| Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: |  | »Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?« Mondscheintänzerin von Sven Heine, 20144 Hamburg (Deutschand) Auf dem Fluss war es stockfinster. Das Schiff kam vom Meer und segelte in Richtung Hafen. In der Ferne leuchtete die Stadt einen ganzen Schwall Leben in den Himmel. Nach Wochen auf dem Meer sollten die Matrosen wieder das Leben kosten, das hinter der Dunkelheit auf sie wartete und erste Anzeichen in den Himmel zeichnete. Knut lehnte an der Rehling und zog den Duft der Erde in seine Nasenflügel, der sich hier auf dem Fluss mit dem des Meeres vermischte. Er liebte dieses Gemisch, dass sich, wie er, nicht für Meer und nicht für Land entscheiden konnte. Als das Schiff im Hafen anlegte, war Knut schon von Bord gesprungen, bevor die Hafenarbeiter an Deck kamen. Auf dem Rücken trug er ein Päckchen eingehüllt in ein weisses Leinentuch. Der Weg in das rote Licht hatte sich, durch die Wiederholungen während der letzten Jahre, wie von selbst in sein Gedächtnis gezeichnet. Als er dann die Tür des Etablissements öffnete und in den Raum schaute, kam es ihm vor als hätte die Zeit an Land stillgestanden. Es war seiner Anwesenheit zu verdanken, dass die Zeit wieder verging. Der Raum schaute ihn an. Eine Gestalt löste sich aus dem Dunkel und kam auf ihn zu. Begrüsste ihn. Sie nahm ihm das Päckchen vom Rücken, stellte es neben die Bar und wollte ihn durch eine weitere Tür in das Obergeschoss ziehen. "Nein. Nein. Ich will das Päckchen nicht hier stehen lassen. Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?", fragte Knut aufgeregt. Sie seufzte, nickte aber und gab ihm das Päckchen zurück. Er ging mit ihr nach oben. Im Zimmer packte er das Päckchen aus. Er achtete darauf, es langsam zu enthüllen, als wäre es eine Tänzerin, deren alleinige Aufgabe darin bestand den einzigen Gast zu verzaubern. In dem Päckchen versteckte sich eine nackte Statue. Er stellte sie auf die Fensterbank und sagte, "Das ist die Mondscheintänzerin. Sie tanzt für die einsamen Matrosen im Schein des Mondes auf den Wellen des weiten Meeres." Nach einer kurzen Pause fügte er leise hinzu. "Ich habe sie auf der ganzen Welt gesucht. In Singapur. Rio. Hongkong. Nirgends konnte ich sie finden. Doch jetzt habe ich sie endlich gefunden in Sydney und sieh. Sie sieht aus wie du." Sie schaute ihn verwirrt an und begann sich zu entkleiden. "Für dich bin ich gerne heute nacht die Mondscheintänzerin." Er betrachtete sie traurig. "Nein, nein. Du verstehst nicht. Bitte zieh dich nicht aus." Er warf seine Arme um sie und zog sie auf das Bett. Sie verlangte wie immer 10 Mark. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Marzipanpony von Birgit Wagner, 50674 Köln (Deutschand) Das Marzipanpony Lange Zeit fiel es ihren Eltern nicht auf, bis eines Tages ihre Figur explodierte. Das Gewebe riß. Weiße und rotlila Furchen gruben sich tief in die Haut. Ihr Körper glich einer dreidimensionalen Landkarte: Flüsse und Straßen bahnten sich ihren Weg durch eine Landschaft aus Hügeln und Tälern. Das war kein Babyspeck mehr! "Für ihr Alter viel zu dick," konstatierte der Arzt. "Diät und Sport." Da sie Sport hasste, aber immer von einem eigenen Pony geträumt hatte, meldeten ihre Eltern sie in einem Reitstall an. Doch lieber als zu reiten, teilte sie Zuckerstückchen mit ihrem Lieblingspony Susi.
Da steht nun Susi, auf einer Tortenplatte, mitten zwischen all den anderen Geschenken. Zum dreizehnten Geburtstag - von Oma und Opa. Ein Meisterstück aus Schokolade und Marzipan! Die Proportionen, die Mähne, das Zaumzeug, selbst der Blick entspricht dem Original. Warum Marzipan, ausgerechnet Marzipan? Warum nicht Ton oder Gips? Knetgummi oder Holz? Unschlüssig betrachtet sie die Nachbildung. Sie weiß nicht, ob sie sich freuen soll. "Kann ich es mit auf mein Zimmer nehmen?" Die Eltern schauen erschrocken. "Keine Angst, es passiert schon nichts." In ihrem Zimmer stellt sie Susi auf den Schreibtisch. Sie möchte das Pony ohne die prüfenden Blicke der Eltern betrachten. Es ist schön. Zu schön, um gegessen zu werden. Doch der süße Duft von Mandeln und Zucker steigt in ihre Nase, breitet sich aus, lockt den Appetit und weckt schließlich die Gier. Vor ihren Augen schrumpft Susi zu einem Marzipanklumpen zusammen, der vernichtet werden muß. Möglichst unauffällig. Nach eingehender Betrachtung scheint der Bauch am besten geeignet. Vorsichtig, mit pochendem Herzen, bohrt sie den Zeigefinger hinein und angelt einen Bissen. Dann noch einen und noch einen. Immer wieder taucht der Finger in die Masse auf der Suche nach Befriedigung. Erst als das Pony droht, in der Mitte auseinander zu brechen, kommt sie wieder zur Besinnung. So ein Mist. Sie stopft die Figur mit zerknüllten Papiertaschentüchern aus, stellt sie ins Regal und legt ein Tuch darüber. Als wolle sie Susi vor zuviel Staub schützen. Sie ist wütend. Über sich selbst. Über Oma und Opa. Und dass es Marzipan gibt.
Doch auf der Waage wird man morgen nichts von ihrem Ausrutscher sehen. Dagegen hat sie ein Mittel entdeckt. Sie schleicht ins Badezimmer und beugt sich über die Klohschüssel. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen? von Henning Schroedter-Albers, 80992 München (Deutschand) Der fünfjährige Steppke reagierte auf den wütenden Ausbruch des Großvaters mit einer unbekümmert frischen Stimme: Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen? und schon hatte er seinen Teller mit der Mittagsmahlzeit ergriffen und rutschte vom Stuhl herunter,- während die übrigen Familienmitglieder noch versteinert in sich hineinhorchten oder einander ratlos ansahen. Die junge Mutter fasste sich am ehesten, stand ebenfalls auf und drängte den Kleinen zur Tür: Komm, ich bringe dich nach oben. Kaum war die Tür geschlossen, hörte das Kind hinter der Tür einen unglaublichen Stimmentumult und schnappte Wortfetzen auf:"nicht mit meinem Kind! - wie konntest du nur! - in meinem Hause nicht! - aber so regt euch doch nicht auf! - solche grausigen Quälereien...." es unterschied die zornig laute Stimme des Vaters, die bellenden Laute des Großvaters und dazwischen die Klagerufe der Großmutter. Auf den fragenden Blick des Jungen zuckte die junge Mutter mit den Achseln: Weißt du, als er noch zu Kaisers Zeiten ein Kind war...... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Endlich war sie angekommen von Sterner Dagmar, 55599 Wonsheim (Deutschand) Die Reise war ihr schwer gefallen. In ihrem Alter ging eben nicht mehr alles so fix. Vor wenigen Tagen hatte sie ihren sechzigsten Geburtstag ganz groß mit Freunden und Verwandten gefeiert. Sie hatten gelacht, geredet und getrunken. Und doch- als alles vorbei war, war sie wieder allein. Fragte sich, welchen Sinn diese vergangenen Jahre hatten und was der Sinn der folgenden sein mochte. Alle hatten gefeiert, mit ihr, schien es - doch ihr wurde rasch klar, das sie ohne sie ebenso fröhlich und ausgelassen gewesen wären. Müde strich sie ihr graues Haar zurück -auch Freunde waren eben nicht immer, was sie zu sein schienen... Als sie sich endlich aus den trüben Gedanken gelöst hatte, entschloss sie sich, die Reise anzutreten, die sie hierher geführt hatte. Sie wollte sich, auch wenn es reichlich spät war, auf die Suche machen, nach ihrem Sein, ihrem Selbst. Nun war sie in diesem herrlich altmodischen Hotel in den Schweizer Bergen angelangt und saß im Restaurant.Mit am Tisch saß ein älterer Herr, immer noch gutaussehend und sehr symphatisch. Nachdem sie sich begrüßt hatten, begann ein Gespräch, als wären sie alte Freunde, die sich durch Zufall hier getroffen hatten. Sie wußte nicht, wie es dazu kommen konnte, plötzlich erzählte sie ihm von der Geburtstagsfeier - und der Erkenntnis, das es dabei überhaupt nicht um sie ging. Sie schilderte ihre Enttäuschung und die Entscheidung, herzukommen und sich selbst zu finden. Der Herr hörte aufmerksam zu, seit Jahren der Erste, der dies tat. Hin und wieder reagierten seine Augen mit einem verstehenden Blinzeln oder einem erbosten Aufflackern auf ihre Geschichte. Als sie am Ende ihrer Erzählung angelangt war, schaute er sie lange und ruhig an, ehe er die Stimme erhob. Sachlich und ohne Emotionen gab er zu verstehen, das es ihm ebenso gegangen sei. Auch er hatte sich hergeflüchtet, um mit sich ins Reine zu kommen. Allerdings könne er nicht verstehen, da es einer Frau wie ihr so ging. Sicher wartete doch irgendwo ein Mann, der sich glücklich schätzen würde, eine nicht oberflächliche Frau seine Partnerin zu nennen. Eine, die wußte was Gefühle, Hoffnungen und Enttäuschungen sind. Und die mit ihrer Meinung nicht hinter`m Berg hielt. Sie lauschte seinen Worten, empfing den Sinn seiner Rede wie Ambrosia, das sie nährte und ihr neue Kraft gab. Als sie den Tisch verließ, mußte sie es einfach wissen: "Kann ich es mit auf's Zimmer nehmen?" Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Überraschungspaket von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath (Deutschand) "Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?" fragte Georg mehr aus Höflichkeit, denn es war für ihn selbstverständlich, dass er das Paket mitnehmen würde. "Natürlich, Herr Direktor! Ich kann es Ihnen aber auch in Ihr Zimmer bringen lassen, es ist ja so sperrig", meinte der Hotelportier dienstbeflissen. Er winkte einen jungen Mann heran. "Nein, nein! Lassen Sie nur, ich mach das schon!" Georg nahm das fast ein Meter große Paket und ging langsam zum Aufzug.
Vorsichtig legte er das Paket auf den runden Tisch in seinem Hotelzimmer. Ihm fiel auf, dass es sorgfältig verschnürt war, aber nirgendwo fand er einen Hinweis auf einen Absender. Irgendwie unheimlich, dachte er, dass mir jemand ein so riesiges Paket ins Hotel schickt.
Es wird doch nicht ... Bei dem Gedanken, es könnte ja eine Paketbombe sein, brach ihm der Schweiß aus. Wer könnte so etwas tun? Aber heutzutage ist ja alles möglich! Vielleicht eine Revanche dafür, dass ich im vergangenen Jahr als Chef der großen Metallwerke die kleine Firma Metabaum übernommen habe? Aber das ist doch völlig absurd, so etwas zu denken, sagte er sich. Es ist alles korrekt abgelaufen. Georg merkte, dass er zusehends nervöser wurde. Hastig steckte er sich eine Zigarette an und suchte in der Zimmerbar nach einem starken Cognac. Dann ließ er sich in einen gepolsterten Sessel fallen und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
Nach einiger Zeit entschloss er sich, das Paket vorsichtig auszupacken. Als er das letzte Stück Papier beiseite geschoben hatte, stutzte er und erschrak mächtig. Was er sah, konnte er nicht fassen. Vor ihm lag ein altes Schwert! Ja, es war ein uraltes Exemplar, dass war ihm sofort klar. Schließlich verstand er etwas von Schwertern, denn er hatte zuhause im Erkerzimmer seiner Villa eine ansehnliche Sammlung alter Stücke.
"Wer schickt mir ein Schwert? Was hat das zu bedeuten?" murmelte er vor sich hin und starrte unentwegt auf die Waffe. Nach einer Weile griff er nach dem Schwert und als er es hochhob, brach es plötzlich in zwei Teile. Entsetzt ließ Georg die Stücke fallen. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er soeben das Schwert in der Hand gehalten hatte, dass ihm vor über einem Jahr gestohlen worden war. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |