Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Besitzverhältnisse
von Barbara Siwik, 06242 Braunsbedra (Deutschland)

Immer wenn es regnete, stellte sie die Wohnung auf den Kopf.
Es regnete seit drei Tagen! Inzwischen war sie beim Durchforsten der Garage angelangt und sortierte das Handwerkszeug.
Das Garagentor stand offen, Ralf musste jeden Augenblick in die Toreinfahrt einbiegen. Sie hörte das Auto bevor sie es sehen konnte.
‚Musst du wirklich unbedingt morgen auf Dienstreise’ fragte sie hastig, noch ehe er richtig ausgestiegen war.
‚Wird sich nicht umgehen lassen’ antwortete er gleichmütig.
Als die Haustür hinter ihm ins Schloss gefallen war, legte sie den Schraubenschlüssel zur Seite und griff zum wiederholten Mal an diesem Tag in die Tasche ihrer Hose. ‚am Dienstag in W. Ich erwarte dich!’ Als Unterschrift, ein gemaltes Herzchen!
Morgen war Dienstag! Ralf sollte morgen nach B. fliegen – sagte er jedenfalls.
Aber nicht er flog sondern ein Kollege – hatte sie in Erfahrung gebracht, heute. Ralf hatte Urlaub angemeldet für diese Woche, hundertprozentig sichere Auskunft.
‚Nimm ein Taxi morgen' rief sie gegen die geöffnete Badtür hin, 'dann muss das Auto nicht auf dem Parkplatz rumstehen.’
‚Auf keinen Fall, protestierte Ralf aus der Wanne heraus.
Natürlich nicht! W. erreichte man nur mit dem Auto!
Später sah sie ihm beim Kofferpacken zu. ‚Wie wär’s mit dem roten Pyjama, der steht dir so gut’ sagte sie treuherzig.
‚Schon eingepackt’ grinste Ralf mit schiefem Blick.
Er ging eher als sie zu Bett. Als sie sicher war, dass er schlief, zog sie den Regenmantel über, stieg in die Gummistiefel und holte die gepackte Reisetasche aus der großen Truhe.
Das Garagentor hob sich mit sanftem Surren in die Höhe, der strömende Regen verschluckte die Autogeräusche. Sie fuhr in mäßigem Tempo aber nicht ziellos!
In einem Wald bog sie in einen schmalen Weg ab und durchbrach niedriges Unterholz.
Im aufgeweichten Boden drehten die Räder des Autos durch. ‚Auch gut’ dachte sie, stellte den Motor ab, stieg aus, zerrte die Tasche vom Beifahrersitz, schloss das Auto ab und machte sich zu Fuß auf den Rückweg. Nach einigen Schritten aber kehrte sie um.
Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.
Es dauerte, ehe sie die Hauptstraße erreichte. Eine Weile lief sie am Straßenrand entlang, schließlich lud sie ein mitfühlender Autofahrer ein. ‚Wohin in diesem Sauwetter und um diese Zeit’ fragte er verwundert.
‚Nach W. in unsere Hütte, Besitzverhältnisse klären’ antwortete sie vieldeutig und schloss die Augen.

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AUS
von Christian Dreyer, 74321 Bietigheim-Bissingen (Deutschland)

Und jetzt? Warum hatte sie das schon wieder getan? Ratlos blickte er aus dem Fenster in den regennassen Garten. Vor ein paar Monaten hatte es angefangen. Da fand er ein neugekauftes Hemd von sich im Mülleimer. In der Verpackung, nie angerührt. Er holte es heraus und fragte sie lächelnd, ob ihr die Farbe nicht gefiel. Sie verstand seine Frage nicht, sah ihn ungläubig an, als er ihr erkärte, wo er das Hemd gefunden hatte. Ob sie vielleicht das Hemd aus Versehen... "Wieso ich? Wer ist denn der Schusselige von uns beiden?" So war es weitergegangen. Der Rest vom Mittagessen im Kleiderschrank, die getragene Unterwäsche im Eisfach. Später das überhitzte Bügeleisen, die übergelaufene Badewanne. Dann hatte sie das Gas aufgedreht, alle vier Flammen und den Ofen. Immer hatte er den Schaden entdeckt. Immer war ihm klar, dass sie es war. Jedesmal leugnete sie, sah ihn befremdlich an. "Fühlst du dich nicht gut, mein Schatz?" Was sollte er nur tun, er liebte sie doch, er wollte nicht, dass sie in einer Anstalt enden würde. Doch er brauchte Beweise, mußte sie endlich auf frischer Tat ertappen! Jetzt, jetzt hatte er sie endlich mal dabei beobachtet! Jetzt konnte sie nicht länger die Unschuldige spielen! Er ging zur Tür, um ihr aufzulauern. Er hörte Stimmen und lauschte. "Wissen sie Herr Doktor, und jetzt hat er auch noch den Autoschlüssel im Wagen eingeschlossen!" Sie schluchzte. "Es ist gut, dass sie mich gerufen haben. Wir werden ihm jetzt gleich eine Beruhigungsspritze geben, und dann nehmen wir ihn mit. Sie werden sehen, im Haus Waldfrieden wird er es sehr gut haben, und sie brauchen nicht mehr um seine und ihre Gesundheit zu fürchten."

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Mitten im Nichts
von Verena Lüthje, 24109 Kiel (Deutschland)

Die Glut der Sonne brachte die nur stellenweise geteerte Straße zum Dampfen. Rechts und links nur flaches, unfruchtbares Land. Totes Land, durch das wir fuhren. Mit einem Range Rover unterwegs tourten wir seit sechs Wochen durch den vielfältigen, bunten, armen afrikanischen Kontinent. So fuhren wir trotz der Hitze und von der Weite des Landes beeindruckt unserem nächsten Ziel entgegen. Die endlosen Stunden, die wir im Wagen saßen und nichts als ödes Land sahen, verbrachten wir mit Singen. Die Nächte brachten uns etwas Abkühlung, aber wir mußten wachsam bleiben, was zu unterbrochenen Schlafphasen führte. Am Horizont flackerte es schemenhaft, aber irgendwie anders, als plötzlich etwas langsam auf uns zukam. Wir erkannten ein Fahrzeug. Als wir aufeinander zufuhren, beschlossen Mel und ich, anzuhalten. Es könnte jemand Hilfe benötigen. Wir haben uns verabredet, dass in solchen Situationen immer nur einer von uns aussteigt, sicherheitshalber. So hielten wir an und Mel, die gerade fuhr, stieg aus. Ich verriegelte den Wagen von innen, auch das war Absprache. Uns gegenüber hielt ein altes Vehikel, ein Pritschenwagen, der aussah, als bräuchte er eine Autowerkstatt. Ein ältere, dunkelhäutiger Mann stieg aus, als Mel auf ihn zuging. Sie fragte ihn, ob er ihr einen Kanister frisches Wasser verkaufen wolle. Davon standen eine große Anzahl auf der Pritsche. Er nickte, ging zur Ladefläche, sprang rauf und gab Mel von oben einen Plastikkanister. Mel brachte ihn in unseren Kofferaum. Als sie zurückging zückte sie ihr Portemonnaie und wollte den Mann großzügig bezahlen, als dieser unerwartet ein Gewehr hervorholte und Mel damit bedrohte. Mel behielt einen kühlen Kopf, zückte einen Geldschein, als gäbe es das Mordwerkzeug gar nicht, ging auf den Mann zu, der irgendetwas murmelte, leicht nervös mit dem Gewehr hin und her fuchtelte und dabei mehrmals in die Luft schoß. Sie reichte ihm den Schein, verdutzt nahn der Mann ihn entgegen und Mel ging energisch zu unserem Wagen zurück. Sie schloss die Autotür auf, warf mir die Autoschlüssel zu, verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Reflexartig steckte ich den Schlüssel ins Zündschloss und Mel startete, immer noch verängstigt, durch. Wir hörten noch Schüsse hinter uns, wußten aber nicht, ob sie uns trafen. Mel gab Gas wie noch nie zuvor und in einer Staubwolke verschwunden wollten wir so schnell wie möglich die nächste Stadt erreichen.

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Ich will weg.
von Hans Pulina, 33611 Bielefeld (Deutschland)

Noch einmal prüfe ich, ob Fenster und Türen des alten Daimlers geschlossen sind. Das rechte hintere Fenster bleibt halb geöffnet, für den Spiralschlauch, durch den die Abgase ins Innere strömen sollen. Das andere Ende ist mit einer Schelle am Auspuffrohr befestigt. Jetzt muß ich nur noch Alles abdichten.
Habe dazu die Rolle Frischhaltefolie aus der Küche und das Klebeband aus der Werkzeugkiste geholt, klettere jetzt auf die Hintersitze und verklebe die Fensteröffnung rund um den Schlauch. Alles soll perfekt aussehen. Dazu brauche ich keinen Abschiedsbrief. Ich fasse zum Zündschloss. Idiotisch, denn der Autoschlüssel liegt neben mir auf dem Sitz.. Plötzliche Zweifel tauchen auf, ich zögere. Du musst dich beeilen, flüsterte ich. Doch die Gedanken an meine Tochter lassen mich nicht los.
Mich macht das Alles müde. Versuche das Gähnen zu unterdrücken, bringen nicht viel. Bist du sicher, murmele ich vor mir hin, dass du das, was du vorhast auch wirklich willst? Einen Moment später weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich wollte. Zurückgelehnt im Fahrersitz, taste ich nach dem Zündschlüssel. Die letzte Fahrt denke ich noch. Schemenhaft, Menschen vor dem Auto. Noch erkenne ich niemanden. Doch dann, ganz nah an der Frontscheibe das Gesicht eines Kindes. Es klopft gegen die Scheibe. Ich schreie das Kind an, damit aufzuhören. Es hört nicht auf mich. Das Kind, ein Mädchen, hat jetzt einen Stein in der Hand und schlägt damit ein Loch in die Scheibe. Sie sieht mir ähnlich und auch nicht. Sie schreit mich an, aus unserem Leben willst du dich stehlen? Allein lassen willst du mich? Ich schreie zurück, du verstehst das nicht. Du bist noch ein Kind.
Ich schließe die Augen, meine Schuld kann ich ihr nicht begreiflich machen.
Mutter schreit sie zurück, immer läufst du vor allem weg.Das Konntest du schon immer gut. Alles den Anderen überlassen.
Min Deutschlehrer, drückt den Zeigefinger gegen die Scheibe. Ich höre ihn nicht, weiß jedoch, was er gerade sagt.
Aber Mädel, das hatten wir doch schon, weisst du nicht mehr? Schuld und Sühne.
So klingt es die ganze Zeit in meinen Ohren. Das Mädchen presst ihr Gsicht gegen die Windschutzscheibe, ich sehe es genau vor mir. Es hat über dem rechten Auge die selbe längliche Narbe wie ich, es ist meine Narbe. Ich bin es doch schreie ich in meiner Verzweifelung, reiße die Augen auf, greife zum Zündschlüsselund trete aufs Gaspedal. Aber ich trete ins Leere. Um mich ist alles weiss und ich habe einen Schlauch in der Nase.

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Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden.
von SchreibNeuling, 99986 Niederdorla (Deutschland)

Sie waren bereits ein Jahr verheiratet. Ihre standesamtliche Trauung hatten sie nur mit Freunden auf dem Standesamt verbracht; den Eltern brachten sie es am Nachmittag bei. Ihre waren ganz begeistert, seine dagegen waren sehr verhalten. Sie dachten bestimmt immer noch, dass sie nicht die richtige für ihren Sohn wäre. Sie liebten sich und ihr Leben verlief trotz allem glücklich. Mit ihren Schwiegereltern kam sie nicht besonders gut klar. Irgendwann wollte sie noch einmal in weiß – in der Kirche – heiraten. Alle Vorbereitungen wurden getroffen, Brautkleid und Anzug gekauft, Blumen bestellt, ein hübsches Lokal für die Feier nach der Trauung gesucht und Einladungen versandt. Hilfe wollten sie für die vielen Vorbereitungen nicht annehmen, es sollte ja IHR schönster gemeinsamer Tag werden. Sie freuten sich auf diesen ganz besonderen Tag! An alles dachten sie dabei, nur nicht an die Gedanken seiner Eltern. Tage vor dem Hochzeitstag wurde in der Kirche eine Generalprobe durchgeführt. Am Tag besuchten sie noch einmal die Eltern. Seine Eltern waren nicht begeistert und dann kann Frage des Schwiegervaters, wann denn nun morgen die eigentliche Hochzeit sei. Ihre Reaktion auf diese Frage war eindeutig, sie ließ ihren Mann und Schwiegereltern einfach stehen, warf die Tür ins Schloss, hastete die Treppen hinunter, lief zu ihrem Auto. Sie schloss die Autotür auf und ließ sich auf den Sitz fallen, und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Nun liefen ihr die Tränen übers Gesicht und sie fing an zu schluchzen. Was sollte sie nun machen, alles absagen, mit den Schwiegereltern konnte und wollte sie nicht feiern. Sie startete den Motor und fuhr ab, im Rückspiegel sah sie ihren Mann hinterherlaufen, und fuhr zu einer Freundin. Dort redete sie sich den ganzen Ärger von der Seele, heulte und überlegte bis zum frühen morgen, wie es weitergehen sollte. Sie liebte ihn doch, oder doch nicht. Was sollte nun werden, wenn immer wieder seine Eltern dazwischen funken würden... Irgendwann wurde ihr klar, dass sie nur IHN wollte und nicht den Rest seiner Familie und fuhr zu ihm.
Am nächsten Tag gaben sie sich in der Kirche das Ja-Wort und feierten mit allen Familienangehörigen, Freunden und Bekannten den SCHÖNSTEN Tag in ihrem Leben.

Auch nach langer Zeit sind sie noch verliebt wie am ersten Tag und glücklich miteinander und ihrem Kind.....

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