Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Schluss?
von Mabel Heart, 22159 Hamburg (Deutschland)

Der Knall der Autotür ließ sie selbst ein wenig zusammenzucken, denn schlagartig wurde ihr auch die Endgültigkeit bewusst. Langsam stiegen ihr Tränen in die Augen, denn so hatte sie es nie gewollt. Sie hatte gehofft, dass zwei erwachsene Menschen in der Lage wären, vernünftig über Dinge zu sprechen. Wie war das nur alles so weit gekommen? Sie liebten sich doch! Es waren auch meistens nur kleine Missverständnisse gewesen, die sie immer hätten ausräumen können, wenn sie sich nur gegenseitig zugehört hätten. Vielleicht ist doch was dran am verflixten siebten Jahr, dachte sie. Am Anfang waren sie so vorsichtig miteinander gewesen, jeder darauf bedacht, dass es dem anderen gut ginge. Er sagte damals oft: "Schnucki, wenn es dir gut geht, dann geht es mir auch gut!" Wann war ihnen diese Fürsorglichkeit bloß abhanden gekommen? Und wieder schoss ihr das Lied von P. Werner "Dieses Kribbeln im Bauch" in den Kopf. So alt und doch so wahr! Liedertexte hatten für sie schon häufig einen Anstoß zum Nachdenken gebracht. Dann hatte sie versucht ihm das Lied vorzuspielen, in der Hoffnung er würde auch merken, wie absurd sich die Situation zwischen ihnen beiden entwickelt hatte. In der Hoffnung er würde sie einfach in den Arm nehmen, und sie würden noch mal versuchen so anzufangen wir früher, sich auf die Dinge besinnen, die ihnen wirklich wichtig waren. Aber nichts passierte. Manchmal tat er Dinge, die sie stolz machten. Sie besuchten gemeinsam ein Seminar zur Visionssuche. Welcher Partner tut das sonst schon? Sie dachte: "Es gibt doch noch Hoffnung", hatte aber auch Angst gehabt. Was wäre, wenn seine Vision eine dieser Visionen wäre, die ohne Partnerin stattfindet. Es war dann alles ganz anders gekommen. Sie erlebten gemeinsam etwas Bedeutendes, das so großartig war, dass sie das Gefühl hatten, dass nur sie beide gemeinsam ihre Visionen erfüllen könnten. Das war erst 2 Monate her, aber die Euphorie ging schnell im Alltag verloren. Sie hatten es einfach vergessen, wie so vieles Wichtige mehr. Mit einer schnellen Handbewegung wischte sie die Tränen weg und sah noch einmal zurück zum Wagen. Er würde sein Auto später dort abholen. Ihr Blick fiel auf den Rücksitz. Sie hatte ihr Halstuch liegen lassen. Das Tuch, das sie so sehr liebte. Wieso hatte sie nur nicht daran gedacht?

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Sentimentales Schwein: Ich
von Thomas Lilge, 10999 Berlin (Deutschland)

Ich setzte mich auf den Boden und lehnte mich an das Auto. Das war noch ganz warm von der Sonne. "Jetzt müßt es eigentlich regnen, "dachte ich, "und ich , ich müßte jetzt eigentlich weinen". Aber nichts geschah. Der französische Liebesfilm war wieder mal im letzten Drittel zerrissen und wir saßen beide im Testbild fest.
Ich ließ mich zu Boden gleiten und schrieb mit einem leeren Gedanken in eine unbedeutende Wolke ein kleines Gedicht:

Wie, was ???

Wie ein Regenschirmhalter
Inmitten eines trockenen Sommers
Der noch dazu
Für einen zu klein geratenen Mülleimer gehalten wird

Wie die Zigarette in ihrer eigenen Asche
Nach der irgendein Mund
Eben noch süchtig war

Wie der Regentropfen
Im Sommer einer Großstadt
Störenfried
Aus allen Wolken gefallen

So fühlte ich mich, ja, ziemlich genau so. Und irgendwie hoffte ich, du würdest Ähnliches empfinden.
Ich stand auf und trat drei oder viermal gegen die Autotür. Du hast nicht reagiert, denn Du wußtest, daß ich das früher oder später tun werde. Und ich? Ich kenne deinen nassen Blick in eine bessere Ferne.
Ich humpelte in die andere Richtung und hörte nach 10 Minuten, wie du den Wagen gestartet hast. Da kannst du lange fahren.
Wir werden uns wieder vertragen. Wir haben uns immer wieder vertragen. Die Liebe der Hyänen - alles andere ist nichts als Beruhigung.
Ich dachte über dich nach, als ich später stockbetrunken in den Fahrradständer fiel. Mit ein wenig Blut schrieb ich in die lachenden Gesichter eine kleine Notiz. Vielleicht geb ich sie dir übermorgen.

Gegen Abend

Im Grünen
Unter den Gedanken
Da sah ich dich
Ich hatte mit meinem Daumennagel
Ein Fenster in die Zeit geschnitten
Der ablandige Wind
Hatte zwei Tropfen deines Traumes
(ja, ja, dieses Schneckenleben)
in meine Sandkastenliebe geweht.

Der Sand war zu trocken für eine Burg
Zu naß für eine gute Wüste
Ich ging dem Wind entgegen
Dich zu finden

Sentimentales Schwein ich

Doch drehte er
Auf der Hälfte der Strecke
Und später nocheinmal
Ich habe mich verirrt
Im Wedernoch
Und befürchte manchmal, selten,
Gegen Abend,
daß Du genau das bist

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Rachegedanken
von Beate Kötzsch, 14471 Potsdam (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf, warf den Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Dann wand sie sich den Seitenspiegeln des Autos zu. Mit aller Macht stemmte sie sich gegen sie, bis sie brachen. Als das erledigt war, zog sie aus ihrer Tasche einen Schraubenschlüssel und begann eine Lampe nach der anderen zu zerschlagen. Danach begann endlich der Teil, auf den sich die junge Frau am meisten gefreut hatte. Aus ihrer Tasche zog sie ein schweres Schlüsselbund hervor, an dem sich ungefähr zehn Schlüssel befanden. Vorsichtig legte sie jeweils einen Schlüssel zwischen zwei Finger ihrer rechten Hand. Bald sah die Hand wie eine Kralle mit spitzen Nägeln aus. Dann fuhr sie gemächlich mit etwas Druck über den Lack des Autos in kleinen und großen Kreisen, in engen und ausladenden Wellen, in Zickzacklinien und in allen geometrischen Formen, die sie kannte. Sie ließ sich Zeit, denn sie wollte, dass es ein Kunstwerk wurde, damit er erkannte, dass die Arbeit von ihr stammte. Während sie arbeitete, schaute sie sich nicht ein um, obwohl sie sich der Gefahr bewußt war, in der sie sich befand. Schließlich stand das Auto direkt an der Straße und wenngleich es schon nach Mitternacht war, konnte noch ein Fußgänger vorbei kommen und sie überraschen. Aber das war ihr egal. Ihre Vorhaben war ihr wichtiger. Überdies war sie gleich fertig. Sie trat einen Schritt zurück, um zu begutachten, was sie soeben erschaffen hatte. Der Anblick war überwältigend. Es war besser als in ihrer Vorstellung, besser als in ihren Träumen. Das würde einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Schon morgen konnte jeder sehen, wie kreativ sie war. Zufrieden packte sie ihre Utensilien ein und ging, ohne sich noch einmal umzusehen.
Am nächsten Morgen war die Aufregung groß, als sie zum Platz ihrer nächtlichen Tat kam. In vielen Gesichtern konnte sie Überraschung sehen, in anderen sah sie Respekt und in manchen sogar Hochachtung. Aber eigentlich gab es nur eine Person, deren Meinung ihr wichtig war. Die Meinung des Regisseurs, der ihr den Auftrag gegeben hatte, das Auto für den heutigen Drehtag herzurichten. Plötzlich stand er vor ihr. "Das war gute Arbeit, Nina. Wirklich. Wessen Auto haben Sie sich denn vorgestellt, als Sie das hier zerstört haben?" fragte er lächelnd. Nina sah ihn an und lächelte zurück, sagte aber kein Wort. Schließlich konnte sie ihrem Chef nicht sagen, dass er die Quelle ihrer Inspiration war. Dazu mochte sie ihren Job als Dekorateurin beim Film viel zu sehr.

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Der Trennungsschmerz
von Klaus Schedlberger, 4595 Waldneukirchen (Österreich)

In ihr Fahrzeug eingeschlossen,
sass sie still verharrend da.
Hemmungslos die Tränen flossen,
als sie ihren Liebsten sah,
tot vor ihrem geist´gen Auge,
jäh erschossen auf der Flucht,
salzig ist die Tränenlauge,
die zu trocknen sie versucht.
Doch es will ihr nicht gelingen
zu vergessen ihren Schmerz.
Sie beschliesst sich umzubringen,
zu gebrochen ist ihr Herz.
Wild entschlossen, leise trauernd
tut sie ´s - ihr Entschluss steht fest.
Leblos - drin im Auto kauernd
fand man sie , schon halb verwest.

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Einfach so
von Eva Müller, 70563 Stuttgart (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf, warf die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie in die Nacht hinaus starrte. Warum, warum – immer wieder nagte es an ihr – warum nur sie. Warum nicht diese Zicke Marion. Mit einem verschmitzten Lächeln war sie dagestanden, hatte erst ein wenig herumgedruckst, von wegen, sie wollten ja eigentlich noch gar nicht und da wäre es einfach so passiert. Einfach? Was in Dreiteufelsnamen war daran einfach? Hatten sie denn überhaupt eine Ahnung, was es bedeutete, schwanger zu werden? Welch Geschenk das war? Nein, wie sollten sie das auch zu schätzen wissen – wo es doch so „einfach“ war …
Katja hatte instinktiv die Zähne zusammengebissen, sich ein Lächeln abgerungen, ein „Glückwunsch“ gemurmelt. Während sich die anderen mit Gratulationen überschlugen, war sie unbemerkt davongeeilt. Wenn sie nur wüssten, wie weh das tat: Wenn es mal wieder eine andere war, die die frohe Nachricht verkünden durfte. Wie es sich anfühlte, wenn dieser Wollkloß, der stets latent in ihrem Hals saß, plötzlich immer dicker wurde und sich schließlich hart wie Stein in ihren Magen bohrte. Obwohl Katja sich seit Monaten immer nur mit diesem einen Gedanken beschäftigte, traf es sie doch jedes Mal unvorbereitet. Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, auch endlich an der Reihe zu sein – und wie oft war sie auf irgendeiner Toilette mal wieder eines Besseren belehrt worden.
Plötzlich klopfte es an die Scheibe. Es war Marco, ihr lieber und verständnisvoller Marco – der einzige, dem sie nichts vorzumachen brauchte, bei dem sie sich schwach und neiderfüllt zeigen konnte. Er hatte mehr Glück verdient, als sie ihm je würde geben können. Rasch wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und öffnete die Tür. Besorgt streckte er den Kopf zu ihr herein.
„Alles in Ordnung mit dir?“
„Ja, es geht schon.“
„Willst du darüber reden?“
„Jetzt nicht. Los, lass uns feiern bis zum Umfallen! Ich will nicht mehr unglücklich sein.“
„Bist du sicher?“
„Nein. Aber alles andere macht noch viel weniger Sinn … Und vielleicht werde ich ja eines Tages verstehen, warum wir all das durchmachen müssen.“
Marco schloss Katja fest in die Arme. „Ich lass dich nie wieder los, hörst du?“
„Was würde ich nur ohne dich tun!“
Entschlossen hakten sie sich beieinander ein und nahmen den Kampf ein weiteres Mal auf – bis es das nächsten Mal wieder „einfach so“ passierte …

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