Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Und
von Barbara Siegrist, 35039 Marburg (Deutschand)

Sie schloß die Autotür auf
und
warf den Schlüssel auf den Sitz
und
verriegelte die Tür von innen
und
schlug sie zu
und
wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute

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Ein Fehler am Abend
von Jan Dudenhausen, 40591 Düsseldorf (Deutschand)

Er stand vor der Fahrertür, warf ihr einen kurzen, traurigen Blick in die Augen und ging. Sie fühlte sich schuldig und überlegte immer wieder, ob sie hinterhergehen oder bleiben solle. Als sie die S-Bahn hinter der Tankstelle vorbeirauschen sah und es zu spät war, schossen ihr Tränen durch`s Gesicht, wie Forellen durch den Bach. Es war einer dieser Momente, wo sie gerne sofort zu Hause gewesen wäre ohne vorher durch die ampelreiche Innenstadt zu fahren. Wer teilt gerne sehr persönliche Gefühle mit Fremden? Sie fuhr los. Ihre Gedanken schwebten in kleinen Wolken durch das Wageninnere und nahmen der Verstörten zeitweilig die Sicht. "Wer ist Schuld an dem Streit? Ich hasse ihn. Ich hasse mich. Gibt es einen Sinn im Leben? Hätte es einen Sinn, wenn es einen gäbe? Hat meine Beziehung einen Sinn oder ist die Eifersucht, die durch mein gemindertes Selbstwertgefühl entstand, der Grund für unsere Freundschaft?" Ihre Augen abstrahierten die Straße und machten ihre Fahrt zum Computerspiel mit nur einem Leben. Beinahe wäre ihr Auto in der langgezogenen Kurve auf irgendeiner Flüssigkeit ausgebrochen, doch ihr waches Adrenalin lenkte auch ohne sie sicher das Fahrzeug. Er war bei der Musikschule angekommen und wartete wie immer in der Mensa auf seinen Lehrer. Seine Gedanken waren nicht bei Schubert oder Dowland oder Puccini und auch nicht beim Vibrato oder bei Achtelpausen. Lieber wäre er zu Hause gewesen und allein." Sie macht auch nur Fehler. Ich mache auch Fehler. Wir können Emotionen manchmal nicht kontrollieren.- Aber wenn alles so erklärbar ist, warum fühle ich diese schwere Leere in meiner Brust? Es ist die Angst. " Sein Gesangslehrer begrüßte ihn und sie gingen in einen Übungsraum. "Ich würde ihr verzeihen.Es tut mir unendlich leid. Hoffentlich verzeiht er mir. Ich brauche Ruhe." Er hatte in einem Buch gelesen, daß in den Gehirnzellen der Menschen ständig kleine Blitze entstehen und diese auch für verschiedene Phänomene zuständig seien. Wenn man jemanden beobachtet und der Beobachtete dreht sich auf einmal um und schaut einem direkt in die Augen, sollen zwei gleiche Gehirnblitze in den Gehirnen der beiden Beteiligten gleichzeitig entstehen, ähnlich wie das beim Beamen funktioniert. Er sang das Heideröslein : "Sprach der Bub -Ich breche dich, Röslein auf der Heide- .Röslein sprach -Ich steche dich, daß du ewig denkst an mich.Röslein, Röslein..." Mit letzter Kraft zerrte sie an dem kleinen Hebel der Autotür, aber die Flammen streichelten sie sanft in den Tod.

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21st Century's Cinderella's Prince
von Georg Schmid, 81375 München (Deutschand)

Der Schlüssel
auf dem Sitz
erspart dir
die Ungewißheit
die ich dir nehmen kann
läßt du mich ans Steuer
fahr ich uns an einen Ort
wo die Sterne gleissen im Glas
eines verlorenen Schuhes
den ich nicht zerbrochen habe
obwohl sie mir sagen
Scherben bringen Glück
seh' ich ihn lieber an dir
wenn sich dein Mund
auf meinen legt
und wir die Zeit vergessen die
hinter uns liegt ein Stück Gemeinsamkeit
für ein Leben zu zweit
vergess ich
mich selbst
den Schlüssel im Schloß
Deines Herzens

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Nie mit einem Japaner
von Heiko Scheithauer, 48149 Münster (Deutschand)

Getrunken hatte er. Und sie geschlagen. Sie schmeckte das Blut in ihrem Mund - es schmeckte nach warmer Erde.
Mit einem japanischen Auto würde sie nie von ihm loskommen. Das wusste sie jetzt. Sie fuhr durch die Nacht und befühlte mit der Zunge die Innenseite ihrer brennenden Wange. Er saß neben ihr und lachte immer noch.
Getrunken hatte er und wieder seine Show aufgeführt. Wie immer vor seinen Freunden. Wieso war sie überhaupt mitgekommen, der Abend war doch so berechenbar gewesen? Drei Stunden hatte er sie ignoriert, um ihr dann auf dem Parkplatz die Schlüssel in die Hand zu drücken. Danke, dass Du fährst! Das war nicht abgesprochen. Sie hasste seinen Toyota und fuhr nur selten damit - und doch abzusehen.
Getrunken hatte er. Und sie geschlagen. Sie schmeckte das Blut in ihrem Mund - es schmeckte nach feinem Metallstaub.
Die Hand war ihm ausgerutscht, als sie sich am Auto weigerte zu fahren. Es ging so schnell, die Wange war noch taub, als sie die Schlüssel nahm, ins Auto warf, die Tür von innen verriegelte und mit Schwung zuwarf. Dann kam ein kräftiges Kribbeln, als das Blut zurück ins Fleisch kehrte. Und dann kam seine Reaktion. Mit einem zufriedenem Lächeln passierte er sie mit drei, vier schwankenden Schritten und öffnete die Beifahrertür, die sie eben von innen verriegelt hatte. Er hob den Schlüssel auf, setzte sich unbeholfen und winkte ihr durch die Windschutzscheibe, sich ans Steuer zu setzen. Er fing an zu lachen. Und das brannte mehr als die Ohrfeige.
Getrunken hatte er. Und sie geschlagen. Sie schmeckte das Blut in ihrem Mund - es schmeckte nach gefühllosem Fleisch.
Ihre Rache war so peinlich. Japanische Autos lassen sich nur von innen verriegeln, wenn man beim Schließen den Türgriff hochzieht. Sie müsste öfter mit seinem Auto fahren. Oder besser nie mehr. Und sie tat es doch, obwohl er sie auslachte. Vielleicht weil er sie auslachte. Er wusste, dass sie in einem Japaner nicht von ihm loskommen konnte. Seine Finger kribbelten auf ihrer Wange...

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Endlich leben!
von Ines Heckmann, 41469 Neuss (Deutschand)

Missmutig stapfte Sanna neben Georg her. Wieder eine dieser öden Parties, eine Pflichtveranstaltung. Hin und wieder veranstalteten Georgs Klienten so genannte Events, bei denen er – natürlich mit Begleitperson – auftreten mußte. Schließlich zahlten sie gut. Die letzte Party artete in ein wildes Saufgelage aus, und Sanna konnte Georg gerade noch hinausbugsieren, ehe er einer Alkoholvergiftung erlag. Entsprechend sauer war Sanna heute schon, ehe zu ahnen, was sie erwartete.
An der Tür wurden sie begrüßt und leise in den Saal geschoben. Der Gastgeber hielt gerade einen schleppenden Monolog über sich und seine tolle Leistung in der Gesellschaft. Und alle Gäste standen um ihn, lauschten und heuchelten Interesse. Nur Sanna konnte ihr Gähnen nicht unterdrücken und drehte sich diskret weg. Da sah sie im Hintergrund, wie eine Schlange leicht bekleideter Mädchen durch den schummerigen Saal huschte. Sanna blickte sich um. Außer ihr waren noch vier weitere Damen anwesend. Heute waren die Herren deutlich in der Überzahl.
Ein Ruck lief durch Sannas Körper, als sie sich plötzlich entschloss zu gehen. Sie fummelte in der Garderobe nach Georgs Schlüssel, fischte die Brieftasche mit den Kreditkarten heraus und verließ von Georg unbemerkt die Party. Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und schlug die Tür zu und verriegelte sie von innen. Dann fuhr sie hastig bis zum Flughafen, warf einen Blick auf die Anzeigetafel und reihte sich schließlich in den Schalter nach Faro ein. Sollte Georg doch seine Sexparty genießen, sie würde jetzt erst mal ihr Leben – mit Georgs Geld - genießen.

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