Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Im Hintergrund spielte Bluesmusik
von Hans-Werner Kube, 58453 Witten (Deutschand)

Im Hintergrund spielte Bluesmusik. Der Bildschirm spiegelte sich blaugrau in Moritz' Gesicht wider und ließ es blass erscheinen. "Bist du soweit, mein Süßer?" gurrte die Frau. Er beharkte die Tastatur. Sie zog ihre Bluse aus dem Rock und öffnete die Knöpfe. Ein schwarzer Spitzen-BH erschien und immer mehr Haut. Die Bluse schwebte nach hinten in den dunklen Teil des Schlafzimmers. Sie nestelte hinter ihrem Rücken am Verschluss herum und bekam ihn auf und legte ihre kleinen festen Brüste frei. Klick, klick, quiekte die Maus. Klick, machte auch der Gürtel des kurzen Rocks. Die Gitarre erklomm immer höhere Töne. Der Gitarrist spielte fast schon auf dem Korpus. Der Rock rutschte über den Po und weiter hinunter. Moritz hämmerte weiter auf die Tasten ein. Der zum BH passende Slip folgte dem Rock. "I don't wanna fade away." Rrrrrr, surrte der Reißverschluss des engen, fast kniehohen Stiefels. Moritz' Finger legten einen Stepptanz hin. Sie kam näher. Er lehnte sich zurück, um sich das Ergebnis auf dem Monitor anzusehen. Das "I don't wanna fade away" schwebte wieder durch den Raum. Er startete den Drucker. Sie ergriff von hinten die linke Armlehne und zog den Schreibtischstuhl zu sich herum, so dass dieser eine halbe Umdrehung vollführte. Rittlings setzte sie sich auf seinen Schoß, grub ihre Hände in seine Locken, biss zärtlich in sein rechtes Ohrläppchen und raunte: "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" Laut pfeifend reinigte der Drucker seine Düsen, bevor er ein Blatt einzog und losratterte. "Ich bin gerade mit meinem Text fertig, Moni." Er fischte nach dem Manuskript. Sie las: "Im Hintergrund spielte Bluesmusik ..."

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Einschalten
von Volker Ruwwe, 40822 Mettmann (Deutschand)

Ausschalten
Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein,
wenn ich mir den Arsch aufreiße,
was ich nur sehr ungern tue.
Kannst Du vielleicht mal an meinem Leben beteiligt sein
oder wenigstens den Computer ausschalten ?
Ein Satz von dir, gesprochen
könnte mein Leben verändern.
Unsere Kinder würden Deine Stimme hören
und denken lernen.

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Ewige Liebe
von OK, 66539 Neunkirchen (Deutschand)

OK. Es ist Sonntag, draußen scheint die Sonne, die Vögel singen ihre Lieder, ofensichtlich gefällt ihnen der blaue Himmel und die Temperatur.Nach drinen streckt die Sonne ihre wärmenden Strahlen aus und zaubert während Er den Frühstückstisch deckt, romantische Bilder sowohl auf den Tisch als auch an die Wände. Das Radio gibt den Straßenzustandsbericht durch ehe der Moderator zu seinem sonntäglichen Wunschkonzert seine große Hörerschar begrüßt. Sie ist mittlerweile aufgestanden und singt im Bad mit den Vögeln um die Wette, wobei Er die Vögel bewundert, denn Sie singt so falsch wie man nur falsch Singen kann, aber die kleinen Sänger merken es nicht, so schön beginnt dieser Sonntagmorgen.Nach dem Frühstück dann verabschiedet Er sich in sein Zimmer zu seinem Computer. Eigentlich wollte er normale Dinge für seine Vereinsarbeit verrichten, doch es will ihm nichts gelingen so angetan war er von dem was er an diesem frühen Morgen erlebt hatte. So saß er vor dieser Maschine, die einen großen Teil seines Lebensinhalts geworden war (keine Spiele) und fing ganz plötzlich an seiner immer noch singende Ehefrau einen Liebesbrief zu schreiben.Der erste Satz begann mit den Worten "Ich Liebe Dich von ganzem Herzen" wohl wissend, daß beide vor einem Jahr schon ihre "Goldene Hochzeit" gefeiert hatten und daß ihre Ehe trotz der langen Jahre immer noch das beinhaltet, was bei der Eheschließung vor 51 Jahren im Vordergrund gestanden hatte, nähmlich das man sich immer noch von Herzen liebt und von einem Verschleiß nicht die Rede war. Sicher gab es während dieser Jahre so sinnierte er auch des öfteren Momente wo man nicht einer Meinung war, dafür sorgten allein schon die beiden Kinder, doch die Liebe überstand alle Prüfungen. Mittlerweile sind aus der damaligen Familiengründung zweier Liebenden, eine Sippe mit 5 Enkel und 2 Urenkelkinder geworden und die Harmonie der Beide hatte sich auf die Kinder und deren Familien übetragen, so daß die Sippe in voller Harmonie zusammen lebt.So wollte Er gerade zu dem kommen, was einen Liebesbrief eigentlich zum Inhalt haben sollte, nähmlich Ihr zu sagen wie sehr er Sie liebt und das er nicht einen Tag mit ihr vergessen möchte, als Sie lächelnd in sein Zimmer trat und sagte "Willst Du denn nicht Deinen Computer ausschalten " das Mittagessen steht auf dem Tisch. Mit Bewunderung folgte Er Ihr und ist stolz, weil Sie gerade Ihn damals auserkoren hatte und sagte leise Danke lieber Gott.

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Offline
von Norbert Rheindorf, 53859 Niederkassel (Deutschand)

In der virtuellen Welt
schießen sie auf alles
das sich ihnen in den Weg stellt
trainieren ihre Reflexe
beim Kampf gegen animierte Feinde
offline
taumeln sie uns
als benommene Kinder
in Sprachlosigkeit entgegen
fast möchte man für sie
wie in Comics
Sprechblasen zeichnen

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Blut ist dünner als Wasser
von Rheno, 45141 Essen (Deutschand)

Ich schlucke. Die Leitung rauscht. Dieser verdammte Telefonapparat macht es nicht mehr lange. "Ach, Dich gibt´s auch noch. Man hört und sieht nichts. Hast Du keine Sehnsucht nach Deiner Mutter? Die Jungs waren am Muttertag hier."
Warum nur habe ich angerufen? Ich wollte einfach wieder von mir hören lassen, ein Lebenszeichen geben, vielleicht ein bisschen was erzählen. Und nach dem ersten "Hallo, ich bin´s" springt die Schallplatte schon wieder.
"Nein, Mutti, heute kann ich nicht, ich muß noch soviel..."
"Ach, hör doch auf zu erzählen, ihr jungen Frauen seid schon überfordert mit eurem Beruf. Ich hab vier Kinder großgezogen, was soll ich denn sagen?"
"Es ist doch nicht meine Schuld, daß...."
"Wer redet denn immer von Schuld? Schuld, Schuld, so ein Blödsinn. Die Dinge sind halt so passiert, man kann sie nicht mehr ändern. Wenn ich noch mal zu tun hätte, würde ich es auch anders machen, das kannst Du mir glauben!"

Toll. Ich höre immer wieder gern, daß ich ein Unfall war. Und das bis zum heutigen Tag - die treulose Tochter, macht sich nichts aus der Familie - La Familia - igelt sich mit ihrem Ehemann ein. Der Ehemann. Kein Unfall, sondern ein SuperGAU. Für meine Mutter.

"Hilft er Dir denn nicht im Haushalt? Mußt Du immer alles alleine machen?" Die Leitung knackt. Komisch, macht sie sich Sorgen um mich? Nein, der Unterton spricht Bände: Er saugt ihre Kräfte aus! Er hat sie dazu gebracht, sich um hundertachtzig Grad zu drehen. Was man mit Sex alles machen kann. Früher bedeutete ihr die Familie alles. Früher hat sie auch bunte Folkloreröckchen getragen. Und jetzt trägt sie immer schwarz. Ich würge gerade noch die Erwiderung ab, daß er wäscht und kocht und sich um tausend andere Dinge kümmert. Wir sind modern. Wir machen Arbeitsteilung. Ich hab es ihr schon eine Million mal erklärt. "Mutter, was soll das denn jetzt schon wieder?" Die Geräusche in der Leitung wabern. Es knarzt. Vielleicht werden wir abgehört? Vom Geheimbund Eltern wehren sich gegen treulose Kinder.
"Sitzt er wieder im Keller am Computer und findet den Knopf zum Ausschalten nicht?" Notlügen .
"Er ist draußen und schneidet die Hecke." Wenn ich ihr jetzt sage, daß wir einen Gärtner kommen lassen....
"Er hat doch angeblich Heuschnupfen, wie kann er da jetzt die Hecke schneiden?! Jammern könnt ihr, aber mit dem Rauchen wollt ihr nicht aufhören."
"Ich rauche seit fünf Jahren nicht mehr."
Das Rauschen wird lauter. Ich höre es noch, nachdem ich aufgelegt habe.

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