Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Druckpunkt
von Oliver Uschmann, 44799 Bochum (Deutschand)

Der Einwurf des Briefes war wie ein Traum, in dem man einem lieben Wesen das Messer in den Körper drücken muss. Hat man einmal angesetzt, fließt der Druck der noch nicht eindringenden Spitze in den entsetzten Augen des Gegenübers zur Realität zusammen und ab da gibt es kein Zurück. Sachte schmerzt man sich durch den letzten Stoß, versucht nicht hinzusehen, hat die Pforte schon längst übertreten, kann nicht mehr umkehren. Das "Jetzt" des Übertritts auf die andere Seite zum eigenen blinden Fleck gemacht, sieht man sich plötzlich drüben, weil man dabei nicht gedacht hat... so wenig wie beim ersten Sprung vom Fünf-Meter-Brett in den jungen Sommern, als der Schritt nur gelang, weil man ihn erst bemerkte, als die Beine schon dem ungewissen Blau entgegenschossen.

Als der Druck nachgab, schoss der Brief wie an einer Feder in seinen Schacht und zischend hallten Ohrensausen und Schwindel zurück, die alles versetzende Frage im Kopf: "Habe ich es wirklich getan?"

Die Bilder um sie herum schienen sich zu verschieben wie schlecht übereinandergeblendete Fotos, ihr Herz schwamm durch die hektischen Sümpfe des ungläubigen Staunens über sie selbst... sie, die soeben für gültig erklärt hatte, was sonst ihr Leben schweigend bestimmte.

Konnte sie es wirklich glauben?
All ihre Zweifel, all ihr Hoffen, all die Tage, an denen sie in die sonnigen Büsche vor dem Fenster geblickt hatte, in denen sich kleine, verschwitzte Trikots bällesuchend drängten... all diese profanen Dinge hatten sie immer wieder getröstet und vergessen lassen, was sich in der Schublade des Eckschranks stapelte, tief in das muffige Holz gedrückt und dennoch wie stumme Augen immer anwesend.

All diese Briefe, in denen alles stand, was sie jemals war, jemals tat, jemals dachte. Wie konnten die Fäden, die dort unten zusammenliefen, ein Zufall sein? Wer konnte all dies wissen, wenn nicht die, die alles sehen, wenn nicht die, die den Traum träumten, in dem sie ihre Fragen schrie und doch niemand wecken konnte, um sie zu beantworten, weil sie selber Teil des Traumes waren?

Sie konnte nicht mehr schreien.
Mit diesem kleinen, schmerzhaften Druckpunkt gab sie sich selbst den Todesstoß, erfüllte Ihren Befehl, erkannte ihre Allmacht an und gab die Geschicke ihres Lebens künftig ihnen in die Hand.

Einen Tag später erhielt sie einen Brief, recht zerknüllt und gemartert, als hätte ihn jemand zwischen fiebrigen Fingern nahezu zerrieben.

Es war Ihr erster Befehl.

Sie befolgte ihn.

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Eunuchenkater
von Franz Reischl, A-4600 Wels (Österreich)

Mein Freund:

Die Natur der meisten Menschen ist stumpf. Was mich nicht grundsätzlich rührt. Einen Keil in ihre Seele zu treiben, um ihre Sinne zu schärfen würde kein Feuer entfachen in mir. Mir ein Lachen entlocken. Den Regenbogen in mir reflektieren.

Großstädtische Provinzler wie du, die ihre angelehnte Aufrichtigkeit nicht länger ertragen. Die Geziertheit ihrer Frauen verachteten. Ihre Ritterlichkeit, die ihnen gleichsam aus Rüstung fährt, behende verneinen. Ihre Rolle spielen ohne heiligen Kral. Aussagen treffen, die sie selbst nicht mehr verkraften. Lachen und ein Bier saufen gehen. Selbstgefällig grinsen, wenn sie sich über ihre Erfolge definieren, die ihnen ihre Beschränktheit schenkt. Ihre Kinder verkaufen. Ihre Frauen sogleich.

Am vermeintlichen Rande des brennenden Höllenschlunds, riecht es nach Pech und Schwefel. Nach Verleumdung und Überläufertum. Du denkst an nichts Böses. An nichts Gutes. Du lässt Dir die Sonne auf den Wams scheinen und fütterst regelmäßig Deinen sterilisierten Kater. Deinen besten Freund, dessen Gleichheit Dir bis jetzt noch nicht unter die Haut gefahren ist. Denke nicht, dass ich nicht große Stücke halte auf Dich. Schon seit geraumer Zeit widersprachst Du Dir nicht in wilden Sprüchen. Deine Stimme folgte nicht der falschen Partei. Und würd ich Dich verleugnen, ich würd mich verleugnen. Die letzten 30 Jahre. Unseres gemeinsamen Seins. Seit der Sandkiste.

Nur. Du beschwörst schlimme Galgenlieder. Mein Freund. Hältst Schopenhauer für einen Analytiker. Wittgenstein für einen Volksschullehrer. Du betrachtest Frauen immer noch als edle Geschöpfe. Feine Wesen. Die Pepi-Tant als Ausheulkissen. Das gefällt mir alles nicht besonders. Aber man kann sagen, Du wärst in Deiner Gesamtheit immer noch ein Mann geblieben. Im Gegensatz zu Deinem vierbeinigen Freund. Einer human-animalen Trauerweide gleich. Grau im Winter. Grau im Sommer. Den Frühling ignorierend. Der Müdigkeit und der Gefühle wegen.

Eine leere Hülle ist Dein wahres Ich geworden. Deinem Eunuchenkater gleich. Du hast ihn eingeholt. Und überlebt. Wie Dich Deine Frau. Und Du hast nichts bemerkt bis zum Streit um das Recht. Und eigentlich glaubst Du es heut noch nicht, dass sie es getan hat. Tatsächlich. Doch Ihre Schreiben liegt vor Dir. Genauso wie jetzt meines. Sie hat es getan. Zu lang war Dir das Land der Geister, die der Lethargie gehorchen, lieber gewesen. Dein Eunuchenkater schnarchte schon zu lange neben Dir her.

Es grüßt Dich Dein Freund

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Die Entscheidung
von Claus Will, 20357 Hamburg (Deutschand)

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.
Sie war erleichtert. Sie hatte es getan.
Sie kehrte wieder zu ihrer Wohnung zurück. Nachdem sie umständlich aufgeschlossen hatte, bahnte sie sich einen Weg durch den schmalen Gang, der zwischen Kommode, den Kartons mit der Winterkleidung und der Skiausrüstung sowie den angehäuften Abfalltüten noch blieb, quetschte sich in die Küche und zwängte sich auf einen der zwölf Stühle um den großen Tisch. Wenn sie den Bauch einzog und flach atmete, ging es relativ problemlos.
Der Küchenschrank ließ sich nur einen Spaltbreit öffnen, was ihr vorteilhaft erschien, konnte er doch auf diese Weise viel mehr fassen, ohne dass ihr gleich alles entgegenkam. Aus einer Schachtel fischte sie eine Portionspackung Cappuccino. Sie kletterte über den Tisch zur Spüle und warf dabei Geschirr herunter, das aber sanft auf den kniehoch sich stapelnden Abfällen landete. Sie füllte Wasser in den Kocher und nahm einen neuen Kaffeebecher aus dem obersten Karton, der das Fenster halb verdeckte.
Als sie ihren Cappuccino schlürfte, dachte sie an ihren Psychiater. Endlich konnte sie ihm einen Fortschritt melden. Hatte er sie nicht immer wieder ermuntert, Entscheidungen zu treffen? Ihr Leben in die Hand zu nehmen? Neues zu wagen?
Sie lächelte zufrieden. Sie hatte es tatsächlich getan.
Es würde mindestens sechs Wochen dauern, bis die Schrankwand und die achtteilige Couchgarnitur einträfen, die sie gerade bestellt hatte. Bis dahin fiele ihr sicher ein, wo sie die Möbel hinstellen würde.
Hauptsache, sie hatte die Entscheidung getroffen!

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Alles leer...
von Wilfried Engl, 27412 Dipshorn/Vorwerk (Deutschand)

Nun war es zu spät !
Der Brief lag noch auf dem Schreibtisch, direkt neben der Marke...
Alles was jetzt unterwegs war, war der leere Umschlag ohne Absender.
Was würde geschehen, wenn er den Kuvert öffnete, nicht wissend, von wem er kam und ohne Inhalt ?
Würde es reichen, daß er in seiner Einsamkeit Post bekam oder würde ihn die Leere im Umschlag noch tiefer in die Verlorenheit sinken lassen ?
Ein vergessener Inhalt eines unbekannten Absenders...
So fühlte er sich schon lange !
Seine Eltern unbekannt. Seine ganze Herkunft im Dunklen...
Selbst in seinem Kopf - Leere !
Und jetzt noch dieser leere Umschlag !
Und doch: irgendwo dachte irgendwer an ihn !
Zumindestens das würde er erkennen.
Vielleicht würde er die Menschen nun mit anderen Augen ansehen.
Sich fragend, ob es dieser oder jener war. der ihm mit der Leere des Umschlags wieder den Keim des Suchens, der Hoffnung, erschloß ?
Vielleicht, dachte sie, sollte ich es dabei belassen !
Alle Worte sind irgendwie ja auch leer, wenn sie nicht mit Leben gefüllt sind...
Vielleicht füllt sich die Leere in diesem Fall ja mit Leben...?

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Friedlich nebeneinander
von Kolja Schmidt, 44797 Bochum (Deutschand)

Mechanisch klappte der Schlitz zu. Mechanisch wandte sie sich um zu gehen. Sie sah den Schnee und wußte nicht, ob es die weiße Leere ihres Kopfes war, die sich da auf der kalten Straße spiegelte. Vögel sind im Winterhimmel schwarz. Sie scheinen alle gleich deplatziert. Ihre Stimmen verheißen nichts. Ein Mann ruft einer Frau etwas in den dritten Stock hinauf. Sie kann ihn nicht verstehen. Wird er sie verstehen? Worte, hat er gesagt, können alles sagen, das sei nicht der Fehler. Sie haben einfach nichts mit uns zu tun. Worte leben in ihrer, wir in unsere Welt. Friedlich nebeneinander. Es gebe viele zufällige Überschneidungen, aber das sei noch kein Argument für... So redete er immer. Als sie sich kennenlernten, als er nach Gütersloh gegangen war, als er zurückkam und "viel" zu erzählen hatte. Warum er so war? Sie wußte es nicht. Im Wintermantel auf der Terasse sitzend rauchte sie eine Zigarette und sah zu ihrem Lieblingsbaum. Er war einfach ein Baum und so nannte sie ihn auch. Kein Zeichen. Kein Symbol für mehr als einfach einen winterkahlen Baum. Sie hatte den Brief eingeworfen. Er würde ihn lesen. Es ging nicht darum ob er oder sie zurückkommen oder nachreisen würden oder was auch immer. Sie atmete die kalte Luft tief ein, drückte die Zigarette in der linken Handinnenfläche aus und verzog den Mund. Sie hatte den Brief zum Kasten getragen, ohne zu denken. Denkt man manchmal mit den Beinen? Jetzt hatte sie eine ganze Zigarette lang nichts getan außer zu denken. Nicht einmal wirklich geraucht. Es bleibt sich gleich, dachte sie. An der Straßenecke mit dem Briefkasten stand ein Stoppschild. Sie grüßte es mit einem Lächeln. Friedlich nebeneinander.

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