Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: Cover: Das Jahr der Wunder

Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

Der blaue Pyjama
von Lutz Leukhardt, 04229 Leipzig (Deutschand)

Julien war bereits von der Strömung ein wenig flussabwärts getrieben worden. Joseph konnte das Gesicht seines Sohnes nicht erkennen, da die Strömung Juliens Kajak an sich sog, und er immer wieder den Strom hinaufpaddeln musste.
Als wäre er im Finale der olympischen Spiele, stieß Julien sein Paddel energisch ins Wasser und gewann rapide an Geschwindigkeit und verschwand zwischen den Felsen.
Joseph suchte sich eine schwache Stromschnelle in der Nähe des Ufers und gelangte gemächlich in das nächste Bassin, in dem Julien bereits wartete. Das Kajak seines Sohnes tänzelte vor der nächsten Stromschnelle vor und zurück, und Julien konnte kaum erwarten, endlich hinunter zu stoßen.
Joseph erschien er ein wenig zu übermütig. Das Wasser war nicht harmlos. „Pass auf“, rief er Julien zu. „Unten kommen die starken Schnellen mit Unterströmungen!“. Doch Julien schien…”

Ich spüre ihre Hand auf meiner Schulter.
„Willst Du denn nicht deinen Computer ausschalten?“, fragt Elena und drückt zärtlich mein Schulterblatt. „ Komm ins Bett.“
Es gelingt mir nicht, zu lächeln. „Bald“, höre ich mich sagen.
Elena löst nicht gleich ihren Griff. Sie schweigt. Ich ahne, wie sie die letzten Worte auf dem Bildschirm liest.
„Du kannst nicht...“, setzt sie an, doch ich hebe meine Hand und mahne sie, nicht weiterzureden. Elena lässt von mir ab und verlässt das Arbeitszimmer.

„...schien die Warnung nicht zu hören. Er tauchte sein Paddel tief in das schäumende Wasser ein. Die Schnauze des Kajaks senkte sich in die Gischt und wurde Bruchteile später mit Julien von dem reißenden Wasser geschluckt. Joseph spürte einen Anflug von Panik.
Wie gelähmt starrte Joseph auf das Wasser; auf die Stelle, wo Julien auftauchen musste.
Auftauchen musste.
Die Spitze des Kajaks stieß aus dem Wasser. Juliens Kopf folgte, sein Gesicht war nicht blau angelaufen. Er hielt sein Paddel wie eine Trophäe über den Kopf und lachte.

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„Sommer 1998 Tennessee“
OK
Meine Augen brennen. Ich klappe das Notebook zu, nehme die leere Kaffeetasse und bringe sie in die Küche. Die Tür zu Juliens Zimmer ist geschlossen. Wir wollen es bald ausräumen, nach drei Jahren.
„Das ist auch für uns besser“, sagt Elena oft.
Sie hat sicher recht.
Leise öffne ich die Tür zum Schlafzimmer und schleiche hinein. Im Licht der Nachttischlampe suche ich meinen Pyjama. Meinen blauen Pyjama. Ich hatte ihn damals im Urlaub Julien geliehen. Seitdem suche ich ihn. Er ist nie wieder aufgetaucht.

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In die Ferne
von silmarben, 22087 / Hamburg (Deutschand)

'Unterwäsche? Ja, genug. Hosen,Bikini, geile Oberteile, schicke Kleider, Schuhe, Schminke... Tickets, Tickets... ah ja! Handgepäck, Sonnenbrille, Buch... was für ein Gefühl! Gleich gehts los! Handtücher, Creme, Schampoo, Duschgel, Massagehandschuhe, Badelatschen, Aspirin, Berberil und Zigaretten, ja... Mütze! Fotoapparat! Filme, was zu schreiben, Skizzenblock...'
Es dämmert, der Tag ist noch nicht erwacht und ich flüchte aus meinem Alltag.
Kaffee getrunken, geraucht, gebummelt, gewartet.
Die Sonne kann sich heute nicht durchsetzen, doch in drei Stunden wird mir schon ein warmer Wind entgegenströmen und die Sonne wird mich anlachen und willkommen heißen.
Ich steige in den Flieger, nehme mir eine Zeitung, setze mich und warte.
Da höre ich aus weiter Ferne eine leise Stimmme, aus tiefstem inneren, die mir flüstert : ' Willst Du denn nicht Deinen Computer ausschalten?'

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Affäre
von Ines Braun, 51067 Köln (Deutschand)

Herr M. erwachte vom eigenen Schnarchen und schlug taktierend die Augen auf. Die Bettdecke hatte sich bereits bis unter die Zimmerdecke gehoben und kreiste dort, nur vom Luftzug bewegt, der durch den Spalt des geöffneten Fensters hereindrang. Die Müdigkeit war gerade dabei sich in die Zimmerecken zurückzuziehen, als die Tür aufsprang und der Doktor eintrat. Sein Stethoskop führte er an der Hand mit sich, denn es war in den letzten Wochen sehr gewachsen und inzwischen zu groß um immernoch getragen zu werden. „Wie gehts uns denn heute?“ Der Doktor sprach nasal, eine üble Angewohnheit, in deren Vorfeld er sich intensiv mit dem Studium der Bauchrednerei auseinandergesetzt hatte.
Herr M., der seit seinem Erwachen Purzelbäume in seinem Bett schlug, hielt aprupt inne. Er streckte sich, erreichte mit den Füßen die Bettdecke und bewegte die Zehen. Lüstern kichernd entzog sie sich seiner Reichweite und er fuhr mit seinen Übungen fort. „Morgens sticht mich der Hafer, Mittags sitzt mir der Schalk im Nacken und Abends werde ich vom wilden Affen gbissen.“ „Die Diagnose ist eindeutig“, sprach der Doktor. Er öffnete seine Teakholztasche, für die drei Brüllaffen im brasilianischen Urwald ihr Leben hatten lassen müssen und entnahm ihr einen Rezeptblock und ein gezinktes Kartenspiel. „Sie sollten ihren Computer ausschalten und wieder an der Tankstelle arbeiten.“
Mit einem Schrei sprang Herr M. aus dem Bett und entledigte sich seiner Beinkleider. Dann rannte er los, lief am Türrahmen nach oben und als er die Zimmerdecke erreicht hatte, packte er die Müdigkeit und stopfte sie in die Keksdose, die gerade auf dem Nachttisch vorübergesegelt kam. „Die Diagnose ist eindeutig“, der Doktor hatte begonnen einige Präservative zu farbigen Ballons aufzublasen. „Sie haben ein Verhältnis mit ihrer Bettdecke.“
Herr M., der es sich auf einer Hängelampe bequem gemacht hatte, versuchte den Doktor von oben mit den Knöpfen seiner Anzugsjacke auf die Glatze zu treffen. „Möglich“, sagte er und fixierte seine Beinkleider, die auf dem Bett einen einsamen Tango tanzten. Der Doktor fingerte in seinen Unterlagen und zog zwischen einigen Liebesbriefen von Prostituierten ein paar Röntgenaufnahmen von sehr attraktiven Sitzkissen heraus. Nachdem er sie der Bettdecke gezeigt hatte, öffnete er das Fenster und ließ sie hinaus. Dann befreite er die Müdigkeit aus der Keksdose und schlief in den Weiten des Bettes, das dringend den Rat eines Psychologen bedurft hätte, neben Herrn M. den Schlaf der Gerechten.

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Schmecken virtuelle Bonbons auch nach Apfel?
von Gerardo Escobar, 44787 Bochum (Deutschand)

Ich kam zu spät ins Seminar. Hinten war noch ein Platz frei. Ich setzte mich und sie lächelte mich an. Eine Viertelstunde später bot mir eine Hand von rechts ein Bonbon an...
Plopp. Noch ein Bier. Plopp, noch eine Erinnerung. Ich habe sie das letzte mal vor Monaten gesehen. Keine Ahnung wann genau. Wir kennen uns eine Weile. Haben nie wirklich etwas miteinander zu tun gehabt. Aber da war doch was. Ich habe ihr Zettel geschrieben und sie mir auch. Belanglosigkeiten, aber für diese gewöhnliche Seminarsituation doch aussergewöhnlich... Es hat Spaß gemacht, es war ein Grund hinzugehen. Eine zeitlang. Dann nichts mehr lange Zeit. Dann plötzlich viele Mails - ein halbes Jahr lang? Zufällige Begegnungen gerieten uns nie. Zu profan? Kein Zauber?
Irgendwann hat sie geschrieben, dass es so nicht weitergeht. Na gut. Dann hab ich eben Disketten vollgeschrieben. Wenn man es nicht mehr versteht, bleibt einem nur, DEN NAMEN, DEN MAN AUSSPRECHEN WILL, ZU GOOGELN. So nimmt man trotzdem teil. Heutzutage geht das. Der Schmerz bleibt derselbe - oder ist es doch ein anderer...
Dann sitzt man wieder da. Wieder zu spät. Wieder ein Lächeln. Und plötzlich kommt ein Bonbon von links.
Es ist nicht derselbe.

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Liegenschaft verlegt sich so
von Sven Schade, 10119 Berlin (Deutschand)

Ein Huper und ein Tuter, betonen im Computer
den Stream und Strom und Struwwelkram, der über Netz und Netze kam - das kennst du schon - das weißt du auch,
dass du im Bit-pro-Kopf-Verbrauch noch nie der Allerbeste warst.

Die Liegenschaft verlegt sich so
Sie hat sich früh schon breit gemacht
Das flächendeckende Gebilde: ein stetig Weites und
Toujours.
Und auch wie immer zwickt die Uhr
dir hier im Oberflächen-Podiums-Talk.
Die Group in Schranken,
in News und auch mit Alten
Laut, laut und lauter wird die Lage
Stillst du denn nicht mal die Gedanken?
Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?

So ruckelt, wackelt diese Frage
im großen Chat-und-Room-Gebiet
Dass nur ein Offline-Schlussgepiepse mir rhythmisch einen Schlussstrich zieht -

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