Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Der Abschiedsbrief
von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
"Jetzt musste der Brief weg", seufzte Claudia erleichtert. Und, obwohl es in ihrem Magen gewaltig rumorte, entschoss sie sich ins nächste Eiscafe zu gehen.
Während sie das Vanilleeis löffelte, dachte sie noch einmal über die Zeit mit Dirk nach.
Über fünf Jahre kannten sie sich nun. In den ersten Jahren hatte es ihr überhaupt nichts ausgemacht, dass sie sich meistens nur zum Wochenende sahen. Sie fand es sogar reizvoll, dass er in München und sie in Köln lebte. In letzter Zeit hatte sie aber zunehmend das Gefühl, dass sie so auf Dauer nicht mehr leben wollte. Dirk hatte sich zwar bemüht, eine Stelle hier in Köln zu finden, aber langsam zweifelte sie daran, dass er wirklich München aufgeben wollte. Wenn sie darüber sprachen, endete es meistens in einen handfesten Krach.
Letzte Nacht hatte sie lange wachgelegen und darüber gegrübelt. Schließlich reifte der Entschluss in ihr, die Beziehung aufzugeben. Erst wollte sie ihn anrufen. Aber dann hielt sie das für nicht richtig, denn er würde bestimmt versuchen, sie zu einem Zusammenbleiben zu überreden.
So hatte sie im Morgengrauen all das zu Papier gebracht, was sie bewegte. Jetzt war sie erleichtert, dass der Brief zu Dirk unterwegs war. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Erschrocken riss sie die Augen auf. Vor ihr stand Dirk.
"Da staunste, was?" strahlte er sie an und gab ihr einen schmatzenden Kuss.
"Ja, aber ... wieso bist du hier?" stotterte sie und sprang auf. Sie hatten sich doch für nächsten Sonntag verabredet.
"Weil ich eine Überraschung für dich habe!" jubelte er.
"Meine Überraschung habe ich gerade in den Briefkasten gesteckt", sagte sie mit ernster Miene.
"Hast du mir etwa einen Liebesbrief geschrieben?" flüsterte er ihr ins Ohr.
"Nein, es ist ein ..." Claudia musste jetzt doch schlucken.
"Egal was es auch ist!" Dirk schob ihr den Stuhl näher und lächelte vielsagend. "Mädchen!" sagte er, "setz dich! Was ich dir jetzt sage, haut dich sonst um!"
Er holte tief Luft. "Ich soll für unsere Firma in Köln eine Vertretung aufbauen."
Dirk sah sie erwartungsvoll an. "Ist das nicht phantastisch?"
Claudia schüttelte den Kopf und sagte leise: "Jetzt ist es zu spät, Dirk. Alles steht im Brief."
Dann stand sie auf und ging.

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Die Rechnung kommt
von Hans Pulina, 33611 Bielefeld (Deutschand)

Noch einmal liest sie die eng beschriebenen Seiten. Nachdenklich analysiert das Geschriebene. Es erscheint ihr kalt und abweisend. So schreibt man doch nicht: „ Du lässt mir leider keine andere Möglichkeit, als die entgültige Trennung von dir.“ Will sie das wirklich? Monate lang hintergangen zu werden, ist schwer zu ertragen. Ihre Enttäuschung lässt sie vergessen, was sie sich beide schworen. Zusammenhalten, was immer kommen mag. Ewig. Hörte sich gut an, sein kindisches Gequatsche. Aber es steht alles in dem Brief. Sehr unromantisch. Zeile für Zeile die Abrechnung mit dem Menschen, an dessen Seite sie immerhin zwei Jahre verbrachte. Verschwendete Zeit? Wenn dem so ist, ist der Brief ebenfalls Verschwendung.
Sorgfältig faltete sie die Briefbogen wie im Büro, erst vertikal halbiert und gefaltet, dann horizontal. Ein privater Brief. Einen farbigen Umschlag verwenden? Sie nimmt einen Weißen. Farbe der Unschuld? Wieso nicht? Sie hätte sonst einen schwarzen Umschlag nehmen müssen, wegen der zu Grabe getragenen Beziehung. Sie überlegt nicht lange, schiebt die gefalteten Seiten in den Umschlag, befeuchtet den Klebestreifen mit ihrer Spucke, presst den Handballen gegen das Verschlussteil, streicht damit die letzte Falte glatt und versieht still vor sich herlächelnd die Vorderseite mit der Adresse des Empfängers.
Jetzt hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Kugelschreiber wie einen imaginären Tanzpartner, während ihre Rechte in der Linken des Tänzers liegt. Sie summt eine Walzermelodie, obwohl sie keine Walzer mag. Hin und her tänzelnd legt sie den Kugelschreiber beiseite, nimmt den Brief vom Tisch, wedelt damit ein wenig Luft unter ihre Nase und ruft ausgelassen, „Damenwahl, der nächste Herr dieselbe Dame.“
Immer noch ein Walzermotiv vor sich her summend, springt sie die Treppen hinunter, doch auf der untersten Stufe bleibt sie stehen. Dabei hätte alles so schön sein können. Aber es musste ja so kommen. Wann kann sie schon eine Sache zu Ende bringen? Es würgt im Hals. Sie will umkehren aber die Nachbarin kommt die Treppe hinunter, also schnell auf die Straße. Gelb glänzt der Briefkasten vor ihr. Sie hört den Brief ganz deutlich fallen. Einen Moment lang starrt sie auf die leere Hand. Sie beschleunigt die Schritte. Das Herz schlägt jetzt ganz oben am Hals.

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Schöner denken
von Michael Dujardin, B - 4700 Eupen (Belgien)

Das letzte, was sie von ihm gesehen hatte, war der Sturz aus dem Fenster. Danach war sie hinaus gerannt. Sie hatte sich nicht getraut, einen Blick nach unten zu werfen. Sie war die Treppen hinunter und auf die Straße gerauscht, hatte sich nach rechts gewandt und war nach Hause gelaufen.
Da saß sie nun, zitterte. In ihrem Kopf sah sie seinen Körper auf dem Beton liegen. Eine Blutlache wie ein Heiligenschein, die Glieder verdreht. Er rührte sich nicht. Aber vielleicht war da gar kein Beton, schoss es ihr durch den Kopf. Vielleicht war er auf eine Markise gefallen, die seinen Sturz abgefedert hatte, oder aber er war auf einen Rasen gefallen, hatte sich lediglich ein Bein oder einen Arm gebrochen, die Schulter ausgekugelt. So etwas kommt vor.
Möglicherweise war er sogar unverletzt, stand schon wieder in seiner Wohnung unter der Dusche, wechselte die Kleidung, da der Rasen sein Grün an die helle Hose abgegeben hatte. Vielleicht würde jeden Moment das Telefon klingeln und er würde sie fragen, warum sie denn weggelaufen sei, so plötzlich. Und sie würde sagen - ja, was eigentlich ?
Sie zwang sich dazu, sich vorzustellen, wie er die Treppen hinaufstieg und die verlassene Wohnung betrat. Nichts als ein paar Schrammen, die Hose zerrissen, das Hemd. Er schlösse das Fenster und verstände nicht, warum sie weg war. Sein Gang zum Kühlschrank, der Griff nach dem Bier. Er drehte sich herum und sähe das Telefon. Nein, er riefe nicht an. Er wäre stinksauer. Zu Recht. Bestimmt riefe er nicht an.
Es war an ihr, etwas zu tun. Sie nahm den Hörer in die Hand und legte ihn wieder auf. Wahrscheinlich ginge er nicht ran, wie er das oft tat. Sein Anrufbeantworter, sonst nichts. Da nahm sie einen Block und schrieb, riss den Zettel ab, zerknüllte ihn und warf ihn weg. Sie suchte nach Briefpapier und als sie fündig wurde, versuchte sie es erneut.
Zu ihren Füßen ballten sich die Versuche, einen Anfang zu finden. Die einsetzende Dämmerung bewegte sie dazu, das Licht einzuschalten. Sie hob den Haufen am Fuße des Tisches auf und warf ihn in den Müll.
„Lieber Dirk“, schrieb sie schließlich, „es tut mir leid. Ich liebe dich. Nadja“. Sie steckte den Brief in einen Umschlag, verschloss ihn und schrieb seine Adresse drauf. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Auf dem Rückweg fiel ihr ein, dass sie eigentlich zu ihm hin gegangen war, um ihm mitzuteilen, dass es keinen Sinn mehr machte.

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Der Umschlag - Ende einer Aera
von moona, 9400 Rorschach (Schweiz)

Nun war er weg. Unwiederbringlich; nicht mehr gut zu machen war der Einschnitt der von ihm ausging. Lange hatte sie es sich überlegt bevor sie die Fotos und Briefe in den Umschlag steckte. Lange genug? Sie war sich nicht mehr sicher; war es wirklich das Richtige? Sie traute ihrer Entscheidung nicht ganz. Ihr Leben würde sich grundlegend verändern wenn der Umschlag vom Adressaten geöffnet würde. Nicht dass sie allzu sehr an überholten Lebenswegen festhielt, sie war sehr wohl fähig loszulassen, jedoch bereitete ihr diese Ungewissheit nun doch Schwierigkeiten. Zwar hatte sie sich in den letzten Jahren immer mehr auf ihre innere Stimme verlassen und damit gute Erfahrungen gemacht, jedoch war da immer noch dieses Quäntchen Unkalkulierbarkeit. Die Vergangenheit war für sie zwar endgültig abgeschlossen, aber ihr war wohl bewusst, dass ihre Initiative ein neuer Anfang war und sie dafür auch bereit sein musste, in alten, längst verdrängten Erinnerungen zu graben. Doch so stark wie in der vergangenen Zeit hatte sie sich noch nie gefühlt. Der Dunst der psychopharmazeutischen „Wundermittel“ und des Alkohols war verraucht und sie wusste ganz genau, was sie wollte. Wohl eher was sie nicht wollte, aber das reichte für den Anfang. Da drin, in diesem Umschlag, verschickt, weg, befand sich die Dokumentation jahrelanger Quälerei. Erst die Läuterung durch Zurückziehen und „bei sich bleiben müssen“ brachte sie zur Einsicht, dass dieses Kapitel nur abzuschließen sei, wenn sie endlich an sich alleine denkt und hinausschreit, was sie so verletzte. Dieser Schritt ist nicht einfach gewesen, die Angst vor der Beurteilung der anderen zögerte ihn lange hinaus. Doch die Isolation und auch die Feststellung, dass man im Leben nur ganz alleine auf sich und seine innere Kraft vertrauen kann, bestärkten sie in ihrem Entschluss. Und jetzt möge kommen was kommen wolle, sie wusste, dass sie auf dem richtigen Weg war. Und die Meinung der „Anderen“ konnte ihr nun wirklich egal sein, es war ja auch kein Mensch da gewesen als es ihr schlecht ging. Sie selbst hatte sich soweit gebracht, dahin dass sie sich wohl fühlt, und dieses Wissen stärkte sie. Darum war es für sie nun nur noch ein kleiner Schritt, ihren Peiniger, der sie jahrelang auf ärgste Weise bedrängt hatte, der Öffentlichkeit preiszugeben. Sie verspürte kein Mitleid mehr mit jener Kreatur, aber auch keinerlei Hass. Für sie war der Fall erledigt. Jetzt wo der Umschlag im Briefkasten war.

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Abschied
von Otto Wilder, 89134 Blaustein (Deutschand)

Nun gibt es kein zurück,
nach vorwärts gerichtet ist ihr Blick,
das Flugzeug auf die Startbahn rollt,
den Abschied hat sie selbst gewollt.
Zurück bleibt die Vergangenheit,
Freud und Leid, Tage aus der Kinderzeit.
Einen Rückflug hat sie nicht gebucht,
sie, die in der Ferne eine neue Heimat sucht.

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