Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Ausgeschaltet
von Max Koß, 10407 Berlin (Deutschand)

Heute,
in unseren faden Tagen
in denen unsere Glühbirnen
schief
von den Decken hängen,
hängen wir
vor dem Verhängnis.

Schief
auch das Foto
vom staubigen Strand
von gestern.
Es lächelt alt von der Wand.

Die Birnen
schiefen das Licht
auf ein blasses Gesicht,
zu dem die Krähe
kräht.

Es ist spät
in den faden Tagen.
Wir netzen in anderen Lagen.
Wir suchen uns um Mitternacht
in einem fremden, dunklen Schacht -

Es wird Zeit
den Knopf zu drücken.

Wir bücken uns vor Fragen,
nach Sinn
nach allzu schweren Tagen
sind wir doch bloß
allein.

Heute,
im schiefen Licht
der Birnen,
schalten wir uns aus.

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Ausschalten
von Volker Ruwwe, 40822 Mettmann (Deutschand)

Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein,
wenn ich mir den Arsch aufreiße,
was ich nur sehr ungern tue.
Kannst Du vielleicht mal an meinem Leben beteiligt sein
oder wenigstens den Computer ausschalten ?

Spülen,
Fenster putzen
oder mal die Brötchen holen ?
Geht alles nicht online.

Ein Satz von Dir, gesprochen,
könnte mein Leben verändern.
Jetzt schalt doch mal den Computer aus !

Unsere Kinder möchten Deine Stimme hören
und denken lernen.
Abends haben wir Deine E- mail Adresse auswendig gelernt,
Deine Handy Nummer können sie auch schon singen.
Die kleine lichte Stelle an Deinem Kopf, die sich irgendwann mal
möglicherweise zu einer Glatze ausdehnen wird,
kennen alle beide, die Frage nach der Farbe Deiner Augen
baue ich ein in unseren Quiz : Wie sieht Achim von vorne aus ?

Wie ich aussehe mein lieber, wirst Du wohl bald nur noch erfahren können
wenn Du unter :
www. weg isse de.
nachschaust.

Mit virtuellen Grüßen

Lara C.

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Nur eine Frage
von Ursula Roffler, 8804 Au / Zh (Schweiz)

Darf ich dich was fragen?
Nicht jetzt. Ich habe zu tun.
Es ist aber schon spät. Und ich bin müde.
Ich muss das jetzt erst fertigmachen. Morgen ist der Termin.
Beeil dich bitte.
Ich habs gleich. So, das wärs. Nun bring mir doch bitte noch schnell ein Bier.
Da, trink. Zum Wohl.
Danke. Ha, das tut gut.
Und nun?
Gehen wir schlafen.
Willst du denn nicht...
Nein!
Ich meine nur...
Nein!
Aber ich...
Ich hab deutlich nein gesagt.
Schade, dann kann ich nicht schlafen.
Warum?
Ich darf ja nicht...
Sags.
Den Computer abschalten.
Was? Wie kommst du darauf?
Das war es.
Was?
Was ich dich fragen wollte.
Und das wäre?
Willst du denn nicht den Computer abschalten, wenn wir jetzt schlafen gehen?

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Gestörte Welt
von Walter Walehn, 45665 Recklinghausen (Deutschand)

Er war nervös, von Unruhe getrieben. Der Bildschirm flackerte, die Worte wollten nicht recht gelingen. Er konnte sich schlecht konzentrieren, er hatte keine Ruhe. Ruhe die er so dringend brauchte, für sich und seine Welt, die Welt der Buchstaben, Worte, Sätze.

Sie konnte damit nichts anfangen, hatte keine Ahnung von seiner Welt, in der er lebte, in der er zufrieden und glücklich war. Glücklich...ja, wenn man ihn denn ließe. Doch das war sein großes Problem. Der PC und alles was damit zutun hatte, war für sie ein rotes Tuch. Es war Teufelszeug und außerdem zu nichts nutze, reine Zeitverschwendung.

Einmal deutete er vorsichtig an, dass er Gedichte schreibt, diese auf einer Internetseite, die sich mit Lyrik befasst, ins Netz stellt, so dass jeder der mag, sie lesen kann. Das einzigste was sie dazu sagte war: "Und was bekommst du dafür?"

Irritiert wechselte er das Thema. Geld, Geld, alles musste sich für sie rechnen, rechnen zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie verstand nicht, dass er aus tiefstem Inneren zum Schreiben getrieben wurde. Schreiben bedeutete Glück, Ruhe, Frieden, Wohlbefinden für die Seele und den Geist. Mit jedem Buchstaben tauchte er tiefer ab, ab in die Welt seiner Gedanken, Gefühle, Fantasie.

Geld, Geld...Seine innere Ausgeglichenheit, sein Seelenfrieden, das war es, was zählt, nicht dieses verdammte Geld.

"Kommst du nun endlich! Hast du nur noch deinen Blödsinn im Kopf!" Ihre lauten, herrischen Worte trafen wie Keulenschläge. Was sollte er tun? Blieb er in seiner Welt, gab es wieder einen furchtbaren Krach. Ging er zu ihr, war er unzufrieden, sein innerlicher Frieden dahin. Unwohlsein machte sich breit. Er verspürte wieder, wie schon unzählige Male zuvor, sein schlechtes Gewissen. Ja er hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er am Computer saß und seine Gedanken zu Buchstaben wurden, die sich zu Worte, Sätze und Gedichte formten.

"Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten! Verdammt noch mal!"

Er schaltete ihn aus.

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Die Verantwortlichen für die Vergangenheit
von Christoph M. Wintersteiger, 4020 Linz (Österreich)

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?
Ist es denn nicht auszuhalten?
Wie die Worte aus dem Munde schallten!
Laß doch wieder der Natur das walten!
Ich werde schnell auf Automatisch schalten!
Bist du denn nicht aufzuhalten?
Kannst du denn nicht dein Denkgerät einschalten?

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