| Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: |  | Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Wendemöglichkeit von Ursula Escherlor, 26386 Wilhelmshaven (Deutschand) Der könnte es sein, genau der, dachte sie. Diese "fünf mal zwei Zentimeter" hatten es ihr angetan und immer wieder las sie seinen Text in der "Vu", so als hätte sie noch etwas übersehen. Seine Attribute, die Bezeichnung im Fachjargon für äußere und innere Werte sozusagen, versprachen viel. Und "frau" brauchte nicht viel Phantasie, um sich ein spannungsreiches Leben mit ihm vorzustellen. Noch einmal überflog sie die Zeilen: Den Himmel über Berlin verspricht er, - wie er sich das wohl vorstellt? Kann Skifahren, liebt Sylt, die Literatur und geht in die Oper. Und lange Wochenenden auf dem Land mag er, dazu die Märkte der Provence. Ja, die mag ich auch, dachte sie. Die anderen Anzeigen überflog sie nur noch. ‚Es ist nie zu spät’ meint einer, wohnt in Hamburg, zu weit. Aber Recht hat er. Ina spürte, dass ihr Herz klopfte, als sie sich entschloss, Briefpapier und Umschlag zurecht zu legen. Ich werde nicht die einzige sein, die ihm schreibt, überlegte sie, und wenn er nicht antwortet? Ihre Hand zitterte. Mein Gott, es ist doch noch gar nichts passiert, rief sie sich innerlich zur Ruhe. Sie vergewisserte sich, in der Anzeige stand nichts von einem Foto. Seltsam, und schade, dachte Ina, es kann ihm doch nicht gleichgültig sein, was für ein Exemplar Frau ihm schreibt. Sie entschloss sich für eine ausführliche Beschreibung ihrer Person, ohne Foto. Als Ina ihren Brief, ihre Bewerbung endlich für gut befand, war der Papierkorb gefüllt mit zerrissenen Blättern. Muss wohl sein, sagte sie sich, denn die ‚große Liebe’ im Theater oder auf der Straße zu treffen, daran glaubte sie nicht. Er hat mit seiner Anzeige den ersten Schritt getan, ich mit meinem Brief den zweiten. Und wenn er antwortet und eine Verabredung vorschlägt? Auf jeden Fall würde sie den Treffpunkt empfehlen, vielleicht das "Zeitlos", nettes Café. Ina stellte sich gerade vor, dass am verabredeten Tisch eine ‚in die Jahre gekommene’ Gestalt sitzt, die absolut nicht ihrer Vorstellung entspricht, weit gefehlt von wegen groß und schlank. Das wäre Horror pur, dachte sie. Unerkannt würde sie schnellstens wieder gehen, wahrscheinlich mit einem Kloß im Hals... Dieser Mann hier könnte mein Leben verändern, zumindest besteht die Möglichkeit, dass einiges anders wird, erfasste Ina die Situation. - Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers KEHRAUS von Annette Heinfling, 22159 Hamburg (Deutschand) Er brach sich die Hand und nicht das Herz Doch verharrte er emotionslos lange Zeit Keine Zeile mehr kein weiteres Wort Was einmal war nun war es gewesen Es blieben nur alte Briefe wohlmeinender Worte Und fast wie ein Traum im Morgendunst entschwindet Schwand täglich etwas mehr Erinnerung Sie schluckte schwer daran und griff zum Besen.
Fegte wortlos wortreiche Scherben zusammen Und schnitt sich bald blutig ein ums andere Mal Sie schrieb ihm fast täglich in Gedanken Was aber nie zu einem Abschluß kam Es blieben nur Zeilen ihrer eignen Phantasie Doch wie die Nacht sich in der Dunkelheit verliert Verlor sich täglich mehr ihr Leben Sie schrieb ihm erst, bevor sie sich das Leben nahm. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Postwendend einsam von Liese Bast, 59872 Meschede (Deutschand) "Nein, es ist nur – ich hatte nicht erwartet, dass Sie sich auf meinen Brief hin melden würden." Am anderen Ende der Leitung war nur ein schweres Atmen zu hören. "Bitte sagen Sie doch etwas." "Es ist alles gesagt." Es knackte und ein langes, lautes Tuten war die einzige Antwort, die sie wohl je bekommen würde. Sie stand noch eine ganze Weile reglos mit dem Hörer in der Hand, bis sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. "Gut, dass du da bist. Wir müssen reden." Er stampfte geradewegs in die Küche und machte sich über den Kühlschrank her. "Stell dir vor, meine Frau hat mir heute Morgen eine riesen Szene gemacht. Irgend jemand hat ihr wohl eine Mitteilung über mein Liebesleben zukommen lassen. Wie ich solche Hunde verachte! Kein Bier mehr da?" Er knallte den Kühlschrank wieder zu. "Warum sagst du nichts?" Wütend starrte er sie an. "Ist das jetzt wieder deine schulmeisterliche Art, mit einer solchen Situation umzugehen? Wahrscheinlich sagst du mir jetzt, ich soll an meinen Blutdruck denken. Scheiß drauf. Wenn ich den erwische, der das ausgeplaudert hat!" Er nahm ein Glas aus dem Schrank und hielt es unter den Wasserhahn. "Scheiße", sagte er wieder und leerte das Glas mit einem Zug. Sie stand gleichgültig in der offenen Küchentür und beobachtete, wie er sich die Schweißperlen mit dem Hemdsärmel abwischte. "Gib mir bitte die Schlüssel." "Was?" "Du hast mich verstanden. Leg den Schlüssel auf den Tisch, wenn du gehst. Deine Tasche habe ich bereits gepackt. Deine Frau ist nicht die einzige, die du betrogen hast. Das ist mir jetzt klar geworden. Es war ein Fehler." "Was wird das denn jetzt? Eine pädagogische Szene am Abend? Klasse, das hat mir gerade noch gefehlt. Keine Angst, ich gehe schon. Ich weiß sowieso nicht, wie ich es so lange mit einer langweiligen Besserwisserin ausgehalten habe." Er riss ihr jäh die Tasche aus der Hand und schleuderte die Schlüssel auf den Küchentisch. "Leb wohl – und viel Spaß beim Alleinsein. Jetzt hast du genug Zeit zum Nachdenken. Das tust du doch besonders gern." "Ja, und Briefe schreiben auch", flüsterte sie in den leeren Flur. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Mundraub einer andren Liebe von Nico Hoffmann, 28215 Bremen (Deutschand) Genau betrachtet, bedurfte es keiner Worte mehr. Er hatte ihren Schlüssel auf den Tisch geknallt, Kratzer ins Holz damit geschlagen, scharfkantige Wörter in ihren Schädel gerammt und war selbstgerecht aus ihrer Wohnung gepoltert. Es bedurfte keiner Worte mehr. Wäre da nicht dieser Brief vom Vortag, den er beim Hinausstürmen auf ihrer Anrichte unwissentlich vergessen hatte. Wäre da nicht noch dieses Gefühl. Die Handschrift verriet den weiblichen Absender. Katinka war ein weiblicher Name. Und weiblich waren auch die vielen Liebesbezeugungen. "Deine starken Hände" hatte sie lesen müssen, von Neugier getrieben, das Postgeheimnis brechend, das Ende beschwörend. "Der Himmel: Das Einssein mit Dir" hatte es geheißen. Auch: "Wie ich mich nach Dir verzehre, wenn Du an IHREM Körper Wärme suchst, wo doch meiner hier für Dich verglüht." Zeilen, die er noch nicht kannte. Diese schmerzenden Linien hatten ihren Verdacht bestätigt. Er hatte sie hintergangen. Hinterging sie noch immer. Selbst jetzt, wo er sich frei glaubte, weil er zu eitel, zu stolz und zu unaufrichtig war; er würde sie weiter hintergehen, weil er mit ihrem Herzen fluchend durch die Straßen rannte und sich nach Katinka sehnte. Sie musste etwas unternehmen. Sie wollte ihn zurück. Trotz allem. Noch einmal las sie die beißenden Zeilen, erkannte Katinkas Liebe zu ihm als ihre eigene. Es stand kein Name unter dem Brief. Er schloss mit "Ich liebe Dich ewiglich". Nur der Absender verriet die Herkunft. Vielleicht gab es Erinnerungen in ihm an Katinka, die diesen Brief einzigartig machten. Vielleicht ihre Wortwahl. Vielleicht würde er aber auch nicht dahinter kommen. Sie nahm einen roten Filzstift und schrieb "Deine Nora" unter die letzte Zeile. Ihre Schrift war schön, und der Unterschied zu Katinkas Handschrift war minimal. Sie unterstrich Katinkas Satz: "Komm zurück zu mir und vergiss sie, bitte, Du fehlst mir so!" Dann nahm sie einen neuen Briefumschlag, faltete den Liebesbrief und schob ihn hinein. Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Morgen würde er anrufen, ihr verzeihen und Katinka vergessen. Morgen begönne ein neues Leben mit ihm. Viel schöner. Und für immer. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Brief von Philipp Bouscher, 57399 Kirchhunden (Deutschand) Sie hatte ausgesprochen lange an dem Brief gesessen, mehrere Entwürfe weggeschmissen, auch den Adressaten mehrfach überdacht und geändert. Nun war der Brief fertig. Er war nicht lang und stand in keinem Verhältnis zu der Zeit, die sie zu seiner Vollendung aufgewandt hatte. Das Gefühl, daß er fertig sei, hatte sie nach wie vor nicht. Sie kam dann aber zu dem Schluß, daß es ja wohl doch nicht so wichtig sei und verschloß den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Der Briefkasten war aufgrund einer Bürgerinitiative an der sie selbst teilgenommen hatte, an dieser Stelle wieder errichtet worden, nachdem die Post ihn zur Einsparung von Kosten entfernt hatte. Jetzt wußte sie, daß dies geschehen war, damit ihr der beschwerliche Gang, den ihr dieser Brief bereitete, nicht zu lang geworden wäre. Sie kehrte zurück in ihre Wohnung und brühte sich einen Tee ostfriesischer Mischung auf. ‚Da müssen erst die Ostfriesen herkommen, um den Indern zu zeigen, wie Tee sein muß‘, dachte sie und Schritt in ihrem Tee rührend zum Fenster. Sie stellte den Tee auf die Fensterbank und ließ den Löffel in der Tasse, so daß der Tee schneller abkühle. Dann kramte sie aus ihrer Handtasche ein Döschen, das ein Gramm konzentrierten Morphiums enthielt, wovon sie wußte, daß es tödlich sein würde, wenn sie es gleich mit ihrem Tee schlürfen würde. Sie löffelte von Zeit zu Zeit ein wenig vom Tee und schaute ein paar Kindern auf der Straße dabei zu, wie sie im Schnee spielten. Irgendwann befand sie den Tee für Kühl genug, um ihn in einem Zug herunterzuschlucken, schüttete sich das Morphium in den Mund und trank den Tee hinterher. Dann schaute sie wieder aus dem Fenster und wartete. Nicht lange. Das letzte, was sie bewußt wahrnahm, waren zwei Kinder, die Haufenweise Schnee in den Briefkasten stopften, in den sie eben ihren letzten Brief an ihre Mutter geworfen hatte. Es begann schon zu tauen, die Pracht schmolz dahin. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |