Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Nacht in der Stadt
von Ocrivo, 81243 München (Deutschland)

Sie schloß die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Der Kofferraum öffnete sich. Sie nahm den Schlüssel vom Sitz, schloß die Autotür auf, stieg aus und verriegelte die Tür von außen und ging zum Heck des Autos. Sie schloß den Kofferraum. Die Beifahrertüre öffnete sich. Im Bäckerladen gegenüber ging die Sonne unter. Sie sah, wie die Bäckersfrau den letzten Kunden bediente, der drei Brötchen und zwei Bezen kaufte. Die letzten warmen Strahlen fielen aus dem Bäckersladen.

Begleitet vom letzten Türklingeln des Tages entglitt der Kunde dem Bäckerladen, in dessen Innern die Nacht hereingebrochen war. Hinter dem Schaufenster herrschte Dunkel und Kälte und Stille. Der Kunde wandte sich zur Seite, da sah er, wie sie an der Heckklappe ihres Autos stand und zu ihm herüberblickte. Er rief: "Kann ich Ihnen helfen?"
"Ja", gab sie zurück, "meine Beifahrertüre ist offen!"

Er überquerte die Straße.
"Zeigen Sie mal, wo denn?"
"Dort!" sagte sie und wies auf die offene Beifahrertüre.
"Ah."

Er umrundete den Wagen und betrachtete die Beifahrertüre. Auf seiner Stirn erschienen Falten. Sie trat zu ihm und fragte: "Kann ich helfen?"
"Nein, ich glaube nicht", sagte er. "Haben sie den Autoschlüssel?"
"Ja," sagte sie. Sie gab sie ihm.
"Gut! Halten sie bitte die Semmeln und die Brezen und treten Sie dann ein paar Meter zurück."
"Ja, gern." Sie tat wie anbefohlen.

Der Kunde warf den Schlüssel in das Auto, dann schloß er die Beifahrertüre. Eine Radkappe löste sich.
Wie auf ein Signal fuhr Bewegung in ihn, mit panischen Sätzen flüchtete er auf den Gehweg und verschanzte sich hinter einem Baum.
Auf dem Gehweg war sie weiß geworden, bewegte sich nicht, nur ihre Hände verkrampften sich in die Semmeltüte.
Im Bäckerladen ging der Mond auf.

Minuten verstrichen. Endlich wandte sie sich um. Hinter dem Baum starrte der Kunde zurück.
"Kommen Sie her!" flüsterte er.
Vorsichtig und nach hinten sichernd näherte sie sich dem Baum. Als sie ihn erreicht hatte, sagte er:
"Geben Sie mir die Semmeltüte!"
Sie gab sie ihm.
"Sie müssen bis zum Morgen warten!" sagte er.
"Bis zum Morgen?" fragte sie.
"Ja."
Sie antwortete nicht.
"Es tut mir leid", sagte er.
"Schon gut. Sie haben sich bemüht."
Sie schwiegen.
"Möchten Sie eine Semmel?"
Sie nahm eine Semmel.

Im Bäckerladen zog der Mond seine Bahn. Hinter dem Baum wartete eine Frau.

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Im Sommer
von Thomas Ewald, 81667 München (Deutschland)

Sie schloß die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Das war’s. Mit wild schlenkernden Armen stolperte er hinter ihr her, während sie den dunkelblau glänzenden Schal, den er ihr letzte Weihnachten geschenkt hatte, auf die Straße warf und sich zielstrebig davonmachte. Nach wenigen Metern bereute sie bereits ihr Handeln. Nun, da er ihr nicht mit dem Wagen folgen konnte, musste sie sein Gezeter den gesamten Weg zurück zum Hotel ertragen. Sie wünschte sich auf den Mars und ihn auf die Venus.
Sie waren vor zehn Tagen angekommen und eigentlich hatte alles ganz gut angefangen. Über dem Meer war ein silbriger Schimmer gelegen, und es hatte den Anschein gehabt, als könnten sie es vielleicht noch einmal schaffen. Aber schon bald waren die Riten der Gewohnheit wieder zu ständigen Begleitern geworden. Schon beim Frühstück begann das Schweigen.
Als hätte er ein schlechtes Gewissen, versuchte er seitdem, ihr alles recht zu machen, und erkannte nicht, dass sie sich mit jedem seiner freundlichen Worte weiter von ihm entfernte. Und dann auch noch der Heiratsantrag. Sie war ausgerastet. Was sollte sie noch tun, um ihm zu zeigen, dass es keinen Zweck mehr hatte. Selbst jetzt lief er noch hinter ihr her.
Nach einer Viertelstunde begann der Regen. Es gab nichts mehr zu sagen. Nach einer halben Stunde hatten sie das Hotel erreicht, ließen sich den Zimmerschlüssel geben und gingen gemeinsam nach oben. Sie warfen ihre durchnässten Kleider auf den Boden. Obwohl sie müde war, schliefen sie miteinander und tranken danach noch eine Flasche billigen Sekt aus der Bar.
Als er bereits eingeschlafen war, lag sie noch lange wach und beobachtete die Schatten der Pinien vor dem Fenster. Es regnete nicht mehr. Später stand sie auf. Sie hatte ihre Handtasche im Auto vergessen. Der Ersatzschlüssel lag auf dem Kästchen neben ihrem Bett.

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Nicht ganz normal, oder?
von Attila Jo Ebersbach, 34127 Kassel (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf ... eine Banalität, kommt jeden Tag wahrscheinlich x-mal vor. Würde trotzdem gerne wissen, welche Tür: die auf der Fahrer- oder die auf der Beifahrerseite? ... und warf die Schlüssel auf den Sitz ... entspricht schon nicht mehr ganz der Norm, denn Sie und ich, wir stecken danach den Schlüssel doch ins Zündschloss, oder? Also: warum tut sie das? Will sie garnicht wegfahren? Sucht sie vielleicht nach Verräterischem im Handschuhfach? Ihr Mann kam in den letzten Wochen oft erst sehr spät nachts von seinen Dienstreisen zurück. Mit diesem Auto. Hat sie daher womöglich einen Verdacht? Fragen über Fragen! ... und verriegelte die Tür von innen ... eigentlich eher ungewöhnlich, aber na gut, auch hier ergeben sich Fragen: steht sie dabei noch neben der offenen Tür oder ist sie schon im Auto? Ist es Tag? Oder Nacht? Liegt die Straße in einer einsamen Gegend oder mitten in der Innenstadt? Muss sie sich fürchten, überfallen zu werden? Ich weiß es nicht. ... und schlug sie zu. Das erscheint mir nun doch schon sehr außergewöhnlich. Ich zumindest würde es umgekehrt machen: zuerst die Türe zuschlagen und dann verriegeln. Sie etwa nicht? - Aber was im Leben ist schon normal?

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Nix wie weg!
von Johanna Schlehuber, 80809 München (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
Sie legte ihren Kopf auf den Lenker, schloss die Augen und atmete tief durch. "Heute reicht es, heute tu ich's, nichts wie weg, einfach nur weg. Losfahren egal wohin!"
Neu anfangen niemanden, kennen - und auch nicht
erkannt werden. Keine Verpflichtung - keiner der fordert und überfodert. Niemand, der ihr etwas reindrückt um zun unterdrücken - ihr die Luft zum Atmen nimmt. Sie kramte den Schlüssel hervor - steckte ihn ins Schloss und ließ den Motor an . Ein Lächeln glitt ihr über die Lippen. Sie wusste, sie würde nie mehr Kaffee kochen, nie mehr freundlich lächeln um zu gefallen, sich nie mehr verbiegen.

Ihre Augenwinkel entspannten.Ihr Rücken hörte auf zu schmerzen, ihr Herz hörte auf zu stechen. Sie trat aufs Gaspedal und fuhr in die Freiheit - Richtung Westen.


Johanna Schlehuber 19.08.02

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Befreiung
von Dirgis Kemot, 41569 Rommerskirchen (Deutschland)

Sie atmete tief durch und zog die Handschuhe aus. Das war geschafft! Endlich hatte sie sich befreit. Gut, sie hätte ihn nicht auch nocht verbrennen und die Asche ins Meer streuen müssen - aber sicher ist sicher. Jahrzentelang hatte er sie gequält und eingeengt. Auch wenn sie schon die vierzig geschafft hatte, war sie noch jung genug um ohne ihn zu leben. Sie startete den Motor, schaltete das Radio ein und summte die Melodie mit. Vergnügt sah sie ihrem neuen Leben entgegen - ohne Büstenhalter.

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