| Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: |  | Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. ... und ausgesperrt bist du! von Marlene Geselle, 72513 Hettingen (Deutschand) Lina guckte sich vorsichtig um. Fischte ganz sachte den Autoschlüssel aus der Jackentasche von Hanno. Leises Klirren. Kein Laut aus der Fernsehecke. Hanno hatte nicht reagiert; wie sooft in letzter Zeit. Guckte immer noch den Krimi. Scherte sich nicht um das, was Lina mit ihm besprechen wollte, schon seit Wochen. Bekam nichts mit von dem, was längst im Gange war. Schnell den Schlüssel in der Hosentasche verschwinden lassen. Hanno, ich geh jetzt! Kein Wort von Hanno. Hanno, ich sagte, ich gehe jetzt!. Keine Antwort kam von Linas Freund. Nur Geballere aus der Flimmerkiste. Draußen in der Einfahrt standen zwei Autos. Linas Minivan war voll gepackt mit Koffern, einem Karton mit Papierkram. Das Notebook auf dem Beifahrersitz. Die Möbel gehörten alle Hanno. Hatte sie manches liebe Mal geärgert. Heute war es praktisch so. Sie konnte fort. Lina warf nur einen kurzen Blick auf ihr eigenes Auto. Nein, nichts vergessen. Wandte sich Hannos Wagen zu. Sie schloss mit dem gerade gemopsten Schlüssel die Autotüre auf. Ohne Bedauern warf sie die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Das wars. Den Umschlag mit der Fotokopie der Wohnungskündigung klebte sie mit Tesafilm an der Seitenscheibe fest. Mit einem feinen Lächeln tätschelte sie ihre Handtasche, wo der Zweitschlüssel steckte. Den hatte sie bereits heute Morgen eingesteckt, gewissermaßen als kleine Rückversicherung. Den würde Hanno erst bekommen, wenn er endlich kapierte, dass es nicht so lief, wie er das meinte. Mit der Wohnung z. B., für die Lina den Mietvertrag alleine unterschreiben musste seinerzeit, der Form halber usw. Mit dem Oldtimer, den er sich vor einem Jahr gekauft hatte. Der viel zu schade war für die tägliche Fahrt zur Arbeit. Wozu gabs schließlich den Minivan. Mit dem immer schlimmer werdenden Durchsiehindurchgucken, so als sei sie gar nicht da. Und jetzt war er ausgesperrt: Für ein paar Tage aus dem Wagen, demnächst aus der Wohnung, und ein für alle Male aus Linas Leben. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Abschied von Sylwia Romaniuk, 51379 Leverkusen (Deutschland) Jenny konnte sich noch mit allen Details an den Abschied von Sven erinnern, obwohl es über vier Jahre her war. Sie standen damals engumschlungen am Bahnsteig in Erwartung des Zuges, der Jenny nach Hause und endgültig von Sven wegbringen würde; sie wußten beide, daß es kein Wiedersehen geben wird. Sven hielt sie fest, küsste ihren Hals ohne jedoch ein Wort zu sagen: Jenny hätte noch soviel zu sagen gehabt, aber alle Diskussionen mit Sven waren inzwischen sinnlos. Jenny würde am liebsten die Zeit anhalten, damit dieser letzte Umarmung endlos dauern würde und kämpfte mit den Tränen, die sie jetzt aber vor Sven nicht fliessen lassen wollte. Sven schien der Abschied leichter zu fallen als Jenny; aber er wollte auch nur diesen Augenblick möglichst schnell hinter sich bringen. An ihrem letzten Abend hatten die beiden einen handfesten Streit über die gemeinsame Zukunft gehabt, denn für Sven war die Beziehung mit Jenny einfach nichts anderes als eine sehr emotionsgeladene und länger als üblich andauernde Affäre, aber Jenny sah das alles anders. Sie wußte, daß Sven derjenige war, mit dem sie ihr restliches Leben verbringen wollte. Selbst jetzt nach vier Jahren war ihre unerwiderte Liebe zu Sven so stark, daß ihr jeder Tag ohne ihn sinnlos vorkam und sie sich wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Das Unverständnis ihrer Freunde und Familie machte Jenny inzwischen nichts mehr aus: sie alle konnten sich nicht in ihre Situation hineinversetzen, geschweige denn ihre Gefühle nachvollziehen oder verstehen. Sie mochte sich auch nicht mehr diese ewigen Bemerkungen anhören, sie solle Sven doch einfach vergessen....... Vergessen und sich nicht mehr erinnern zu können – das wollte Jenny während ihres kurzen Aufenthalts in einem kleinen Ferienort am Meer versuchen. Aber selbst hier in dieser friedlichen Atmosphäre und weg vom Alltag, konnte sie nicht zur Ruhe kommen. An diesem späten Abend stand Jenny neben ihrem Auto auf einem langen robusten Bootssteg und schaute wie hypnotisiert in das dunkle Wasser. Sie wußte nun, wie sie all dem Schmerz und den Erinnerungen entkommen könnte, und war auf einmal sehr ruhig und gefasst. Sie setzte sich ans Steuer, verriegelte die Tür von innen und schloss die Fenster. Sie nahm die Schlüssel in die Hand, steckte sie ins Zündschloß und startete den Wagen. Langsam fuhr sie los und steuerte das Auto so lange geradeaus, bis sie merkte, wie sich der Wagen vom Bootssteg löste und in das dunkle erlösende Wasser fiel. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Literarische Verwicklungen von Fenno Brunken, 90429 Nürnberg (Deutschland) Er hatte schon immer vorgehabt, sich in einer späteren Phase seines Lebens einmal mit Literatur, vielleicht sogar mit dem Schreiben selber zu beschäftigen. Aber dieser Literaturwettbewerb hatte es ihm gleich angetan. Wäre da nicht dieser vollkommen unlogische Satz gewesen, der als Inspirationsquelle dienen sollte, hätte er es sich vielleicht noch einmal überlegt. So aber stand seine Entscheidung fest. Sich vorzustellen, daß eine Tür zugeschlagen wird, nachdem man sie verriegelt hat und nicht umgekehrt. Das stachelte ihn an. Welches Metier sollte er wählen? Phantasy? Science Fiction? Vielleicht einen Kritikermord einbauen? Die Möglichkeiten waren unermeßlich. Letztendlich entschied er sich für eine Satire. Irgendwas mit Zeitschleifen oder so. Türen verriegeln und dann zuschlagen. In einem früheren Leben verriegelt, heute zugeschlagen. Nachdem auch vermeintlich ernst zu nehmende Schriftsteller neuerdings versuchten, sich mit Satiren ihren Lebensunterhalt zu verdienen winkte hier unter Umständen die Chance seines Lebens. Berühmt durch einen 2080 Zeichen langen Text über einen Satz. Oder hatte er den Satz vor dem Text zu schreiben? Wie die Verriegelung vor dem Zuschlagen? Es war nicht seine Verantwortung, hier Klarheit zu schaffen. Im Gegenteil: Literatur war seiner Erfahrung nach sogar oft der Versuch, durch Satzungetüme Unklarheit und Verwirrung zu schaffen und zu stiften. Steckte hier nicht auch der Kern desjenigen Satzes, der im Literaturwettbewerb, der ja Quelle seiner Überlegungen war, als Ausgangspunkt nicht nur eben jenes Wettbewerbs sondern eben auch genau dieser seiner Überlegungen war? Dieser Satz gefiel ihm. Jeder Kritiker, der ihn, dessen war er sich sicher, als untalentierten jungen Pseudoliteraten zerreissen würde, könnte in einem seiner nächsten Werke einem literarischen Verbrechen zum Opfer fallen. Vielleicht auch die Redaktion des Literaturwettbewerbs? Warum nicht? Das wäre doch eine hübsche Pointe, die den in seinem Ablauf unklaren Ausgangssatz wieder zu einem logischen, stringenten und in sich befriedigenden Ende führen würde. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Los des Lektors von Sylvia Smuda, 71083 Herrenberg (Deutschand) Sie schloss die Autotür auf und warf den Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
"Nein!" donnerte der Lektor und schlug mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch, dass der Stapel der noch ungelesenen Manuskripte erbebte und umzufallen drohte. "Diese Autoren beachten inzwischen nicht einmal mehr die einfachsten Regeln der Erzählkunst. Vier Mal "und" in einem einzigen Satz und dazu noch ein völlig unlogischer Schluss! Jedem Anfänger würde ich das Manuskript ungelesen zurückschicken, aber bei einem Herrn XY ist das ja nicht mehr möglich. Der kann sich alles herausnehmen."
Er stand auf, griff nach der Tasse mit dem lauwarmen Kaffee und stellte sich ans Fenster. Unten auf der Straße konnte er die Menschen beobachten, die die Sonne genossen, Latte Macciato oder Espresso tranken und sich unterhielten. Einige wenige lasen. Früher hatte er auch gerne gelesen, Bücher verschlungen. Deshalb war er auf Umwegen zu diesem großen Verlag gestoßen, bei dem er nun als Lektor arbeitete. Inzwischen hasste er seinen Beruf, vor allem deshalb, weil er sich den marktwirtschaftlichen Regeln beugen musste. Viele gute Jungautoren blieben auf der Strecke, während die Geldbringer, die Honorationen sich alles erlauben konnten. Seufzend stellte er die Tasse ab und nahm seine Jacke von der Stuhllehne. Für heute hatte er genug. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Revanche von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath (Deutschand) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. "Ja bist du denn noch zu retten?" schrie Michael fassungslos seine Frau an. Sofort kramte er in seiner Hosentasche. "Ich habe keinen Ersatzschlüssel bei mir", stellte er wütend fest. "Wie sollen wir denn zurückkommen?" "Das macht doch nichts, dann gehst du eben zu Fuß nach Haus", meinte Ellen gleichgültig und setzte die Sonnenbrille auf, denn ein gleißender Sonnenstrahl tauchte plötzlich die Waldlichtung in ein schillerndes Licht. "Was? ... was sagst du da?" Michael rang nach Luft. "Nun, die Stelle hier kennst du ja." Sie sah ihm direkt in die Augen. "Warst ja mit meiner Freundin hier, nicht wahr?" "Sag mal, spinnst du? Was redest du da für einen Unsinn!" Er packte seine Frau und schüttelte sie. Sie riss sich los und sah ihn böse an. Dann drehte sie sich um und zeigte in die Richtung, aus der ein Motorengeräusch zu hören war. "Da hinten kommt sie, mit der du hier an dieser Stelle vor einer Woche etwas anfangen wolltest, du ... du ..!" schrie sie ihm ins Gesicht. Michael sah zu seiner Überraschung, dass Susanne in ihrem Geländewagen angebraust kam. Er musste sich an einem Baum festhalten, weil er das Gefühl hatte, ohnmächtig vor Wut zu werden. Susanne sprang aus dem Wagen und kam direkt auf ihn zu. "Hör mir zu, Michael! Das von letzte Woche wollen wir ganz schnell vergessen, verstanden?" sagte sie in einem Ton, den er gar nicht von ihr kannte. "Ich habe mich bei Ellen entschuldigt und ich hoffe, dass du weißt, was du zu tun hast!" Michael starrte vor sich hin, denn er wusste im Augenblick nicht, wie er reagieren sollte. "Okay, okay, ich habe verstanden, war wohl ein Fehler von mir", schmollte er nach einer Weile und sah seine Frau hilflos an. "Tschuldigung!" Ellen stand da und genoss sichtlich die Situation. Mit nervöser Stimme wandte Michael sich dann an Susanne: "Kannst du uns mit nach Hause nehmen?" Und mit einem Seitenblick auf seine Frau ergänzte er: "Ellen hat nämlich aus Versehen die Wagenschlüssel im Auto eingeschlossen." "Nein nein, mein Lieber, das war kein Versehen", protestierte Ellen energisch. "Damit du Zeit hast einmal in Ruhe über dich nachzudenken, gehst du die paar Kilometer zu Fuß zurück." "Was? ... ich soll ... das sind doch mindestens zwanzig Kilometer ..." "Umso mehr Zeit hast du zum Denken", lachte Susanne, zog ihre Freundin in den Jeep und enttäuscht sah Michael, wie die Beiden davon brausten. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |