Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Endlich
von Michaela Schmidt, 45147 Essen (Deutschand)

Dann fuhr sie nach Hause. In ihre kleine Wohnung. Setzte sich an den Tisch und schrieb. Ihre Kündigung. Lief zwei Straßen bis zur Post, kaufte eine Marke und schickte das Schreiben ab. Sie fühlte sich gut. Die Wut hatte sie mutig gemacht, endlich. Jetzt würde sie nach Hause gehen in ihre Wohnung; und dann...
Sie überquerte die Straße und ging bis zur Haltestelle. Sah der Bahn entgegen. Und sprang.

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Das vergessene Wochenende
von Liese Bast, 59872 Meschede (Deutschland)

Trotzig verschränkte sie die Arme und schürzte die Lippen. Die Furchen und Falten in ihrem Gesicht und am Hals erinnerten an die Seitenarme des Mississippi, während ihr aufgetürmtes weißes Haar eher ein Abbild der Zugspitze glich. Die Situation war so grotesk, und dennoch war mir nicht zum Lachen zumute.
"Das nützt dir nichts, ich habe einen Ersatzschlüssel. Also sei nicht kindisch. Wir müssen jetzt los."
"Ich fahre nicht hier weg. Ich bleibe bei dir."
"Du kannst nicht hier bleiben. Das weißt du genau." Erneut wurde die Situation zu einem Geduldsspiel. Ich kramte in meiner Handtasche zwischen Kaugummis, Lippenstift und Noras Malstiften nach dem Ersatzschlüssel. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie noch ihre Pantoffeln anhatte. Ich beschloss, dass ich sie nicht darauf aufmerksam machen würde. Es würde nichts ändern.
"Geh bitte zur Seite, ich muss aufschließen. Bitte."
Sie bewegte sich nicht einen Zentimeter. Ihre Augen wurden feucht. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
"Du musst zurück. Es geht nicht anders. Nächste Woche muss ich wieder arbeiten. Du bist gut dort aufgehoben. Man kümmert sich rührend um dich, und ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Am Wochenende kommst du doch schon wieder! Also bitte, steig jetzt ein." Wie oft hatte ich ihr das schon erklärt. Sie reagierte nicht. Langsam legte sie den Kopf schief und schien zu überlegen.
"Kaufst du mir ein Eis?"
"Du hattest doch eben erst ein... ach, was soll‘s. Aber sicher, ich kaufe dir ein Eis." Langsam war mir zum Weinen zumute. Sie tippelte zur Seite und ließ mich aufschließen. Dann stieg sie ein und zog die Pantoffeln aus. Sie merkte nicht einmal, dass sie auf dem Schlüssel saß.
"Wo fahren wir eigentlich hin?"
Ich antwortete nicht. Schlagartig wurde mir bewusst, was noch auf mich zukommen würde. Und das war erst der Anfang, hatten die Ärzte gesagt. In wenigen Stunden, vielleicht auch Minuten, würde sie alles vergessen haben. Die Diskussion am Auto, das schöne Wochenende mit Nora und mir, der Ort, wo sie hingebracht würde, und nur der Klecks auf ihrem hellen Sommerkleid würde sie vielleicht an ein Erdbeereis erinnern.

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Familienprobleme
von Sabine Böhringer, 70597 Stuttgart (Deutschand)

Gedankenverloren trottete Elke über die Straße. Ein Auto hupte. Sie zitterte noch immer vor Aufregung und versuchte, tief durchzuatmen. Ein Nervenbündel war sie. Seit sie ihren Halbtagsjob angetreten hatte. Ihr Ehemann Pit verstand einfach nicht, dass er ihr jetzt etwas zur Hand gehen könnte.
Vorhin hatten sie wieder gestritten - weil Pit sich weigerte, Söhnchen Jan zum Kindergeburtstag zu bringen. Er sagte, er habe keine Lust und Elke wäre fast geplatzt vor Wut. Dabei hatte er Urlaub und nichts anderes vor! Und Elke musste noch dringend ein paar Lebensmittel kaufen. Und die Nachbarskinder, die Jan eingeladen hatten, wohnten gleich um die Ecke. Elke hatte die Zähne zusammengebissen und Jan selbst weggebracht. Sie wollte nicht, dass das Kind unter den ewigen Streitereien leiden musste.
Ihr Gatte hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht und starrte in die Glotze, als sie in die Wohnung zurückkam. Entschlossen stellte sich Elke in den Türrahmen, die Hände in die Hüften gestemmt. "Du wirst Jan um Fünf abholen! Sonst passiert ein Unglück!"
"Bringst du mir bitte ein Bier?" fragte Pit, ohne die Augen vom Bildschirm zu wenden.
"Hol dir dein Bier doch selbst!" brummte sie leise vor sich hin, um nicht wieder auszurasten. Sie griff nach den Einkaufstaschen. "Vergiss nicht – um Fünf!"
Als sie kurz vor 17 Uhr am Haus ankam - erschöpft vom langen Warten an der Kasse und vom Schleppen der prall gefüllten Einkaufstaschen - sah sie ihren Gatten zum Auto trotten.
"Holst du Jan?" Misstrauisch stellte sie die Taschen ab. Sie wunderte sich, dass er den Wagen nehmen wollte.
"Ich muss kurz zum Getränkehändler. Hab kein Bier mehr."
"Was?" Elke traute ihren Ohren nicht. Energisch stellte sie sich zwischen Pit und die Fahrertür. "Und du wirst jetzt Jan abholen – und dann kannst du sonst wo hin."
"Du kannst ihn doch auch abholen. Jetzt bist du ja wieder da!" meinte er verständnislos.
Jetzt war das Maß voll. Elke verlor die Kontrolle über sich vor Wut. Sie riss ihrem Gatten den Autoschlüssel aus der Hand, schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. "So! Jetzt hast du den Salat!"
Er sah sie mit großen Augen an. "Bist du verrückt?"
"Wenn du Jan jetzt nicht abholst, brauchst du nicht mehr wiederzukommen!" meinte sie entschlossen und ließ ihn stehen.
Verdutzt sah Pit ihr hinterher. "Die Weiber soll einer verstehen!" brummelte er vor sich hin und machte sich auf den Weg zu den Nachbarn.

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Das Auto war nicht gut drauf
von Susanne Müller, 97950 Grossrinderfeld (Deutschand)

Das Auto war heute wieder so verschlossen und redete kein Wort. Fest kniff es seine Fensterscheiben zu und blinzelte noch nicht einmal mit den Scheinwerfern zur Begrü-ßung. Auch das Radio knisterte und rauschte nicht, sondern spielte nur Konservenmusik.
Rena rutschte unbehaglich auf dem fellbespannten Sitz herum. Schließlich war sie doch gekommen, um mit dem Auto allein zu sein. Sie hatte sogar die Türen von innen verriegelt! Dafür konnte sie doch etwas mehr Beachtung erwarten.
Wenn das Auto gut drauf war, gab es schon beim Türenzuschlagen so witzige Knallgeräusche und ließ das Fenster auf der Beifahrerseite mit einem Rutsch in das
Türfutter zischen. Der Sitz quietschte fröhlich, wenn sie sich mit Schwung fallen ließ und das Fell legte sich sofort in rubbelige Falten.
Und heute – einfach nichts. Wie ein stinknormales gut funktionierende Mittelschichtgefährt. Einfach peinlich. Was war nur los?
Rena fischte den Schlüssel vom Beifahrersitz und steckte ihn ins Zündschloss. Sofort sprang das Auto an. Rena begann sich ernsthafte Sorgen zu machen. Wenn das so weiterging, würde es sogar noch einmal TÜV bekommen. Das durfte einfach nicht passieren.
Doch dann fiel ihr etwas ein: Liebevoll suchte sie einen Metallcontainer aus und fuhr schwungvoll dagegen. Die Scheinwerfer ächzten vor Vergnügen und ließen das Glas lustig klirren. Die Kotflügel kreischten metallisch und endlich rutschte auch das Fenster runter.
Na also, sie wusste doch, dass das Auto ihrem Charme nicht lange widerstehen konnte....

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Reiner Tisch
von Malte Bremer, 78056 VS-Schwenningen (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Sie brach die Tankklappe auf und schraubte den Deckel ab und zündete ein Streichholz an und warf es in den Stutzen. Sie ging der Stichflamme aus dem Weg und warf den Löffel weg und zog den Sturzhelm aus und rief die Feuerwehr. Sie schulterte den Autofahrer und trug ihn in den Park und setzte ihm den Sturzhelm auf und warf ihn in den Teich. Sie schloss das Motorrad ab und verriegelte die Scheibenbremse von außen und klemmte den Schlüsselbund unter die Sitzbank und kippte es um.

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