| Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: |  | Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Einer dieser Tage von Marianne Grudde, 60320 Frankfurt am Main (Deutschland) Frustriert sitzt Irma in ihrer Stammkneipe und rührt mit einem Strohhalm den Cocktail auf. Aus der Anlage dröhnt eine aktuelle Schnulze. Sie schlägt die Beine übereinander, wippt mit den Fußspitzen und zupft ihren Ausschnitt tiefer. Aus dem Spiegel hinter der Bar schaut ihr ein abgespanntes Gesicht entgegen, das Blau der Augen müde, das kurze rote Haar reif für den nächsten Friseurbesuch. Sie schneidet sich eine Grimasse und wendet den Blick wieder zur Tür. Sie schließt die Augen und gelobt: "Egal welcher Mann jetzt hier reinkommt, ich will, dass er mich anmacht". Als sie den Blick hebt, lümmelt eine illustre Gestalt neben ihr am Tresen. Unverschämt grinst ihr der Typ ins Gesicht und bleckt dabei seine zahnpastareklameweißen Zähne "Der bildete sich offensichtlich etwas ein, auf seine gebräunte Haut und die feurigen dunklen Augen, der Macho", denkt Irma und mustert seinen maisgelben, lässigen Sommeranzug. Das weit geöffnete schwarze Hemd lässt die behaarte Brust und das blitzende Goldkettchen sehen. Lässig zurück gelehnt, beginnt er sein Programm abzuspulen. Vom geflüsterten "wunderschöne Frau, warum so allein" , dabei berührt er zart ihr Kinn, bis zum energischen "ich werde Sie beschützen" und dem Spendieren des nächsten Drinks, zieht er alle Register. Irma weiß um die Plumpheit, ist sich im Klaren darüber, was er erreichen möchte und wünscht doch, er würde so weiter machen. Beim dritten Cocktail schiebt sie seine Hand auf ihrem Knie nicht mehr weg, sie hängt an seinen Lippen und badet in den Komplimenten, mit denen er nicht geizt. Irgendwann spreizt er seine Finger besitzergreifend über ihrem Hintern und fordert sie zu einer Spritztour in seinem tollen Auto auf. Er bezahlt und drängt Irma zur Tür hinaus. Sie schüttelt sich in der klaren Nachtluft und spürt ernüchtert den aufdringlichen, billigen Geruch seines Aftershaves. Gerade als er den Autoschlüssel zückt, reißt sie ihm diesen aus der Hand. Sie schließt die Autotür auf und wirft den Schlüssel auf den Sitz und verriegelt die Tür von innen und schlägt sie zu. Dann rennt Irma, wie um ihr Leben, zur nahen Haltestelle und schlüpft durch die Tür des Busses, die der Fahrer schnell noch einmal für sie öffnet. Aus dem Rückfenster blickend, sieht sie den Typen mit wutverzerrtem Gesicht neben seinem Wagen stehen, drohend seine Faust hinter ihr her schüttelnd. Zum ersten Mal an diesem Tag lacht Irma. Vor sich hin glucksend dreht sie sich um und taucht ihre blauen Augen im Rückspiegel in die des Busfahrers. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kapitulationsforderung (Haiku) von Georg Schmid, 81375 München (Deutschand) Ein Schloß macht keine Burg. Wenn du den Schlüssel hast gib dein Herz heraus. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Gutenachtgeschichte von Katrin Klink, 75045 Walzbachtal (Deutschland) Sie öffnete die Autotür und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und warf sie zu. So, das hatte er jetzt davon. Selbst Schuld. Er sollte wissen, dass ich so nicht mit mir umspringen lasse. So etwas wie Genugtuung breitete sich in ihr aus. Das war immerhin eine kleine Rache für die seelischen Grausamkeiten, die er ihr angetan hatte. Naja, stimmt schon, dass immer zwei dazu gehören. Ja, und sie war ihm tatsächlich hörig. Solche Wutanfälle wie gerade eben verrauschten meistens recht schnell wieder. Und dann? Zweifel. Sie wußte selbst ganz genau, dass solche kindischen Racheaktionen, wie ihn aus seinem Auto auszusperren keine Lösung waren. Ein weiteres Zeichen meiner Unsicherheit. Scheiße. Ich sollte mich von ihm fernhalten. Endlich einen Schlußstrich ziehen. Unwillkürlich mußte sie auflachen. Das klang alles so einfach. Wie oft hatte sie versucht, sich seinem Bann zu entziehen. Aber ehrlich gesagt, war sie selbstzerstörerisch genug, um der Anziehungskraft, die er auf sie ausübte immer wieder aufs neue zu erliegen. Sie gab sich für ihn auf. Und das tue ich auch noch gerne. Resignierend lehnte sie sich an den alten Ford. Die Schlüssel glitzerten in der Sonne, als sie durch das Fenster sah. Wo blieb er denn eigentlich. Er hat doch gemerkt, dass ich nach meinem Ausraster die Autoschlüssel gepackt habe und wie eine Gestörte zum Parkplatz gerannt bin. Oder ist es ihm egal? Er weiß ganz genau, dass er mich am meisten verletzt, wenn er mich einfach nicht beachtet. Sie dachte an die unzähligen Abende zurück, in denen sie zusammen losgezogen waren und er sich dann nicht um sie gekümmert hatte. Wie sie in der Ecke stand und ihn beobachtete, während er mit anderen Frauen sprach. Was sie dabei fühlte war gar nicht so einfach zu beschreiben. So eine Mischung aus Resignation und Wut. Wut auf ihn und seine arrogante, selbstherrliche Art. Und Wut auf sich selbst: ihre Nachgiebigkeit, ihre Selbstlosigkeit. Er hatte halt eine schwierige Kindheit . Wieder lachte sie auf. Er will es ja gar nicht, dass ich das alles mitmache. Ich bin es, die ihn immer wieder entschuldigt und sein Verhalten entschuldigt. Ich bin es, die immer wieder ihre ganze Tagesplanung umwirft, wenn er anruft. Kein Problem. Und das alles wegen meines besten Freundes... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Flucht vor den Grausamkeiten von Jana Kühle, 21643 Beckdorf (Deutschland) Sie war es, die die Autotür aufschloss, sie war es, die die Schlüssel auf den Sitz warf, sie war es, die die Tür von innen verriegelte. Und schließlich war es sie, die die Tür zuschlug.
Er war es, der aus dem Haus trat, er war es, der sich suchend umblickte, er war es, der sie aufhalten wollte. Und schließlich war es er, der sie nicht mehr erreichte.
Sie war es, die Gewalt erlitten hatte Er war es, der Gewalt angewandt hatte
Sie das Opfer Er der Täter
Sie war es, die die Schlüssel mit zitternden Händen nahm, sie in das Zündschloss steckte und auf das Gaspedal trat. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kompromisslos von Elke Siebel-Gaßen, 44803 Bochum (Deutschland) Sie öffnete die Tür, warf die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Es war ein samtweicher Sommertag, nicht zu heiß. Klar und mildblau der Himmel, zärtlich der Wind. Das dünne, üppig beblätterte Geäst der Trauerweiden strich mit einlullendem Wiegerhythmus übers Wasser. Kühl silbern blitzte der kleine Wagen, der ihr so viele gute Dienste erwiesen, der sie so zuverlässig und sicher an manches Ziel gebracht hatte. Nun begann sie, energisch zu schieben. Das Gelände war ein wenig abschüssig, leicht kam der Wagen ins Rollen, leichter, als sie gedacht hatte, ließ er sich bewegen. Es war gut, dass sie sich den Rückweg abgeschnitten, den Schlüssel im Inneren vor ihrem eigenen Zugriff gesichert hatte. Wie hätte sie etwa einem herbeigerufenen Pannendienst die Situation erklären sollen, nachdem der Wagen fernab von jedem befestigten Weg bereits mit den Vorderrädern im See stand? In diesem hübsch gearbeiteten silbernen Kästchen befanden sich einige Leichen. Wie hätte sie das jemandem erklären können? Das Schmuckstück enthielt alles, was ihr bisheriges Leben bestimmt und beschwert hatte. Von all dem hatte sie sich in den letzten Tagen durch eine entschlossene und kompromisslose Aufräumaktion befreit. Der See kräuselte sich gleichmütig im Wind, die Trauerweiden streichelten ihn ebenso gleichmütig. Sie schob und schob. Bald musste die Stelle erreicht sein, an der das Ufer schroff abbrach. Sie schob und schob. Der Wagen versank, ein gurgelndes Röcheln signalisierte ihr Freiheit! Noch am selben Abend flog sie der Freiheit entgegen nach Rio. Sie hatte alles entschlossen und kompromisslos geplant. Ein neuer Anfang, ein zweites Leben erwartete sie.
Drei Jahre später lieferten sich die Trauerweiden immer noch ergeben dem Spiel des Windes an jenem See aus. Eine Maschine aus Rio landete planmäßig in der nahen Hauptstadt, eine Frau mittleren Alters entstieg ihr, passierte zügig alle Kontrollen und bestieg mit kleinem Gepäck ihren zufällig silbrig glänzenden Mietwagen. Sie fuhr zum See, parkte den Wagen, zog sorgfältig die Handbremse an, verschloss die Tür, nahm den Schlüssel fest in ihre rechte Hand und ging entschlossen und kompromisslos dorthin, wo das Ufer schroff abbrach. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |