Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Die Entscheidung
von Marlies Giesenberg, 28203 Bremen (Deutschand)

Sie hat hektische rote Flecken im Gesicht. Ihre Augen glänzen fiebrig. Die richtigen Worte finden, das ist es, was ihr Schwierigkeiten machen wird.

Seine Telefonnummer kann sie auswendig. Sie lauscht dem Rufton. Nicht da. Sie versucht seit Stunden, ihn zu erreichen.

Sie wird immer nervöser. Sie muss ihn sprechen. Er hatte ihr den Termin besorgt. In Holland, in drei Tagen.

Sie war sich so sicher gewesen. Jetzt weiß sie, dass es nicht geht. Er wird das nicht glauben wollen.
"Wir hatten doch alles besprochen…" wird er sagen. Und es wird aus sein. Schluss, aus, vorbei. Er hatte sie vor die Wahl gestellt.

Sie starrt auf das Telefon, wählt. Wieder nichts.

Ihre Hände zittern. Sie wühlt in ihrer Schublade nach einem Blatt Papier und dem Stift. Sie schreibt. Sie heult aufs Papier. Sie schreibt nur ein paar Zeilen. Nur, dass sie sich entschieden hat. Und dass sie sich nicht umstimmen lassen wird.

Sie verschließt den Umschlag, schreibt die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen kann, geht sie hinunter an die Ecke und steckt ihn in den Briefkasten.

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Mehr Geld!
von Werner Hardam, 38667 Bad Harzburg (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Dann kehrte sie zum Haus zurück, betrat die Küche. Peter war dabei sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier zu holen.
"Wo warst du?", brummte er missmutig.
"Am Briefkasten! - Aber: wieso trinkst du Bier? - Wolltest du dich nicht heute Abend mit Büroarbeit beschäftigen, die liegen geblieben ist?"
"Ja", sagte er. Dann fügte er verlegen hinzu: "Aber es ist nicht wichtig, hat Zeit bis morgen. - Ich werde es mir für heute bequem machen."
"Ja", sagte sie hämisch. "Mach es dir nur bequem."
Sein Gesicht lief rot an. Er haute auf den Tisch. "Was soll das?", rief er. "Machst du mir Vorwürfe? Ich arbeite schließlich, verdiene Geld für uns beide! Nicht nur, dass mein Chef an mir rummäkelt, jetzt fängst du auch an."
Sie schwieg. "Natürlich", fuhr er mit leiserer Stimme fort. "Es könnte mehr sein, was ich mitbringe. Aber es reicht doch, oder? Wir sollten zufrieden sein."
Sie äffte seine Stimme nach: "Es reicht doch, oder? Wir sollten zufrieden sein..." Ihre Augen blitzten. "Sag, was können wir uns leisten? Na?" Sie lachte. "Nie bleibt genug übrig!"
"Aber hast du es nicht..."
"Gut? - Nein, ich habe es nicht gut. Ich möchte mehr im Leben!"
"Aber..."
"Ich würde lieber arbeiten gehen als hier tagein, tagaus deine Hemden zu bügeln und dein Essen zu kochen. - Das Geld, das du mitbringst, ist zu wenig! Zum Beispiel brauchen wir dringend neue Tische und Stühle im Wohnzimmer, und zwar sofort!"
Peters Gesicht wurde blass. "Das geht nicht, jedenfalls nicht jetzt."
"Warum nicht?"
"Nun: die Möbel werden wahrscheinlich sehr teuer sein."
"Dann lass dir etwas einfallen! - Wie wäre es, wenn du mehr arbeiten könntest? Du solltest vielleicht mit dem Bürokram beginnen, den du heute mit nach Hause gebracht hast."
"Ich weiß nicht. So einfach ist das nicht..."
"Doch, so einfach ist das! - Übrigens: ich habe die Bestellung für neue Möbel gerade in den Briefkasten geworfen." Sie schaute ihn provozierend an.
Peter schnappte nach Luft: "Wenn du mich liebst, dann..."
"Was dann? Dann sollte ich mich freuen, wie du es dir bequem machst? Im Gegenteil!"
Peter sah ziemlich verwirrt aus. Irgenwie, so schien es ihm, hatte er keinen Appetit mehr auf Bier. Vielleicht, dachte er, sollte er sich wirklich damit befassen, wie er zu mehr Geld kommen könnte.

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Der Brief
von Olaf Meusel, 39118 Magdeburg (Deutschand)

Du hast geschrieben diesen Brief.
Danach bist du gegangen.
Führtest die Feder als ich schlief.
Der Himmel war verhangen.
Die Tür schlug zu. Dein Bett ist leer.
Ich seh’ vom Fenster aus dich hasten.
Der Brief in deiner Hand wiegt schwer.
Wirfst ihn schnell in den Kasten.
Du willst per Post den Brief mir senden?
Warum? Was ist gescheh’n?
Muß diese Liebe denn so enden?
Werd nie mehr ich dich seh’n?
Fragen stellen sich Zuhauf.
Muß auf die Antwort warten.
Steht auch die Anschrift richtig drauf?
-Sonst hab ich schlechte Karten.

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Im Kasten
von lyred, 85764 Oberschleissheim (Deutschand)

"Schicksal nimm deinen Lauf!" sagte sie, dann hastete sie zurück, die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Das Schreiben stand noch auf dem Bildschirm. Lange hatte sie an den Formulierungen gefeilt, löschte schließlich alles und begann von vorn. Nein nicht feilen, schreiben, wie man spricht, nur so geht's. Dann die leidigen Kommas, die Rechtschreibprüfung war nützlich gewesen. Im Lexikon hatte sie nach der genauen Bedeutung von 'fatal' und 'bigott' gesucht, nur nicht nachlässig sein, diesmal mußte es sitzen.
Jetzt aber weg mit dem Text, in den Speicher, womöglich fällt einem noch was auf oder gar ein. Der Brief lag auch im Speicher, dort unten, im gelben Kasten, den man vom Fenster aus sehen konnte. Nächste Leerung 17 Uhr, in neun Stunden.
Als Kind hatte sie einmal versucht, einen Brief aus dem Kasten zurück zu bekommen, da sie vergessen hatte, der Oma ihren Weihnachtswunsch mitzuteilen. Stundenlang hatte sie auf den gelben VW gewartet, und als der Mann dann endlich den Briefsack unter den Kasten schob, hatte sie gerufen: "Halt, meinen will ich wieder haben, da muß noch was rein!" "So etwas gibt's nicht! Eingeworfen ist eingeworfen, kleine Madam!" hatte der Mann gesagt und fort war er mit seinem VW.
Sie goß sich Kaffe ein und sah aus dem Fenster. Dort lag es nun, ihr Schicksal, im gelben Kasten. Da schlich sich ein Satz in ihren Kopf: war sie zu voreilig gewesen? Ja, nun war er im Kopf, dieser schon lang geahnte Satz. Sie lief zum Rechner und lud den Brief. Da: keine Leertaste nach dem Komma, "sit" statt "ist", verdammt, hundert Mal hatte sie doch gelesen! Aber das war's nicht, das Radikale war's, die Entscheidung, Lebensentscheidung. Macht man so etwas in einem einzigen Brief? Lotet man da nicht besser aus, verteilt die Entscheidung auf drei, vier Briefe? Das wäre gegangen. Sie entwarf in Gedanken die Inhalte der verschiedenen Schreiben. Ja, so hätte man's machen müssen. Verdammt, das wär's gewesen, immer diese Hast, das Spontane, nicht cool genug war man. Nun lag der blöde Brief dort im Kasten, da gibt's kein "Return". Kein "Return?" Sie rannte die Treppe hinunter, zum Kasten, sah sich um. Niemand in der Nähe. Da stieß sie heftig mit der Hand in den Schlitz, vergeblich, die Knöchel wund, das war's. Sie saugte an der Hand und lief zurück. Am Fenster schaute sie auf die Uhr: noch neun Stunden bis zur Leerung.

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Das Geheimnis der Pralinenschachtel
von Liane Lehnhoff, 81375 München (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten. Jetzt gab es kein zurück mehr.
Noch nagten auf dem Rückweg in die kleine Wohnung Zweifel an Nadja. War es Verrat? Vor dem großen Spiegel im Flur atmete sie dreimal tief aus und sagte sich laut ins Gesicht: "Ich habe mich entschieden. Die Zweifel sind vorbei." Mit einem Schmunzeln schloss sie noch an: "Mal sehen was geschieht."
Zwei Tage später. Das Telefon klingelte penetrant bis es endlich durch Beethovens Fünfte und die Konzentration bei der Übersetzung zu Nadja drang.
"Ja", meldete sie sich, während sie die Musik leiser stellte.
"Hier ist Manch von der Kripo München. Sie haben uns einen sehr interessanten Brief gesandt. Darf ich Sie besuchen, damit wir darüber sprechen können?"
Die tiefe Frauenstimme gab Nadja das Gefühl verstanden zu werden. Sie bewunderte Leute mit der Fähigkeit, anderen sofort Vertrauen einzuflößen.
"Wann wollen sie kommen?"
"Ich werde so gegen zwei Uhr Nachmittag bei ihnen sein."
Erst hielt Nadja den Hörer noch unschlüssig in der Hand und überlegte wie sie alles formulieren sollte.
Die Polizistin saß ihr gegenüber, hinter der großen Teetasse verdeckt.
"Ich zweifelte erst, ob ich den Brief absenden sollte, aber wenn ich den Inhalt für echt hielt musste ich es tun, ."
"Berichten sie doch erst ein Mal, wie sie zu dem Brief kamen."
"Vor zwei Wochen starb meine Großmutter. Ich räumte ihre Wohnung aus und nahm die alte Pralinenschachtel mit nach Hause, in der Oma ihre Erinnerungen aufbewahrt hatte."
Nadja stellte die große, mit rosa Rosen verziert Schachtel auf den Tisch, öffnete sie und holte ein ganzes Bündel Briefe heraus.
"Oma hatte sich immer um meinen Cousin Sascha gekümmert. Anfangs wollte ich seine Briefe nicht lesen, doch dann siegte die Neugier. Da war auch der Brief, in dem unverblümt er die Vergewaltigung eines kleinen Mädchens gestand. Den schickte ich Ihnen , nachdem ich mich erinnerte, wie er auch mich als Kind immer befingert und begrapscht hatte."
Frau Manch blätterte durch die Briefe, während Nadja um Fassung rang.
"Ich will ihn immer noch nicht verraten, aber nach drei Nächte mit Alpträumen von dem Mädchen, war mir klar, dass ich etwas tun musste."
"Haben sie ein Foto von Sascha?"
Nadja griff in die Schachtel und zog ein Foto heraus, das sie und Sascha lachend bei einem Bootsausflug zeigte.

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