Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Verzweiflung
von Marie-Luise Wendland, 44805 Bochum (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Nein, es war nicht fair, dieser Frau einen solchen Brief zu schreiben. Doch war es etwa fair von der Frau, ihr den Mann zu nehmen, mit dem sie seit sechs Jahren verheiratet war, mit dem sie zwei niedliche Kinder hat, die zu Hause nach ihrem Papa riefen? Er war ein liebevoller Ehemann und Vater gewesen, bis diese Frau in sein Leben trat, seine neue Sekretärin. Blutjung und sehr attraktiv, das musste sie zugeben. Es war ihr klar, dass nach sechs Ehejahren der Alltag eingetreten war. Es wirkte schon alles ein bisschen eingefahren, dachte sie im Nachhinein. Man hätte ja darüber reden können. Sie hätte alles für ihn getan. Geborgen und glücklich hatte sie sich bei hm gefühlt.
Er hatte mit ihr geredet, doch erst dann, als er sich schon rettungslos in die Andere verliebt hatte.
Sie hatte gefleht, geweint, gebettelt, er möge sie und die Kinder nicht verlassen. Entschlossenheit drückte sein Gesicht aus, als er ihr sagte, es gäbe kein Zurück.
Er ging, einfach so. Ohnmächtig vor Wut und Enttäuschung blieb sie zurück.
Dann schmiedete sie einen Plan. Einen Brief wollte sie schreiben, dass ihr Mann sich mit Aids infiziert hätte. Das stimmte natürlich nicht. Eine blöde Idee, so etwas zu behaupten. Das Gegenteil würde ja durch Untersuchungen nachgewiesen werden, doch man konnte damit Misstrauen säen. Sie dachte sich das so: Wenn die Andere den Brief lesen würde, wäre sie zuerst einmal entsetzt und wird ihn damit konfrontieren. Natürlich wird er alles abstreiten. In seinem Zorn, in seiner Angst, sie zu verlieren, wird er unglaubwürdig klingen. Sie verlangt einen Aidstest. Er ist wütend, dass sie ihm nicht vertraut. Vielleicht zeigt sie dann ihr wahres Gesicht und er merkt, dass die Andere ihn gar nicht liebt, und er kommt zu ihr, seiner Frau, zurück. So hatte sie sich das alles in ihrer ohnmächtigen Verzweiflung gedacht. Jetzt war der Brief - anonym natürlich - im Briefkasten. Es gab kein zurück.

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Trittbrettfahrerin
von Lothar, 41564 Kaarst (Deutschand)

Ulrike war nervös. Aber sie musste einfach etwas tun. Zu tief saß die Kränkung. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Es geschieht dieser Zicke recht, dachte sie. Zufrieden betrat sie die Wohnung und schaltete die Abendnachrichten ein. Die Aufregung um die letzten Ereignisse hatte sich immer noch nicht gelegt und neue Fälle waren bekannt geworden. Ganz Amerika schien in Panik. Und hier geht es auch los, dachte sie. Die Menschen waren ja selber schuld. Sie schreckten vor nichts mehr zurück in ihrer Habgier und Sucht nach Macht. Und wunderten sie sich, wenn die Welt anfing, sich zu wehren. Sie wollte sich auch wehren. Schliesslich hatte sie Wolfgang nicht geheiratet, damit diese dumme Kuh ihn ihr weg nahm. Gabi und Christine werden mir Recht geben und die Tat billigen, dachte sie. Morgen war ihr Geburtstag und sie musste noch einige Vorbereitungen treffen. Sie ging in die Küche und begann einen Brandteig zu bereiten. Sie musste laut auflachen, als sie zum Schluss den Rest des Backpulvers dazu gab. Ein "Milzbrandteig" war das geworden! Himmel, war das komisch.

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Das geschriebene Wort...
von Julia Weidehaas, 10965 Berlin (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Und dann kamen sie doch ? die Selbstzweifel, die Unsicherheit, die Angst einen großen Fehler gemacht zu haben... Warum musste sie sich eigentlich immer selbst austricksen? Warum etwas unternehmen, bevor sie es sich anders überlegen konnte? War sie von sich selbst, und ihren eigenen Entscheidungen so wenig überzeugt? Ja ? es galt immer der ersten Eingebung zu folgen. Wenn sie zufiel Zeit darauf verwand es sich genau zu überlegen, dann kam am Ende meist etwas falsches dabei heraus! ?Denken ist schädlich.? Überlegte sie. ?Denken führt zwangsläufig zu falschen Gedanken!? Doch sie hatte schon längst wieder zu denken angefangen. Diese kleinen, gemeinen Stimmen in ihrem Kopf, stellten ihr Handeln bereits heftigst in Frage. Sie hatte sich doch besser gefühlt ? schon alleine, weil sie den Brief geschrieben hatte. Warum hatte sei ihn auch noch abschicken müssen? Warum musste sie ihm so wehtun? Würde er ihre Worte überhaupt so verstehen, wie sie diese gemeint hatte? Hatte sie sich, in ihrer Wut, nicht vollkommen unverständlich ausgedrückt? Hatte er überhaupt eine Chance sie zu verstehen? Wenn er den Brief bekam, würde es nur wieder Probleme geben. Und Probleme hatten sie weiß Gott, doch mehr als genug! Sie blickte verwirrt auf den Briefkasten, so als sehe sie etwas derartiges heute zum ersten Mal. Geistesabwesend strich sie mit dem Daumen über die Kuppen der anderen vier Finger ihrer linken Hand ? der Hand, in der sie bis eben noch den Brief gehalten hatte. Und noch immer glaubte sie die raue Beschaffenheit des Briefumschlages spüren zu können. Sie wollte den Brief wiederhaben, das geschriebene Wort zurücknehmen. Der eisige Hauch eines Lächelns umspielte ihre Mundwinkel. ?Keine Chance, Süße!? Dachte sie. ?Der Zug ist abgefahren. Du bist deiner ersten Überlegung gefolgt und jetzt musst du die Konsequenzen tragen!? Langsam drehte sie sich um und ging zurück in ihre Wohnung. Gewiss, eine fast zweijährige Beziehung mittels eines Briefes zu beenden, war sicher feige. Doch sie wusste, im offenen Gespräch mit ihm währe sie nicht in der Lage gewesen, ihm dass zu sagen, was sie ihm sagen wollte ? was sie ihm sagen musste. Er würde sich bei ihr melden ? oder es sein lassen, die Entscheidung lag nun bei ihm. Sie hatte jeglichen Handlungszwang auf ihn abgewälzt ? ob nun feige oder nicht...

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