| Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: |  | Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Etwas über sie von eulalie, 20459 Hamburg (Deutschland) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Sie startete den Autopiloten und fuhr sich in die Stadt und parkte vor der Disko und zündete eine Zigarette an. Qualmte. Hustete. Kurbelte das Fenster hinunter. Schnippte die Kippe in den Rinnstein. Sie fühlte sich alt. Sie war alt. Uralt. Sie entriegelte die Tür. Und schön doof. Wenn sie nach Hause kam, brannte nur im Kühlschrank Licht. Sie sprach mit ihrem Staubsauger, las ihrem Toaster vor, sie genoss die Wärme der Mikrowelle und schlief mit ihrem elektronischen Wecker ein. Am Telefon zu verstauben, das war ihre Leidenschaft. Sie hatte es satt, so satt!, diese IchBinSoWasVonGeilBabyHirne mit Strom zu versorgen. Niemals im trauten Heim anrufen, wo das Glück allein beim Abendessen saß, dass es nur so triefte vorm Schmalzbrot. Dann könnte sich die verehrte Gattin von Herrn Falschverbunden im Messerset vergreifen. Und im Büro? Ist schlecht, Schätzchen, das musst du doch verstehen. Musste sie? Mister GanzWichtig ist in einer Besprechung und darf auf gar keinen Fall gestört werden! Und wie lange das noch dauern würde, wüssten sie auch nicht zu sagen, die Zuckerpuppen von den Firlefanzschuppen. Aus, vorbei, längst verloren, weil sie klebte wie Kaugummi, weil es so aussehen könnte, als hätte sie es nötig. Sie war eine Frau, die Männer beschmutzten und wenn sie illiquid waren, blieb nur Verachtung, für eine wie sie, die keinen Anstand hatte und für jeden die Beine breit machte. Sogar für dich!, hatte sie ihm hinterher geschrieen. Er kapierte es nicht. Wie auch? Die Jagd war das Ziel. Längst hatte ihr Selbstbewusstsein sie verlassen, weil es nicht ausstehen konnte, wie sie sich klein machte. Egal. Wie ein Junkie auf der Suche nach dem Kick, streifte sie durch die Stadt. Frisch restaurierte Fassade. Sehnsucht wirst du heute gestillt? Später sortierst du deine Eingeweide, mahnte die innere Stimme. Später, wann ist das? Intelligenz ist Lernfähigkeit. Sie war dagegen immun, stand immer wieder auf, um immer wieder hinzuschlagen. Sie sammelte blaue Flecke, weil sie sonst nichts mehr spürte. Das Muster war in sie einprogrammiert wie in eine festverdrahtete Platine, es zu ändern, bedeutete, es zu zerstören. Platinen kamen zum Elektronikschrott. Die Zukunft war Recycling. Ihre Zukunft war ein Backofen mit Grilloption. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Also gut. von Marina Gollubits, 7062 St. Margarethen im Burgenland (Österreich) Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Sie lehnte sich zurück und dachte: "Durchatmen, durchatmen". Sie nahm die CD von Gloria Gaynor aus der Handtasche und legte sie ein. Volle Lautstärke. "First I was afraid I would fall apart..." Sie schrie: "Geh! Geh! Ich möchte allein sein. Ich halte diese Einsamkeit zu zweit nicht länger aus!" Sie atmete tief durch. Keine Tränen, keine Tränen... "... and I grew strong..." Sie musste wieder hineingehen, ihre Abwesenheit würde sonst auffallen. "... and I learned how to get along..." Also gut. Wieder schlug die Autotür zu. "Ein Glas Sekt, Frau Direktor?" "Danke. Gern." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Feddersen bricht aus von Attila Jo Ebersbach, 34127 Kassel (Deutschland) Hauptkassierer Feddersen war ein korrekter Mensch. Korrekt vom Scheitel bis zur Sohle. Zumindest bis heute. Er lebte ganz nach der Uhr: stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam jeden Tag mit dem Bus zur gleichen Zeit in die Bank, aß jeden Mittag um die gleiche Zeit am gleichen Stehimbiss eine Bratwurst und ging jeden Abend um die gleiche Zeit ins Bett. Bis zu jenem Freitag im Februar 2002 hatte er, so könnte man sagen, ein wohlgeordnetes, fehlerloses, aber auch langweiliges Leben geführt. Ein Bankbeamter durch und durch. - Karl, der Liftboy, war der erste, der die Veränderung an Feddersen bemerkte. Irritiert verkniff er sich deshalb sein übliches auf die Minute, Herr Feddersen und brachte den Fahrstuhl schweigend in Gang. Wie geistesabwesend stierte Feddersen vor sich hin und hielt seine pralle, abgewetzte Aktentasche krampfhaft vor die Brust gepresst. Unten angekommen verließ er wortlos die Kabine, schaute sich ängstlich um und hetzte dann aus dem Gebäude. Die üblichen drei Minuten Wartezeit an der Bushaltestelle kamen ihm heute wie drei Stunden vor. Als die Linie 60 endlich da war, stieg er hastig ein, zahlte schweigend und hastete dann gleich zur hintersten Bank, wo er sich in die äußerste Ecke verkroch. - Willy Nickmann, der Busfahrer, war der zweite, der sich wunderte: sonst hatte Feddersen immer ein paar freundliche Worte mit ihm gewechselt, sich dann auf seinen Stammplatz gesetzt und in seiner Zeitung gelesen. Aber heute ...? Was war los mit Feddersen? Kopfschüttelnd fuhr Willy den Bus aus der Haltebucht. - Derweil rutschte Feddersen unruhig auf der Bank hin und her und blickte alle zwei Minuten auf seine Armbanduhr. Kaum stand der Bus, stürzte er los: durch die Goethe-Straße, dann links in die Nord-Allee und nochmal links in die Lindenstraße, bis zur Nummer 22, seinem Reihenhaus. Dort rannte er die Stufen hoch, immer zwei auf einmal nehmend. Heute machte er sich nicht wie gewöhnlich etwas zu essen, wusch nicht danach ab, räumte auch nicht auf und sah sich kein Fernsehprogramm an. Nein, heute riss er einen gepackten Koffer aus dem Schrank, rannte mit diesem und der Aktentasche wieder nach unten und öffnete seine Garage. Dort schloss er seine Autotür auf, warf die Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Dann öffnete er noch einmal seine Aktentasche, um sich zu vergewissern: ja, sie waren noch da, die zwei Millionen Euro, die er aus dem Tresor gestohlen hatte. Es war kein Traum, jetzt war er frei ... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers - 10 Grad von Ulrike Miesen-Schürmann, 28217 Bremen (Deutschland) Ihn nicht mehr hören! Er soll mir nachstampfen, mir an die Scheibe klopfen, mich dampfend anbrüllen, bis sein Atem gefriert und mir sein Bild verschwimmt.
Kälte wird ihn beruhigen. Seine Worte werden verrecken. Ich werde den Schlüssel drehen, ihn nicht mehr sehen, bis sein Kopf zerfällt und auf dem Stein sein Name steht. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Bruch von Eberhard Pfleiderer, 27568 Bremerhaven (Deutschland) "Na also", sagte sie. Eilig überquerte sie den Bach und ging mit schnellen Schritten die kleine Straße hoch und schnaufte und ließ die schmucken neuen Häuser hinter sich, bis sie oben am Hang, dort wo der Wald begann, die kleinen Bank erreichte, gestiftet von Aldi. Jetzt erst spürte sie den Regen. Er fiel mit stetiger Kraft. So ging das schon lange. Das Wasser tropfte rücksichtslos von ihrer Kapuze auf ihren weißen kurzen Rock und begann, ihre Schenkel und Waden hinunterzulaufen in ihre leichten Schuhe hinein. Das Auto sah zu ihr hoch. Sein Auto. Na eigentlich ihrer beides. Er wollte es ihr schenken, "weil ich dich so lieb habe", sagte er. Na ja da war auch noch alles rosarot und neu und verliebt und kuschelig. Dann brauchte er das Auto dringend selbst und musste damit zur Arbeit und das waren schon mal glatte 50 Kilometer und das nur eine Strecke. Das Auto gehörte nun beiden und sie konnte damit fahren, wenn er es mal nicht brauchte. Und dann redete er davon, dass er ein Haus mit ihr haben wolle und sie wünschte sich das auch und das Haus stand direkt am Bach. Nicht weit vom Audi dort unten weg und von hier oben gut zu sehen. Und dann kam der Bruch und das Auto gehörte jetzt ihm und die andere Frau war da und sie selbst war ein Nichts und die Frau zog frech ins Haus und sie sollte nur noch raus raus raus. Dann begann der Regen. Sie musste nur noch warten. Hier oben sitzen. Dem Regen vertrauen.. Warten. Da kam sie, die Welle. Wie ein Donner kam sie. Schoss heran, die nasse Walze. Sie sah den Bach bersten. Das Wasser explodieren. Der Audi war ein Papierboot. Das Haus knirschte. Knickte. Brach. "Na also", sagte sie. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |