Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Blaue Träume
von Kris Abu-Shibika, 41564 Kaarst (Deutschland)

Alles was sie spürte war grenzenlose Enttäuschung und Wut. Enttäuschung darüber, dass er, dem sie so lange Jahre vertraut hatte, ihre Gefühle so schändlich missbrauchte. Und Wut, weil sie auf seine Versprechungen hereingefallen war. Warum? Warum nur? Hatte sie ihm nicht immer wieder erklärt was ihr wichtig war? War sie nicht deutlich genug geworden? Was muss eine Frau denn noch alles tun, damit man sie versteht? Aber er war so beschäftigt gewesen mit seinen Daten, Bilanzen und Ergebnissen, dass er ihr gar nicht richtig zugehört hatte, wie so häufig. Ihre Wut verwandelte sich in blinden Zorn. Tränen trübten ihren Blick und ein Schluchzen verschloss ihre Kehle. Sie ballte ihre Fäuste vor Zorn. So billig wollte er sie also abspeisen?
Was sie jetzt brauchte war Abstand zu den Ereignissen. Ruhe, Entspannung und Frieden.
Sie starrte auf die Autoschlüssel in ihrer Hand und dann auf das Fahrzeug, das vor ihr stand Auf einmal wusste sie, was zu tun war.... Sollte er doch sehen wie er wieder an die Schlüssel kam.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie zu ihrem Cabrio, stieg ein und fuhr los. Sie achtete nicht darauf, dass er wild gestikulierend und laut ihren Namen rufend verzweifelt hinter ihr her lief. Na und? Sollte er doch!
Zu Hause, schloss sie ihre Brillanten in den Tresor und begutachtete kritisch ihre Poolgarderobe. Sie entschied sich für den blauen Bikini, nahm den dazu passenden Frottemantel über die Schulter und ging hinunter in den parkähnlichen Garten. Auf der Sonnenliege still leidend, hörte sie ihren Mann nach Hause kommen.
"Liebling!" hörte sie ihn rufen.
"Liebling!" wiederholte sie voller Groll in Gedanken. Er eilte mit großen Schritten in den Garten und blieb vor ihr stehen.
Sie schluchzte laut auf, sah ihn mit geröteten Augen vorwurfsvoll an, schnappte sich ein Kleenex und schnäuzte sich kurz.
"Was war denn los? Ich musste die Wagentür aufbrechen lassen, um an die Schlüssel zu kommen! Was hast du dir nur dabei gedacht?"
"Das fragst du ausgerechnet mich?" zischte sie mit bebender Stimme und warf die Kleenexpackung nach ihm.
"Ich weiss gar nicht...", erwiderte er fragend und wich geschickt dem Wurfgeschoss aus..
"Du weißt verdammt genau! Ich wollte eine blaue Lackierung und weiße Ledersitze!" rief sie aufgebracht und blickte wutschnaubend in sein fassungsloses Gesicht.

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Zwischendurch
von Frank Uckermann, 97199 Ochsenfurt (Deutschland)

Im Rückspiegel sehe ich die Herren der Lust und des Genusses in Bereitschaft, sich meiner wohlwollend anzunehmen. Giacomo Casanova, Henry Miller, gefolgt vom Schatten Mephistos. Freunde, Vertraute im Wesen. Wo, Henry, war dein Blick gefangen von der sanften Zeichnung der nackten Haut einer zu Liebe bereiten Frau? In der nachmittäglichen, sommerlichen Schwüle einer Pariser Gasse, einem Zimmer unter dem Dach, die angelehnten Fensterläden ließen nur milde Streifen des Sonnenlichts eindringen? Am Boden die von euren Leibern gerissenen Kleider, die deiner ungeduldigen Begierde hinderlich waren? Wir stehlen uns in die nächtlichen Schatten einer Seitenstrasse, suchen Raum auf der Rücksitzbank ihres Autos. Ihre feingliedrigen Hände, die mich sanft berühren, meine empfindsamsten Stellen reizen, ihre Lippen und die tastende Zunge im Rhythmus des beschleunigten Atems auf der Reise von meinem Mund in den Schoß, der sich vor ihr nicht mehr verbergen will, überlassen mich vertraulich, hingegeben an die Lust. Lichtkegel des vorbeiziehenden Verkehrs kreuzen unseren freien Fall durch die Nacht. Die Fenster zu unseren Seelen sind geöffnet. Wie wahr Mephisto, mit den Körpern wird´s zugrunde gehen. Darum will ich diese gestohlenen Minuten genießen, immer so, als ob es die letzten seien. Könnt´ ich einmal die Glieder dabei strecken und die Austern aus dem Decolleté der Leidenschaft schlürfen. Betörend der zarte Duft ihrer Haut...Sonne...Wind...kein anderes Kleid soll sie je tragen...kein Couturier kann es ersinnen...kein Alchimist es mit diesem Hauch verbinden. Sicher, mein lieber Giacomo, gebe ich dir Recht, wenn das passende Ambiente die Entspannung noch zu steigern weiß. Sei es im Gartenpavillion mit Blick auf den See, nahe der Residenz des betrogenen Fürsten oder in einem Palazzo in der Lagune Venedigs, dessen Fenster mit seidenen Tüchern verhangen sind, die sich im Takt der Liebenden szensich ergänzen. Wir lieben in Zeiten lausiger Kultur, die uns in manch´ räumliche Enge treibt. Der Genuß ist zu einer schnellebigen Geschäftigkeit verkommen. Die kurze Lebensspanne drängt zu jeder Gelegenheit für zwei gleichgesinnte Wesen. So treibe ich weiter mit der glücklich gefundenen Weiblichkeit in sinnlicher Begierde.

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Mr. Right
von KleinesLicht, 30419 Hannover (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu... ob er auf diese kleine Inszenierung hereinfallen würde? Was macht Frau nicht alles, um den Mann kennenzulernen, der für sie Mr. Right ist. Punkt 2 ihres Planes war abgehakt und sie wandte sich dem dritten Punkt ihrer Checkliste ‚Wie angele ich mir Mr. Right‘ zu. Als erstes hatte sie ihr Auto direkt neben seinem Wagen geparkt. Nun musste sie den Moment abzupassen, an dem er aus dem Gebäude herauskommt. Hoffentlich kommt er allein, ging es ihr durch den Kopf. Aber sie hatte ihr Objekt der Begierde öfter beobachtet und er kam meistens allein. Ob er sich noch an mich erinnern kann? Bestimmt werde ich ihm bekannt vorkommen. Ihr Herz schlug wie wild, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, pflegte ihre Großmutter immer zu sagen. Damals bei dem Vorstellungsgespräch in dem Unternehmen, in dem er arbeitet, hat sie ihn gesehen und gewusst, dass ist er. Sie hat sich oft gefragt, warum ausgerechnet sie eingeladen worden ist. Aus dem Job ist auch nichts geworden. Damit konnte sie leben, aber sie konnte nicht seinen Blick, sein Lächeln, einfach alles an ihm vergessen. Das Leben geht manchmal seltsame Dinge, ab und zu muss man oder Frau auch nachhelfen. Das war ihr Plan. Sie sah ihn kommen und sie raste zu ihrem Wagen. Jedenfalls wirkte sie dadurch gehetzt genug und es fiel ihr nicht schwer, die zerstreute, am Boden zerstörte, hilflose Frau zu spielen, die dummerweise ihren Schlüssel im Auto liegengelassen hat. Aufgelöst sprach sie ihn an, ob er ihr nicht helfen kann, schusselig wie sie wäre, hätte sie ihren Schlüssel im Auto vergessen. Das, wo sie noch einen wichtigen Termin hat! Besonders erfreut sah er nicht aus, aber er fragte höflich nach, ob er sie mitnehmen könne, vielleicht liegt es ja auf seinem Heimweg? Und ob es auf seinem Heimweg lag, das war ja Punkt 4 ihres Planes. Sie hatte ein italienisches Restaurant ausfindig gemacht und dort einen Tisch für 2 Personen bestellt. Beide stiegen ein und los ging‘s. Das Restaurant kannte er, also musste sie ihm keine genauen Fahranweisungen geben. In Ruhe konnte sie darüber nachdenken, wie sie am besten Punkt 5 in’s Spiel bringt. Am Restaurant angekommen, stellte er den Motor ab und er schaute sie an... ich bin Personalreferent in dem Unternehmen, in dem sie sich vor kurzem vorgestellt haben und ich war sehr gespannt darauf, was SIE wohl anstellen werden, damit wir uns endlich kennenlernen?

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Essigsauer
von Hanna Holthausen, 41469 Neuss (Deutschland)

Ihr Wecker hatte mit seinem Versagen am heutigen Tag ihrer Erstpräsentation seine Daseinsberechtigung verloren. Der Morgengruß der Empfangssekretärin ließ keine Zweifel offen: "Haben Sie gut geschlafen? Die Herren haben sich erlaubt, schon mal ohne Sie anzufangen. Möchten Sie erst noch frühstücken, bevor Sie dazustoßen?" Ganz ruhig. Einfach ignorieren und vorbei ins Büro, um die Unterlagen zu holen. Nanu - sie hatte die Präsentationsunterlagen griffbereit in die erste Schublade gelegt. Schnell begriff sie, dass auch die Renovierung ihres Büros nicht zu den Unterlagen führen würde. Hatte er es also getan – völlig unverpackt und unverblümt. Also gut. Wenn sie das Spiel gewinnen wollte, würde sie mitspielen müssen.
Lächelnd betrat sie den Präsentationsraum und wunderte sich keineswegs über die übertrieben freundliche Begrüßung ihres Kollegen, der mit einem Zeigestock großspurig über das Board kratzte und wortreich seine Kreativität beweihräucherte. Die Entwürfe waren in der Tat grandios – nur mit dem Unterschied, dass sie nicht von ihm stammten. Ein einziger Blick zeigte ihr, dass sich die Kreativkraft dort vorn nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die Unterlagen zu überarbeiten. So, wie aus ihrem Schreibtisch gestohlen, lagen sie jetzt auf dem Projektor. Eine wohlige Wärme breitete sich plötzlich in ihr aus, und das Lächeln verschwand auch dann nicht aus ihrem Gesicht, als ihr Chef sie um Kaffee bat. Selbstverständlich würde sie Kaffee bereiten – nur dieses eine Mal. In der Küche fand sich neben Kaffee, Milch und Zucker auch eine Flasche Essig. Mit einer Sonderkreation in einer einzelnen Tasse ließ sie es sich nicht nehmen, jeden Herren einzeln zu bedienen. Oh, sein Gesicht nach dem Genuss des ersten Schlucks – einfach wunderbar! Das Schönste an dieser kleinen Vorstellung war jedoch, dass die Pointe erst kommen sollte. Sie saß in der letzten Reihe.
Plötzlich wurde es still. Wütend starrte ihr Kollege zu ihr hinüber. Nun, Fremdsprachen waren noch nie seine Stärke gewesen. Wie schade für ihn, dass ihm deshalb nur das erste Drittel ihrer Präsentation verständlich war. Vor den erstaunten Gesichtern aller Anwesenden führte sie die Sache souverän zum erfolgreichen Ende. Ohne ein Wort verließ sie danach den Raum und das Gebäude. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Dieser Moment gehörte allein ihr.

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Und die Stille entfacht den Krieg
von Holger Geist, 73760 Ostfildern (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und zog sie zu.
Ruhe. Unendliche Ruhe hämmerte auf sie ein. Dem Augenblick im Geist erlegen ermahnt sie sich zur Heiterkeit. Es ist die Angst, die um sie treibt. Kein Ton der Ihr das Denken nimmt, kein Laut der durch die Ritzen dringt und sie befreit von dieser Qual. Das sitzt es nun, das eigene Ich, schlägt rasend laut im Takt. Es schreit sie an mit stummen Worten, kämpft um ihr Herz, dem täglich Schmerz. ‚Was willst Du nur, sei endlich still!’ fleht sie ihr Ich mit kranker Stimme, die nahe an dem Abgrund schon sich aufbäumt und das Laute will.
Ihr fehlt die Kraft sich zu betrachten, das Ich mit Demut hoch zu achten und so geschieht’s im blinden Wahn, die Tür geht auf, sie tritt hinaus und greift die Luft dem Wesen gleich, daß aus dem tiefen Höllenreich empor zur Lichte sich beeilt. Die Freiheit, die vermeintliche, durchtränkt vom mollig süßem Lärm bringt sie zur Ruhe vor dem eignen Ich und schützt sie so vorm fragend Blick im Spiegelsaal der eigenen Unmündigkeit.

Und sie spührt, daß die Stille den Krieg entfacht.

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