nicht schaden, mit Brettern knutscht sich´s nicht eben toll. Ihre Freundin böte sich gern an. Kein Interesse? Gackern, kichern – Gänse! Gar nicht wert, beachtet zu werden und doch …

Dieses Gefühl: Etwas Neues; unschlagbar. Es war es wert.

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sommerliebe
von Barbara Siwik, 06242 Braunsbedra (Deutschland)

tonfluten -
entschwindend
wortgeplänkel -
bedeutungslos
duftkaskaden -
betäubend
und ein kuss -
verwirrend
berauschend
unwirklich
inmitten von
tönen worten düften –
sinnhaft
gegenwärtig
jetzt hier jederzeit
inmitten von
tristesse

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Irgendwo
von Klaus Seeger, 91567 Herrieden (Deutschland)

»Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.«

Warum hat er sie gehen lassen? Wo ist sie jetzt? New York, Tokio, Singapur? Oder vielleicht doch nur irgendwo - völlig unspektakulär?

Wo er sie getroffen hat? Hongkong - in einem dieser schicken Hotels, ganz oben - wo sonst - in der Roof-Top-Bar. Schick! Es war sein letzter Abend, sein letzter Drink und eigentlich auch schon der letzte Blick auf die beleuchtete Skyline. Genau da drängte sich ihr Spiegelbild in die Fensterscheibe - genau zwischen ihn und Hongkong.

Mit dem Abschied hatte er es nicht mehr so eilig. Sie sprach Deutsch - Englisch, Französisch, Spanisch wären auch kein Problem gewesen - nur mit dem Chinesischen hapert es bei ihm.

Viel Worte gab es allerdings nicht! Das übliche Spiel. Vier Zigaretten, zwei Cocktails und dieses wissende Lächeln des Barkeepers.

Ehrliche Leidenschaft war nicht unbedingt seine Stärke. Erobern, dass war es, was er wollte. Ihre grünen Augen, der grell geschminkte Mund und das kurze, rote Haar. Es war für ihn die Einladung zu dem, was er sich immer wieder aufs Neue ausmalte. Anonym, wild, einmalig!

Wie alt sie ist, interessierte nicht! Keine lästigen Fragen. Sie war es, die die Initiative ergriff. Das gefiel ihm! Wie eine hungrige Katze lockte sie ihn zum Lift - kein Fahrstuhl. Ein dunkelrot beleuchteter Käfig, samtene Musik und das Gefühl zu Schweben.

Die Fahrstuhltür schnitt sie von der Realität ab. Für 30 Sekunden befanden sie sich im freien Fall. Ihr Körper fixierte den seinen, keine Gegenwehr! Sie saugte sich mit ihren Lippen in sein Bewußtsein, mitten hinein in sein Leben.

Ground-Floor! Wirklichkeit oder Traum? Er dreht sich in der Lobby nach ihr um...

Namen haben ihn nie interessiert. Sie hätte er doch fragen sollen.

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Der Traum vom Sommerglück
von Annika Pulina, 33719 Bielefeld (Deutschland)

Ein wunderbar warmer Tag mitten im Sommer.
Er rennt auf einer Wiese, bedeckt von Tausenden, roten, gelben und blauen Blumen. Der Himmel ist strahlendblau.
Vor ihm läuft sie. Ihr Kleid weht in der lauen Brise und sie lacht.
Es ist ein warmes, wundersames Lachen das ihn so verzaubert.
Schließlich kriegt er sie zu fassen und ganz aus der Puste fallen sie zu Boden und rollen, zusammengekauert, auf der Wiese herum. Lachend bleiben sie liegen, sie auf ihm.
Als sie langsam wieder zu Atem kommen, erschöpft vom vielen Rennen und Lachen, liegen sie ganz schweigend da und schauen sich in die Augen. Alles um sie herum ist ganz ruhig.
Für einen Augeblick scheint es, als ob die Welt inne hält und sie wissen,
Dass dieser Augenblick, allein ihnen gehört, kein anderer kann es sehn, kein anderer nimmt daran Teil und für niemand anderen bleibt die Welt einfach stehen.
Er hatte schon viele schöne Augen gesehen, doch wenn er ihre so betrachtet, dann wird ihm klar, ihre Augen sind groß und klar, als ob diese Augen dank ihrer Klarheit schon ihren Weg in seine Seele, in sein Herz finden würden.
Bei diesen Gedanken kann er nicht anders. Er streichelt ihr vorsichtig durch ihr seidenglattes, Engelsblondem Haar, berührt vorsichtig ihren Hals und zieht sie ganz langsam, immer weiter runter zu sich. Er spürt ihren Atem auf seinem Gesicht und als sich ihre Lippen zum ersten Mal treffen, scheint es wie ein Blitz, nein, wie ein ganzes Gewitter, das durch seinen Körper fährt und er verspürt dieses starke Gefühl, was er wohl als Liebe empfindet.
Eine Gänsehaut überflutet seinen Körper und als sie wieder voneinander lassen, brennen seine Lippen wie Feuer. Auf seinen Lippen brennt ein Feuer, dass nicht schmerzt, es ist das Feuer der Liebe und der Leidenschaft. Und es ist ein so schönes Gefühl, dass er festhalten will, für immer.

Plötzliches Erwachen, die Gänsehaut immer noch auf seinem Körper.
Wieder war es dieser Traum von diesem einen Kuss, der schon vor vielen Wochen passiert war, aber seinen Geschmack spürte er immer noch, als ob es erst gestern gewesen wäre, er nichts anderes zu tun hatte, als dazuliegen und sich im Traum daran zu erinnern...

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