| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Schriftstellerschicksal von Elke Kuehnel, 91460 Baudenbach (Deutschand) Es schrieb Bärbel Bunth aus Stralsund sich die Finger jeden Tag wund. Doch sie war dem Verleger viel zu brav und integer, so kam Frau Bunth in Stralsund auf den Hund! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Lebenszeichen von Lars Wilhelmer, 20097 Hamburg (Deutschand) Die Kerze in ihrem Zimmer war schon fast heruntergebrannt, als sie sich an den alten Schreibtisch setzte und zu schreiben begann. Sie nahm das Licht, das auf der Klinkerwand des Hauses gegenüber einen schönen Schein hinterließ, kaum wahr; ihr Blick haftete auf dem Papier, das sich nur langsam füllte mit der Niederschrift der schreienden Gedanken. Erleichtert verfolgte sie, wie sich die Federspitze immer wieder befreite von der Tinte, sie zurückließ auf ihrem Weg nach vorn. Sie musste jetzt schreiben, weiter und weiter, der Schmerz in ihrer Hand durfte sie nicht stören, im Gegenteil.
Doch als sie ein gutes Stück ihres papiernen Weges gegangen war und das Vollbrachte im Schein der Kerze begutachtete, schreckte sie zurück vor dem, was sich ihr dort unten bot: Die meisten der Buchstaben reckten vergeblich ihre Hälse nach dem Gedankenbild, für das sie zu klein waren; andere versuchten sich aufzutürmen zu gewaltigen Wortungeheuern, brachen aber zusammen unter der Last ihrer Bäuche. - Sie schmiss alles weg.
Minuten später kehrte die Frau in das Zimmer zurück. Sie nahm ein leeres Blatt aus dem Briefpapierkarton, steckte es in ein Kuvert, verschloss den Umschlag, schrieb die viel zu bekannte Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Jetzt lächelte sie, und aus ihren Augen kam Licht. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ein Stück Schokolade von Hans E. Aeschlimann, CH-8046 Zürich (Schweiz) Sie liess den neutralen, weissen Umschlag noch nicht los. Krampfhaft klammerte sie sich an den Brief, als ob sie ertrinken würde. Warum plagte sie jetzt das Gewissen, konnte sie sich nicht trennen? Immer, wenn sie an einem Scheideweg zweifelte, stolperte sie, blieb liegen und vergab ihr Leben in fremde Hände. Sie war alt genug ihr Leben selbst anzupacken. Vieles hatte sie erreicht, ganz allein, ohne fremde Hilfe. Warum war sie fähig eine Dissertation über "Das Verhalten verliebter Menschen" sachlich, ohne Gefühlsausbrüche zu schreiben, und wenn es darauf ankam, machte sie schlapp und wurde sentimental. Pierre hatte sie betrogen und im Ungewissen belassen. Sicher war sie auch schuld an der gescheiterten Beziehung, aber diese war von Anfang an bereits verurteilt. In letzter Zeit war sie beruflich angespannt und völlig aufgelöst. Abends schmiss sie die Schuhe hin, mochte kaum mehr etwas essen, döste vor dem Fernseher bis bohrende Rückenschmerzen sie jäh aufweckten. Für nichts zeigte sie mehr Interesse, ausser ihrem ehrgeizigen Projekt, das allein ihrer Kariere dienlich war. Pierre bemühte sich vergebens sie zu verstehen; sie wollte allein sein. Allein sein, den Tag überfliegen und nachdenken, das wollte sie. Am Wochenende in ein chices Restaurant ausgeführt werden, dafür war Pierre gut. In der wichtigsten Phase ihres Lebens hatte sie sich verliebt. Ihr Beruf bedeute ihr alles, aber da war noch Pierre. Pierre bedeutet ein Kribbeln in der Bauchgegend und stundenlanges Warten auf das Summen des Telfons und dann endlich... Piere bedeutet aber auch Kleiderwechseln, manchmal drei mal bis sie mit sich zufrieden war. Sie liebte ihn, das heisst sie hatte ihn geliebt. Liebe war so Nahe beim Hass. Aber nur Liebende verletzten einander so stark. Den Brief liess sie plötzlich los. Weg damit, weg mit Pierre. Sie hatte ihre Freundschaft beendet. Ein blecherner Ton echote zurück. Sie hob die Klappe und schaute durch den Einwurf, als ob Pierre da drinnen zu sehen wäre. Tiefes Dunkel erschreckte sie. Es roch unangenehm nach ungelüftet, faulig. Dieser Geschmack würde an ihrer vergangenen Liebe haften bleiben. Ihre unglückliche Freundschaft tauchte in die Dunkelheit ab und löste sich allmählich auf. Vor drei Monaten hatte sie noch nichts von Pierre gewusst, und auf einmal stand er da, lächelte und hielt ihr ein Stück Schokolade hin, wie ein kleiner Junge. Nein, jetzt war es endgültig. Jetzt wollte sie nichts mehr mit Pierre zu tun haben. Aber wenn er anrief... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Jubiläum von Norbert Rheindorf, 53859 Niederkassel (Deutschand) An 99 Luftschlösser frankierte Hoffnung versandt zuerst noch gebannt auf späte Standardphrasen wartend bis sie merkte dass selbst gedrucktes Bedauern oft ausbleibt sie verschloß den Umschlag schrieb die Adresse drauf und bevor sie es sich anders überlegen konnte ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten zum Jubiläum der einhundertsten Bewerbung nahm sie einen tiefen Schluck aus einem halbvollen Glas bitterer Ironie Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Abschied von Tinka, 8048 Zürich (Schweiz) Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
So, dass wäre geschafft! Jetzt gibt es keinen Zurück mehr. Es ist abgeschickt. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und stellte sich vor, was der Empfänger der Sendung wohl in dem Moment, wo er es in der Hand halten und lesen wird, denken mag.
"Habe ich richtig gehandelt? Habe ich nichts überstürzt?" fragte sie sich, immer wieder. Plötzlich fühlte sie eine Art innere Wärme, welche ihren Körper durchflutete, da wusste sie, alles wird gut. Alles ist genauso wie es sein sollte, ihre Entscheidung war richtig. So leid es ihr auch tat, sie musste zu diesem Schritt greifen, es ging einfach nicht mehr anders. Sie konnte ja nicht richtig mit ihm reden. Er wusste alles besser, in seinen Augen war sie ja eh ein "Niemand". Auch wenn sie ihn anfangs geliebt hatte, seine ewige Nörgelei, seine Besserwisserei hatten ihre Gefühle getötet. Sie konnte nicht mehr. Dies war keine gesunde Grundlage mehr für eine liebevolle Beziehung. Wie konnte sie denn bloss so blind sein? Sie hätte schon viel früher merken sollen, wie er wirklich war. Aber Liebe macht ja bekanntlich blind. Zum Glück für sie, aber nur für eine bestimmte Zeit. Dann hat sie ihn durchschaut. Jetzt hat sie ihm in dem Brief mitgeteilt, dass er sich für seine fiesen Spielchen jemand anderen suchen muss. Ihr Selbstwertgefühl hat zwar unter dieser Beziehung gelitten, aber es ist noch lange nicht am Boden. Das wäre ja gelacht! Es gibt genug andere netten Männer, deren grösste Befriedigung nicht darin besteht, die Partnerin schlecht zu machen! Sicher, sie ist auch nicht perfekt, niemand ist perfekt. Das wäre ja grässlich langweilig, wenn alle perfekt wären. Wenn alle gleich wären, wo wäre da die Vielfalt, worin wir uns erfreuen und worin wir uns ergänzen? Also, sie möchte eigentlich gar nicht perfekt sein oder werden. Aber sie verlangt schon vom Partner, dass er sie genauso respektiert und akzeptiert, wie sie ihn ja auch respektiert und akzeptiert. Wenn das jemand nicht kann oder will, dann ist er selber schuld und er muss sich ein anderes Opfer suchen, sie ist dazu nicht mehr bereit!
Oh nein! Diese Unterdrückung hat ab sofort ein Ende. Leben, ich komme!!! denkt sie noch, bevor sie in den wohlverdienten Schlaf fällt. Morgen fängt mein Leben erst richtig an! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |