Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Viva Mexico
von Birgit Wagner, 50674 Köln (Deutschand)

Die Feder kratzte über das Papier und hinterließ eine unsichtbare Spur. Wieder und wieder ging sie hoch und runter, formte Bögen, ließ spitze Winkel entstehen und hielt inne, um im farblosen Nass unterzutauchen. Aufgetankt fuhr sie weiter über das Papier, bis sie mitten im Wort abbrach. Dann passierte eine Weile nichts. Sie drehte sich in der Luft, trocknete aus und wurde beiseite gelegt. Erst als die Sonne unterging und der Abendwind die Palmblätter zum leisen Rascheln brachte, wurde sie wieder in das Wasserglas getaucht, und erneut durfte sie sich auf dem Blatt bewegen. Mit Schwung tänzelte sie ein letztes Mal und ließ dabei einen Klecks unter sich. Ein Klecks, der so unsichtbar war, wie alles andere auf dem Papier. Sara verschloss den Umschlag, schrieb mit einem Kugelschreiber die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinüber zur Bar und steckte ihn in den Briefkasten. Als Gino den Brief bekam, riss er hastig den Umschlag auf. Dann nahm er ein Feuerzeug, zündete eine Kerze an und hielt vorsichtig das Briefpapier über die Flamme. Peu a peu kamen braune Schriftzeichen zum Vorschein, die deutlich zu lesen waren: Warte auf dich in Coyuca. In der Bar nach Sara fragen. Habe jetzt schwarze Haare. Das Geld ist in Sicherheit. Nun können wir unseren Traum leben. Sei vorsichtig. Ich lieb dich. Jenny.

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Der Albtraum
von Simone Schiess, 50677 Köln (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse darauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Sie ging rasch zurück in die Wohnung und trat ans Fenster. Der Ahornbaum im Vorgarten war voller Blätter, Sonnenstrahlen fielen wie mit dem Messer geschnitten durch das Laubdach. Im Mund spürte sie noch immer den leicht bitteren Geschmack der Briefgummierung. Ärgerlich kratzt sie mit den Zähnen über die Zunge. Komisch, denkt sie, ist mir früher nie aufgefallen, daß die so eklig schmecken. Sie geht in die Küche und gießt sich ein Glas Orangensaft ein. Doch der Geschmack läßt sich nicht fortspülen. Im Badezimmer streckt sie sich die Zunge heraus. Die sieht seltsam grau und pelzig aus; aus einem winzigen Schnitt dringt Blut heraus. Der Umschlag muss scharf gewesen sein. Um den Riß quillt das Fleisch auf. Eva wird schwindelig, sie muß sich hinsetzen. Der bittere Geschmack scheint nun in die Wunde zu strömen und durch den ganzen Körper zu fließen. Ein Strom, der nicht versiegen will. In der Kehle drückt er ihr mit kräftigem Druck den Hals zu. Dann peitscht er das Herz in einen verzweifelten Galopp.
Eva will aufstehen, fällt hin, kriecht zum Bett. Ihr ist heiß. Wo sind die Tabletten? Sie zieht die Schublade des Nachttischschränkchens auf. Heraus fließt Blut. Wie ein kleiner Bach beginnt er durch ihre Wohnung zu fließen, sie muß ihm folgen. In einer Insel, eingeschlossen von roten Wogen, steht das Telefon. Ich muß hinschwimmen, denkt Eva, ich muß einen Arzt rufen. Jetzt, sofort. Sie zieht sich aus und watet durch den warmen Fluß. Am anderen Ufer trägt sie braune Stiefel. Sie wählt die Nummer.

Der Arzt kommt mit Blaulicht. Seine Blicken fließen in Evas Augen hinein und durch ihren Körper. Die Bitterkeit spülen sie nicht aus. „Stationär aufnehmen,“ murmelt der Mann mit Scharfsicht, die sich langsam auflöst. Zwei Männer kommen und legen sie auf eine kalte Bahre. „Und nehmen Sie den Bericht mit“, ruft der Arzt und legt ihn ihr auf den Bauch. Eva will schreien. Doch in ihrem Mund sitzt eine dicke Kröte und verschlingt die Worte. Sie beißt zu. Ihr Körper krampft ruckartig. Der Brief bewegt sich nicht. Rote Blitze vor ihren Augen. Eva brennt.
Der Krankenwagen rast los.

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Die Zeit bleibt nicht stehen
von Franz Eiermann, 55262 Heidesheim (Deutschand)

Damals, sechzehn war sie und so verliebt wie nie mehr im Leben, wurde ihr Vater in eine andere Stadt versetzt und sie musste mit. Die Trennung war herb. Ralf Spät musste zur Bundeswehr, sie sich in einer fremden Schule aufs Abitur vorbereiten, trotz aller Liebesschwüre, die Telefon- und Briefkontakte wurden weniger, schliefen endlich gänzlich ein.

Ein Vierteljahrhundert ging ins Land, Rita Meinerz fand andere Partner, seit zwei Jahren nun lebte sie zusammen mit Albert Nieder, ihr beider Sohn Peter war jetzt 18 Monate. Glücklich? Nun ja, aufregend war die Partnerschaft mit Albert nicht gerade, aber er war ihr ruhender Pol, ihre starke Stütze, auf ihn konnte sie sich verlassen.

Und nun kam dieser Brief. Gestern. Von Ralf. Sie war wie vor den Kopf gestoßen, aufgewühlt von der Erinnerung an ihre Jugendzeit, hilflos in Ihren Gefühlen wieder wie ein junges Mädchen.

Immer und immer wieder las sie die Zeilen „... hatte es mich damals ins Ausland verschlagen, meine Arbeit als Architekt hat mir viel eingebracht. Jetzt bin ich wieder im Lande und bereit mein Versprechen einzulösen. Wenn du willst, komme ich und hole dich.“

Albert war zur Arbeit und Peter schlief. Innerlich zerrissen starrte sie auf das weiße Blatt vor ihr, wie sollte sie sich entscheiden, die Gedanken wollten sich nicht ordnen.

Doch dann, als das „Lieber Ralf“ geschrieben war, fand sie die richtigen Worte:
„Die Überraschung hat mich fast umgeworfen, ein Brief von dir, nach so viel Jahren. Ich freue mich, dass es dir gut geht, ich freue mich, dass du noch an mich denkst.
Viele Jahre sind vergangen, seit deinem letzten Lebenszeichen. Oft habe ich an die aufregende Zeit unserer Jugend gedacht, zugegebener Maßen mit leiser Wehmut.
Wir waren wie Regentropfen, die am Fenster herunterlaufen, kurze Zeit gemeinsam verharren und dann wieder weiterrutschen, du vielleicht langsamer, ich schneller.
Mir kam ein anderer Tropfen nahe, er schluckte mich und ein Windstoß teilte ein kleines Tröpfchen von uns ab.
Peter schläft in seinem Bettchen neben mir, ich höre ihn leise atmen. Albert ist mir ein guter Mann, er sorgt rührend für mich und das Kind. Ich bitte dich inständig, vergiss mich, wir dürfen uns nie mehr sehen, zuviel wäre zerstört.
Mein Herz weint, Rita.“

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

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Versuchtes Finito
von Lisa-Maria Lienbacher, 8020 Graz (Oesterreich)

Bekanntlich enden Briefe mit Floskeln der Nettigkeit, Liebenswürdigkeit. Ihrer endete mit "Ein Pisser, nichts anderes bist Du". Das war hart, jawoll, sehr hart, und gut war es auch. Sie fühlte sich befreit und befriedigt.
Sie verschloß den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Jeden Tag eine gute Tag.
Das war die heutige.
Zurück an ihrem Schreibtisch. Auf dem hatten sie´s mal getrieben, fiel ihr ein, und sie hatte sich dann ihren Ellbogen verletzt, nachdem sie zu heftig nach hinten gefallen war. Die schmerzende Taubheit breitete sich im ganzen Arm aus und ließ sie aufschrein, was ihn noch mehr anspornte. Die Sache endete in einem Lachanfall, und sie waren ins Bett gegangen.
Und im Bett hatten sie nicht geschlafen. Die ganze Nacht nicht. Und am Morgen waren sie nicht aufgestanden. Und zu Mittag auch nicht. Am Abend riefen sie den Pizzaservice, und die Calzone wurde unterm Bett kalt.
Und am nächsten Tag meldete sie sich krank und er sich vom Dienst ab. Und am übernächsten Tag duschten sie zum ersten Mal wieder. Und zwar gemeinsam und sehr ausgiebig. Mit gegenseitigem Körpereinseifen und Wasser vom Gesicht lecken und so.
Bei diesem Gedanken holte sie den Fleischspieß vom Grill und die Bastelknete aus ihrem Kreativschrank. Und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und machte sich daran, den Brief wieder aus dem Briefkasten zu holen.

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Der letzte Brief
von Sandra Peucker, 58313 Herdecke (Deutschand)

Sie spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug, die Unruhe kam wieder auf, im Magen begann es zu grummeln. Nein, nicht heute, nicht jetzt, morgen, nie? Und wenn, was schreiben? Da lag es, das weiße Blatt Papier, unschuldig, wartete auf sie, bereit alles aufzunehmen, hinzunehmen, was sie ihm anvertrauen will. Sie lief in die Küche, versuchte, das Geschirr vom Frühstück zu spülen. Mechanisch stellte sie das Wasser an, griff zum Schwamm und begann mit dem Abwasch. Die Gedanken drehten sich, soviel Schönes, soviel Trauriges, soviel Wahres.
Die Worte saßen in ihrem Kopf, hielten sie gefangen in der Vergangenheit. Sie schaffte es, sich hinzusetzen, auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, sie griff den schwarzen Füller, hob ihren Arm und begann.
Lieber Franz,
[.....]
Sie war leer, sie fror. Es war, als wäre mit den Worten das Leben aus ihr geflossen. Sie fühlte nichts, keinen Schmerz, keine Erleichterung, nichts. Draußen vor dem Fenster hörte sie das Lachen einiger Männer.
Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

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