| Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: |  | Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? Der verunsicherte Leser von Jens Erdmann, 1731 Asse (Zellik) (Belgien) "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? Im Kaschmir droht der Atomkrieg und du jagst seit einer Woche allen Artikeln über die Schirrmacher-Walser-Debatte im Netz und in den Zeitungen nach." "Du redest selbst schon wie eine Zeitung, wie ein Medium. Außerdem weist du, wie wichtig mir Martin Walser als Schriftsteller ist. Ich habe eben Angst um ihn und kann diese Angst noch nicht einmal begründen oder aus mir heraus beantworten. Begeht er etwa politisch-literarischen Selbstmord aus seinem Trotz heraus, seiner verletzter Eitelkeit wegen, seinem Leiden an unserer düsteren deutschen Vergangenheit halber oder wird er unberechtigtes Opfer eines unglaublichen Medienrufmordes? Ein eigenes Bild kann ich mir ja gar nicht schaffen, ist doch das Buch "Tod eines Kritikers" noch gar nicht erschienen. Da klammere ich mich eben , wie der größte Teil der Öffentlichkeit, gleich einem Ertrinkenden an einem Stückchen Holz fest, an jedem erscheinenden Artikel also. Ich muss das Buch unbedingt lesen und habe doch ein ungutes Gefühl, es zu tun. Hoffentlich hat er sich nicht zu etwas hinreißen lassen, das er nicht mehr unter Kontrolle hat. Ich liebe einige seiner Bücher und mag andere Bücher wiederum nicht, doch alles was er geschrieben hat, scheint mir aus tiefster Seele und mit Hingabe, fast schon mit dem Zwang zur Seelenerleichterung, geschrieben zu sein. Das ist das eigentliche beunruhigende Element. Bin ich nach dem Buch noch der gleiche Walser-Anhänger, der ich immer war? Nach dem Meinungskrieg der letzten Tage fühle ich mich ja nicht einmal mehr selbst der Gleiche. Werde ich ihn als Leser verraten, verraten müssen oder weiter treu sein dürfen? Die Medienschlacht hat auch in mir Verwüstungen hinterlassen, das kannst du mir glauben!" "Du solltest lieber ins Bett gehen. Alle diese Artikel machen letztendlich allein krank. Warte das Buch ab und gleiche deine Leseerfahrungen dann an den öffentlichen Meinungen ab, alles andere ist Wahnsinn und Selbstzerfleischung. Dein Walser ist schon ein schwerwiegender Schriftsteller, egal was bei der Debatte herauskommt und bleibt der eigentliche Urheber der Debatte. Mir scheint, er wollte sie. Dieses Gefühl werde ich jedenfalls nicht los." "Ich glaube du hast recht. Ob er sie wollte oder nicht, es ist etwas Unheimliches daraus entstanden. Etwas, dessen Tragweite wir noch gar nicht abschätzen können..." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Barbaras Computer von Barbara Siwik, 06242 Braunsbedra (Deutschand) Klick einfach! Klick doppelt! Na komm schon, ich warte! Dünn flimmert ein Bild übern Monitor
Was ist denn los mit der Grafik-Karte? Blue Screen? Was geht in dem Kasten nur vor? Schwerwiegender Fehler!? Es ist nicht zu fassen! W e r macht hier Fehler du blödes Gerät? Ich hab dich wie immer hochfahren lassen! Jetzt würg ich dich ab! Das wenigstens geht! `raus mit den Strippen, ein Blick ins Gehäuse, hier mal gerüttelt und dort umgesteckt
Knopfdruck und Piep! In gewohnter Weise baut er sich auf. Vielleicht war er verdreckt? Ha! Na wer sagts denn! Das Bild wie gestochen! Auch der Explorer schlägt auf, was er soll: Outlook-Express spuckt die Post von Wochen eilfertig aus und der Bildschirm wird voll. Dann meldet sich einer, der möchte chatten
Doch mitten im schönsten Schreibe-Fluss, da hat der Kasten beim Internetten ein Problem erkannt, das er melden muss! Klick einmal auf: Nein! Das lässt er nicht gelten, er schließt das Programm. Schneller, als man denkt, versinken die bunten Internet-Welten und das schlaue Biest hat sich aufgehängt! Ein Aufschrei: Wo ist die Axt zum Spalten?! Da mault es grämlich aus dem Raum nebenan: Willst du nicht endlich den Computer ausschalten? Zum Teufel! Das hat er schon selber getan! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das war knapp von Ines Heckmann, 41469 Neuss (Deutschand) Hastig noch zwei Worte geklimpert und dann auf das "Word"-Symbol geklickt. Gott-sei-Dank. Als Peter hereinkommt, sitzt Corinna schon unauffällig vor einem Brief an ihre Freundin. "Was ihr euch immer zu schreiben habt!" murmelt er. "Komm, Andreas ist schon da. Laß uns gehen." "Ich komme gleich!" Corinna schließt Word, schlüpft aus der Jogginghose und in die Jeans. "Bin fertig!" ruft sie. "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" fragt Peter zurück, der vor dem Bildschirm steht. "Oder soll ich ihn runterfahren?" "Nein, nein, ich mach das schon! Du wolltest doch das blaue Hemd anziehen." "Warum, ist das nicht schön?" "Ach bitte!" Achselzuckend verschwindet Peter und Corinna klickt schnell ins Internet. Ihren abgebrochenen Chat beschließt sie mit den Worten: "Sorry, muß weg. Morgen zur gleichen Zeit. Ich liebe Dich. Ciao" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Monolog im Drehstuhl von Hans Pulina, 33611 Bielefeld (Deutschand) Du solltest dir endlich einen anderen Stuhl besorgen. So, wie du da sitzt, ein bisschen Buddha und ein bisschen Luder, die linke Hand zwischen den Beinen, die Rechte an der Computermaus, merkst du sehr schnell, wie unbequem diese Art zu sitzen ist. Nein, es ist kein Fall für einen Drehstuhl, wenn du die neuesten Aktfotos eines Balletttänzers, die deine Freundin Julia ins Internet stellte, anschaust. Vielleicht etwas für einen Sessel, auf dem du es auch im Schneidersitz bequem haben kannst. In der Ecke steht noch Vaters alter Ledersessel. Als du vor einigen Monaten von zu Hause auszogst, wolltest du ihn haben und er gab ihn dir, wenn auch ungern. In ihm könntest du dich wohl fühlen. Du müsstest nur die Bücher wegräumen, die seit Monaten auf der Sitzfläche liegen. Einen Moment lang spürst du Vaters Anwesenheit, zögerst und konzentrierst dich wieder auf den Bildschirm. Irre dieses Foto. Julias Bilder sind alle gut, doch dies hier ist hervorragend. Der Körper eines Tänzers, von den Fußspitzen an nach hinten gebogen, bildet eine Brücke, seine Hände berühren fast den Boden. Das exponierte Becken, die Pfeilerkrone dieser Brücke, ist ein Blickfang. Du lachst plötzlich wie sonst nie und stellst dir den Tänzer mit erigiertem Glied vor. Das Glied des Tänzers auf dem Foto, Licht und Schatten auf der angespannten Beinmuskulatur, die Struktur der Haut, alles noch erotischer durch das Schwarzweißfoto. Das Spiel deiner Finger zwischen den Schenkeln. Das Dunkle im Foto. Du starrst auf den Bildschirm. Deine Halsmuskeln schmerzen und du reagierst wie in einem Traum. Deine Finger lösen sich von der Maus, die nun unbewegt neben der Tastatur liegt. Der Schmerz verliert sich in hastigen Atemzügen. Die Hand sucht die Wärme deiner Haut, ruht einen Moment lang auf der Schulter und gleitet dann unter den Hemdchenträger hin zur Brust. Glaubst du, dass du jetzt den Computer ausschalten könntest? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Schwierige Jahre von Sylvia Smuda, 71083 Herrenberg (Deutschand) "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?" "Nein." "Aber der verbraucht Strom, wenn er so lang auf Standby steht." Stöhnen. Ich schwieg. Die letzten Jahre waren eine einzige Reiberei zwischen meinem Sohn und mir gewesen. ‚Ihr lasst keine Möglichkeit aus’, hatte mein Mann einmal gesagt. Aber das war typisch für ihn. Er ging immer den Weg des geringsten Widerstands. Ich hingegen war überzeugt, man müsse einem Kind Grenzen setzen, es nicht im "Laissez-faire" Stil aufwachsen lassen. Da Felix sehr wohl unsere unterschiedliche Erziehungsauffassung spürte, begann er schon früh, sich meinen Anordnungen zu widersetzen. Schon bald genügte der kleinste Anlass, um einen Riesenkrach zwischen uns auszulösen. So wie jetzt die Sache mit dem Computer. Gerade eben hatte sein Freund angerufen und vor den Morgenstunden würde Felix wohl kaum wieder nach Hause kommen. Warum also schaltete er den Computer nicht aus? Ich starrte das Ding verärgert an. Leider hatte ich keine Ahnung von dieser neuen Erfindung. Den Knopf für das Ein- und Ausschalten würde ich schon noch finden. Aber vielleicht würde er dann abstürzen? Das schien das Schlimmste für die Computerfreaks zu sein. So ein Schwachsinn. Wieso sollte dieser Kasten ‚abstürzen’ können? Er flog doch nicht wie ein Flugzeug. Ich spürte ein leichtes Zucken in den Fingerspitzen. Allein um Felix in seine Grenzen zu verweisen und meiner Anordnung Nachdruck zu verleihen, musste ich das Gerät ausschalten. Eine Stimme in mir schrie nach konsequenter Haltung. Mein Sohn hatte sich im Bad verbarrikadiert und stylte sich. Als er schließlich auf dem Weg zur Haustür am Wohnzimmer vorbeirauschte, hatte ich mir vorgenommen, nur heute einmal – ausnahmsweise – keinen Knatsch heraufzubeschwören und den verfluchten Kasten über Nacht laufen zu lassen. "In den nächsten Minuten schaltet sich der Computer ab, sobald der Virenscanner upgedated ist", strahlte mein Sohn mich an und gab mir einen Kuss auf die Wange. "Tschau, Mom. Kannst mich zum Frühstück wecken. Aber nicht vor 10 Uhr", rief er von der Haustüre noch und schon war er weg. Eine heiße Welle der Liebe durchflutete mich. Was für einen hübschen, netten Sohn ich doch hatte! Gott sei dank hatte ich mich mit den blöden Computer beherrscht. Wäre ja auch völlig unsinnig gewesen, auf dem Machtkampf zu bestehen. Wie viel mehr wert war der Kuss, der noch leicht auf meiner Backe brannte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |