Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der vierten Runde (März '02 - April '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von J. M. Coetzee eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Warten auf die Barbaren«. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-010814-0. 19,90 EUR: Cover: Warten auf die Barbaren

Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat.

...
von Liane Grafe, 49080 Osnabrück (Deutschand)

„Neben dem Tor kann ich, wenn ich die
Augen anstrenge, den dunklen Umriss
eines Menschen erkennen, der dort an die
Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend
zusammengerollt hat.

Was mag er dort tun an diesem kalten Abend? Er - komisch, ich denke sofort an einen Mann. Erinnere mich abrupt an den letzten Winter. Wir fuhren die Landstraße entlang, es hatte geschneit... Was hat er mir damals für einen Schreck eingejagt... - NEIN, ich ICH mir selbst.
Ich dachte er brennt - wollte aus dem Auto springen, helfen. Wir waren zu zweit - beide sahen wir nur das Feuer und die Beine. Der Schock fesselte mich viel zu lange an meinen Sitz. Ich hätte nicht helfen können - war viel zu verwirrt.
Dann die Erleichterung. Wir fuhren auf das Feuer zu und erkannten den Mann. Ein Obdachloser, der schon lange an dieser Strecke haust. Er hatte sich ein Feuer gemacht, einen Gaskocher bedient. Wärmte sich am Feuer. Ich hatte nur die Beine gesehen. Der Rest seines Körpers war durch ein parkendes Auto verdeckt gewesen.

Doch was soll ich bloß tun. Bin allein - soll ich nachschauen - wegsehen - hoffen, daß ich mich wieder täusche? Vielleicht helfe ich dieses mal diesem Mann..."

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Der Stiefelknecht
von GhostDog, 83071 Stephanskirchen (Deutschand)

"Sicher wissen sie alle was ein Stiefelknecht ist. ich bin ein Stiefelknecht. Ein Mensch, den andere dazu benutzen, einer, der ihnen ihre Schuhe auszieht. Ich habe große Übung darin, egal was für ein Modell sie tragen. Drei Loch, zehn Loch, Sandalen oder Turnschuhe, ich bin der Meister der Steifelknechte. Sie finden mich an einer Mauer sitzend, mein Handy ist an, wenn sie mich benötigen, dann rufen sie mich an unter 0174/5637212."
Merkwürdige Anzeigen können sie heutzutage in den Zeitungen finden. Aber ein Mensch wie dieser Stiefelknecht muss ein besonderer seiner Art sein, wenn er es sogar in Zeiten großer Not, in Zeiten wie diesen schafft, sich sein täglich Brot zu verdienen. als das geschäft des Stieflknechtes zu boomen begann, da lehnten eines Tages viele Menschen an Mauern, sie warteten auf einen anruf, einen Aufruf, der sie aus ihrer Lethargie wecken sollte. Er kam nie, denn sie hatten ihr innerstes nicht genügend genutzt. Das geschäft des Stiefelknechts hatten sie zerstört. Aber ihm war es egal, er hatte längst eine neue Idde. Er gründete die "Schule professioneller Mauersitzer zur Beseitigung ihres langweilgen Daseins". Diese Idde war diesmal so gut, dass er binnen weniger Jahre nie mehr an einer Mauer lehnen musste. Die Zeit des Schmerzes und der Verzweiflung war vorbei. So manches Mal aber, wenn der ehemalige Stiefelknecht in seiner Prachtvilla umherging, schlenderte er an den Mauern aus Marmor entlang, berührte sie sanft mit seinen Fingern und wusste das er einer solchen Mauer seinen Erfolg zu verdanken hatte. Also gründete er noch schnell die Stiftung zur Rettung von alten Mauern. und die Zeiten, dass man keine Mauer mehr finden konnte, um sich daran anzulehnen oder sich an ihr niederzulassen, waren vorbei. mfg ein ehemaliger Mauersitzer.

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Testament der Angst
von Jan Streitzig, 34212 Melsungen (Deutschand)

Ein unbeschriebenes Blatt
Papier ohne Tinte
vom leben ausgesperrt
denk ich am Ende
ich sprech für mich
mir fehlen die Worte
die geflügelt meinen Kopf umkreisen
zu Papier bring ich mich
Gedanken verloren
traurige Gewissheit bringt mich ans Ziel

neben dem Tor kann ich
wenn ich die Augen anstrenge
die dunklen Umrisse
eines Menschen erkennen

leben in der dritten Person
bedrückt mich der Sinn
der vernebelt dargestellt
sich ins Gegenteil umkehrt
mit dem Strom rebelliert
zum scheitern verurteilt
dem Ende ganz nah
kann ich wenn ich die Augen anstrenge
neben dem Tor die dunklen Umrisse
eines Menschen erkennen
der dort an die Wand gelehnt
sitz oder sich schlafend
zusammengerollt hat ...

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Harry
von Anonymus, S (Deutschand)

Das Fernsehprogramm ödet mich an! Zwanzig Programme und überall der gleich Mist. Und was sind das überhaupt für Leute, die sich diese Werbespots ausdenken? Entweder müssen das glückerfüllte Familienmenschen sein, die kein anderes Leben kennen, nichts anderes für erstrebenswert erachten oder aber es sind frustierte Singels mit masochistischen Neigungen; projezieren das, was sie nie erreichen werden auf die Mattscheiben anderer Leute. Ich schalte den Kasten ab. Rausgehen, Hunden an der Leine zuschauen?(Lustig ist es übrigens, sich Namen für die Viecher auszudenken und dann solange zu warten, bis Herrchen oder Frauchen die Lösung aus dem Mund schreit. Die Idee habe ich übrigens aus dem Fernsehn, naja...)
Ach, der Tag ist schon fast vorbei, es wird schon dunkel und irgenwie eh ein Wetter zum Abhängen. Gegenüber wohnt ein schwules Pärchen. Klar, sind Menschen wie du und ich, aber trotzdem macht es mir Spass sie zu beobacheten, wie sie kochen, bügeln oder auf dem Sofa rumgammeln. Fehlansage. Licht ist aus, die Jungs nicht da.Sonst wohnen da nur Langeweiler, und der Typ, der eben noch den Innenhof mit seinem Hochdruckmaschinchen auf Hochglanz bringen wollte, hat auch schon Schluss gemacht. Durch das Tor vom Innenhof schau ich auf die Straße. Auch nix neues. Was ist das denn bitte? Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat! Ich renne in den Flur, suche dort im Schrank diese Opernglas, das mir Tante Blanka damals zur Kommunion geschenkt hat - endlich hat das Ding mal einen Sinn! Ein Typ mit Bart, Parka hat er an und zwei Tüten neben sich stehen. Scheint ein Penner zu sein. Sieht aus wie der aus der Lindenstraße. Den mit den coolen Sprüchen, meine ich. Hey, apropos: es ist ja schon zwanzig vor sieben, könnte ich die neue Folge gucken! Supi. Wenn der nachher immer noch da ist, rufe ich halt mal die Hausmeisterin.

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Heimweg
von Rosel Warnstedt, 39524 Sandau (Deutschand)

Ein Tag geht zu Ende. Müde trete ich langsam den Heimweg an. Am Kiosk kaufe ich mir das Abendblatt und freue mich auf einen gemütlichen Abend. Nur noch am Postamt vorbei, dann bin ich zu Hause. Was ist das? Dort am Tor steht jemand, oder? Ich strenge meine Augen an, gehe noch zwei Schritte näher, tatsächlich jetzt erkenne ich die dunklen Umrisse eines Menschen deutlich. Was tut er dort? Ich gehe noch ein wenig näher, aber es ist nicht auszumachen wer es ist. Er lehnt an der Wand und scheint zu schlafen oder beobachtet er mich auch?
Was tun sie hier, spreche ich ihn an, ist ihnen unwohl? . Keine Antwort. Sagen sie, kann ich ihnen helfen? Wo wohnen sie, ich begleite sie dorthin, wenn sie es nicht schaffen. Antworten sie doch. „Ich habe kein zu Hause,“ kommt die leise Antwort, und „ lassen sie mich in Ruhe. Oh, das ist aber schlimm. Wie kam es dazu, dass sie kein Heim haben? „Nun, das ist eine lange Geschichte“ erwiderte er. Mögen sie mir diese Geschichte erzählen. ? Ich lade sie ein. In meiner Wohnung machten wir es uns gemütlich und er begann, erst zögernd, dann immer schneller werdend, seine Geschichte zu erzählen. Ich hörte gespannt zu.
Was war das für eine lange spannende Geschichte. Ich erzähle sie euch ein andermal.

Es grüßt herzlich Winter

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